Text nach der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA¹), I. Abteilung, Band 2 (Berlin 1930), S. 96-108, ohne den Apparat der Herausgeber. Zuerst erschienen im „Telegraph für Deutschland“ (Hamburg), Nr. 2-5, Januar 1841, gezeichnet „F. Oswald“ und „F. O.“ Traducción al español.

Von F. Oswald1

Wie der treue Eckart der Sage steht der alte Arndt am Rhein und warnt die deutsche Jugend, die nun schon manches Jahr hinüberschaut nach dem französischen Venusberge und den verführerischen, glühenden Mädchen, den Ideen, die von seiner Zinne winken. Aber die wilden Jünglinge achten des alten Recken nicht und stürmen hinüber — und nicht alle bleiben entnervt liegen wie der neue Tannhäuser Heine.

Das ist Arndts Stellung zur deutschen Jugend von heute. So hoch ihn alle schätzen, so genügt ihnen sein Ideal des deutschen Lebens nicht; sie wollen freieres Walten, vollere, strotzende Lebenskraft, glühendes, stürmisches Pulsieren in den welthistorischen Adern, die Deutschlands Herzblut leiten. Und darum die Sympathie für Frankreich, aber freilich nicht jene Sympathie der Unterwerfung, von der die Franzosen fabeln, sondern jene höhere und freiere, deren Natur von Börne im Franzosenfresser der deutschtümlichen Einseitigkeit gegenüber so schön entwickelt ist.

Arndt hat es gefühlt, daß die Gegenwart ihm entfremdet ist, daß sie nicht ihn um seines Gedankens, sondern seinen Gedanken um seiner starken, männlichen Persönlichkeit willen achtet. Und darum mußte es ihm, dem von Talent und Gesinnung, wie von der Zeitentwickelung einer Reihe von Jahren getragenen Manne zur Pflicht werden, seinem Volke ein Denkmal seines Bildungsganges, seiner Denkart und seiner Zeit zu hinterlassen, wie er in seinen vielbesprochenen „Erinnerungen aus dem äußern Leben“ getan hat.

Vorläufig von der Tendenz abstrahiert, ist das Arndtsche Buch auch ästhetisch allerdings eine der interessantesten Erscheinungen. Diese gedrungene, markige Sprache ist in unserer Literatur lange nicht gehört worden und verdiente auf manchen von der jungen Generation einen dauernden Eindruck zu machen. Lieber straff als schlaff! Es gibt ja Autoren, die das Wesen des modernen Stils darin sehen, daß jede hervortretende Muskel, jede angespannte Sehne der Rede hübsch mit weichem Fleisch umhüllt wird, selbst auf die Gefahr hin, weibisch zu erscheinen. Nein, da ist mir doch der männliche Knochenbau des Arndtschen Stils lieber, als die schwammige Manier gewisser „moderner“ Stilisten! Um so mehr, als Arndt die Absonderlichkeiten seiner Genossen von 1813 möglichst vermieden hat und sich nur im absoluten Gebrauche des Superlativs (wie in den südromanischen Sprachen) dem Affektierten nähert. Eine so horrende Sprachmengerei, wie sie jetzt wieder in Aufnahme gekommen ist, darf man bei Arndt auch nicht suchen; er zeigt im Gegenteil, wie wenig fremde Zweige wir auf unseren Sprachstamm zu pfropfen brauchen, ohne in Not zu kommen. Wahrhaftig, unser Gedankenwagen fährt auf den meisten Wegen besser mit deutschen als mit französischen oder griechischen Rossen, und mit dem Gespötte über die Extreme der puristischen Richtung ist es nicht abgetan.

Treten wir dem Buche näher. Das mit echt dichterischer Hand entworfene Idyll des Jugendlebens nimmt den größten Teil des Buches ein. Der mag Gott immer danken, der seine ersten Jahre so verlebt hat wie Arndt! Nicht im Staube einer großen Stadt, wo die Freuden des Einzelnen von den Interessen des Ganzen erdrückt werden, nicht in Kleinkinderbewahranstalten und philantropischen Gefängnissen, wo die sprossende Kraft verdumpft, nein, unter freiem Himmel in Feld und Wald bildete die Natur den stählernen Mann, den das verweichlichte Geschlecht wie einen Nordlandsrecken anstaunt. Die große plastische Kraft, mit der Arndt diesen Abschnitt seines Lebens schildert, drängt einem fast die Ansicht auf, als seien alle idyllischen Dichtungen überflüssig, so lange unsere Autoren noch solche Idyllen erleben wie Arndt. Am befremdlichsten wird unserem Jahrhundert jene Selbsterziehung des Jünglings Arndt erscheinen, die germanische Keuschheit mit spartanischer Strenge vereinigt. Diese Strenge aber, wo sie so naiv, so frei von Jahnscher Renommisterei ihr hoc tibi proderit olim für sich hinsummt, kann unserer ofenhockernden Jugend nicht genug empfohlen werden. Eine Jugend, die das kalte Wasser scheut wie ein toller Hund, die bei dem geringsten Frost drei-, vierfache Kleidung anlegt, die sich eine Ehre daraus macht, wegen Körperschwäche vom Militärdienste freizukommen, ist wahrlich eine schöne Stütze des Vaterlandes! Von der Keuschheit vollends zu reden, gilt sie für ein Verbrechen in einer Zeit, wo man gewohnt ist, in jeder Stadt zuerst nach dem „Tor, wo die letzten Häuser stehen“ sich zu erkundigen. Ich bin wahrlich kein abstrakter Moralist, alles asketische Unwesen ist mir verhaßt, ich werde nie mit der gefallenen Liebe rechten; aber es schmerzt mich, daß der sittliche Ernst zu verschwinden droht und die Sinnlichkeit sich selbst als das Höchste zu setzen sucht. Die praktische Emanzipation des Fleisches wird immer neben einem Arndt erröten müssen.

