Text nach Der I. Kongreß der Kommunistischen Internationale. Protokoll der Verhandlungen in Moskau vom 2. bis zum 19. März 1919 (Bibliothek der Kommunistischen Internationale, VII), Verlag der Kommunistischen Internationale, Auslieferungsstelle für Deutschland: Carl Hoym Nachf. Louis Cahnbley, Hamburg 1921, S. 3–201, Digitalisat des Internet Archive; neue OCR-Lesung, mit den Abbildungen verglichen. Die angenommenen Dokumente werden nicht wiederholt; eine kursive Zeile verweist auf die Seite des Kongresses. Traducción al español.

Tagesordnung

des I. Kongresses der Kommunistischen Internationale, angenommen in der ersten Sitzung am 2. März 1919.

  1. Konstituierung.
  2. Entgegennahme der Berichte.
  3. Richtlinien des Internationalen Kommunistischen Kongresses. Referenten: Albert, Bucharin.
  4. Bürgerliche Demokratie und proletarische Diktatur. Referenten: Lenin, Rahja.
  5. Die Berner Konferenz und die Stellung zu den sozialistischen Strömungen. Referenten: Platten, Sinowjew.
  6. Die internationale Lage und die Politik der Entente. Referenten: Obolenski, Platten.
  7. Manifest. Referent: Trotzki.
  8. Weißer Terror: Referent: Sirola.
  9. Wahl des Büros und Verschiedenes (Organisation).

Teilnehmer des Kongresses

Land und ParteiVertreter, beschließendVertreter, beratendStimmenzahl
1. Kommunistische Partei DeutschlandsAlbert5
2. Kommunistische Partei RußlandsLenin, Trotzki, Sinowjew, Stalin, Bucharin, TschitscherinObolenski, Worowski5
3. Kommunistische Partei Deutsch-OesterreichsGruber, Fatin3
4. Kommunistische Partei UngarnsRudnyanszky3
5. Schwedische Linke SozialdemokratieGrimlund3
6. Norwegische S. D. P.Stange3
7. Schweizerische S. D. P.Platten3
8. Amerikanische S. L. P.Reinstein5
9. Balkanische Revolutionäre Föderation (Bulgarische Tesnjaki und Rumänische Kommunistische Partei)Rakowski3
10. Kommunistische Partei PolensUnschlicht3
11. Kommunistische Partei FinnlandsSirola, Manner, Kuusinen, J. Rahja, E. Rahja3
12. Kommunistische Partei der UkraineSkrypnik, Hopner3
13. Kommunistische Partei LettlandsGailis1
14. Kommunistische Partei Litauens und WeißrußlandsGedris1
15. Kommunistische Partei EstlandsPöögelman1
16. Kommunistische Partei ArmeniensEikuni1
17. Kommunistische Partei d. Deutschen KolonistengebietesKlinger1
18. Vereinigte Gruppe der Ostvölker RußlandsJalymow, Bikentajew, Altinerow, Kasimow, Mansurow1
19. Zimmerwalder Linke, FrankreichGuilbeaux5
20. Tschechische Kommunistische GruppeHandlir
21. Bulgarische Kommunistische GruppeDjoroff
22. Südslavische Kommunistische GruppeMilkitsch
23. Englische Kommunistische GruppeFeinberg
24. Französische Kommunistische GruppeSadoul
25. S. D. P. HollandsRutgers
26. Amerikanische Liga der Sozialistisch. PropagandaRutgers
27. Schweizerische KommunistenKascher
28. Turkestanische(Sektionen des Zentralbüros der Ostvölker)Jalymow
29. Türkische(Sektionen des Zentralbüros der Ostvölker)Subhi
30. Georgische(Sektionen des Zentralbüros der Ostvölker)Shgenti
31. Aserbeidjanische(Sektionen des Zentralbüros der Ostvölker)Bagirow
32. Persische(Sektionen des Zentralbüros der Ostvölker)Husseinow
33. Chinesische Sozialistische Arbeiterpartei(Sektionen des Zentralbüros der Ostvölker)Lao-Siu-Dschau
34. Koreanische Sozialistische Arbeiterpartei(Sektionen des Zentralbüros der Ostvölker)Tschan-Gun-Kug
35. Zimmerwalder KommissionBalabanow

35 Delegierte mit beschließender Stimme.

I. Sitzungstag

Die Versammlung wird am 2. März 1919 um 6 Uhr 10 Minuten abends im Kreml eröffnet.

Lenin. Im Auftrag des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Rußlands eröffne ich den ersten Internationalen Kommunistischen Kongreß. Vor allem bitte ich alle Anwesenden, sich zum Andenken der besten Vertreter der III. Internationale, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, von den Sitzen zu erheben.

Genossen! Unsere Zusammenkunft ist von weittragender weltgeschichtlicher Bedeutung. Sie beweist, daß die Illusionen der bürgerlichen Demokratie zugrunde gerichtet sind. Denn nicht nur in Rußland, sondern auch in den entwickeltsten kapitalistischen Ländern Europas, wie in Deutschland, ist der Bürgerkrieg zur Tatsache geworden.

Die Bourgeoisie hat heillose Angst vor der wachsenden revolutionären Bewegung des Proletariats. Dies ist verständlich, wenn wir bedenken, daß die Entwicklung nach dem imperialistischen Kriege unausbleiblich die revolutionäre Bewegung des Proletariats fördert, daß die internationale Weltrevolution beginnt und in allen Ländern wächst.

Das Volk ist sich der Größe und Tragweite der sich gegenwärtig abspielenden Kämpfe bewußt. Nur muß eine praktische Form gefunden werden, die das Proletariat in Stand setzt, seine Herrschaft zu verwirklichen. Diese Form ist das Sowjetsystem mit der Diktatur des Proletariats. Diktatur des Proletariats! Das war bisher Latein für die Massen. Mit der Ausbreitung des Sowjetsystems in der ganzen Welt ist dieses Latein in alle modernen Sprachen übersetzt worden: die praktische Form der Diktatur ist durch die Arbeitermassen gefunden. Sie ist den großen Arbeitermassen verständlich geworden durch die Sowjetmacht in Rußland, durch die Spartakisten in Deutschland und ähnliche Bewegungen in anderen Ländern, z. B.: die Shop Stewards Commitees in England. Alles dieses beweist, daß die revolutionäre Form der proletarischen Diktatur gefunden, daß das Proletariat jetzt praktisch imstande ist, seine Herrschaft auszuüben. Parteigenossen! Ich glaube, nach den Ereignissen in Rußland, nach den Januarkämpfen in Deutschland ist es besonders wichtig zu bemerken, daß auch in anderen Ländern die neueste Form der Bewegung des Proletariats sich zur Geltung durchringt und sich Geltung verschafft. Heute lese ich zum Beispiel in einer antisozialistischen Zeitung die telegraphische Mitteilung, daß die englische Regierung den Rat der Arbeiterdelegierten in Birmingham empfangen und ihre Bereitwilligkeit erklärt hat, die Räte als wirtschaftliche Organisationen anzuerkennen. Das Sowjetsystem hat nicht nur im zurückgebliebenen Rußland, sondern auch in dem entwickeltsten Lande Europas, in Deutschland, und dem ältesten Lande des Kapitalismus, in England, gesiegt.

Mag die Bourgeoisie noch so wütend sein, mag sie noch Tausende von Arbeitern niedermetzeln, der Sieg ist unser, der Sieg der kommunistischen Weltrevolution ist gesichert.

Parteigenossen! Indem ich Sie im Namen des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Rußlands herzlich begrüße, schlage ich vor, zur Wahl des Präsidiums überzugehen. Bitte Namen nennen.

Tschitscherin. Ich schlage vor, drei ständige Sekretäre ins Präsidium zu wählen. Dieses Präsidium wählt für jede Sitzung aus den verschiedenen Nationalorganisationen das fünfte Mitglied. Als ständige Mitglieder schlage ich die Gen. Lenin, Albert und Platten und als ständigen Sekretär den Gen. Klinger vor.

Die Versammlung nimmt diesen Antrag einstimmig an. Die Gewählten nehmen ihre Sitze am Präsidiumstische ein.

Gen. Platten. In einer Vorbesprechung ist die Frage aufgeworfen worden, welchen Charakter unsere Tagung tragen soll. Eine Meinung ging dahin, die Tagung solle sich als Dritte Internationale konstituieren. Eine andere Auffassung, vor allem vertreten durch einen Delegierten aus dem Auslande, ging dahin, daß es zweckmäßiger sei, die heutige Tagung nur als Kommunistische Konferenz zu bezeichnen und erst einer späteren Tagung die Konstituierung der III. Internationale zu überlassen. Die letztere Auffassung wurde damit begründet, daß die Einberufungszeit sehr kurz war und nicht alle Organisationen von der beabsichtigten Gründung der III. Internationale benachrichtigt werden konnten. Es muß festgestellt werden, daß wegen technischer Schwierigkeiten verschiedene Delegierte Moskau nicht erreichen konnten. Daher ist der Vorschlag gemacht worden, man solle sich heute nur als Konferenz versammeln, und diese Konferenz solle es sich zur Aufgabe machen, baldmöglichst einen wirklichen größeren Kongreß einzuberufen, auf dem die III. Internationale endgültig konstituiert werde.

Gen. Sinowjew. Ich möchte im Namen des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Rußlands erklären: Unsere Partei steht auf dem Standpunkt, daß es die höchste Zeit sei, die III. Internationale formell zu gründen. Und wir würden beantragen, daß die Gründung sich schon auf dieser ersten Versammlung vollziehe. Da aber unsere Freunde aus Deutschland, die Kommunistische Partei Deutschlands, darauf bestehen, daß die Tagung sich nur als Konferenz konstituieren soll, so halten wir es für notwendig, uns diesem Vorschlag der deutschen Kommunisten vorläufig anzuschließen. Wir erklären aber, daß wir auch weiter dafür agitieren werden, daß möglichst bald die dritte Internationale als formelle Organisation gegründet werde.

Gen. Kuusinen (Finnland). Wir finnische Delegierte schließen uns auch der Ansicht an, daß die III. Internationale sich jetzt konstituieren solle. In Anbetracht des Umstandes, den Gen. Sinowjew eben erwähnte, wollen wir aber heute diesen Vorschlag nicht machen. Doch wäre es unserer Ansicht nach ein äußerst erfreuliches Resultat, wenn diese Konferenz mit dem Beschluß enden könnte, daß sie als Kongreß die Gründung der neuen Internationale vornimmt.

Die Versammlung beschließt, als internationale kommunistische Konferenz zu tagen.

Man geht zur Frage der Mandatsprüfungskommission über.

Gen. Platten. Die Zusammensetzung der Konferenz ist eine sehr vielseitige und es ist notwendig, daß eine Mandatsprüfungskommission eingesetzt wird, die dieser verschiedenen Besetzung Rechnung trägt. Das Büro schlägt vor, fünf Genossen in die Mandatsprüfungskommission zu wählen, die nach Erledigung der Tagesgeschäfte Bericht zu erstatten haben. Gleichzeitig wird diese Kommission Kenntnis geben von der Anwesenheit zweier Gruppen, einer solchen, die stimmberechtigt ist und einer solchen, die nur beratende Stimmen hat. Wir hatten Vorschläge für die Mandatskommission zu machen.

Es werden vorgeschlagen: Genossen Tschitscherin, Rudnyanszky, Sirola, Albert und Stange.

Gen. Lenin: Jetzt die Frage des Reglements: Stimmberechtigte, Stimmenverhältnis, beschließende und beratende Stimmen und Redezeit.

Gen. Reinstein. Ich glaube, es ist angebracht, daß wir zuerst der Mandatsprüfungskommission eine Viertelstunde Zeit geben, um zu berichten, wer stimmberechtigt ist. Ich beantrage, daß wir die Sitzung für eine Viertelstunde unterbrechen.

Gen. Albert. Parteigenossen, der Vorschlag des Gen. Reinstein ist meines Erachtens nach unannehmbar, weil die Prüfung der Mandate eine beträchtliche Zeit beanspruchen wird, jedenfalls länger als eine Viertelstunde. Darum schlage ich vor, in der Sitzung fortzufahren.

Gen. Reinstein zieht darauf seinen Antrag zurück.

Gen. Platten. Ich bin der Auffassung, daß die Redezeit in der Diskussion von Anfang an beschränkt werden muß, da verschiedene Delegierte wieder nach Hause wollen, und es ist daher zweckmäßig, bei der großen Zahl der Traktanten die Redezeit auf eine Viertelstunde zu beschränken, die der Referenten aber unbeschränkt zu lassen.

Gen. Trotzki beantragt, daß der Redner, der zum zweiten Mal spricht, fünf Minuten Redezeit erhalte.

Gen. Platten. Die Geschäftsordnung wird so gehandhabt, daß einer dafür und einer dagegen sprechen kann und dann die Abstimmung erfolgt.

Gen. Lenin. Wird eine Einwendung erhoben? Ich bitte um Vorschläge für die Tagungszeit.

Gen. Sadoul beantragt, daß die Konferenz das Recht habe, ausnahmsweise die gewöhnliche Redezeit zu verlängern.

Gen. Lenin liest die Tagesordnung vor.

TAGESORDNUNG.

  1. Konstituierung.
  2. Entgegennahme der Berichte.
  3. Richtlinien der internationalen Kommunistischen Konferenz. Referenten: Albert, Bucharin.
  4. Bürgerliche Demokratie und proletarische Diktatur. Referenten: Lenin, Rahja.
  5. Berner Konferenz und die Stellung zu den sozialistischen Strömungen. Referenten: Platten, Sinowjew.
  6. Die internationale Lage und die Politik der Entente. Referenten: Obolenski, Platten.
  7. Manifest. Referent: Trotzki.
  8. Weißer Terror. Referent: Sirola.
  9. Wahl des Büros und Verschiedenes (Organisation).

