Ohne Unterschrift erschienen in der Neuen Rheinischen Zeitung, Nr. 67, 6. August 1848 (Köln), S. 3, und 1. Beilage, S. 1, Rubrik „Italien“ (ohne die aus der Schweizerischen National-Zeitung übernommene Meldung aus Mailand); von der MEGA² (I/7) Friedrich Engels zugeschrieben. Text nach dem Originaldruck der Zeitung (Digitale Sammlungen der USB Köln). Traducción al español
* Mailand, 30. Juli. Karl Albert hat am 28. Juli aus seinem Hauptquartier Bozzolo eine sehr prahlerische Proklamation an seine Soldaten erlassen. Sie lautet:
„Soldaten! Die bewunderungswürdigen Beweise eueres Muthes in den Treffen, die Ausdauer in den Beschwerden der letzten Tage, haben mich tief erschüttert. Der Feind bezahlte theuer die Eroberung seiner neuen Stellung, in unserem Rückzug führten wir 2000 Gefangene mit uns; er kann sich nicht Eines Siegeszeichens rühmen. Bei dem Anblick eurer durch den Mangel an Lebensmitteln bewirkten Entbehrungen, bei dem Gedanken, die Lombardei barbarischen Einfällen offen lassen zu sollen, ließ ich mich bewegen, einen Waffenstillstand zu suchen, aber die Bedingungen, die mir vorgeschlagen wurden, waren der Art, daß jeder von euch erröthen würde, sie anzunehmen. Die Ehre der Armee glänzt in ganz Italien und ganz Europa; Niemand wird sie ihr rauben können, und euer König wird immer ihre eifersüchtige Stütze sein. In wenigen Tagen werden wir diesem Feind, den wir so oft vor uns fliehen gesehen haben, (?) wieder entgegen treten: in wenigen Tagen werden wir ihn seine Kühnheit bereuen machen. Die Wenigen, die ihre Reihen unregelmäßig verlassen hatten, traten unverzüglich wieder ein. Ich zähle mit Zuversicht auf euch, ihr auserlesenen Söhne des Vaterlandes, die ihr euer Blut für die Unabhängigkeit Italiens vergießet.“
* Verona, 29. Juli. Vorgestern entschied sich abermals ein Gefecht zu Gunsten Oestreichs. Es fand bei Goito statt. Die Piemontesen wurden zum Aufgeben dieser Stellung gezwungen. Karl Albert möchte jetzt gern den Oglio ebenso zu seiner Operationslinie machen, wie früher den Mincio. Er hat eine Brigade nach Asola am Chieso, einem kleinen in den Oglio mündenden Fluß, abgeschickt, um sich wenigstens den Uebergang zu sichern. In der Nacht vom 27. zum 28. war er selbst in Asola. Aus glaubwürdiger Quelle wird behauptet, daß er ein Gesuch um französische Hülfe — beiläufig gesagt, um 60,000 M. — unterzeichnet und nach Paris gesandt.