Mit dem Jahre 1800 tritt Arndt in den ihm zugeteilten Beruf. Napoleons Heere überschwemmen Europa, und mit der Macht des Franzosenkaisers wächst Arndts Haß gegen ihn; der Greifswalder Professor protestiert im Namen Deutschlands gegen die Unterdrückung und muß fliehen. Endlich erhebt sich die deutsche Nation und Arndt kehrt zurück. Dieser Teil des Buchs wäre ausführlicher zu wünschen; vor der Nationalbewaffnung und ihren Taten tritt Arndt bescheiden zurück. Statt uns erraten zu lassen, daß er nicht untätig war, hätte er uns seinen Anteil an der Zeitentwickelung ausführlicher darstellen, hätte er die Geschichte jener Tage vom subjektiven Standpunkte aus erzählen sollen. Die späteren Schicksale werden noch weit kürzer behandelt. Bemerkenswert ist hier einerseits die immer bestimmtere Hinneigung zur Orthodoxie im Religiösen, andererseits die mysteriöse, fast untertänige und die Rute küssende Art, mit der Arndt von seiner Suspension spricht. Wen aber dies befremdete, der wird durch die jüngst in öffentlichen Blättern erlassenen Erklärungen Arndts, in denen er seine Restitution als einen Akt der Gerechtigkeit, nicht als ein Gnadengeschenk ansieht, sich überzeugt haben, daß er noch seine alte Festigkeit und Entschiedenheit besitzt.

Eine besondere Wichtigkeit aber erhält das Arndtsche Buch durch die gleichzeitige Herausgabe einer Masse von Denkwürdigkeiten über den Befreiungskrieg. So wird uns die ruhmvolle Zeit, wo die deutsche Nation seit Jahrhunderten wieder zum ersten Male sich erhebt und auswärtiger Unterdrückung in ihrer ganzen Kraft und Größe sich gegenüberstellte, auf lebendige Weise wieder nahe gebracht. Und wir Deutschen können uns nicht genug an jene Kämpfe erinnern, damit wir unser schläfriges Volksbewußtsein wach erhalten; freilich nicht in dem Sinne einer Partei, die nun alles getan zu haben glaubt und auf den Lorbeern von 1813 ruhend, sich im Spiegel der Geschichte selbstgefällig beschaut, sondern eher im entgegengesetzten. Denn nicht die Abschüttelung der Fremdherrschaft, deren emporgeschrobene, allein auf den Atlasschultern Napoleons ruhende Unnatur über kurz oder lang von selbst zusammenkrachen mußte, nicht die errungene „Freiheit“ war das größte Resultat des Kampfes, sondern dies lag in der Tat selbst und in einem von den wenigsten Zeitgenossen klar empfundenen Momente derselben. Daß wir uns über den Verlust der nationalen Heiligtümer besannen, daß wir uns bewaffneten, ohne die allergnädigste Erlaubnis der Fürsten abzuwarten, ja die Machthaber zwangen, an unsere Spitze zu treten2, kurz, daß wir einen Augenblick als Quelle der Staatsmacht, als souveränes Volk auftraten, das war der höchste Gewinn jener Jahre, und darum mußten nach dem Kriege die Männer, die dies am klarsten gefühlt, am entschiedensten danach gehandelt hatten, den Regierungen gefährlich erscheinen. — Aber wie bald schlummerte die bewegende Kraft wieder ein! Der Fluch der Zersplitterung absorbierte den dem Ganzen so nötigen Schwung für die Teile, zerspaltete das allgemeine Deutsche in eine Menge provinzieller Interessen und machte es unmöglich, für Deutschland eine Grundlage des Staatslebens zu gewinnen, wie sie Spanien sich in der Verfassung von 1812 geschaffen hat. Im Gegenteil, der sanfte Frühlingsregen von allgemeinen Versprechungen, der uns aus „höheren Regionen“ überraschte, war schon zuviel für unsere von der Unterdrückung niedergebeugten Herzen und wir Narren bedachten nicht, daß es Versprechungen gibt, deren Bruch vom Standpunkte der Nation aus niemals, von dem der Persönlichkeit aus aber sehr leicht zu entschuldigen sein soll. (?) Dann kamen die Kongresse und gaben den Deutschen Zeit, ihren Freiheitsrausch auszuschlafen und sich, erwachend, in dem alten Verhältnis von Allerhöchst und Alleruntertänigst wiederzufinden. Wem die alte Strebenslust noch nicht vergangen war, wer sich noch nicht entwöhnen konnte, auf die Nation zu wirken, den jagten alle Gewalten der Zeit in die Sackgasse der Deutschtümelei. Nur wenige ausgezeichnete Geister schlugen sich durch das Labyrinth und fanden den Pfad, der zur wahren Freiheit führt.