Gen. Lenin bemerkt zur Referentenliste: Wir haben Nachricht erhalten, das Gen. Rakowski abgereist ist und morgen eintreffen muß. Es kommen noch andere Genossen. Die Liste der Referenten soll nicht als definitiv, sondern als provisorisch betrachtet werden. Drei Delegierte der Kommunistischen Partei Ungarns sind in Galizien verhaftet worden, und es ist schwerlich zu erwarten, daß sie zu unserer Konferenz kommen. Gibt es andere Vorschläge zur Tagesordnung? Wünscht noch jemand das Wort? Da sich niemand meldet, ist die Tagesordnung somit angenommen.

Gen. Lenin. Das Wort zum Bericht hat der Vertreter Deutschlands, Gen. Albert.

Gen. Albert (Deutschland): Werte Genossinnen und Genossen!

Noch am 8. November 1918 erklärten selbst die Anhänger der Unabhängigen Sozialdemokraten, daß es für Deutschland ausgeschlossen sei, daß jemals russische Zustände, also der Ausbruch der Revolution in Deutschland möglich sei. Schon am 9. November war das alte Gebäude der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zusammengebrochen. Schon am 9. November hatten wir in Deutschland das, was man an Rußland bis dahin so abfällig kritisierte, was man für Deutschland unmöglich hielt.

Allerdings, im Anfang schien es, als sei die ganze Bewegung in Deutschland nichts als eine Soldatenrevolte, als sei es nur die Unzufriedenheit des Militärs mit der drakonischen Strenge der Vorgesetzten und Unlust am Kriege. Aber über Nacht wurde das System der Räte durchgeführt, sogar in den kleinen Städten wurden solche über Nacht gebildet. Daher ist nicht nur von einer Soldatenrevolution aus Unlust am Kriege zu sprechen, sondern von dem Willen des Proletariats, endgültig das neue System einzuführen, für das das Proletariat seit langem gekämpft hat: anstelle der alten Gesellschaftsordnung die sozialistische Gesellschaft zu setzen.

Die über Nacht gebildeten Arbeiterräte waren allerdings noch sehr zweifelhaft. Die Mehrheitssozialisten und Anhänger Scheidemanns, die in Fragen der Organisation den Arbeitern weit überlegen waren, haben es verstanden, sich in die Regierung einzuschleichen, die Regierungsämter zu besetzen und in den Räten Fuß zu fassen. Die alte Anschauung der Arbeiter, daß es genügen würde, anstelle der alten Machthaber und Minister ein paar Sozialdemokraten einzusetzen, um die neue Gesellschaft aufzubauen, brachte es mit sich, daß die Unabhängigen und Mehrheitssozialisten in der Regierung Deutschlands vertreten waren.

In den ersten Tagen der Revolution erteilten die Arbeiterräte die Aufforderung an die damaligen Anhänger des Spartakusbundes, in die Regierung einzutreten, und es wurde beantragt, daß Gen. Liebknecht Mitglied der Regierung werden solle. Am ersten Tag erklärte Gen. Liebknecht, daß er nur für drei Tage in das Ministerium eintreten werde, um den Waffenstillstand perfekt zu machen. Als dies von den Mehrheitssozialisten abgelehnt wurde, lehnte Gen. Liebknecht den Eintritt in die Regierung ab, und mit ihm die Genossen des Spartakusbundes. Wir waren der Auffassung, daß für Deutschland der Moment noch nicht gekommen sei, die neue Gesellschaftsordnung anstelle der alten kapitalistischen Gesellschaftsordnung aufzubauen und daß es nicht genügen würde, ein paar Fürstenknechte fortzujagen. Die Hauptsache ist, den alten Staatsapparat zu zertrümmern und sich seinen eigenen Herrschaftsapparat zu schaffen. Für uns besteht also die Hauptaufgabe darin, den Arbeitermassen zu zeigen und sie zu lehren, daß erst der Aufbau des Rätesystems, d. h. die Uebernahme der Diktatur durch das Proletariat nötig ist. Wie recht unsere Genossen hatten, nicht in die Regierung einzutreten, zeigten schon wenige Tage später die Maßnahmen der Regierung. Alle ihre ersten Dekrete gingen dahin, daß sie den Arbeiterräten das Exekutivrecht absprach.

In die Regierung waren auch Haase, Dittmann, Barth usw. eingetreten. Beide Richtungen hatten das erste Dekret erlassen. Schon wenige Tage später gerieten sie in Kollision mit dem Zentralrat. Die Regierung stellte sich über das Rätesystem. Die beseitigten Offiziere wurden wieder in ihre Aemter eingesetzt und bekamen wie früher die alte Kommandogewalt. Man hielt die Zeit zur Durchführung des Sozialismus noch für zu früh und wollte dies auf später verschieben. Die Forderungen der Arbeiter wurden mit der Begründung abgelehnt, es sei nicht möglich, den bisherigen Staatsapparat zu ändern, weil die Feinde vor der Tür ständen, weil die Entente nicht zuließe, daß die Regierung irgend welche Aenderungen durchführe.

Als die Auflehnung des Proletariats gegen diese Verhältnisse immer stärker wurde, als die Arbeiter nicht einverstanden waren mit dem Wandeln in den alten Bahnen, da zeigte die Regierung der Mehrheitssozialisten bald ihr wahres Gesicht.

Es war bezeichnend für die deutschen Zustände, daß schon am dritten Tage nach Ausbruch der Revolution die rechtsstehenden Zeitungen erklärten, die Revolution sei einfach da, und es sei schwer, sie hinwegzuleugnen. Die Hauptsache sei, daß die Regierung dafür sorge, daß die Demokratie in Deutschland auch wirklich durchgeführt, daß sie auch praktisch zur Tatsache werde. Sie verstanden darunter die Demokratie des Bürgertums und die Einberufung der Nationalversammlung. Der Spartakusbund wies gleich darauf hin, daß davon nicht die Rede sein könne, daß das, was wir brauchen, die Diktatur des Proletariats sei, das sich im Rätesystem einen Organisationsapparat geschaffen habe, und da das Proletariat in Deutschland die Revolution durchgeführt habe, sei es die einzige Klasse in Deutschland, die berufen sei, den neuen Staat aufzubauen. Wir forderten, daß der Klassenkampf rücksichtslos bis zur Niederwerfung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung geführt werde. Das paßte den Herren Scheidemann und Ebert nicht. Sie erklärten sich für die Nationalversammlung. Mit einer fabelhaften Eile schrieben sie die Wahlen aus. Damit war für die Arbeiter die Parole gegeben. Das gesamte Volk spaltete sich in zwei Gruppen. Auf der einen Seite die Vertreter des Kapitals, die für die Nationalversammlung eintraten, auf der anderen Seite der Spartakusbund mit der Forderung des Rätesystems und der Diktatur des Proletariats. Unter dieser Parole sind alle die Kämpfe geführt worden, über die Sie informiert sind.

Die Genossen, die sich zum Spartakusbund bekannten, waren bisher in der Unabhängigen Sozialdemokratie organisiert. Die Verhältnisse lagen derart, daß bis zu Anfang des Krieges eine einzige sozialdemokratische Partei vorhanden war, die im Auslande bis in den Himmel gelobt wurde. Als bei Ausbruch des Krieges die Sozialdemokraten mit ihren Führern zum Nationalismus übergegangen waren, als sie Schulter an Schulter mit der Bourgeoisie zum Kriege hetzten, war es für die Mitglieder des Spartakusbundes unmöglich, in dieser Organisation zu bleiben. Es gab noch eine Richtung innerhalb der Sozialdemokratie, die nicht einverstanden war mit der Bewilligung der Kriegskredite, aber in bezug auf andere Fragen der Vaterlandsverteidigung mit Scheidemann-Ebert zusammen ging: die Haase und Ledebour. Nach offener Opposition flogen sie aus der Partei heraus und gründeten die Unabhängige Sozialdemokratische Partei.

Für die Freunde des Spartakusbundes war es unmöglich, zu arbeiten und ihre Tätigkeit zu entfalten. Alle Vertreter des Spartakusbundes wurden in das Gefängnis geworfen oder wanderten in die Schützengräben. Nur einigen wenigen war es möglich, in angefangener Weise zu arbeiten, sofern sie gerade in Freiheit waren. Als die Unabhängige Sozialdemokratische Partei in Gotha begründet wurde, waren wir bereit, uns in einer Organisation mit den Unabhängigen Sozialdemokraten zu vereinigen, aber Gegensätze waren schon damals vorhanden und unüberbrückbar. Als nach dem Ausbruch der Revolution die Unabhängigen in die Regierung eintraten, nachdem auch sie sich zur bürgerlichen Demokratie bekannt hatten und damit das Rätesystem abzuwürgen versuchten, war es uns unmöglich, innerhalb ihrer Organisation zu bleiben. Am 3. Januar 1919, auf der Konferenz des Spartakusbundes in Berlin, gründeten wir die Kommunistische Partei Deutschlands. Nun begann die Regierung unter Führung Ebert-Scheidemanns einen leidenschaftlichen Kampf gegen die Kommunisten zu führen, und alle Unterdrückungsmethoden des alten Regiments wurden zur Bekämpfung der Kommunistischen Partei rücksichtslos von ihr angewandt. Als die Arbeiter sich gegen diese Politik wandten, als das Proletariat durch Streiks zeigte, daß es nicht Lust habe, sich nach den alten Methoden unterdrücken zu lassen, da waren es die Vertreter der Ebert-Scheidemann, die gegen das Proletariat mit aller Schärfe ins Feld zogen und zuerst Maschinengewehre und Kanonen gegen das Proletariat in den Straßen Berlins auffuhren. Am 6. Dezember 1918 wurden in den Straßen Berlins gegen friedlich demonstrierende Arbeiter Maschinengewehre und Kanonen aufgefahren und eine große Zahl unserer besten Genossen niedergeknallt oder schwer verwundet. Es ist typisch, daß es die Soldatenvertreter der Kommunistischen Partei waren, gegen die man am schärfsten vorging.

Wie steht es heute mit dem Militär in Deutschland? Die Soldaten, die 4 Jahre im Kriege gewesen sind, die am 9. November das alte System durch Aufstand zertrümmert haben, sie wollen in Deutschland nicht mehr Soldaten spielen. Die alten Regimenter sind aufgelöst worden. Sie sind nach Ausbruch der Revolution davongelaufen, ob es Scheidemann paßte oder nicht.

Die in Deutschland vorhandenen Truppenkörper wurden einige Tage nach der Revolution aufgelöst, und ganze Länderstriche, deren Führer sich zu der Kommunistischen Partei bekannten, hatten auf eigene Faust die Demobilisation durchgeführt. Die Republik Braunschweig hat in den ersten Tagen nach Ausbruch der Revolution ihre Demobilisation für den 23. Dezember angekündigt. Die Reichsregierung protestierte dagegen, aber die Soldaten waren entlassen. Es hatte auch für die Regierung wenig Sinn, die alten Soldaten weiter zurückzuhalten, sie waren für ihre Zwecke doch nicht mehr zu gebrauchen. Die alten Regimenter an der Front wollten nicht mehr gegen den äußeren Feind kämpfen, sie waren davongelaufen, unbekümmert um den Waffenstillstand. Ich muß bemerken, daß Rußland an der Zersetzung unserer Armee einen großen Anteil nahm. Die Kriegsgefangenen, die aus Rußland kamen, langten in einem schönen Zustand bei uns an. Wo sie hinkamen, dauerte es nicht lange, so war von Kriegsbereitschaft nicht mehr die Rede.

Es gab freilich Regimenter an den Fronten, die der Agitation nicht zugänglich waren und sich noch in den Händen der Offiziere befanden, aber auch diese wurden bald zum Kampf unfähig.

Der kommandierende General von Berlin, Legius, erklärte Anfang Januar, daß seine Truppen, die noch in den Händen ihrer Offiziere waren, nur eines 5–6 tägigen Aufenthalts in Berlin bedürften, um vollständig demoralisiert zu werden. Nur der Zufall, daß von den Fronten Truppen zurückkehrten, die der Agitation noch nicht zugänglich gewesen waren, machte es möglich, daß in den Straßen Berlins Truppen gegen die Arbeiter vorgingen. So war es am 6. Dezember 1918, als nach Versammlung des roten Soldatenbundes die eben aus Finnland zurückgekommenen Truppen auf Kommando der Regierung die aus der Versammlung kommenden Soldaten niederknallten. Als einige Tage später die Matrosen, welche das Fundament und die Kerntruppen der Revolution bildeten — sie setzten sich meistens aus Arbeitern, die schon früher in der Partei organisiert waren, zusammen —, Berlin nicht verlassen wollten, da war es die Regierung, die ein Regiment aus dem Felde gegen die Matrosen ins Feuer schickte, und sie wurden mit Gelbkreuzgranaten traktiert. Haase, Barth und Dittmann, die Mitglieder der Regierung, erklärten, sie seien bei der Sitzung, auf der beschlossen worden war, auf die Arbeiter zu schießen, nicht anwesend gewesen. Die Unabhängigen schieden dann aus der Regierung unter den Fußtritten der Scheidemänner aus. Sie wurden herausgedrängt und haben darüber nicht wenig gejammert.

Spartakus konnte nicht mehr mit ihnen zusammen arbeiten. Mit solchen Leuten war alle revolutionäre Arbeit illusorisch und darum die Gründung einer eigenen Kommunistischen Partei eine Notwendigkeit. Sie war auch deshalb eine Notwendigkeit, weil die Zersplitterung innerhalb der vorhandenen Partei immer weiter fortschritt. Die Mehrheitspartei ist in sich einig, aber bei den Unabhängigen sieht es faul aus. Jeder Führende stellte eine andere Richtung dar, und jeder drängte, eine andere Partei zu gründen. Besonders Ledebour und Däumig gingen mit dem Gedanken um, eine allgemeine deutsche Partei zu gründen, und wäre diese Gründung zustande gekommen, so wäre wieder eine unabhängige sozialdemokratische Partei entstanden, die weder nach rechts noch nach links neigte und weder auf dem Standpunkt der äußersten Linken, des Spartakusbundes, noch für die Diktatur des Proletariats gewesen wäre. Dies veranlaßte uns, uns von diesen Leuten unverzüglich zu trennen und damit die Gründung einer solchen Mischmaschpartei unmöglich zu machen.

