Ohne Unterschrift erschienen in der Neue Rheinische Zeitung Nr. 259 vom 30. März 1849 (Köln), Beilage, S. 1; nach der MEGA² (I/9) von Friedrich Engels. Text nach dem Original der Zeitung (Digitalisat der USB Köln). Traducción al español
Italien.
* Wie wir schon gestern dem größten Theil unsrer Leser mittheilen konnten, fanden bei Vigevano und Mortara gleichzeitig zwei Gefechte Statt, in deren Einem die Oestreicher Vortheile errangen, im Andern die Piemontesen Sieger blieben.
Heute haben wir bestimmtere Nachrichten. Erzählen wir in chronologischer Ordnung.
Das Romarino Verrath geübt hat, ist nach einer Corresp. des Constitutionnel außer Zweifel. Er hatte mit der Lombardischen Division den Auftrag, von Vigevano aus die Oestreicher am Uebergang über den Tessin zu hindern. Er schickt ein Bataillon Schützen, die den Fluß besetzen. Ein östreichisches Regiment präsentirt sich am 20. Morgens und wird während fünf Stunden, von 5 — 10 Uhr Morgens, zurückgehalten. Inzwischen ist statt des Regiments eine ganze kaiserliche Brigade am Tessin angekommen. Der Lombardische Bataillonschef Manara erstaunt, sich noch immer ohne Sukkurs zu finden, zieht sich auf Vigevano, Hauptquartier der Division, zurück. Vigevano ist von den Truppen Romarino's verlassen. Die Lombarden ziehen sich immer weiter zurück und stoßen endlich auf ein Piemontesisches Corps, dem sie sich anschließen können. Während dieser Zeit hatte Romarino seine Division Märsche unternehmen lassen, die mit den ihm ertheilten Befehlen im schreiendsten Widerspruch standen. Er wurde indeß noch denselben Tag verhaftet und wird hoffentlich erschossen werden.
Durch den Verrath Romarino's ist es den Oestreichern gelungen ihre Hauptmacht in der Lomellina, zwischen Po und Tessin zu konzentriren und zwischen die piemontesische Armee einzuschieben. Durando und das ganze, südlich vom Po stehende Corps ist von der Hauptarmee getrennt.
Radetzki marschirte nun am 21. in zwei Colonnen nördlich gegen Vigevano und Mortara, auf der Straße nach Vercelli. Vor Vigevano wurde die eine Colonne durch Piemontesen aufgehalten. Man schlug sich bei Sforzesca und Gambolo während vier Stunden gegen die Ueberzahl der Kaiserlichen, ohne zu weichen. Endlich gegen vier Uhr kam die Brigade Savona an und warf die Oestreicher mit Verlust zurück. 1500 Gefangene sollen in die Hände der Piemontesen gefallen sein.
Gleich darauf, um 6 Uhr, wurde Mortara von den Kaiserlichen angegriffen; die Piemontesen vertheidigten sich tapfer und zogen sich endlich auf diesem Punkte unter dem Schutz der Reservedivision zurück.
Diese hielt den Kampf bis in die Nacht hinein aus und erst dann fiel Mortara in die Hände des Feindes.
Soviel steht fest. Von hier an widersprechen sich nun die Nachrichten. Nach der Einen hat der Herzog von Savoyen am 22. die Offensive wieder ergriffen und zwei ungarische Regimenter in die Flucht geschlagen, nach der Andern rückt Radetzki auf der Straße von Vercelli vor.
In Paris sprach man am 26. von einer telegraphischen Depesche, wonach Radetzki nur noch 4 Meilen von Turin stehen sollte. Das östreichisch-gesinnte Journal des Debats selbst muß gestehen, daß diese Nachricht ungegründet ist und am 26. unmöglich in Paris sein konnte. Es gibt sich sogar die Mühe, dies aus der Zusammenstellung von Daten und Entfernungen zu beweisen.