Die Deutschtümler wollten die Tatsachen des Befreiungskrieges ergänzen und das materiell unabhängig gewordene Deutschland auch von der geistigen Hegemonie des Fremden befreien. Aber eben darum war sie Negation, und das Positive, mit dem sie sich brüstete, lag in einer Unklarheit begraben, aus der es nie ganz erstand; was davon ans Tageslicht der Vernunft kam, war meist widersinnig genug. Ihre ganze Weltanschauung war philosophisch bodenlos, weil nach ihr die ganze Welt um der Deutschen willen geschaffen war und die Deutschen selbst die höchste Entwickelungsstufe längst gehabt hatten. Die Deutschtümelei war Negation, Abstraktion im Hegelschen Sinne. Sie bildete abstrakte Deutsche durch Abstreifung alles dessen, was nicht auf vierundsechzig Ahnen rein deutsch und aus volkstümlicher Wurzel entsprossen war. Selbst ihr scheinbar Positives war negativ, denn die Hinführung Deutschlands zu ihren Idealen konnte nur durch Negation eines Jahrtausends und seiner Entwickelung geschehen, und so wollte sie die Nation ins deutsche Mittelalter oder gar in die Reinheit des Urdeutschtums aus dem Teutoburger Walde zurückdrängen. Das Extrem dieser Richtung bildete Jahn. Diese Einseitigkeit machte denn die Deutschen zum auserwählten Volk Israel und mißkannte alle die zahllosen weltgeschichtlichen Keime, die außerdeutschem Boden entsproßt waren. Namentlich gegen die Franzosen, deren Invasion zurückgedrängt war, und deren Hegemonie in Äußerlichkeiten darin ihren Grund hat, daß sie die Form der europäischen Bildung, die Zivilisation, jedenfalls von allen Völkern am leichtesten beherrschen, gegen die Franzosen wandte sich der bilderstürmende Grimm am meisten. Die großen, ewigen Resultate der Revolution wurden als „welscher Tand“ oder gar „welscher Lug und Trug“ verabscheut; an die Verwandtschaft dieser ungeheuren Volkstat mit der Volkserhebung von 1813 dachte niemand; was Napoleon gebracht hatte: Emanzipation der Israeliten, Geschwornengerichte, gesundes Privatrecht statt des Pandektenwesens, wurde allein um des Urhebers willen verdammt. Der Franzosenhaß wurde Pflicht; der Fluch der Undeutschheit fiel auf jede Anschauungsweise, die sich einen höheren Gesichtspunkt zu erobern wußte. So war auch der Patriotismus wesentlich negativ und ließ das Vaterland ohne Unterstützung im Kampfe der Zeit, während er sich abmühte, für längst eingedeutschte Fremdwörter urdeutsche, schwülstige Ausdrücke zu erfinden. Wäre diese Richtung konkret deutsch gewesen, hätte sie den durch zweitausendjährige Geschichte entwickelten Deutschen genommen, wie sie ihn fand, hätte sie das richtigste Moment unserer Bestimmung, die Zunge zu sein an der Wagschale der europäischen Geschichte, über die Entwickelung der Nachbarvölker zu wachen, hätte sie das nicht übersehen, sie würde alle ihre Fehler vermieden haben. — Es darf auf der andern Seite aber auch nicht verschwiegen werden, daß die Deutschtümelei eine notwendige Bildungsstufe unseres Volksgeistes war und mit der ihr folgenden den Gegensatz bildete, auf dessen Schultern die moderne Weltanschauung steht.

Dieser Gegensatz gegen die Deutschtümelei war der kosmopolitische Liberalismus der süddeutschen Stände, der auf die Negation der Nationalunterschiede und die Bildung einer großen, freien, alliierten Menschheit hinarbeitete. Er entsprach dem religiösen Rationalismus, mit dem er aus der gleichen Quelle, der Philantropie des vorigen Jahrhunderts, geflossen war, während die Deutschtümelei konsequent zur theologischen Orthodoxie hinführte, wohin fast alle ihre Anhänger (Arndt, Steffens, Menzel) mit der Zeit gelangt sind. Die Einseitigkeiten der kosmopolitischen Freisinnigkeit sind von ihren Gegnern oft — freilich selbst von einseitigen Standpunkten — aufgedeckt worden, daß ich mich in bezug auf diese Richtung kurz fassen kann. Die Julirevolution schien sie anfangs zu begünstigen, doch wurde dieses Ereignis von allen Parteien ausgebeutet. Die faktische Vernichtung der Deutschtümelei oder vielmehr ihrer Zeugungskraft, datiert von der Julirevolution und war in ihr gegeben. Aber ebenso auch der Sturz des Weltbürgertums; denn die übergreifende Bedeutung der großen Woche war eben die Restitution der französischen Nationalität in ihrer Stellung als Großmacht, wodurch denn die andern Nationalitäten gezwungen waren, sich gleichfalls in sich selbst fester zusammen zu ziehen.