Die Aufgabe des Kommunistenbundes war nicht nur die Gründung einer neuen Partei, sondern in der Hauptsache die, die Massen zu erziehen, sie zur Durchführung der sozialistischen Gesellschaftsordnung vorzubereiten, in der die Tätigkeit jedes einzelnen notwendig ist, da unter den Arbeitern immer wieder der Gedanke zum Ausdruck kommt, daß nach der Ersetzung einiger Minister durch Sozialdemokraten die Aufgabe für sie erledigt sei. Unsere Aufgabe war es, darauf hinzuweisen, daß nur auf dem Wege der Massenaktion die entscheidenden Kämpfe mit dem Bürgertum geführt werden können, und uns war es von vornherein klar, daß die Revolution am 9. November nichts war, als ein schwacher Versuch der Zertrümmerung der alten Gesellschaftsordnung, daß die eigentliche Revolution in Deutschland noch bevorstände. Gerade in diesen Wochen zeigte es sich, daß die Umgestaltung der Gesellschaftsordnung noch schwere Kämpfe verursachen und der Bürgerkrieg mit einer Leidenschaft entbrennen wird, wie es die Weltgeschichte noch nicht gesehen hat. Es ist notwendig, den Massen zu zeigen, daß nur mit Hilfe des Rätesystems dieses Ziel erreicht werden kann. Unsere ganze Agitation hat zum Ziel, den Arbeitern begreiflich zu machen, sie zu veranlassen, sich ihre Räte zu schaffen. Wie sieht es nun mit den Räten aus? Im Anfang der Revolution sind überall Räte gegründet worden. In Betrieben und Werkstätten traten die Arbeiter zu Räten zusammen, die die Aufgabe hatten, in ihren eigenen Betrieben die Besserstellung der Arbeiterschaft durchzuführen. Für uns ist von Bedeutung, daß durch diese Betriebsräte die bisher in Deutschland so sehr einflußreichen Gewerkschaften an die Wand gedrückt worden sind, die Gewerkschaften, die mit den Gelben eins waren, die den Arbeitern verboten hatten zu streiken, die gegen jede offene Bewegung der Arbeiter waren, die den Arbeitern überall in den Rücken gefallen sind. Diese Gewerkschaften sind seit dem 9. November vollständig ausgeschaltet. Alle Lohnbewegungen seit dem 9. November wurden ohne, ja gegen die Gewerkschaften geführt, die selbst keine einzige Lohnforderung der Arbeiter durchgedrückt hatten. Nur in den letzten Tagen führte der Handlungsgehilfenverband eine offene Bewegung, weil in der Führung Mitglieder der Kommunistischen Partei sitzen.

Wie sieht es nun aus mit dem zukünftigen Kampf in Deutschland? Wenn man nach zahlenmäßigem Resultat der Wahlen zur Nationalversammlung gehen will, so müßte man sagen, daß die Mehrheitssozialisten in Deutschland die große Masse hinter sich haben. 11 Millionen Stimmen waren für die Scheidemänner und 2 Millionen für die Unabhängigen Sozialisten, aber wenn man die Bewegung verfolgt, so zeigt es sich, daß die Arbeiter nicht so geschlossen hinter der Regierung stehen, wie sie vorgibt. Es zeigt sich vielmehr, daß überall, wo die Arbeiter gegen die Regierung selbständig auf dem Wege des Sozialismus Vorteile für sich zu erringen versuchen, überall dort die Arbeiter hinter den Parolen der Kommunisten stehen. In Rheinland-Westfalen entstand eine große Bewegung der Bergleute. Man wählte einen Zentralrat, der die Kontrolle über die gesamten Kohlenbergwerke in der Hand hatte. Nicht nur die Arbeiter nahmen an der Sozialisierung der Betriebe teil, sondern auch die Beamtenschaft hat sich bereit erklärt, ohne die Kapitalisten die Sozialisierung durchzuführen und sich ohne Sabotage gemeinsam mit den Arbeitern an dem sozialisierten Betrieb zu beteiligen. Es ist nicht möglich, in einem Staate so vorzugehen, daß die Sozialisierung auf einem einzelnen Gebiet durchgeführt wird, aber es ist symptomatisch, daß die Arbeiter erkennen, daß der einzige Weg zur Beseitigung der alten Wirtschaftsweise die Sozialisierung der Betriebe, des gesamten Lebens ist. Die Aussichten für die zukünftigen Kämpfe sind günstig dadurch, daß das ganze Wirtschaftsleben in Deutschland sich in rasch absteigender Linie entwickelt.

Weniger günstig ist, daß die Regierung mit Schärfe gegen die Arbeiter vorgeht, aber die Arbeiter lassen sich nicht einschüchtern. Ich habe Ihnen berichtet, daß das alte Militär in Deutschland überall, wo es zu Kämpfen gekommen ist, erklärt: „Gegen die Arbeiter kämpfen wir nicht“. Wenn es sich also neutral verhielt, so hatte dieses Militär für die Regierung keinen Zweck, und sie kam daher nach russischem Muster dazu, weiße Garden aus freiwilligen Regimentern zu gründen. Neue Regimenter wurden zusammengestellt zum Ostschutz, auf der einen Seite unter dem Vorwand, die aufständigen Polen niederzuhalten, die Polen, die unter der Diktatur der Bourgeoisie unterdrückt waren, die heute genau so mißhandelt werden wie früher. Auf der anderen Seite werden die Truppen gegen den Ansturm bolschewistischer Rotgardisten gebraucht. Dies ist ein Kapitel für sich. In Deutschland werden die Rotgardisten als mordende und sengende Räuberbanden geschildert. Diese Propaganda wird lebhaft betrieben, um Soldaten zu gewinnen, die gegen die Bolschewiki kämpfen.

Aber die Soldaten werden gebraucht, um in den Straßen Berlins gegen die Arbeiter vorzugehen und sie in ihrem revolutionären Kampf niederzuringen. Die erste Bewegung zeigte sich in Berlin im Januar 1919. Die Regierung hatte den Polizeipräsidenten abgesetzt und einen Mehrheitsmann an seine Stelle berufen, der sich schon früher durch seinen Verrat an den Arbeitern verhaßt gemacht hatte. So konnte das Proletariat fürchten, daß er wieder mit brutalsten Mitteln vorgehen würde. Ohne eine Parole, ohne die Direktive der Partei, am wenigsten des Spartakusbundes, hatten die Arbeiter am 19. Januar einige Druckereien besetzt, vor allem die des „Vorwärts“, welcher schon seit langem bei den Arbeitern verhaßt war. Nach einigen Tagen des Kampfes und der Besetzung wurden dann von seiten der Mehrheitsleute unter Führung der Regierung die ersten weißen Garden ins Feuer geführt, die in Berlin aufräumen sollten. In welcher scheußlichen Weise und mit welch brutaler Rücksichtslosigkeit dort vorgegangen wurde, können Sie daraus ersehen, daß die ersten Parlamentäre, die aus dem Gebäude des Vorwärts kamen, einfach von den Soldaten totgepeitscht wurden. 7 Mann wurden erschlagen. Nachdem die Weißgardisten die revolutionäre Bewegung niedergedrückt hatten, gingen sie daran, alle, die sich zum Spartakusbunde bekannt hatten, zu verhaften und ins Gefängnis zu stecken. Auf diese Weise kamen unsere besten Führer, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, in die Hände der Henker und wurden von ihnen auf der Straße erschlagen. Alle Märchen über den Fluchtversuch Liebknechts, über das Wegschleppen der Genossin Luxemburg durch die Arbeiter ist purer Schwindel. Die Zeugenaussagen liegen schon heute vor, daß Liebknecht von den Soldaten der Weißgardisten mit Kolben über den Kopf geschlagen und schwer verwundet im Automobil fortgeschafft, dann erschossen wurde, daß Rosa Luxemburg durch zwei Kolbenschläge erschlagen und die Leiche fortgeschleppt wurde. Die Mörder und die Offiziere sind bekannt, alle Aussagen sind veröffentlicht, aber die Mörder laufen heute noch frei in den Straßen herum. Die Regierung denkt nicht daran, sie gerichtlich zu belangen.

Wie Liebknecht und Luxemburg ist es auch vielen anderen Spartakusleuten ergangen: sie wurden von fanatischen Soldaten und Offizieren ermordet und verscharrt. So wurde auch der russische Genosse Karl Radek verhaftet, in schwere eiserne Ketten gelegt und in einem feuchten, kalten Keller, einer Mörderzelle des ehemaligen Zuchthauses untergebracht. Sie sehen, daß der Terror in Berlin in schönster Blüte steht, daß der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie nicht mehr wie früher mit Flugblättern und Broschüren, sondern mit Pulver und Blei geführt wird. Die Bourgeoisie hat in ihrer Angst keinen anderen Ausweg, als den, das Proletariat mit Gewalt niederzuhalten. Andere Mittel hat sie nicht.

Die wirtschaftliche Lage in Deutschland sieht trostlos aus. Die Betriebe werden in großen Mengen geschlossen, die Arbeiter haben sich durch ihre Lohnbewegung und Streiks Löhne errungen, die dem Unternehmer den Betrieb nicht mehr als rentabel erscheinen lassen. Er macht seine Bude einfach zu, weil nicht mehr genug Ueberschuß vorhanden ist. Aber auch die Arbeitsunlust der Arbeiter in den Betrieben nimmt zu. Es ist kein Wunder, daß die Arbeiter heute, wo sie die Betriebe in ihren eigenen Händen haben könnten, keine Lust mehr haben, die Taschen der Kapitalisten zu füllen. Die Unlust nimmt immer mehr zu. Rohmaterialien sind wenig vorhanden, und wo sie vorhanden sind, wandern sie im Schleichhandel von Hand zu Hand. Daher schließen die Unternehmer den Betrieb. Die Zahl der Arbeitslosen in Berlin betrug 260 000, als ich abreiste. Der wirtschaftliche Zusammenbruch Deutschlands steht vor der Tür.

Die Verkehrsverhältnisse sind schlechte. Man sagte mir in Deutschland: wenn Du nach Rußland gehst, so wirst Du was erleben. Genossen, ich bin von der Grenze nach Moskau glänzend gefahren im Verhältnis zu Deutschland. Die Engländer und Franzosen haben uns die besten Lokomotiven abgenommen. Eine Reise von Berlin nach Leipzig, die früher nur zwei Stunden dauerte, dauert oft 9–10 Stunden, und wo früher jede Stunde ein D-Zug verkehrte, verkehren jetzt nur täglich 1–2 Personenzüge. Es zeigt sich, daß auch hier die Methode der früheren Bewirtschaftung nicht fortgesetzt werden kann.

Die Lebensmittelfrage wird immer komplizierter. Die Lebensmittel werden teurer und sind nicht zu beschaffen. Das Rationierte reicht nicht zum Leben aus, und man ist auf den Schleichhandel angewiesen. Die Arbeiter sind nicht in der Lage, die Lebensmittel zu beschaffen. Als Folge gibt es überall Aufstände. Die Weißgardisten warten auf den Moment, um gegen das Proletariat vorzugehen, und darum sind gewaltsame Zusammenstöße unvermeidlich.

All dies und besonders auch der Friede mit der Entente wird zeigen, daß die Kämpfe, die das Proletariat zu führen hat, in der frohen Hoffnung auf ein erfolgreiches Ende geführt werden. Die Regierung vertröstet die Arbeiter immer wieder und sagt: wir dürfen nichts tun, der Friede mit der Entente steht vor der Tür. Die Arbeiterschaft fällt auf diese faulen Ausreden nicht mehr herein. Seit Monaten wird erklärt, wir müßten gegen Rußland kämpfen, um uns bei der Entente beliebt zu machen. Wir haben von ihr aber noch nichts bekommen, und es wird auch nichts geliefert werden. Die paar Büchsen kondensierter Milch sind uns zu Preisen angeboten, die die Kapitalisten zahlen können, nicht die Arbeiter. Die Scheidemänner, die vor 4 Jahren die Kriegspolitik gegen die Ententeländer gutgeheißen und unterstützt haben, dieselben Leute liegen vor der Entente auf dem Bauch und winseln und bitten um Gnade. Sie fürchten sich vor dem Frieden. Die deutsche Regierung, die Scheidemänner und Konsorten, haben der Entente gezeigt, wie man Frieden mit den Besiegten machen muß, und die Engländer und Franzosen können auf Brest-Litowsk hinweisen und sagen: Ihr habt uns gelehrt, wie man Frieden macht, und wenn der Friede schwer ausfallen wird, so wird er es eben, weil die Vertreter der Entente, die Wilson und Clemenceau, nichts anderes als die Geschäftsführer ihrer kapitalistischen Staaten sind und den Friedensschluß als ein Geschäft betrachten, aus dem möglichst viel herausgeholt werden muß. Nicht dadurch, daß die Regierung vor der Bande winselnd auf dem Bauche rutscht, ist etwas herauszuholen, sondern dadurch, daß das Proletariat die Revolution mit Energie und Leidenschaft fortsetzt. Es soll das Vertrauen der Proletarier Englands und Frankreichs gewonnen werden, um gemeinsam mit ihnen den Kampf für die Weltrevolution zu führen.

Das ist die Meinung der Kommunistischen Partei, und durch unsere Agitation ist es möglich, überall, wo das deutsche Proletariat sich der Kommunistischen Partei noch nicht angeschlossen hat, es für unsere Anschauung zu gewinnen. Ich glaube nicht zu optimistisch zu sein, wenn ich sage, daß die Kommunistische Partei Deutschlands sowie Rußlands den Kampf in der vollen Hoffnung fortsetzt, daß die Zeit ist, in der auch das deutsche Proletariat die Revolution zu einem erfolgreichen Ende führen wird, in der trotz aller Nationalversammlungen, trotz der Scheidemänner und trotz des bürgerlichen Nationalismus die proletarische Diktatur in Deutschland errichtet werden kann. Zu diesem Kampfe ist es notwendig, daß die Proletarier Deutschlands in Gemeinschaft mit dem Proletariat der anderen Länder ins Feld ziehen. Aus dieser Erkenntnis heraus habe ich Ihrer Einladung freudig Folge geleistet, in der Ueberzeugung, daß wir in der kürzesten Frist mit dem Proletariat aller anderen Länder, besonders Englands und Frankreichs, Schulter an Schulter für die Weltrevolution kämpfen können, um die Ziele der Revolution auch in Deutschland zu verwirklichen.