‖ Neapel, 23. Juli. Vorgestern versammelte sich das erste Kriegsgericht der Provinz Neapel im Fort St. Elmo, um über die Militärs Longo, delli Franci, Guccione und Argherà als Deserteure abzuurtheilen. Marini Serra war zum Vertheidiger ernannt; außerdem hatten sich die 3 Deputirten: Consroti, Tarantini und Paerio freiwillig zum Beistande eingefunden. Zuvor hatte sich eine Deputation der Deputirtenkammer zum Konseilspräsidenten und zum Minister des Innern begeben, mit dem Gesuch, daß kein Blut vergossen werden möge und der Advokat Serra und Paerio gingen aus gleicher Ursache zum Könige. Marini Serra bestritt zuerst die Kompetenz des Kriegsgerichtes. Er führte aus: daß nur zwischen unabhängigen Nationen Krieg geführt werde; Sizilien sei in der offiziellen Zeitung nicht als unabhängig anerkannt; darum könne Sizilien sich nicht im Kriegszustande mit Neapel befinden, sondern höchstens im Aufstande gegen dasselbe. Nun sei aber der Krieg die Ursache, der Feind erst die Wirkung; mit der Ursache falle auch die Wirkung; folglich könnten die Angeklagten nicht als Ueberläufer zum Feinde angesehen werden, da kein Feind vorhanden. Es bleibe lediglich die Anklage wegen Empörung gegen die Gesetze des Staates &c. übrig und dies gehöre vor die ordentlichen Richter. Allein das Kriegsgericht hielt sich für kompetent; seine Sitzung dauerte ungemein lange. Schließlich wurden Longo, und Delli Franei zum Tode verurtheilt, Guccione provisorisch in Freiheit gesetzt, und Anghera dem ordentlichen Richter überwiesen. Dieses Urtheil, insoweit es die ersten Beiden betrifft, setzte die ganze Stadt in Trauer. Deputationen gingen zu den Minstern, namentlich zu Bozzelli, um Gnade zu erlangen. Andererseits forderten 130 Offiziere die augenglickliche Erschießung der Verurtheilten. Ferdinand berief deshalb einen Ministerrath; 4 stimmten für sofortige Exekution; 4 für Begnadigung. Bozzelli erklärte, im Falle der erstere Antrag siege, seine Entlassung zu geben und in die Fremde zu gehen. Am Ende ließ sich Ferdinand zum Begnadigen erweichen. — Die Provinz Lecce ist mit Ausnahme der Stadt Brindisi in vollem Aufstande. Tausende von Bürgern stehen in Waffen; 2 Schwadronen Kavallerie sind organisirt und 2 Batterien, die im Kastell von Taranto weggenommen wurden, haben die Insurgenten zu ihrer Verfügung. Ein alter Offizier Mür 's führt den Oberbefehl.
* Turin, 28. Juli. Freude und Niedergeschlagenheit, Jubel und wüthende Zornausbrüche wechseln mit einander ab, je nachdem die Nachrichten aus der Lombardei gut oder schlimm lauten. Die Unglücksfälle auf dem Kriegsschauplatz werden das Gute haben, daß sie uns um einen Monat politisch weiter bringen, als wir sonst binnen einem Jahre erreicht hätten. Die Deputirten nahmen gestern das von Bixio behufs Schleifung der beiden Forts in Genua beantragte Gesetz mit 86 gegen 61 Stimmen an. Die Hauptsache des ursprünglichen Antrags wurde trotz aller versuchten und durchgesetzten Amendements festgehalten. Die Kammer spricht sich hierauf dahin aus, daß sie sich von jetzt an nur in Betreff des Krieges beschäftigen dürfe und schreitet zur Berathung des Buffa'schen Gesetzentwurfes. Der Kommissionsbericht wird verlesen. Der ursprünglich in 3 Artikel vorgelegte Entwurf wird in ebenso viele Gesetze getheilt und der erste Artikel oder Gesetz I.: „Die Nation adoptirt die dürftigen Familien der im Kampfe fürs Vaterland gebliebenen oder arbeitsunfähig gewordenen Militärs“ mit 135 gegen 1 Stimme angenommen.
* Palermo, 21. Juli. Einer telegraphischen Nachricht zufolge trafen in Messina 3 sardinische Dampffregatten ein. Ein großer Theil der hier liegenden englischen Flotte wird, wie man heute versichert, noch vor morgen früh nach Neapel absegeln, um die Interessen der dort lebenden Engländer, welche Ferdinand zur Betheiligung an der enormen gezwungenen Anleihe herbeiziehen will, wirksam zu beschützen. Unter den vielen hier umlaufenden Gerüchten erwähne ich blos das eine, welches so wundersam ist, wie die übrigen: daß nämlich zwischen Frankreich, England und Nordamerika ein Schutz- und Truzbündniß abgeschlossen worden. Sie sehen hieraus, daß wir in Erfindungen etwas zu leisten im Stande sind.