Schon vor dieser jüngsten Welterschütterung arbeiteten zwei Männer im Stillen an der Entwickelung des deutschen Geistes, welche vorzugsweise die moderne genannt wird, zwei Männer, die sich im Leben selbst beinahe ignoriert und deren gegenseitige Ergänzung erst nach ihrem Tode erkannt werden sollte, Börne und Hegel. Börne ist oft und mit dem größten Unrecht zum Kosmopoliten gestempelt worden, aber er war deutscher als seine Feinde. Die Hallischen Jahrbücher knüpften neulich eine Besprechung der „politischen Praxis“ an Herrn v. Florencourt; aber dieser ist wahrlich nicht ihr Vertreter. Er steht auf dem Punkte, wo sich die Extreme der Deutschtümelei und des Kosmopolitismus berühren, wie dies in der Burschenschaft geschah, und ist von den späteren Fortbildungen des Nationalgeistes nur oberflächlich berührt worden. Der Mann der politischen Praxis ist Börne, und daß er diesen Beruf vollkommen ausfüllte, das ist seine historische Stellung. Er riß der Deutschtümelei ihren prahlerischen Flitterstaat vom Leibe und deckte unbarmherzig auch die Scham des Kosmopolitismus auf, der nur kraftlose frommere Wünsche hatte. Er trat an die Deutschen mit den Worten des Cid: Lengua sin manos, cuemo osas fablar? Die Herrlichkeit der Tat ist von keinem so geschildert wie von Börne. Alles ist Leben, alles Kraft an ihm. Nur von seinen Schriften kann man sagen, daß sie Taten für die Freiheit sind. Man komme mir hier nicht mit „Verstandesbestimmungen“, mit „endlichen Kategorien“! Die Art, wie Börne die Stellung der europäischen Nationalitäten und ihre Bestimmung auffaßte, ist nicht spekulativ. Aber das Verhältnis Deutschlands und Frankreichs hat Börne zuerst in seiner Wahrheit entwickelt, und damit der Idee einen größeren Dienst getan als die Hegelianer, die während dessen Hegels Enzyklopädie auswendig lernten und damit dem Jahrhundert genug getan zu haben glaubten. Eben jene Darstellung beweist auch, wie hoch Börne über der Fläche des Kosmopolitismus steht. Die verstandesmäßige Einseitigkeit war Börnen so notwendig, wie Hegeln der übergroße Schematismus; aber statt dies zu begreifen, kommen wir nicht über die derben und oft schiefen Axiome der Pariser Briefe hinaus.

Neben Börne und ihm gegenüber stellte Hegel, der Mann des Gedankens, sein bereits fertiges System vor die Nation hin. Die Autorität gab sich nicht die Mühe, sich durch die abstrusen Formen des Systems und den ehernen Stil Hegels durchzuarbeiten; wie konnte sie auch wissen, daß diese Philosophie sich aus dem ruhigen Hafen der Theorie auf das stürmische Meer der Begebenheiten wagen werde, daß sie das Schwert schon zücke, um geradezu auf die Praxis des Bestehenden loszuziehen? War ja doch Hegel selbst ein so solider, orthodoxer Mann, dessen Polemik gerade gegen die von der Staatsmacht abgelehnten Richtungen, gegen den Rationalismus und den kosmopolitischen Liberalismus ging! Aber die Herren, die am Ruder saßen, sahen nicht ein, daß diese Richtungen nur bekämpft wurden, um der höheren Platz zu machen, daß die neue Lehre erst in der Anerkennung der Nation wurzeln müsse, ehe sie ihre lebendigen Konsequenzen frei entfalten können. Wenn Börne Hegeln angriff, so hatte er von seinem Standpunkte aus vollkommen recht, aber wenn die Autorität Hegeln protegierte, wenn sie seine Lehre fast zur preußischen Staatsphilosophie erhob, gab sie sich eine Blöße, die sie jetzt augenscheinlich bereut. Oder sollte Altenstein, der freilich noch aus einer liberaleren Zeit herstammend, einen höheren Standpunkt behauptete, hier so sehr freie Hand gehabt haben, daß alles auf seine Rechnung kam? Dem sei, wie ihm wolle, als nach Hegels Tode seine Doktrin von dem frischen Hauche des Lebens angeweht wurde, entkeimten der „preußischen Staatsphilosophie“ Schößlinge, von denen keine Partei sich hatte träumen lassen. Strauß auf theologischem, Gans und Ruge auf politischem Felde werden epochemachend bleiben. Erst jetzt zerteilen sich die matten Nebelflecke der Spekulation in die leuchtenden Ideensterne, die der Bewegung des Jahrhunderts vorleuchten sollen. Man mag der ästhetischen Kritik Ruges immerhin vorwerfen, daß sie nüchtern und im Schematismus der Doktrin befangen ist; es bleibt sein Verdienst, die politische Seite des Hegelschen Systems in ihrer Übereinstimmung mit dem Zeitgeiste dargestellt und in die Achtung der Nation restituiert zu haben. Gans hatte dies nur indirekt getan, indem er die Geschichtsphilosophie bis auf die Gegenwart fortführte; Ruge hat die Freisinnigkeit des Hegelianismus offen ausgesprochen, Köppen hat sich ihm zur Seite gestellt; beide haben keine Feindschaft gescheut, haben ihren Weg verfolgt, selbst auf die Gefahr einer Spaltung der Schule hin, und darum alle Ehre ihrem Mute! Die begeisterte, unerschütterliche Zuversicht auf die Idee, wie sie dem Neu-Hegelianismus eigen, ist die einzige Burg, wohin sich die Freigesinnten sicher zurückziehen können, wenn die von Oben unterstützte Reaktion ihnen einen augenblicklichen Vorteil abgewinnt.