Gen. Lenin: Das Wort hat der Vertreter der Schweiz, Genosse Platten.

Gen. Platten (Schweiz): Werte Genossen! Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer bescheidenen revolutionären Bewegung. Sie ist nicht in der Lage, durch ihren Berichterstatter eine so umfassende Darstellung von Kämpfen zu geben, wie andere Länder, wenn auch zu sagen ist, daß wir versuchten zu tun, was die Solidarität mit den russischen Kameraden verlangte.

Wir waren von der Heimsuchung des Krieges verschont geblieben, wir hatten leichtere Lebensverhältnisse und unsere Arbeiterbewegung ging einen anderen Gang als in den kriegführenden Ländern. Es zeigten sich aber doch auch in der Schweiz die politischen Rückwirkungen des Krieges. In der Parteibewegung haben wir uns in der Schweiz von Anfang an zu Zimmerwald bekannt. Ich will die Absplitterung nur kurz streifen und möchte Euch sagen, daß der Kampf um Zimmerwald die äußersten nationalen Elemente der Partei abgestoßen hat, und eine internationalistische Partei blieb, die sich kräftig entwickelte. Aber trotz der inneren Spaltung war es nicht möglich, alle rechtsstehenden Elemente abzudrängen. Alle Genossen verblieben in der Partei, weil die Einheit gewahrt werden mußte.

Wenn ich dazu übergehe, einen kurzen Blick auf die Parteientwicklung zu werfen, so genügt es zu erwähnen, daß schon anläßlich der Beschickung der Konferenz von Zimmerwald sich zeigte, daß selbst diese geschlossene Partei in sich nicht nur zwei, sondern drei Strömungen aufzuweisen hatte. Die Rechtsstehenden, wie Studer, Müller, Greulich waren dabei nicht vertreten, dagegen Genosse Naine, der nach einer starken Rechtsschwenkung später die Rechte vertrat. Es waren aber das spätere Zentrum und die Linke der Partei vertreten, und bei der Abstimmung kam es in allen Fragen zu getrennter Stimmenabgabe. Ich schloß mich der Zimmerwalder Linken an. Grimm votierte gegen die Linke und begründete seine Haltung damit, daß er als Präsident gezwungen wäre, durch eine neutrale Haltung den Zusammenhang zwischen den Strömungen aufrecht zu erhalten. Später zeigte es sich, daß tiefere politische Gründe seine Stellung bedingten.

Der Kampf, der nach Zimmerwald in der Partei ausgefochten werden mußte, wurde von der Linken gemeinschaftlich mit dem Zentrum der Partei geführt. Die Grütlianer trennten sich, und damit war der Weg der Partei vorgezeichnet. Es ging eine rapide Linksentwicklung vor sich, und wenn wir uns charakterisieren wollten, so ist durch alle Beschlüsse der Parteitage die Partei zu den Linken in der Internationale zu zählen und wäre mit Recht heute hier vertreten. Die Struktur des Landes führt aber zu starkem Widerspruch zwischen Theorie und Praxis.

Die Mission, die Genosse Grimm nach Rußland übernommen, ist nicht ohne politische Rückwirkung auf die Schweizer Parteibewegung geblieben. Als wir telegraphisch von seiner Haltung in Petersburg erfuhren, erkannten die Weitblickenden, vor allem die linksstehenden Elemente in Zürich, daß Grimms Haltung und Stellung in der Internationale wie in der Schweizer Partei nicht mehr die alte sein könne. Damals glaubten aber noch viele Gesinnungsgenossen hoffen zu dürfen, es sei eine persönliche Entgleisung gewesen. Ich habe damals den Standpunkt vertreten, wir sollten öffentlich erklären, daß wir seine Politik verurteilen, blieb aber mit meiner Auffassung allein. Er ist zurückgekehrt und hat zuerst einen Scheinradikalismus entwickelt. Bald hat er die natürlichen Konsequenzen gezogen, und wir hatten mit ihm einen scharfen Kampf zu führen. Auf dem nächsten Parteitag wird der Kampf noch heftiger werden, denn die Partei wird dann endgültig ihre Wege festsetzen; ob es zur Spaltung kommen wird, vermag ich noch nicht zu beurteilen.

Die gewerkschaftliche Bewegung in der Schweiz hat dieselben Krankheiten aufzuweisen, wie die deutsche. Ein Stab von Beamten beherrschte die Bewegung, und es bestand die Gefahr der dauernden Verknöcherung der Gewerkschaftsbewegung. Die Not, in die die Arbeiter durch die Teuerung geraten sind, zwang sie, ohne Bewilligung der Zentrale Kämpfe anzutreten. Die Gewerkschaftsorganisationen mußten sich dazu bequemen, die Führung auf sich zu nehmen. Die Arbeiter in der Schweiz haben frühzeitig erkannt, daß sie ihre materielle Lage nur verbessern können, wenn sie über die Statuten der Gewerkschaften hinaus einfach zum Kampf schreiten, nicht unter der Führung des alten Gewerkschaftsbundes, sondern unter selbstgewählter Leitung. Es kam zur Gründung eines Arbeiterkongresses und eines Arbeiterrats, in dem allerdings, wie in den russischen Sowjets zu Beginn der russischen Revolution, keine revolutionäre Stimmung vorhanden war. Der Arbeiterausschuß mußte die Macht ausschließlich in seine Hände nehmen. Der Arbeiterkongreß kam zustande trotz des Widerstandes des Gewerkschaftsbundes, und zwar war er vor die Aufgabe gestellt, sich gleich mit den Kampfmitteln eines Massenstreiks vertraut zu machen. Die kommenden Kämpfe wurden vorbereitet, und gegen den Willen des Ausschusses dieses Arbeiterkongresses ist es zu dem großen Kampf gekommen, der die Schweizer Arbeiter vor eine große Aufgabe gestellt hat. Es ist die letzte Bewegung gewesen, die über 400 000 Arbeiter in den Kampf mitgerissen hat.

Die zaghafte Politik der Zentrale führte dahin, daß wiederum Zürich vorgehen mußte. Erst zwei Tage nach Beginn des Züricher Streiks kam die zentrale Leitung, um das schwindende Prestige wieder herzustellen, nachträglich dazu, die Parole eines allgemeinen Streiks zu geben, und so gelang es, den Kampf über das ganze Land auszudehnen. Dabei war zwar von einer Bewaffnung noch keine Spur zu sehen. Das Proletariat in der Schweiz glaubte, diesen Kampf ohne Waffen durch bloße Arbeitsruhe und Aushalten führen zu können. Der Kampf dauerte fünf Tage, und am fünften Tage wurde zum Entsetzen der Arbeiterschaft durch die Zentrale die Parole ausgegeben, den Streik abzubrechen. Hier ist wiederum ein Verrat gegen die Arbeitersache zu verzeichnen. Das Komitee, das zum Teil aus Funktionären zusammengesetzt war, zeigte sich dieser Situation nicht gewachsen, und der Abbruch dieses Kampfes wurde damit begründet, daß, wenn wir weiter streikten, der blutige Bürgerkrieg zur Tatsache werde. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen. Die Niederlage hatte auch Aussperrungen zur Folge, der Kampf war verloren.

Durch diesen Kampf, der die größten Anforderungen an den Mut der Arbeiter gestellt hat — denn das Militär war sehr gut ausgerüstet und zirka 40 000 Mann stark aufgeboten —, wurde die Einsicht in die zukünftigen Kampfbedingungen gewaltig gefördert. Nachdem der Kampf abgebrochen und die Besprechung der Lage eingetreten war, kamen die Arbeiter zur Erkenntnis: kommende Kämpfe konnten nicht mehr dieselbe Form haben, sondern würden blutige Aufstände sein.

Eine furchtbare Reaktion schloß sich an die Niederlage an. Fast alle führenden Genossen wurden dem Gericht unterstellt und harren der Verurteilung. Hunderte von Eisenbahnern werden ebenfalls diesen Kriegsuntersuchungsbehörden unterstellt werden, weil sie sich weigerten, Dienst zu tun.

Der sich an diese Aktion anschließende wichtige Akt ist die Ausweisung der russischen Gesandtschaft aus der Schweiz. Ich darf sagen, daß gerade die Gerüchte, daß die russische Gesandtschaft aus der Schweiz ausgewiesen werde, dazu beigetragen haben, in den Arbeitern hellen Zorn zu entfachen. Später hat man den Kampf mit verschiedenen Forderungen verbunden. Wir haben bekundet, daß der Kampf geführt wurde, weil man gegen die Sowjetregierung Schritte unternehmen wolle, die wir als Provokation empfanden. Für uns war die Ausweisung doppelt schmerzhaft, denn die russische Gesandtschaft hat durch eine spezielle Abteilung uns in der Uebermittlung von Nachrichten aus Rußland gewaltige Dienste geleistet, durch die wir die Lügengerüchte, die die Bourgeoisie verbreitete, widerlegen konnten.

Sobald wir uns wieder sammeln konnten, gingen wir daran, einige neue Arbeiten in Druck zu geben und das ausgezeichnete Material nach Möglichkeit weiter zu verbreiten. Wir haben unter den Massen die Werke Lenins und Trotzkis verbreitet, was nicht nur zur Hebung des revolutionären Geistes der Arbeiter beitrug, sondern ihnen die Möglichkeit eines tiefen Einblicks in die proletarische Bewegung in Rußland und in alle Formen der proletarischen Diktatur gewährte. In letzter Zeit ist unsere eigene Propaganda auch umfassender geworden. Wir haben uns bemüht, durch Flugschriften, Broschüren und Versammlungen an der Revolutionierung des Proletariats zu arbeiten und ihm klare Ziele vor die Augen zu stellen. Besonders einer Gruppe gedenke ich, mit der wir in gewissen Fragen Differenzen hatten. Dieser Gruppe verdanken wir aufklärende Arbeit unter dem Militär. Wir werden uns ernstlich mit der Frage befassen müssen, wie wir die Kräfte unserer Gruppen zu gemeinsamer Arbeit sammeln können. Das wird dann möglich sein, wenn eine klare Entscheidung in der Partei gefallen ist. Einen wichtigen Umstand muß ich noch erwähnen. Wir müssen unbedingt im Auge behalten, einer mächtigen Waffe — der Presse — bei dem Kampfe nicht verlustig zu gehen. Wir haben nichts für uns zu befürchten, wenn wir es vermögen, uns die Presse sorgfältig und einwandfrei zu sichern.

Der Parteitag, der dem Arbeiterkongreß voranging, war ein Ueberrumpelungsparteitag. Meine Person spielte dort eine Rolle, insofern ich als Sekretär der Partei imstande war, mein Mandat in die Wagschale zu werfen. Auf dieser Tagung ist von der Rechten ein Vorstoß gemacht worden. Mit Hilfe des Zentrums ist es ihr möglich geworden, ihren Wohnort von Zürich nach Bern zu verlegen. Ich erklärte, einem Versuch, die in den Händen der Radikalen liegende Geschäftsleitung von Zürich in die Hände der Berner Genossen zu spielen, Opposition machen zu müssen. Bern als Wohnort war gleichbedeutend mit Zentrumspolitik. Auf diesem Parteitag hat Gen. Grimm sich herbeigelassen, sich in die Leitung wählen zu lassen. Als Präsident wurde Grimm nicht gewählt, aber unter der Präsidialleitung eines Sozialpatrioten war der ehemalige Zimmerwalder Präsident bereit zu arbeiten. Wie stolz dieser Präsident im Parlament erklärte: „Ich bin nicht Bolschewik, nicht einmal Zimmerwalder.“!

Diesen ausgesprochenen Opportunisten auf den Stuhl des Präsidenten zu setzen, haben die Genossen geholfen, und damit haben sie an unserem Flügel eine niederträchtige Tat begangen und dazu beigetragen, sich bei den Massen zu diskreditieren. Die Wohnortsverlegung hat nicht die Bedeutung erlangt, die man erwartete, weil ein kommender Parteitag den Präsidenten zum Sturz brachte und den Beweis erbrachte, daß zwei Drittel der Genossen auf seiten der äußersten Linken standen.

Die Frage der Beschickung der internationalen sozialpatriotischen Konferenz in Bern wurde verneinend entschieden. Ein anschauliches Bild gibt das Resultat der Abstimmung: 198 Stimmen für, 154 Stimmen gegen eine Resolution, die ich einbrachte, und die sich gegen die Beschickung der Konferenz aussprach. Unsere Solidarität mit den russischen Parteigenossen wurde ausgedrückt. Gegen uns stimmten alle vom Zentrum und von der Rechten, aber auch in der endgültigen Abstimmung blieben wir in der Mehrheit, und dieser Beschluß hat in dem Lande, in dem die Sozialpatrioten zu tagen beliebten, gewaltiges Aufsehen erregt.

Gen. Lenin: Das Wort hat der Vertreter Rußlands, Genosse Sinowjew.

Gen. Sinowjew (Rußland): Genossen! Sie werden verstehen, daß ich nur einiges herausgreifen kann aus der Fülle des mir zur Verfügung stehenden Materials. Wir sind jetzt zum erstenmal in der Lage, auf russischem Boden eine internationale Konferenz abzuhalten und den Genossen eine Unmenge Material über unsere Bewegung vorzulegen. Wir sind nicht mehr wie ehemals gezwungen, als Emigranten aufzutreten und nur Abklänge der russischen Arbeiterbewegung darzulegen. Vieles, was Genosse Albert aus Deutschland erzählt hat, könnten wir Ihnen mit anderen Worten über unsere Vergangenheit erzählen. Es erinnert uns an das, was wir während der Kerenskiperiode hier hatten, was wir in Rußland ungefähr im August 1917 durchlebt haben.

