Ohne Unterschrift erschienen in der Neue Rheinische Zeitung Nr. 258 vom 29. März 1849 (Köln), Beilage, S. 1-2; nach der MEGA² (I/9) von Friedrich Engels. Text nach dem Original der Zeitung (Digitalisat der USB Köln). Traducción al español
Italien.
* Die Kriegsoperationen beginnen bestimmtere Umrisse zu erhalten. Während die Piemontesen den Tessin bei Buffalora überschritten, hat Radetzki ihn bei Pavia überschritten und steht zwischen Tessin und Po auf piemontesischem Gebiet.
Ob dieser Angriff nur eine Diversion ist, oder ob Radetzki wirklich auf Turin vorzudringen gedenkt, ist noch nicht klar. Letzteres wäre möglich, wenn es richtig ist, was man dem Journ. des Debats aus Turin vom 21. schreibt, daß seine Armee durch Heranziehen der Besatzungen von Parma und Modena auf 60 bis 70,000 Mann mit 120 Kanonen angewachsen sei, denen die Piemontesen bis jetzt nur 55 bis 65,000 Mann mit 100 bis 110 Kanonen entgegen zu stellen hätten. Diese Angaben sind aber unbedingt falsch, wenigstens was die piemontesische Armee betrifft. La Marmora’s Korps, das bis nach Parma vorgerückt ist, wird außerdem Radetzki zu neuen Detachirungen zwingen.
Genug, Radetzki steht auf piemontesischem Gebiete. Schuld daran ist die Nachlässigkeit oder der Verrath des bekannten Romarino, der bereits in Polen 1831 und beim Savoyerzuge 1834 die zweideutigste Rolle spielte. Ihm verdankt man es, daß es den Oestreichern gelang, sich längs dem Po zwischen seiner Division und der Division Durando einzuschieben. Romarino ist sofort abgesetzt und zur Rechenschaft gezogen worden.
Dem Manöver Radetzky’s setzt Chrzanowski folgende Dispositionen entgegen: Durando von Stradella aus, Xanti, der Romarino im Kommando ersetzt, und eine vom Hauptquartier Vigemarino aus gegen den Po dirigirte Division werden die Oestreicher in der Fronte angreifen, während die Division Herzog v. Genua, die 20,000 Mann stark bei Buffalora über den Tessin gegangen ist, auf dem lombardischen Ufer bis Pavia hinabmarschiren, und den Oestreichern den Rückzug abschneiden wird.
Hat Radetzki nicht hinreichende Kräfte bei sich, um den Piemontesen zu widerstehen, so könnte es dem alten Fuchs wohl passiren, daß er in eine Falle geriethe, umzingelt und vernichtet würde. Jedenfalls aber hat er durch sein Vordringen eine entscheidende Schlacht provocirt, von der wir heute oder spätestens Morgen hören müssen.
Im Uebrigen stimmt Chrzanowski’s Kriegsplan ganz mit dem überein, den wir gestern als den wahrscheinlichen bezeichneten. Während La Marmora die Herzogthümer insurgirt und auf dem äußersten linken Flügel der Piemontesen bis an den Po, resp. über den Po vordringt, ist die Division Favorola über Varese in’s lombardische Gebirg vorgedrungen. Ein lombardisches Insurrektionscomité begleitet sie. Die Insurrektion verbreitet sich mit reißender Schnelligkeit. Am 20. sind die Insurgenten von der piemont. Gränze mit denen aus dem Veltlin und der Ober-Comasca in Como zusammengetroffen. Sowie die Oestreicher einen Ort verlassen hatten, wurde die Insurrektion organisirt. Alles marschirt auf Mailand; einzelne östreichische Detachements sollen bereits von den Insurgenten überfallen und vernichtet worden sein. Am 21. sollte in der ganzen Lombardei die allgemeine Insurrektion ausbrechen. Nach der Patrie wäre der Aufstand in Mailand schon losgebrochen, die Patrie lügt aber bekanntlich. Jedenfalls sind in Mailand Vorbereitungen getroffen, die die Furcht des östreich. Kommandanten vor Insurrektion und Zuzug vom Lande bezeugen.
Die schweizerischen Blätter heute Mittag bringen vielleicht noch Wichtiges, das wir unter den „neuesten Nachrichten“ mittheilen werden.
* Rom, 19. März. Die römische Constituante hat dekretirt, daß das Volk unter seinen Repräsentanten 60 Mitglieder zur Betheiligung an der italienischen Constituante auswählen soll. Auf Mazzini's Vorschlag ist dem Kriegsminister eine aus 5 Mitgliedern bestehende Deputation beigegeben worden. Eine andre Kommission, ebenfalls 5 Mitglieder stark, wird nach Florenz gesandt, um nach dem Wunsch der dortigen provisorischen Regierung an den Berathungen der toskanischen Constituante Theil zu nehmen.
* Neapel, 15. März. Die Nachrichten aus den Provinzen lauten für die bourbonische Schandregierung immer bedrohlicher. Die auseinander gesprengten Deputirten bearbeiten die beiden Kalabrien im republikanischen Sinne und der „Bombardirer“ hat nicht Truppen genug, um an der langhingestreckten Grenze gegen Norden das aus der römischen Republik herüberdringende Gift abzuwehren. Die hiesige Regierung ist jetzt über die innern Zustände in weit größerer Unruhe, als früher über die Drohungen Englands und Frankreichs. Der Pabst hat sich ganz kürzlich, wie es heißt, mit dem formellen Gesuch an das östreichische Kabinet um schleunige und energische Intervention gewandt. (Die östreichische Antwort kann unter den jetzigen Umständen nur lauten: „es ginge wohl, aber es geht nicht“)
* Turin, 22. März. Es haben 60 Ergänzungswahlen zur Deputirtenkammer stattgefunden. Sie gehören sämmtlich, bis auf 7, zur ministeriellen und ganz entschiedenen Kriegspartei.
* Venedig, 15. März. Manin hat nach der ihm übertragenen Vollmacht die Deputirtenversammlung vertagt. Ferner bestimmt er in dem nämlichen Dekret, daß alle Offiziere der Land- und Seemacht sich sofort auf ihre Posten begeben, um die ihnen zu ertheilenden Befehle alsbald auszuführen, und drittens wird die mobilisirte Nationalgarde angewiesen, sich zur Unterstützung der Operationen der übrigen Truppen bereit zu halten.