Das sind die jüngsten Entwicklungsmomente des deutschen politischen Geistes und die Aufgabe unsrer Zeit ist es, die Durchdringung Hegels und Börnes zu vollenden. Im Jung-Hegelianismus ist schon ein gutes Stück Börne, und manchen Artikel der Hallischen Jahrbücher würde Börne wenig Anstand nehmen, zu unterschreiben. Aber teils ist die Vereinigung des Gedankens mit der Tat noch nicht bewußt genug, teils ist sie noch nicht in die Nation gedrungen. Noch immer wird von mancher Seite her Börne als der strikte Gegensatz Hegels angesehen, aber ebensowenig wie Hegels praktische Bedeutung für die Gegenwart (nicht seine philosophische für die Ewigkeit) nach der reinen Theorie seines Systems beurteilt werden darf, ebensowenig paßt auf Börne ein flaches Absprechen über seine nie geleugneten Einseitigkeiten und Extravaganzen.

Ich glaube hiermit die Stellung der Deutschtümelei zur Gegenwart hinreichend bezeichnet zu haben, um zu einer detaillierteren Besprechung ihrer einzelnen Seiten, wie sie Arndt in seinem Buche auseinander gelegt, übergehen zu können. Die weite Kluft, die Arndten von der jetzigen Generation trennt, spricht sich am klarsten darin aus, daß ihm gerade dasjenige im Staatsleben gleichgültig ist, wofür wir Blut und Leben lassen. Arndt erklärt sich für einen entschiedenen Monarchisten; gut. Ob aber konstitutionell oder absolutistisch, darauf kommt er gar nicht zu sprechen. Der Differenzpunkt ist hier: Arndt und seine ganze Genossenschaft setzt das Wohl des Staats darin, daß Fürst und Volk mit aufrichtiger Liebe einander zugetan sind und sich im Streben nach dem allgemeinen Wohl entgegen kommen. Für uns dagegen steht es fest, daß das Verhältnis zwischen Regierenden und Regierten erst rechtlich geordnet sein muß, ehe es gemütlich werden und bleiben kann. Erst Recht, dann Billigkeit! Welcher Fürst wäre so schlecht, daß er nicht sein Volk liebte und — ich spreche hier von Deutschland — von seinem Volke nicht schon darum geliebt würde, weil er sein Fürst ist? Welcher Fürst aber darf sich rühmen, seit 1815 sein Volk wesentlich weitergebracht zu haben? Ist es nicht alles unser eignes Werk, was wir besitzen, ist es nicht unser trotz Kontrolle und Aufsicht? Es läßt sich schön reden von der Liebe des Fürsten und des Volkes, und seit der große Dichter von „Heil Dir im Siegerkranz“ sang: „Liebe des freien Mann’s sichert die steilen Höh’n, wo Fürsten steh’n“, seitdem ist unendlicher Unsinn darüber geschwatzt worden. Man könnte die uns jetzt von einer Seite her drohende Regierungsart eine zeitgemäße Reaktion nennen. Patrimonialgerichte zur Bildung eines hohen Adels, Zünfte zur Wiedererweckung eines „ehrsamen“ Bürgerstandes, Begünstigung aller sogenannten historischen Keime, welche eigentlich alte abgehauene Strünke sind. — Aber nicht nur in bezug auf diesen Punkt hat sich die Deutschtümelei von der entschiedenen Reaktion um die Freiheit ihres Gedankens prellen lassen, auch ihre Verfassungsideen sind Einflüsterungen der Herren vom Berliner politischen Wochenblatt. Es tat einem wehe, zu sehen, wie selbst der gediegene, ruhige Arndt sich von der sophistischen Goldflitter: „organischer Staat“ hat blenden lassen. Die Phrasen von historischer Entwickelung, Benutzung der gegebenen Momente, Organismus und so weiter müssen ihrer Zeit einen Zauber gehabt haben, von dem wir uns keine Vorstellung machen können, weil wir einsehen, daß es meist schöne Worte sind, die es mit ihrer eignen Bedeutung nicht ernstlich meinen. Man gehe geradezu auf die Gespenster los! Was versteht ihr unter einem organischen Staat? Einen solchen, dessen Institutionen sich mit und aus der Nation im Laufe der Jahrhunderte entwickelt haben, nicht aber aus der Theorie heraus konstruiert sind. Sehr schön; nun kommt die Anwendung auf Deutschland! Dieser Organismus soll darin bestehen, daß die Staatsgenossen sich in Adel, Bürger und Bauern scheiden, benebst allem, was daran hängt. Das soll alles in dem Wort Organismus in nuce verborgen liegen. Ist das nicht eine elende, eine schmähliche Sophisterei? Selbstentwickelung der Nation, sieht das nicht gerade aus wie Freiheit? Ihr greift zu mit beiden Händen und erhascht — den ganzen Druck des Mittelalters und des ancien régime. Zum Glück kommt diese Taschenspielerei nicht auf Arndts Rechnung. Nicht die Anhänger der Ständeteilung, wir, ihre Gegner, wir wollen organisches Staatsleben. Es handelt sich vorläufig gar nicht um die „Konstruktion aus der Theorie“; aber es handelt sich um das, womit man uns blenden will, um die Selbstentwickelung der Nation. Wir allein meinen es ernstlich und aufrichtig mit ihr; aber jene Herren wissen nicht, daß aller Organismus unorganisch wird, sobald er stirbt; sie setzen die toten Kadaver der Vergangenheit mit ihren galvanischen Drähten in Bewegung und wollen uns aufbinden, das sei kein Mechanismus, sondern Leben. Sie wollen die Selbstentwickelung der Nation fördern und schmieden ihr den Klotz des Absolutismus ans Bein, damit sie rascher vorankommt. Sie wollen nicht wissen, daß das, was sie Theorie, Ideologie oder Gott weiß wie nennen, längst in Blut und Saft des Volks übergegangen und zum Teil schon ins Leben getreten ist; daß damit nicht wir, sondern sie im Utopien der Theorie herumirren. Denn das, was vor einem halben Jahrhundert allerdings noch Theorie war, hat sich seit der Revolution als selbständiges Moment im Staatsorganismus ausgebildet. Und, was die Hauptsache ist, steht die Entwickelung der Menschheit nicht über der der Nation?