Unsere Partei war, wie Sie wissen, die einzige, die die proletarische Revolution in Rußland proklamiert hat. Alle anderen Parteien waren gegen die Oktoberrevolution, und es war klar, daß die kommunistische Vorhut des russischen Proletariats ohne jede Hilfe, vielmehr unter vielen Hindernissen, die ganze Last des Kampfes auf sich laden mußte.

Unsere Partei war vor der Oktoberrevolution ungefähr 10 000 Mitglieder stark. Jetzt, wo wir vor dem 8. ordentlichen Parteitage der Kommunistenpartei stehen, zählen wir in Rußland ungefähr 500.000 Mitglieder. Es ist vielleicht nicht viel, aber Sie müssen begreifen, daß wir nicht so ohne weiteres allen Elementen, die jetzt in unsere Partei eintreten wollen, Tür und Tor öffnen. Selbstverständlich kommen ja zu uns die besten Elemente der Arbeiterklasse, die besten Elemente der Arbeiterjugend, und diese Elemente sind uns willkommen. Aber da unsere Partei am Staatsruder steht, so ist es begreiflich, daß auch ziemlich viel Karrieristen, zweifelhafte kleinbürgerliche Elemente, Aufnahme in unsere Partei suchen. Doch unsere Partei hat fest und bestimmt den Beschluß gefaßt, diesen Elementen Hindernisse in den Weg zu stellen. Unser Zentralkomitee hat sogar beschlossen, einigen Kategorien der Parteimitglieder das Wahlrecht zum Parteitage zu nehmen. Es ist zwar außergewöhnlich, daß wir auch innerhalb der Partei zu einer Einschränkung des Wahlrechts greifen mußten, aber ich wiederhole, die ganze Partei hat es gebilligt, weil wir wollen, daß sie aus einem Guß besteht, daß nur wirkliche Kommunisten bei uns Aufnahme finden. Es handelt sich nur um die 500 000 Mitglieder, die die ganze Staatsmaschine von oben bis unten in ihren Händen haben.

Den Kern der Partei bilden die Arbeiter. Die Intellektuellen sind sehr knapp in unseren Reihen. Nur während der letzten Zeit kann eine Wendung konstatiert werden. Eine Anzahl Intellektueller ist jetzt bereit, mit uns in den Sowjeteinrichtungen zu arbeiten; aber die Aufnahme in die Partei geht nicht so leicht vor sich.

Die zweite Form unserer Arbeiterorganisation sind die Gewerkschaften. Die Gewerkschaften haben bei uns eine andere Entwicklung durchgemacht als in Deutschland. Sie haben während der Jahre 1904—1905 eine große revolutionäre Rolle gespielt, und sie gehen parallel mit uns in unserem Kampf für den Sozialismus. Die Gewerkschaften Rußlands zählen jetzt 3,5 Millionen Mitglieder. Der letzte Gewerkschaftskongreß hat diese Ziffer aufgewiesen. Die größte Mehrheit der Mitglieder vertritt den Standpunkt unserer Partei, und alle Beschlüsse werden nur im Geiste unserer Partei gefaßt. Es ist eine ganz kleine Minderheit in den Gewerkschaften, die für die Neutralität, für die „Unabhängigkeit“ der Gewerkschaften plädiert. Die Mehrheit steht auf dem Standpunkte, daß sie Hand in Hand mit den Kommunisten arbeiten müsse. Es ist eine ziemlich große Strömung, die die Verstaatlichung der Gewerkschaften fordert, d. h., daß die Gewerkschaften sich formell als Teil der Sowjetregierung fühlen sollen. In der Tat wirken die Gewerkschaften als ein Teil unserer Staatsmaschine. In der Frage der Lohntarife ist formell die Sache so, daß die Beschlüsse durch den Rat der Volkskommissare gefaßt werden, aber die Gewerkschaften sagen dabei das entscheidende Wort. Ebenso ist es in allen anderen Fragen der Versicherung der Arbeiter und vielen Fragen des Lebens der Arbeiter.

Die dritte Form der Organisationen sind die Konsumgenossenschaften. Wir haben jetzt 25 tausend Konsumgenossenschaften; in der Stadt — 2 Millionen Mitglieder der Arbeiterkonsumgenossenschaften, auf dem Lande — 10 Millionen Mitglieder der ländlichen Konsumgenossenschaften. Wenn man die Familienmitglieder hinzuzählt, sind in diesen Organisationen ungefähr 50 Millionen Personen organisiert.

Die Hauptorganisationen sind aber, wie alle wissen, unsere Sowjeteinrichtungen. Es ist ziemlich schwierig zu sagen, wieviel Personen — Arbeiter und Bauern — in den Sowjeteinrichtungen organisiert sind. Das eine kann man sagen: nachdem wir unsere Sowjetkonstitution verfaßt hatten, sahen wir, daß allmählich das Wahlrecht sogar auf einen Teil der mittleren Schichten ausgedehnt werden konnte. So haben z. B. die Wahlen in den Arbeiterrat von Petrograd ein solches Bild gezeigt. In Petrograd gibt es ungefähr 650 000 Wahlberechtigte. Mehr als zwei Drittel nahmen an den Wahlen teil, und mehr als neun Zehntel der Bevölkerung haben das Wahlrecht. Ich glaube, das Bild von Petrograd ist ziemlich typisch für alle unsere Städte, und ich glaube, man kann sagen, daß mehr als 100 Millionen der Bevölkerung in unserer Sowjetrepublik das Wahlrecht haben und ausüben.

Selbstverständlich tragen in den Sowjeteinrichtungen die einfachen Arbeiter die ganze Last der Arbeit. Dieser Umstand ist jetzt auch für die Genossen in anderen Ländern wichtig. Auch uns hat man eingeschüchtert, und selbst die Arbeiter glaubten, daß wir mit eigenen Kräften eine so komplizierte Arbeit nicht leisten könnten. Auch heute macht man noch viele Fehler, aber die Arbeiterschaft Rußlands, die selbstverständlich nicht die intelligenteste der ganzen Welt ist, hat gezeigt, daß sie, wenn sie die politische Macht in Händen hat, wenn sie eine organisierte Partei zur Führerin hat, diese komplizierten Aufgaben lösen kann.

Unsere Partei war bis zur letzten Zeit in der Hauptsache eine Partei des städtischen Proletariats. Das ist begreiflich, denn unsere ersten Mitglieder stammten aus den Fabriken, unsere Organisation ist in den Arbeitervierteln geboren. Jetzt wird unsere Partei zur Partei der arbeitenden Volksmassen in Stadt und Land. Wir arbeiten auf dem Lande nicht so lange und vielleicht nicht so energisch wie in der Stadt. Aber wir können sagen, daß ein Jahr der Arbeit auf dem Lande unserer Kommunistischen Partei zahlreiche neue Kräfte zugeführt hat, und daß wir dort allen anderen Parteien verdrängt haben. Die Popularität der Kommunistischen Partei auf dem Lande ist groß und wächst mit jedem Tage. Die Bauernjugend, die früheren Soldaten, die Arbeiter aus den Städten, hauptsächlich die Arbeiter aus Petrograd und Moskau, haben auf dem Lande eine große Arbeit geleistet, besonders die Arbeiter Petrograds. Von Petrograd sind während des letzten Jahres 280 000 Arbeiter ausgewandert — an die Fronten und aufs Land. Selbstverständlich war es ein großes Unglück für Petrograd, aber ein Glück für unsere Revolution, daß die besten Garden der russischen Arbeiter auswanderten und ihre fruchtbare Arbeit auf dem Lande fortsetzten. Die kommunistische Revolution hat während der letzten Monate das Land erreicht. Jetzt erlebt der ärmste Bauer Rußlands seine Oktoberrevolution, und aus dieser Quelle werden wir viele Kräfte für die kommunistische Revolution schöpfen.

Unsere Partei und unser Proletariat waren die ersten, die die Staatspropaganda des Kommunismus ausführen konnten. Und wir haben das ausgenutzt. Wir stehen erst am Anfang der Arbeit. Vieles ist getan, aber vieles soll noch getan werden. Unsere Partei zählt 35 Parteizeitungen. Es erscheinen in Rußland mehr als 100 Sowjetzeitungen, die Zeitungen für die Bauern und Soldaten sind — das ist die wirkliche Preßfreiheit. Wenn wir jetzt in kleinen Ortschaften ganz einfach Zeitungen für Bauern herausgeben können, die zum größten Teil auch von Bauern geschrieben werden, so ist das die beste Preßfreiheit, die die Arbeiterklasse braucht. Die Auflagen unserer Zeitungen sind ziemlich groß: die „Iswestija“, das Zentralorgan der Sowjetregierung, hat eine Auflage von 400 000 Exemplaren, die „Kraßnaja Gaseta“ in Petrograd hat eine Auflage von 280 000, und nur aus Mangel an Papier wird sie nicht vergrößert. Das Zentralorgan unserer Partei „Prawda“ hat eine Auflage von 150 000, könnte auch mehr haben. Wir haben viele proletarische und Bauernuniversitäten gegründet, die mit großem Erfolg arbeiten, die dem Lande eine Menge Kulturkräfte zuführen, die für den Kommunismus auf dem Lande arbeiten. Unsere Sowjets der großen Städte haben alle große Bücherverlage organisiert. Der Verlag des Petrograder Sowjets z. B. hat im letzten Jahre 11,5 Millionen Broschüren und Bücher herausgegeben; in Moskau hat unser Zentralverlag noch viel mehr herausgegeben. In dieser Beziehung kommt das Kommissariat für Volksaufklärung in erster Linie in Betracht. Dieses Kommissariat betreibt nun teilweise auch kommunistische Propaganda, und unsere Partei fordert jetzt, daß es seine Arbeit von unten bis oben auf kommunistischem Boden organisiere. Hier nur einige Ziffern: während des Jahres 1917 betrugen die Ausgaben des Ministeriums für Volksaufklärung 300 000 000 Rubel, während des Jahres 1918 — 3 Milliarden, und für das erste halbe Jahr 1919 sind 4 Milliarden vorgesehen. Sie sehen daraus, welche Arbeit dieses Kommissariat ausführen muß. Sie haben auch in der bürgerlichen Presse Deutschlands und Frankreichs verfolgen können, daß sogar manche bürgerliche Autoritäten anerkennen müssen, daß die Sowjetregierung auf diesem Gebiet eine erstaunliche Arbeit geleistet hat.

Es ist im Auslande von unseren wirtschaftlichen Zuständen viel geredet worden. Kautsky sprach von einem Armutssozialismus in Rußland. Das Land ist wirklich arm: wir haben das Land in einem solchen Zustand übernommen, daß es aus allen Poren blutete, daß wir wirklich in einer schwierigen Lage waren und auch jetzt noch sind. Aber während eines Jahres haben wir doch etwas erreicht, wir haben die Wirtschaftsorganisationen in unseren Händen, wir haben einen mehr oder weniger gut arbeitenden Apparat, der, obgleich er vervollkommnet werden muß, doch wenigstens arbeitet. Für den höheren Volkswirtschaftsrat und für andere ökonomische Organisationen sind für das nächste Jahr 10 Milliarden Rubel zu verausgaben. Sie sehen aus dieser Ziffer, wie groß die Arbeit und wieviel zu tun ist.

Wir haben in der Wohnungsfrage wohl noch nicht alles erreicht, aber doch ziemlich wichtige erste Schritte gemacht. In den großen Städten, besonders in Petrograd und in Moskau, und auch in einer Anzahl anderer Städte ist die Wohnungsfrage auf dem Wege zur Lösung. Die Arbeiterschaft, die Kerntruppe des Proletariats, fühlt, daß wir in dieser Frage, in der wir sofort, wenn auch nicht erschöpfende, aber doch viele Besserungen erreichen konnten, das getan haben, was wir tun konnten. Wir haben die bürgerlichen Wohnungen expropriiert, wir haben sie verteilt, wir haben die nötigsten Möbel konfisziert und unter die Arbeiterschaft verteilt. Ganze Straßen, die früher bürgerliche Stadtviertel bildeten, sind jetzt proletarisch-kommunistische Arbeiterviertel, weil sich dort Arbeiter-Kommunisten angesiedelt haben, Arbeiter ganzer Fabriken usw.

Ich werde nicht viel über die Rote Armee sprechen, das ist ein Thema für sich. Hierüber könnten berufenere Genossen, vielleicht Genosse Trotzki, einige Worte sagen.

Wir haben es auch als unsere höchste Ehrenpflicht betrachtet, der Arbeiterbewegung anderer Länder möglichst viel materiell behilflich zu sein. Und nicht umsonst wütet die Bourgeoisie aller Länder gegen uns. Wir haben in dieser Beziehung unsere Pflicht getan und werden es auch weiter als unsere Pflicht betrachten, jeder Arbeiterbewegung, die auf kommunistischem Boden steht, behilflich zu sein.

Niemals war unsere Partei so einheitlich wie jetzt, wo sie vor ihrem achten Parteitage steht. Wir haben am Anfang der Revolution Absplitterungen gehabt, wir hatten besonders heiße Diskussionen während des Brester Friedens. Und das Hauptargument war damals, daß, wenn wir den Brester Frieden schließen, wir vielleicht damit die internationale Position der deutschen Genossen schwächen. Auch für uns war dieses Argument die Hauptsache. Wir fürchteten mehr als alles andere, durch einen Irrtum die Lage der Arbeiter in Deutschland oder in den anderen Ländern zu erschweren. Glücklicherweise war das nicht der Fall. Die Arbeiterklasse aller Länder hat uns verstanden. Wir haben durch unsere Schritte, wie ich hoffe, die Position der Arbeiterklasse nicht erschwert, sondern erleichtert. Und sollten wir jetzt nochmals vor eine ähnliche Frage gestellt werden, z. B. Friedensschluß mit der Entente, so glaube ich, wird unsere Partei in diesem Falle ganz einheitlich die Entscheidung des Zentralkomitees und der Sowjetregierung billigen. Und die französischen, englischen und amerikanischen Arbeiter werden uns verstehen und werden sich mit uns vollkommen solidarisieren.