Es gibt ferner zu, daß Radetzki sich in eine Stellung hineingewagt hat, in der er bei einer Niederlage verloren ist. „Hat die piemontesische Armee Zeit sich hinter dem Rücken Radetzki's zu konzentriren, so kann sie ihn in eine der schwierigsten Lagen bringen.“
Aber gerade daran zweifelt das Journal des Debats. Erstens habe die piemontesische Armee sich auf eine viel zu lange Linie ausgedehnt, indem sie sich von Novara bis Castel San Giovanni aufgestellt und sogar noch bei Arona und Sarzana, oder jetzt bei Parma detachirte Corps stehn habe; und zweitens müsse doch vorausgesetzt werden, daß Radetzki, als er den Entschluß faßte über den Tessin zu gehn, seine ganze disponible Macht, 70,000 M. mit 120 Kanonen, bei sich gehabt habe.
Erstens steht die piemontesische Armee seit dem 21. allerdings so vertheilt, daß das Corps, welches Radetzki direkt vor sich hat, allerdings allein zu schwach wäre, ihm zu widerstehn. Das ist die Folge des Verraths von Romarino. Aber davon ist auch keine Rede. Auf dem rechten Flügel der Oestreicher operirt der Herzog von Genua, auf dem linken stehn die piemontesischen Reserven bei Casale und Alessandria, und in ihrem Rücken steht Durando bei Stradella. Radetzki ist förmlich cernirt, und sein Rückzug im Fall einer Niederlage sogut wie abgeschnitten. Daß diese verschiedenen piemontesischen Corps nicht zusammenwirken würden (und dazu stehen das des Herzogs v. Genua und das Reservecorps der Hauptarmee nahe genug), ist eine eigenthümliche Voraussetzung. Romarino konnte durch seinen Verrath die Piemontesen für einen Augenblick in Nachtheil bringen, aber dadurch den Feldzug entscheiden konnte er nicht.
Zweitens ist die östreichische Armee zwischen Tessin und Po keineswegs 70,000 Mann stark. Das Journal des Debats raisonnirt wirklich zu naiv, wenn es behauptet: weil Radetzki zwischen Adda und Tessin angeblich 70,000 Mann zu seiner Verfügung gehabt habe, müsse er dieselbe Zahl jetzt über den Tessin geführt haben. Daß er eine bedeutende Anzahl am lombardischen Po-Ufer und in Pavia, so wie am Lambro und der Adda zurücklassen mußte, um seine Operationsbasis zu decken, ist klar. Nach einer Nachricht der Basler Ztg. (die für die Kaiserlichen schwärmt) hatten die Oestreicher bei Gallerate 8000, bei Magenta 20,000, bei Pavia 25,000, bei Piacenza 25,000 Mann. Nur die drei ersten Corps, zusammen 50 — 53,000 M., konnten im äußersten Nothfalle über den Tessin geführt werden; das Corps von Piacenza reichte kaum hin, um den Po von Piacenza bis Pavia zu decken.
Die piemontesische Armee, selbst ohne die äußersten über Arona nach Como und über Sarzana nach Parma detachirten Corps wird demnach wahrscheinlich vollständig hinreichen, gegen Radetzki Stand zu halten.
Daß übrigens Radetzki die Lombardei stark von Truppen entblößt hat, geht schon aus den eiligen Nachmärschen der Truppen aus dem Venetianischen, von Verona nach der Lombardei, von Padua nach Verona hervor. In Tirol soll ein Corps von 7000 Schützen mobilisirt werden. Venedig wird dadurch ziemlich degarnirt und die Cernirung von der Landseite wird wohl bald von selbst aufhören.
In Paris war am 27. das Gerücht verbreitet, der Herzog von Genua habe die Oestreicher geschlagen. 12,000 Oestreicher, von drei piemontesischen Divisionen umzingelt, hätten die Waffen gestreckt. Wir halten dies Gerücht für kaum glaubwürdiger, als das am 26. verbreitete von der Niederlage der Piemontesen.
Aus Parma wird geschrieben, daß 7000 Toskaner und 8000 Römer zu La Marmora gestoßen sind.
Der römische General Zambeccari hat an der modenesisch-bolognesischen Gränze ein östreichisches Corps zersprengt.
* Turin, 23. März. Der „Concordia“ wird von einem ihrer Korrespondenten Folgendes mitgetheilt: Der General Haynau (durch seinen Räuberzug nach Ferrara für immer gebrandmarkt) hat ganz kürzlich den von 3500 Seelen bewohnten Flecken Loreo an der Mündung der Etsch niederbrennen lassen, unter dem Vorwande, daß die Bewohner mit ihren Kähnen Deserteure nach Venedig befördern.