Und die Ständewirtschaft? Die Scheidewand zwischen Bürgern und Bauern ist gar nicht da, es ist selbst der historischen Schule kein Ernst damit; diese Scheidewand wird nur pro forma hingestellt, um uns die Absonderung des Adels plausibler zu machen. Um den Adel dreht sich alles, mit dem Adel fällt das Ständewesen. Mit dem Stande des Adels aber sieht es noch schlimmer aus, als mit seinem Bestande. Ein erblicher, ein Majoratsstand ist denn doch wohl nach modernen Begriffen das Allerunsinnigste. Im Mittelalter freilich! Da waren ja auch in den Reichsstädten (wie in Bremen z. B. noch) die Zünfte und ihre Privilegien erblich, da gab es reines Bäckerblut und Zinngießerblut. Freilich, was ist der Adelsstolz gegen das Bewußtsein: Meine Ahnen waren Bierbrauer bis ins zwanzigste Glied! Ein Schlächter- oder nach bremischem poetischerem Namen Knochenhauerblut haben wir noch im Adel, dessen von Herrn Fouqué festgesetzter kriegerischer Beruf ja ein fortwährendes Schlachten und Knochenhauen ist. Es ist eine lächerliche Arroganz des Adels, sich für einen Stand zu halten, da nach den Gesetzen aller Staaten ihm gar kein Beruf, weder der kriegerische noch der des großen Grundbesitzes ausschließlich zukommt. Jeder Schrift über den Adel könnte der Vers des Troubadours Wilhelm von Poitiers als Motto vorstehen: „dies Lied soll um ein Nichts sich dreh’n.“ Und weil der Adel seine innere Nichtigkeit empfindet, kann kein Adliger den Schmerz darüber verbergen, von dem sehr geistreichen Baron von Sternberg an bis zu dem sehr geistlosen C. L. F. W. G. von Alvensleben. Jene Toleranz, die dem Adel das Vergnügen lassen will, sich für etwas Apartes zu halten, falls er nur sonst keine Privilegien in Anspruch nimmt, ist sehr schlecht angebracht. Denn so lange der Adel noch etwas Apartes vorstellt, so lange will und muß er Vorrechte haben. Wir bleiben bei unserer Forderung: Keine Stände, wohl aber eine große, einige, gleichberechtigte Nation von Staatsbürgern! —