Man kann sagen, unsere Arbeiterschaft lechzt nach internationalen Verbindungen. Das war auch früher so; im Anfang der Revolution, als die Menschewiki am Ruder standen, waren die Arbeiter von Moskau und Petrograd froh, sogar solche Männer zu sehen, wie die Herren Albert Thomas, Henderson usw. Als sie nach Petrograd kamen, um mit den Herren Zeretelli, Kerenski u. a. zu fraternisieren, hat unsere Arbeiterschaft sie anfangs ernst genommen. Jetzt hat unsere Arbeiterschaft erfaßt, daß das nur Scheinsozialisten sind, und der einfachste Arbeiter Petrograds und Moskaus kennt ganz genau die drei Hauptrichtungen, die wir innerhalb der internationalen Bewegung haben.

Nun einige Worte über den sogenannten roten Terror. Ich weiß aus den Erzählungen unserer Parteifreunde aus dem Auslande, daß dieser dort den Hauptgegenstand im Streit gegen uns bildet, und daß sogar einige Freunde sich manchmal in dieser Beziehung nicht voll und ganz mit uns solidarisch fühlten. Nach dem, was wir in Deutschland erlebt haben, nachdem wir gesehen haben, daß der Bürgerkrieg dort viel schärfere Formen als bei uns annimmt, nachdem wir den Mord an Liebknecht und Rosa Luxemburg erlebt haben, glaube ich, daß jetzt auch unsere Freunde, die zu lange in friedlicher Umgebung gelebt haben und nicht alles verstehen, was hier vorging, verstehen werden, warum wir zu der scharfen Waffe des roten Terrors greifen mußten. Und ein unparteiischer sozialistischer Geschichtsschreiber wird uns nicht tadeln dafür, daß wir viel zu viel Terror geübt haben, sondern dafür, daß wir manchmal viel zu großmütig gewesen sind. Es ist Tatsache, daß fast alle Minister der Regierung Kerenskis von uns in Freiheit gesetzt worden sind. Viele sind geflüchtet und führen jetzt den Kampf gegen uns. Konowalow, Maklakow, alle Herren, die jetzt von Paris aus gegen uns kämpfen, waren in unseren Händen. Wir haben sie befreit, der frühere Kriegsminister, General Werchowski, der früher gegen uns war, ist von uns befreit worden und hat uns in den letzten Tagen seine Dienste angeboten, und sogar Alexinski, der im Juli 1917 der Hauptregisseur der ganzen Dreyfußaffäre gegen die Genossen Lenin, Trotzki, Sinowjew u. a. war, ist von dem Moskauer Sowjet befreit worden und arbeitet jetzt in Moskau. Wenn Sie die näheren Umstände genau kennen lernen, so werden Sie finden, daß der rote Terror, zu dem unsere Partei griff, eine historische Notwendigkeit war.

Sie wissen alle, daß diejenigen Parteien, die sich sozialistisch nannten, gegen uns auftraten und den Kampf gegen uns führten, alle Bankrott erlitten haben und zu verschwindender Minderheit geworden sind. Die rechten Sozialrevolutionäre (Präsidium der Konstituante) haben vor unserer Partei kapituliert. Ich habe Ihnen den Ausgang der letzten Wahlen in Petrograd zitiert. Von 1500 Mitgliedern haben wir 8 linksstehende Sozialrevolutionäre, 5 oder 6 rechtsstehende, ungefähr 10 Menschewiki, der ganze übrige Teil sind Kommunisten oder Kandidaten zum Eintritt in die Kommunistische Partei und arbeiten auf der Plattform derselben. Die Wahlen waren zum großen Teil geheim, und keine Macht der Welt hätte z. B. die Arbeiter der Putilowwerke verhindern können, wenn sie es gewollt hätten, bei geheimer Wahl Mitglieder anderer Parteien zu wählen. Das war aber nicht der Fall.

Es gibt manche Unzufriedene innerhalb der Arbeiterschaft, weil die Lebensmittelnot, speziell die Brotnot, zu groß ist, aber wenn es zu den Wahlen kommt und es gilt, ihr Vertrauen auszudrücken, dann ist es immer der Kern der Arbeiterschaft, die große Mehrheit, die ihr Vertrauen ganz und gar unserer Partei schenkt. Das ist das beste Zeugnis, daß wir unsere Pflicht und Schuldigkeit in Rußland trotz der großen Schwierigkeiten erfüllt haben. Wir haben uns bemüht und von Anfang an uns die Aufgabe gestellt, die ganze Arbeit der Pariser Kommune zu erfassen, das was die Pariser Arbeiter 1871 der ganzen Welt gezeigt haben, zu verstehen, bei neuen Bedingungen weiterzuführen. Selbstverständlich müssen wir einen ziemlich großen Teil unserer Arbeit auf das Konto früherer Vorkämpfer der Arbeiterklasse Frankreichs setzen. Genossen, wir stehen jetzt vielleicht schon am Scheidewege, wir können hier etwas leichter aufatmen, wir meinen, daß jetzt viele Chancen vorhanden sind, daß die Bourgeoisie der Entente nicht gegen uns auftreten wird und auftreten kann. Die Aeußerung von Lloyd George den bürgerlichen Parteien gegenüber, daß, wenn sie wüßten, welcher Massen von Soldaten es jetzt bedürfe, um Rußland niederzuringen, sie wahrscheinlich den Krieg nicht so mutig gefordert hätten, ist ein Beweis dafür. Diese Ziffer, flüstert er ihnen ins Ohr, beträgt eine Million oder noch mehr. Man kann nicht leicht so viel Weißgardisten finden, und mit Arbeitern wird es schwierig sein, gegen unsere Partei aufzutreten. Es gab eine Zeit, in der wir von Feinden umzingelt waren, die Kerntruppen der Kommunisten Rußlands fühlten aber, daß der größte Teil der Arbeiter aller Länder mit uns sein wird. Und jetzt haben wir schon erlebt, daß die besten Elemente der Arbeiterschaft aller Länder es für eine Ehre halten, sich als Kommunisten weiter zu organisieren und den Weg weiterzugehen, den wir beschritten haben.

Genossen! Wir bauen alle unsere Arbeit auf die Erfahrung auf, welche die heroische Pariser Kommune 1871 uns vermacht hat. Unser großer Meister Karl Marx hat uns die Kommune lieben gelehrt. Das Vermächtnis der Pariser Kommune ist uns heilig. Ihr Vermächtnis weiter auszubauen und zum Sieg der internationalen Arbeiterklasse über die Bourgeoisie beizutragen — darin sehen wir unseren größten Stolz.

Gen. Platten stellt den Antrag, die Sitzung auf dreiviertel Stunden zu unterbrechen (angenommen).

Nach Wiederaufnahme der Sitzung erteilt Gen. Lenin dem Vertreter Finnlands, Gen. Sirola, das Wort zum Bericht über Finnland.

Gen. Sirola (Finnland). Genossen! Ein Jahr ist verflossen, seitdem das finnische Proletariat im Kampf auf Leben und Tod mit den Schlächterbanden der Bourgeoisie rang. Mutig erhob es sich, um seine Freiheit und sein Leben zu verteidigen und den reaktionären Angriff der Weißgardisten zurückzuschlagen. Trotzdem es politisch wie militärisch für einen derartigen Kampf ungenügend vorbereitet war, hat es drei Monate an den Fronten standgehalten und in dieser Zeit eine Menge von sozialer und wirtschaftlicher organisierender Arbeit hinter den Fronten geleistet. Diese erste Revolution des finnischen Proletariats wurde niedergeschlagen. Die Opferwilligkeit und der Mut der Genossen und Genossinnen in der roten Garde und die unschätzbare Hilfe unserer russischen Genossen reichte nicht aus, um den Ansturm der internationalen Horden der von finnischen, schwedischen, deutschen und russischen Offizieren geführten Weißgardisten abzuwehren. Ende April, als der deutsche Imperialismus seine regulären Truppen als entscheidenden Faktor in die Wagschale warf, gelang es den Weißen, die geplante Evakuation der besten lebenden Kräfte der Revolution nach Rußland zum Scheitern zu bringen. Der barbarische Rachedurst der weißen Bluthunde ist weltbekannt. Monatelang wüteten die „Schlächter“ gegen das Proletariat — Männer, Frauen und Kinder. Zusammen mit finnischen Proletariern wurden Hunderte von russischen Genossen und Instrukteuren der roten Garde niedergeschossen. Nach Mitteilungen, welche neulich in finnischen Zeitungen veröffentlicht wurden, war die Gesamtzahl der Ermorderten über 13 000, und immer noch kommen Ergänzungsnotizen, die erzählen, daß in dieser oder jener Gemeinde 100 bis 300 und mehr Proletarier hingerichtet sind. Dazu kommen die 15 500, die in den Konzentrationslagern vor Hunger, Krankheit und Elend umkamen.

Diese blutigen Tatsachen, welche keineswegs zu hoch berechnet sind, sollen eine Warnung sein für alle Arbeiter, die von einer friedlichen Zusammenarbeit mit der Bourgeoisie auf dem Boden der Demokratie träumen. Wir hoffen, daß die Genossen der dritten Internationale die Erfahrungen des finnischen Proletariats den Arbeitern ihrer Länder einprägen werden. Diese Erfahrungen sind kurz gefaßt. Das Proletariat soll möglichst bald seine prinzipielle Stellung präzisieren und nicht zögern, sich von allen Elementen und Gruppen zu trennen, welche sich entweder schon als Verräter der Arbeiter gezeigt haben, oder dieselben im entscheidenden Moment im Stich lassen. Demokratie oder Diktatur — diese Frage soll nicht vertuscht werden, und die vorhandene revolutionäre Situation soll klar zu Tage treten. Das Proletariat soll dem Feinde nicht Gelegenheit geben, die Initiative zu ergreifen, sondern es soll in einer so gut wie möglich selbstgewählten Stunde zum Angriff übergehen und den Machtapparat der Bourgeoisie, die Staatsmaschine, zertrümmern.

Allzulange Zeit waren auch wir erfüllt von der Ideologie einer „einheitlichen“ Arbeiterbewegung. Erst nach der Revolution wurde der Bruch unumgänglich. Die Linien trennten sich scharf. In Finnland hat der äußerste rechte Flügel der alten Sozialdemokratie von der bürgerlichen Diktatur die Organisations- und Preß-„freiheit“ bekommen mit dem klar ausgedrückten Ziel, die Arbeiter zu beruhigen. Diese Verräter haben auch ihr Bestes getan, um die vorjährige Revolution des finnischen Proletariats niederzuringen und für eine friedliche, parlamentarisch-gewerkschaftliche und genossenschaftliche Arbeiterbewegung Propaganda zu machen. Sie haben in einigen kleinbürgerlichen Kreisen Gehör gefunden und werden bei den politischen Wahlen heute und morgen eine Anzahl Stimmen erhalten. Aber den Massen, die mit Kerker, Hunger und Elend gequält sind — mit frischen Erinnerungen an den weißen Terror und mit dem lebendigen Beispiel der proletarischen Diktatur in Rußland vor Augen — sind die Mahnungen dieser Lakaien der Bourgeoisie fremd. Mit diesen Genossen der Scheidemänner und Branting, welche in Bern jetzt mit allen Sozialverrätern der Welt fraternisieren, hat das revolutionäre Proletariat Finnlands nichts gemein, und dieses Proletariat ist jetzt revolutionärer denn je. Auch die bürgerlichen Blätter beweisen zur Genüge, daß das Proletariat Finnlands die Gründung der Kommunistischen Partei mit Freuden begrüßt. Dafür haben wir Beweise genug.

Die Finnische Kommunistische Partei wurde Ende August auf dem Kongreß in Moskau von Emigranten, welche im Exil leben, gegründet. Aber wir leben in einem Exil von ganz neuem Typus, in einem sozialistischen Lande. Wir, die wir radikal oder linksradikal waren, haben unsere kommunistische Ueberzeugung auf Grund der Betrachtungen unserer revolutionären Erfahrungen gewonnen, auf Grund unserer Bekanntschaft mit den theoretischen Arbeiten der russischen Genossen und besonders des lebendigen Beispiels der kommunistischen Organisationsarbeit hier auf russischem Boden. In einem offenen Brief, den unsere Partei an den Genossen Lenin richtete, haben wir unsere Berichte abgelegt und unsere Erfahrungen näher erklärt.

Von Petrograd aus, wo unser Zentralkomitee arbeitet, haben wir noch Agitation unter den in Rußland lebenden finnischen Arbeitern und Bauern betrieben. Etwa 25 kommunistische Organisationen sind gegründet, über 40 Broschüren herausgegeben, ein Tageblatt und zwei Zeitschriften — eine finnische und eine schwedische — in Rußland gegründet worden. Die Zusammenarbeit mit den russischen Genossen in der Partei, in Sowjeteinrichtungen und auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet ist organisiert. Wichtig ist natürlich die militärische Vorbereitung. Unsere Militärorganisation sorgt für die Fortentwicklung der finnischen Soldaten in der Roten Armee. Etwa 15 Uebersetzungen von Büchern fürs Militär sind erschienen.

In Finnland arbeitet eine ganze Anzahl von geheimen kommunistischen Organisationen, welche Literatur und Zeitungen verbreiten, Propaganda betreiben und trotz Kerker, Tortur und Tod die Vorbereitungsarbeit für den Aufstand leisten. Auf der Konferenz Ende Januar, der Vertreter aus Finnland beiwohnten, wurden einige Thesen über die nächsten Aufgaben der Revolution in Finnland angenommen.