Eine andere Forderung Arndts für seinen Staat sind die Majorate, überhaupt eine den Grundbesitz auf fixe Verhältnisse feststellende Agrargesetzgebung. Auch dieser Punkt verdient, abgesehen von seiner allgemeinen Wichtigkeit, schon darum Beachtung, weil die erwähnte zeitgemäße Reaktion auch in dieser Hinsicht die Dinge wieder auf den Fuß vor 1789 zu setzen droht. Sind doch neuerdings viele geadelt worden unter der Bedingung, ein den Wohlstand der Familie garantierendes Majorat zu stiften! — Arndt ist entschieden gegen die unbeschränkte Freiheit und Teilbarkeit des Grundbesitzes; er sieht als ihre unvermeidliche Folge eine Teilung des Landes in Parzellen, von denen keine ihren Mann ernähren kann. Aber er sieht nicht, daß gerade die volle Freigebung des Grundeigentums die Mittel besitzt, alles das im ganzen und großen wieder auszugleichen, was sie im einzelnen allerdings hier und da aus dem Gleise bringen mag. Während die verwickelte Gesetzgebung der meisten deutschen Staaten und die eben so verwickelten Vorschläge Arndts Inkonvenienzen in den Agrarverhältnissen nie unmöglich machen, sondern höchstens erschweren, hemmen sie zugleich bei dem Eintritt von Mißverhältnissen die freiwillige Rückkehr zur gehörigen Ordnung, machen ein außergewöhnliches Eingreifen des Staats notwendig und hemmen den Fortschritt dieser Gesetzgebung durch hundert kleinliche, aber nie zu umgehende Privatrücksichten. Dagegen kann die Freiheit des Grundes kein Extrem, weder die Ausbildung des großen Landbesitzes zur Aristokratie noch die Zersplitterung der Äcker in allzukleine, nutzlos werdende Stückchen aufkommen lassen. Neigt sich die eine Wagschale zu tief, so konzentriert sich der Inhalt der andern alsbald zur Ausgleichung. Und fliegt der Grundbesitz auch aus einer Hand in die andere — ich will lieber das wogende Weltmeer mit seiner großartigen Freiheit als den engen Landsee mit seiner ruhigen Fläche, deren Miniaturwellen alle drei Schritte von einer Landzunge, von einer Baumwurzel, von einem Steine gebrochen werden. Nicht nur, daß die Erlaubnis der Majoratsstiftung eine Einwilligung des Staats in die Bildung einer Aristokratie ist, nein, diese Fesselung des Grundbesitzes arbeitet, wie alle unveräußerliche Erblichkeit, geradezu auf eine Revolution hin. Wenn der beste Teil des Landes an einzelne Familien geschmiedet und den übrigen Staatsbürgern unzugänglich gemacht wird, ist das nicht eine direkte Herausforderung des Volkes? Beruht nicht die Majoratsbefugnis auf einer Ansicht vom Eigentum, die unserer Erkenntnis längst nicht mehr entspricht? Als ob eine Generation das Recht hätte, über das Eigentum aller künftigen Geschlechter, welches sie augenblicklich genießt und verwaltet, unbeschränkt zu verfügen, als ob die Freiheit des Eigentums nicht zerstört würde durch ein Schalten mit demselben, welches alle Nachkommen dieser Freiheit beraubt! Als ob eine solche Fesselung des Menschen an die Scholle wirklich ewigen Bestand haben könnte! Die Aufmerksamkeit übrigens, die Arndt dem Grundeigentum widmet, ist eine wohlverdiente und die Wichtigkeit des Gegenstandes wäre einer ausführlichen Besprechung von der Höhe der Zeit wohl wert. Die bisherigen Theorien leiden alle an der Erbkrankheit der deutschen Gelehrten, die ihre Selbständigkeit darein setzen, jeder ein apartes System für sich zu haben.

Verdienten die retrograden Seiten der Deutschtümelei schon eine genauere Prüfung, teils um des verehrten Mannes willen, der sie als seine Überzeugung verficht, teils um der Begünstigung willen, welche sie neuerdings in Preußen erfahren haben, so muß eine andere Richtung derselben darum um so entschiedener zurückgewiesen werden, weil sie augenblicklich unter uns wieder überhand zu nehmen droht — der Franzosenhaß. Ich will mit Arndt und den übrigen Männern von 1813 nicht rechten, aber das servile Gewäsch, das die Gesinnungslosigkeit jetzt in allen Zeitungen gegen die Franzosen verführt, ist mir durch und durch zuwider. Es gehört ein hoher Grad von Untertänigkeit dazu, um durch den Julitraktat überzeugt zu werden, daß die orientalische Frage eine Lebensfrage Deutschlands ist und Mehemed Ali unser Volkstum gefährdet. Von diesem Standpunkte aus hat denn Frankreich freilich durch die Unterstützung des Ägypters dasselbe Verbrechen an der deutschen Nationalität begangen, dessen es sich im Anfange dieses Jahrhunderts schuldig machte. Es ist traurig, daß man nun schon seit einem halben Jahre kein Zeitungsblatt mehr in die Hand nehmen kann, ohne der franzosenfressenden Wut zu begegnen, die neu erwacht ist. Und wozu? Um den Russen Gebietszuwachs und den Engländern Handelsmacht genug zu geben, daß sie uns Deutsche ganz einklemmen und zerdrücken können! Das stabile Prinzip Englands und das System Rußlands, das sind die Erbfeinde des europäischen Fortschritts, nicht aber Frankreich und seine Bewegung. Aber weil zwei deutsche Fürsten dem Traktat beizutreten für gut fanden, ist die Sache plötzlich eine deutsche, Frankreich der alte gottlose, „welsche“ Erbfeind, und die ganz natürlichen Rüstungen des allerdings beleidigten Frankreichs sind ein Frevel an der deutschen Nation. Das alberne Geschrei einiger französischer Journalisten nach der Rheingrenze wird weitläuftiger Erwiderungen wert gehalten, die leider von den Franzosen gar nicht gelesen werden, und Beckers Lied: „Sie sollen ihn nicht haben“ wird par force zum Volkslied gemacht. Ich gönne Beckern den Erfolg seines Liedes, ich will den poetischen Inhalt desselben gar nicht untersuchen, ich freue mich sogar, vom linken Rheinufer so deutsche Gesinnung zu vernehmen, aber ich finde es mit den in diesen Blättern bereits darüber erschienenen Artikeln, die mir eben zu Gesichte kommen, lächerlich, daß man das bescheidene Gedicht zur Nationalhymne erheben will. „Sie sollen ihn nicht haben!“ Also wieder negativ? Könnt ihr mit einem negierenden Volksliede zufrieden sein? Kann deutsches Volkstum nur in der Polemik gegen das Ausland eine Stütze finden? Der Text der Marseillaise ist trotz aller Begeisterung nicht viel wert, aber wieviel edler ist hier das Übergreifen über die Nationalität hinaus zur Menschheit. Und — nachdem Burgund und Lothringen uns entrissen, nachdem wir Flandern französisch, Holland und Belgien unabhängig werden ließen, nachdem Frankreich mit dem Elsaß schon bis an den Rhein vorgedrungen und nur ein verhältnismäßig kleiner Teil der ehemals deutschen linken Rheinseite noch unser ist, jetzt schämen wir uns nicht, groß zu tun und zu schreien: das letzte Stück sollt ihr wenigstens nicht haben. O über die Deutschen! Und wenn die Franzosen den Rhein hätten, so würden wir doch mit dem lächerlichsten Stolze rufen: Sie sollen sie nicht haben, die freie deutsche Weser und so fort bis zur Elbe und Oder, bis Deutschland zwischen Franzosen und Russen geteilt wäre, und uns nur zu singen bliebe: Sie sollen ihn nicht haben, den freien Strom der deutschen Theorie, so lang er ruhig wallend ins Meer der Unendlichkeit fließt, so lange noch ein unpraktischer Gedankenfisch auf seinem Grund die Flosse hebt! Statt daß wir Buße tun sollten im Sack und in der Asche für die Sünden, durch die wir alle jene schönen Länder verloren haben, für die Uneinigkeit und den Verrat an der Idee, für den Provinzial-Patriotismus, der vom Ganzen um des lokalen Vorteils willen abfällt, und für die nationale Bewußtlosigkeit. Allerdings ist es eine fixe Idee bei den Franzosen, daß der Rhein ihr Eigentum sei, aber die einzige des deutschen Volkes würdige Antwort auf diese anmaßende Forderung ist das Arndtsche: „Heraus mit dem Elsaß und Lothringen!“

Denn ich bin — vielleicht im Gegensatz zu vielen, deren Standpunkt ich sonst teile, allerdings der Ansicht, daß die Wiedereroberung der deutschsprechenden linken Rheinseite eine nationale Ehrensache, die Germanisierung des abtrünnig gewordenen Hollands und Belgiens eine politische Notwendigkeit für uns ist. Sollen wir in jenen Ländern die deutsche Nationalität vollends unterdrücken lassen, während im Osten sich das Slawentum immer mächtiger erhebt? Sollen wir die Freundschaft Frankreichs mit der Deutschheit unserer schönsten Provinzen erkaufen; sollen wir einen kaum hundertjährigen Besitz, der sich nicht einmal das Eroberte assimilieren konnte; sollen wir die Verträge von 1815 für ein Urteil des Weltgeistes in letzter Instanz halten?

Aber auf der andern Seite sind wir der Elsasser nicht wert, so lange wir ihnen das nicht geben können, was sie jetzt besitzen, ein freies, öffentliches Leben in einem großen Staate. Es kommt ohne Zweifel noch einmal zum Kampfe zwischen uns und Frankreich, und da wird sich’s zeigen, wer des linken Rheinufers würdig ist. Bis dahin können wir die Frage ruhig der Entwickelung unserer Volkstümlichkeit und des Weltgeistes anheimstellen, bis dahin wollen wir auf ein klares, gegenseitiges Verständnis der europäischen Nationen hinarbeiten und nach der innern Einheit streben, die unser erstes Bedürfnis und die Basis unserer zukünftigen Freiheit ist. So lange die Zersplitterung unseres Vaterlandes besteht, so lange sind wir politisch Null, so lange sind öffentliches Leben, ausgebildeter Konstitutionalismus, Preßfreiheit und was wir noch mehr verlangen, alles fromme Wünsche, deren Ausführung immer halb bleiben wird; darnach also strebt und nicht nach Exstirpation der Franzosen!

Aber dennoch hat die deutschtümliche Negation ihre Aufgabe noch immer nicht ganz vollbracht: es ist noch genug über die Alpen, den Rhein und die Weichsel heimzuschicken. Den Russen wollen wir die Pentarchie lassen; den Italienern ihren Papismus und was daran klebt, ihren Bellini, Donizetti und selbst Rossini, wenn sie mit diesem großtun wollen gegen Mozart und Beethoven; den Franzosen ihre arroganten Urteile über uns, ihre Vaudevilles und Opern, ihren Scribe und Adam. Wir wollen heimjagen, woher sie gekommen sind alle die verrückten ausländischen Gebräuche und Moden, alle die überflüssigen Fremdwörter; wir wollen aufhören, die Narren der Fremden zu sein und zusammenhalten zu einem einigen, unteilbaren, starken — und so Gott will, freien deutschen Volk.

F. O.

  1. Eine vielbesprochene Erscheinung, beurteilt vom Standpunkte des Telegraphen. Die Red. ↩

  2. Vergl. über diesen Punkt Karl Bade: „Napoleon im Jahre 1813.“ Altona 1840. ↩