Eine tiefe Ueberzeugung sagt uns, daß auch wir bald bei unseren treuen Genossen in Finnland im Kampf sein werden. Wir begründen diese unsere Ueberzeugung nicht nur auf unsere heißen Wünsche, sondern auf die Analyse der Situation in Finnland. Die Einwirkung des imperialistischen, überreifen, verfaulenden Kapitalismus ist auch im kleinen Finnland anschaulich. Die finnische Bourgeoisie hat ihre kleine Welt nach ihrem Bildnis geschaffen. Eine allgemeine Zersetzung und Demoralisation herrscht. Spekulation und Schwindel florieren. Fälle von Hungertod werden immer häufiger. Das Staatsbudget ist von 100 Millionen auf weit über eine Milliarde gestiegen, die Steuern und Staatsschulden dementsprechend. Das Bestechungssystem ist allgemein, die Kultur ist prostituiert. Das Militär mit seinem glänzenden Offizierselend und dem Hof des Diktators ist geschaffen. Die Reaktion herrscht überall. Als Beweise des allgemeinen Zerfalls mag der Separatismus der schwedisch Sprechenden in Aland und anderen Orten genannt werden, während die Patrioten in Eroberungsträumen schwelgen. Natürlich gehören zu diesem schönen Bild auch die Wirksamkeit der Gendarmerie, die Gewaltakte der bürgerlichen Garden, die Hetze nach Revolutionären, massenhafte Haussuchungen, Verhaftungen, Tortur nach dem Muster der spanischen Inquisition, Niederschießung der Gefangenen unter der Vorgabe des Fluchtverdachts und anderes.

Ein solches System kann sich nicht lange behaupten. Es fehlt nur der Anstoß, der die revolutionäre Spannung zum Explodieren bringt. Und dieser wird im Zusammenhang mit der Entwicklung der internationalen Lage kommen. Nach dem gründlichen Fiasko ihrer deutschen Abenteuer ist die finnländische Bourgeoisie natürlich ententefreundlich orientiert, und diese wartet auf Dienstleistungen von ihrem neuen Knecht im Kampf des Weltimperialismus gegen den Bolschewismus. Die Expedition nach Estland und die Organisierung der russischen gegenrevolutionären bewaffneten Gruppen in Finnland, welche bereit sind, auch gegen die Selbständigkeit Finnlands zu kämpfen, sind Zeugen dafür. Es ist klar, daß dieses Abenteuer mit einem Krach enden muß. Es wird das Signal zum Kampfe sein, und diesmal wird er nach dem praktischen Beispiel unserer treuen mutigen Vorgänger, der russischen Proletarier, zur Errichtung der eisernen Diktatur des Proletariats führen. Wir setzen unser Vertrauen in die Solidarität des Proletariats der Welt mit der internationalen Sowjetrepublik Rußland. Auch das finnländische Proletariat wird in dem Zeichen der Kommunistischen III. Internationale, des weltumfassenden Bundes der Räterepubliken des Proletariats, kämpfen.

Gen. Lenin: Das Wort hat der Vertreter Norwegens, Genosse Stange.

Gen. Stange (Norwegen): Die Norwegische Arbeiterpartei ist die einzige sozialistische Partei Norwegens und zählt darum unter ihren Mitgliedern heute Anhänger aller sozialistischen Richtungen. Die Norwegische Arbeiterpartei ist eine legale, parlamentarisch arbeitende Partei, die sich aber stets als eine revolutionäre sozialdemokratische Partei bekannt hat.

Im Winter 1916—17 hatten wir in Norwegen sehr große Lebensmittel- und Heizmaterialschwierigkeiten, und die Stimmung der Arbeiter war ganz revolutionär. Der Zentralvorstand der Partei und die Fachorganisationen erklärten, daß, wenn die Forderungen der Arbeiter nicht von der Regierung erfüllt würden, die Arbeiter schärfere Mittel gegen die Staatsmacht gebrauchen würden, und daß ein Kongreß der Partei und der Fachorganisationen sofort einberufen werden würde. Weder der Kongreß noch die schärferen Mittel wurden verwirklicht, worüber die Arbeiter recht empört waren.

Im Winter 1917—18 wurden die ersten Arbeiter- und Soldatenräte gebildet, und im Frühling 1918 hielten sie ihren Kongreß ab. Der Kongreß der Arbeiterräte erklärte in einer Proklamation, daß verschiedene Forderungen sofort von den Arbeiterräten durchgeführt werden sollten, u. a. der Achtstundentag, und daß die Räte die ganze Verwaltung Norwegens zu übernehmen beabsichtigten. Unterdessen hatten die verschiedenen Parteiorgane und Arbeitervereine sehr eifrig die Stellung der Partei diskutiert. Der Zentralvorstand und das Hauptorgan (Redakteur Vidnes) nahmen bestimmt Stellung gegen die Arbeiter- und Soldatenräte, gegen den Bolschewismus und gegen die revolutionären Tendenzen überhaupt. Sie wollten keine Diktatur des Proletariats, sondern eine weitere Entwicklung der Demokratie haben. Gegen sie kämpfte die große Mehrzahl der verschiedenen lokalen Parteiorgane.

Ostern 1918 hatte die revolutionäre Minderheit des Zentralverbandes dem Parteitage vorgeschlagen, die Partei solle sich zu einer revolutionären Partei erklären, einer Partei aber, die in erster Linie parlamentarisch arbeiten wolle und gleichzeitig die Arbeiter- und Soldatenräte mit Freuden begrüße. Dieser Vorschlag wurde mit 159 gegen 186 Stimmen vom Parteitag angenommen. Auch beschloß die Partei, die früher ein Mitglied der Internationale war, sich der Zimmerwaldinternationale anzuschließen. Da der rechte Flügel nicht in den Zentralvorstand eintreten wollte, wurde der ganze Vorstand mit Mitgliedern des linken Flügels besetzt. Das Hauptorgan „Sozialdemokraten“ hat unter der neuen Leitung für den russischen Bolschewismus, den Spartakusbund und die übrigen linken sozialdemokratischen Parteien bestimmt Partei genommen.

Wie man sehen kann, ist die Partei eine legale und parlamentarische Partei, die gleichzeitig auch revolutionäre Kampfmittel gebrauchen will. Sie hat sich nicht gegen den demokratischen Parlamentarismus und für die Räteverfassung erklärt, wenn sie auch die Arbeiter- und Soldatenräte als revolutionäre Kampforgane anerkannt hat. Die Verfassungsfrage wird aber mit großem Interesse in allen Zeitungen und Arbeitervereinen diskutiert. Die Fachorganisationen waren früher vollständig in den Händen des rechten Flügels, und alle wichtigeren Vorschläge der sogenannten „Fachopposition“ wurden von dem Fachkongreß Herbst 1917 mit großer Majorität abgelehnt. Doch hat sich die Stimmung auch in den Fachvereinen sehr geändert, und 1918 sind die großen Verbände „Arbeitsmannsbund“ (Gruben- und Bauarbeiter) usw. und der „Eisen- und Metallarbeiterverband“ zu dem linken Flügel übergegangen.

Nach der deutschen Revolution wurde auch die revolutionäre Stimmung der norwegischen Arbeiter gestärkt. Die beiden Flügel der Partei konnten dann zu gemeinsamer revolutionärer Arbeit zusammentreten. Die Zentralvorstände der Partei und der Fachorganisationen sind jetzt damit einverstanden:

  1. für die Durchführung des sozialdemokratischen Programms mit allen Mitteln zu arbeiten,
  2. die Bildung der Arbeiterräte vorzubereiten, sie aber noch nicht durchzuführen und
  3. die Soldatenräte als Agitationsorgane in der Armee sofort zu organisieren.

Wie man sieht, ist es für die Norwegische Arbeiterpartei eine Frage von größter Bedeutung, ob die Partei die demokratische Linie ganz verlassen und sich für die proletarische Diktatur durch eine Räteverfassung erklären soll. Ich bin persönlich davon überzeugt, daß die Entwicklung der Weltrevolution es mit sich bringen wird, daß die Partei in dieser Frage eine klare Stellung einnehmen wird.

Doch hatte der Parteivorstand noch keine Gelegenheit, in dieser Frage Stellung zu nehmen, ebensowenig wie er vor meiner Abreise aus Christiania die Einladung zu diesem Kongreß gesehen hat. Darum kann ich nicht ohne Beratung mit meinen Kollegen aus dem Zentralvorstand zu der neuen Kommunistischen Internationale Stellung nehmen. Ich will aber mit dem größten Interesse an der vorbereitenden Arbeit teilnehmen und der Norwegischen Arbeiterpartei die Resultate unserer Arbeit vorlegen. Ich hoffe, daß auch die Norwegische Arbeiterpartei, die sich bisher in revolutionärer Richtung entwickelt hat, imstande sein wird, zum Siege der internationalen Revolution tatkräftig beizutragen.

Gen. Lenin: Das Wort hat der Vertreter der Amerikanischen Sozialistischen Partei, Genosse Reinstein.

Reinstein (Amerika). Genossen! Ich bin leider nicht imstande, wie einige andere Genossen es hier getan haben, Ihnen frische Informationen über die Bewegung in Amerika zu geben, denn es sind schon bald zwei Jahre, seitdem ich Amerika verlassen habe und hier weile. Ich kann Ihnen in dieser Beziehung wenig Information über die neuesten Verhältnisse in den Vereinigten Staaten geben. Ich glaube aber behaupten zu können, daß die Bewegung in Amerika, besonders seit dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Weltkrieg, sich sehr rasch nach links entwickelt hat. Amerika galt auch vor diesem Kriege schon, und mit Recht, als das klassischste Land der bürgerlichen Demokratie einerseits und der finanziellen und industriellen Autokratie andererseits. In diesem Lande hat die Demokratie sich am reifsten und vollsten entwickelt. Ich bin sicher, daß ich nicht übertreibe, wenn ich behaupte, daß, was die objektiven Grundlagen für eine wirkliche sozialistische Umwälzung betrifft, Amerika das reifste Land ist. Ich will Ihnen hier noch ein paar Tatsachen anführen, und das wird Ihnen erklären, warum ich hier die Behauptung aufstelle, daß trotz des anscheinend zurückgebliebenen Zustandes der allgemeinen Arbeiterbewegung, was die Zahl der sozialistischen Stimmen betrifft, die Vereinigten Staaten von Amerika für die sozialistische Weltrevolution wenigstens gerade so reift sind, wie die Länder Europas, wenn nicht noch reifer. Erstens hat eine öffentliche Kommission, eingesetzt vom Präsident Wilson, aus Nichtsozialisten und Antisozialisten bestehend, die Tatsache festgestellt, daß die Verarmung des amerikanischen Volkes in den letzten paar Jahrzehnten so rasch vorgeschritten ist, daß von dem Bauerntum, den Farmern Amerikas, die noch vor kurzem unabhängig leben konnten, an die 37 Proz. schon kein eigenes Land mehr besaßen und nur als Pächter ihr Leben fristen konnten; daß von den anderen zwei Dritteln ca. die Hälfte, wenn sie auch nominell die Eigentümer ihrer Farmen waren, die Farmen mit Hypotheken von den Banken gelastet hatten. Kurzum, die Farmer, dieses Rückgrat des Mittelstandes, wurden sehr rasch in den letzten Jahren verelendet und ruiniert. Das gesamte Volk wurde so rasch proletarisiert, daß, wie eine andere Kommission feststellte, es in Amerika ein paar Jahre vor dem Kriege 32½ Millionen Männer, Frauen und Kinder im Alter von über 15 Jahren gab, die für ihren Lebensunterhalt auf ihr Gehalt oder ihren Lohn angewiesen waren. Wenn wir zu ihnen die kleinen Kinder hinzurechnen und die zu alten Bürger, die Abgenutzten — Leute über 40 Jahre gelten in vielen Industriezweigen Amerikas nicht mehr als gute Objekte der Ausbeutung —, dann werden Sie sehen, daß diese 32½ Millionen auf Lohn angewiesener Bevölkerung bis zwei Drittel der gesamten Bevölkerung des Landes repräsentieren. Das ist ein Bild der modernen sozialen Zustände in Amerika. Zur selben Zeit, in der dieser Prozeß der Proletarisierung der Massen vor sich ging, entwickelte sich auf der andern Seite ein Prozeß der Konzentration des Kapitals, wie wir seinesgleichen in keinem andern Lande beobachten können. Ein paar Jahre vor dem Kriege wurde von einem Nationalökonomen berichtet, daß die Kapitalien nicht der gesamten amerikanischen kapitalistischen Klasse, sondern nur die der Morganbank, wohl jetzt der größten Bank der Welt, an Aktien und Obligationen schon über 527 Millionen Dollar betrugen. Aber das war schon zu einer Zeit, wo der alte Morgan noch kein alter Mann war, im Jahre 1892. Seitdem hat dieses Kapital der Morganbank das Eigentum — Landeigentum, Industrie- und Handelseigentum — an sich gezogen, wie ein Schwamm, der Wasser aufsaugt, und im Jahre 1912 betrug die Summe der von der Morganbank kontrollierten Kapitalien nicht mehr 527 Millionen, sondern über 26 Milliarden Dollar.

Das ist der Grund, warum ich behaupte, daß Amerika das klassische Land einerseits der bürgerlichen Demokratie, andererseits der finanziellen und industriellen Autokratie ist. In Amerika hat sich dieser Prozeß der Anhäufung des Kapitals in den Händen von Wenigen so weit entwickelt, daß man, ohne zu übertreiben, wirklich behaupten kann, daß eine kleine Zahl von Milliardären imstande ist, Hunderttausenden, wenn nicht Millionen von Arbeitern nach ihrem Belieben Arbeit zu geben, oder sie verhungern zu lassen. Sie verfügen über das Leben von riesigen Armeen von Lohnarbeitern. Das sind die Tatsachen, auf die man die Behauptung stützen kann, daß Amerika, was die sozialen Verhältnisse betrifft, für die kapitalistische Herrschaft tatsächlich ein Pulverfaß repräsentiert, und man braucht kein zu großer Optimist zu sein, um zu behaupten, daß in Amerika sogar schon vor diesem Kriege irgend ein großer Streik, eine industrielle Krise und Arbeitslosigkeit eine soziale Explosion hervorrufen konnte. Nur muß man hier betonen, daß die amerikanische kapitalistische Klasse praktisch und schlau genug war, einen praktischen und tatkräftigen Blitzableiter für sich zu schaffen, und dieser bestand in der Entwicklung einer antisozialistischen großen gewerkschaftlichen Organisation unter der Führung von Gompers. Es ist nicht richtig, Gompers als den amerikanischen Scheidemann zu betrachten. Scheidemann ist wohl ein Sozialpatriot, er ist kein richtiger Sozialist, er hat aber doch in seiner Vergangenheit etwas für den Sozialismus getan. Gompers aber ist eher ein amerikanischer Subatow, er ist und war stets ein entschiedener Gegner der sozialistischen Anschauung und der sozialistischen Ziele, und doch gilt er als Repräsentant einer großen Arbeiterorganisation, der Amerikanischen Föderation der Arbeit, die auf der Harmonieduselei zwischen Kapital und Arbeit basiert und dafür sorgt, daß die Macht der Arbeiterschaft gelähmt und die letztere dadurch außerstande gesetzt wird, mit Erfolg gegen den Kapitalismus in Amerika zu kämpfen.

Der andere Blitzableiter, der wie Chloroform auf das Proletariat wirkte, bestand in dem opportunistischen Charakter der einflußreichsten Führer der Amerikanischen Sozialistischen Partei, die, wie ähnliche Führer auch in anderen Ländern getan, dafür gesorgt haben, daß die sozialistische Bewegung in Amerika in dem opportunistischen Fahrwasser blieb und nicht wirklich revolutionär-marxistisch geleitet wurde. Diese zwei Elemente waren imstande, im Lauf der letzten paar Jahrzehnte das Proletariat Amerikas daran zu hindern, sich zu einem wirklichen revolutionären Kampfe zusammenzuscharen. Glücklicherweise kann man jetzt, sich auf Tatsachen und die neueste Entwicklung innerhalb der sozialistischen und allgemeinen Arbeiterbewegung stützend, ruhig und mit Sicherheit behaupten, daß diese Blitzableiter des kapitalistischen Systems ziemlich rasch an Kraft und Wirkung verlieren. Trotz aller Bemühungen der antisozialistischen, unter dem Einfluß der Kapitalisten und der Geistlichkeit stehenden Führer der Gewerkschaften, gärte es in den letzten Jahren innerhalb der amerikanischen Gewerkschaften sehr stark. Eins der ermutigendsten Beispiele dieser Gärung und des Umschwunges nach links haben wir noch im Jahre 1916 erlebt. Damals haben vier der größten Eisenbahnarbeiterorganisationen, die des Lokomotivführer-, Heizer-, Kondukteur- und Zugbedienpersonals, die bis dahin in abgesonderten Arbeiterbrüderschaften organisiert waren und ihren Kampf nicht koordinieren wollten, beschlossen, gemeinschaftlich die Forderung des Achtstundentages für Eisenbahnarbeiter zu stellen. Sie haben noch einen weiteren Schritt getan; sie haben direkt und entschieden sich geweigert, ihren Kampf durch Vermittlung regeln zu lassen. Sie bestanden darauf, daß man ihnen in ihrer Forderung sofort nachgeben solle, sonst würden sie den Verkehr paralysieren. Sie haben die Regierung dadurch gezwungen, alles andere beiseite zu schieben, und im Laufe von einigen Tagen arbeitete der ganze Regierungsapparat in Washington Tag und Nacht, um diesen drohenden Streik zu verhindern. Unter dem Druck der vier Eisenbahnbrüderschaften war die Regierung gezwungen, den Achtstundentag für Eisenbahnarbeiter sofort zum Gesetz zu machen. Da zeigte es sich, wie schlau der ganze Regierungsapparat der bürgerlichen Demokratie in Amerika aufgebaut ist: Als der Achtstundentag zum Gesetz wurde, hat man es fertig gebracht, daß das oberste Gericht der Vereinigten Staaten darüber entscheiden sollte, ob dieses Gesetz konstitutionell sei oder nicht. Dieses Oberste Gericht gab das Urteil ab, daß das Gesetz wohl konstitutionell sei, aber es fügte hinzu, daß die Eisenbahnarbeiter in der Zukunft kein Recht mehr haben sollten, zu streiken und den Verkehr zu stören. Man hat ihnen also das Streikrecht weggenommen. Dieser Fall zeigt, wie in den kapitalistisch entwickelten Ländern die bürgerliche „Demokratie“ nicht nur illusorisch gemacht, sondern den Arbeitern direkt schädlich wird. Andererseits zeigte die entschiedene Kampfmethode dieser vier großen, bis jetzt sehr „bescheidenen und vernünftigen“ Eisenbahnarbeiterorganisationen, daß sogar innerhalb der konservativen Gewerkschaften eine frische Stimmung sich Bahn bricht und daß sie in ihren Kämpfen mehr und mehr zu revolutionären Waffen greifen. Was aber noch mangelt, ist eine praktische Reorganisierung der Arbeiterbewegung, der politischen wie der gewerkschaftlichen. Dieser praktischen Reorganisationsarbeit wurde Vorschub geleistet, als auch die amerikanische Regierung das Land in den Krieg stürzte. Der wachsende Einfluß verschiedener revolutionärer Sozialisten in Amerika ist wirklich sehr erfrischend. Schon zur Zeit, da der Krieg erklärt wurde, konnte man beobachten, daß er nicht populär war. Die Massen zeigten keinen Enthusiasmus für den Krieg. Die kapitalistische Presse hat wohl alles getan, um den Patriotismus aufzuwärmen, aber unter dem Proletariat in den Fabriken konnte man mit wenigen Ausnahmen keinen Enthusiasmus merken. In dem Maße, wie der Krieg unpopulärer wurde, haben auch viele der bis dahin sehr einflußreichen Gewerkschaften ihre Popularität eingebüßt. In den letzten 18 bis 20 Monaten konnte man in der amerikanischen sozialistischen Arbeiterbewegung eine ziemliche Wendung nach links merken. Die Organisationen unter dem Namen I. W. W., Industriearbeiter der Welt, die vor wenigen Jahren noch scharf auf dem anarcho-syndikalistischen Standpunkt standen und stark von den Anarchisten beeinflußt waren, wurden etwas vernünftiger, minder anarchistisch. Zur selben Zeit entwickelten sie einen energischen Kampf gegen den Krieg, gegen den Militarismus, gegen den Sozialpatriotismus und das kapitalistische Lohnsystem im allgemeinen. Auch bemerkte man einen Umschwung nach links innerhalb der Sozialistischen Partei, die noch vor 3 Jahren beinahe ganz von sozialpatriotischen oder von rein parlamentarischen Führern geleitet wurde. In dieser Partei konnte man zur Zeit des außerordentlichen Parteikongresses von 1917 in St. Louis zum ersten Mal sehr deutlich eine wirklich revolutionäre Stimmung beobachten. Sie war so revolutionär, daß viele von den früheren Führern entweder über Bord geworfen oder an die Wand gedrückt wurden und ihren Einfluß verloren. Führer vom Typus Hillquit mußten einen revolutionäreren Ton einschlagen, um ihren Einfluß nicht zu verlieren. Sie waren schlau genug, das einzusehen und entsprechend zu handeln. Viele andere haben es nicht getan und haben ausgespielt. Die Masse der wirklichen Parteiführer aus den unteren Schichten der Mitgliederschaft zeigte einen viel frischeren Geist und Charakter, wenigstens in bezug auf die Kriegsfrage, und diese Partei verharrte bis zur letzten Zeit auf diesem revolutionären Standpunkt. Innerhalb jener Partei entwickelten sich ganze organisierte Flügel. Debbs, einer der populärsten Agitatoren in Amerika, gewann auch mehr und mehr an Einfluß auf diese sozialistische Partei. Was die Sozialistische Arbeiterpartei betrifft, so stand sie vom ersten Tage des Krieges bis zum heutigen Tage mit voller Kraft auf dem Standpunkt der marxistischen Lehren in Programm und Taktik. In Amerika findet jetzt in den gewerkschaftlichen wie in den politischen Organisationen ein Prozeß statt, der uns berechtigt, zu erwarten, daß dort in der nächsten Zukunft eine Umgestaltung stattfindet, daß die verschiedenen revolutionären Elemente der sozialistischen Parteien sich endlich verschmelzen und Front machen gegen die Leute, die als Blitzableiter zum Schutze der kapitalistischen Demokratie gewirkt haben. Dann wird man behaupten können, daß, wenn die Stunde für die Ausbreitung der sozialistischen Weltrevolution schlägt, das amerikanische Proletariat wohl an seinem Posten stehen wird, um die ihm gebührende Pflicht zu erfüllen.

Ich bin überzeugt, daß in diesem Kampfe des Weltproletariats gegen den Weltkapitalismus das Proletariat Amerikas für den Sieg des Weltproletariats gerade so ausschlaggebend wirken wird, wie das amerikanische Kapital in diesem imperialistischen Kriege gegen die zentraleuropäischen Mächte ausschlaggebend wirkte. Daß die russische Revolution einen riesigen Einfluß auf die proletarischen Massen in Amerika ausübte, daß die Sowjetregierung und speziell die Bolschewiki bei den rasch aufwachenden Massen mit jedem Tage populärer werden, kann keinem Zweifel unterliegen. Ich behaupte darum, daß das amerikanische Proletariat, auch jetzt schon, einen sehr bedeutenden Einfluß auf die amerikanische Regierung ausgeübt hat. Wenn wir sehen, daß Wilson in den letzten paar Monaten einen anderen Ton angeschlagen und eine andere Stellung gegenüber der russischen Revolution und Regierung eingeschlagen hat, so ist dies ganz sicher wesentlich dem Druck von unten, dem Druck der erwachenden proletarischen Massen Amerikas zuzuschreiben.

Ich schließe mit den Worten, daß der Schritt, den wir hier unternehmen, den Grundstein legen wird zur III., der Kommunistischen und Sowjetistischen Internationale. Daß diese Grundsteinlegung nicht nur mit Jubel und einstimmiger Zustimmung seitens der Mitglieder meiner Partei empfangen wird, sondern daß schon große, nach Millionen zählende Massen uns zujubeln werden, unterliegt keinem Zweifel. Wir können mit Zuversicht darauf rechnen, daß unter unserer Fahne der III. Kommunistischen Internationale in der nächsten Zukunft auch eine große Zahl amerikanischer Proletarier an dem Kampfe teilnehmen werden.

Gen. Lenin: Das Wort hat Gen. Rudnyanszky, der Vertreter der Kommunistischen Partei Ungarns.

Gen. Rudnyanszky verliest folgenden Bericht: Da die aus Ungarn abgesandten Vertreter der Kommunistischen Partei unterwegs aufgehalten wurden und folglich an dem Kongreß nicht teilnehmen konnten, beruht folgender Bericht über die Entwicklung der kommunistischen Bewegung in Ungarn auf Mitteilungen, die das hiesige Büro der Partei bis zum 15. Februar aus Ungarn erhalten hat. Die Kommunistische Partei Ungarns — und zwar die aus Rußland zurückgekehrten Kommunisten, die äußerst linken Elemente und eine kleine Gruppe links-radikaler Intellektueller — war Ende November aus der Sozialdemokratischen Partei ausgetreten. Die ersten Massen, auf die sich die Kommunisten stützten, waren die Eisen- und Metallarbeiter. Die allgemeine Lage zur Zeit der Gründung der Kommunistischen Partei war für eine revolutionäre proletarische Bewegung günstig.

Am 16. November wurde in Ungarn die Republik proklamiert, die eigentliche Macht blieb aber in den Händen derselben Regierung, die noch vom Erzherzog Joseph bestätigt war. Der Unterschied bestand nur darin, daß der Ministerpräsident, Graf Karolyi, und seine Anhänger sich „Volksregierung“ nannten und sich dem Nationalrat unterordneten. Der Nationalrat übernahm alle Funktionen, die früher das Parlament ausgeübt hatte. Dieser Nationalrat bestand aus Unabhängigen, Radikalen und Sozialdemokraten, und er beabsichtigte, so lange zu arbeiten, bis eine gesetzgebende Nationalversammlung gewählt sein würde.

Aber schon in den ersten Wochen konnte man die weitere Entwicklung der Revolution voraussehen. Die Bauern erwarteten von der neuen „Volksregierung“ Landeigentum, das Proletariat hoffte auf die Befreiung von der Ausbeutung, die Soldatenmassen, welche aus der sich auflösenden Armee nach Hause strömten, verlangten Arbeit und Entschädigung, aber die Regierung konnte alle diese Forderungen nicht befriedigen, und die Unzufriedenheit der Massen wurde immer stärker.

Zu dieser Zeit gingen die aus Rußland zurückgekehrten Kommunisten zur Tat über. Die Sozialdemokratische Partei, die anfangs die kommunistische Bewegung für unbedeutend hielt, mußte sehr bald einsehen, daß die Massen nicht mit den Ministersozialisten, sondern mit den Kommunisten solidarisch waren. Nach den ersten schnellen Erfolgen der Kommunisten hat die Sozialdemokratische Partei alles Mögliche unternommen, um die Bewegung niederzukämpfen.

Während die Kommunisten das Proletariat darüber aufklärten, daß die Sozialdemokratie mit der Bourgeoisie zusammen keine eigentliche Umwälzung durchführen könne, und täglich darauf hinwiesen, daß die „revolutionäre“ Sozialdemokratie genötigt sei, Verteidigerin des Privateigentums und Bekämpfer der Interessen der Arbeitermassen zu sein, hatte die Sozialdemokratische Partei nur ein Gegenmittel in der Hand, nämlich, den Hinweis, daß es mit der Einheit des ungarischen Proletariats aus wäre, wenn die Kommunisten in Ungarn Fuß fassen würden. Diese Gegenagitation hatte nur wenig Erfolg, gab aber den Sozialdemokraten die Möglichkeit, mit Zustimmung einiger Gewerkschaftsorganisationen die kommunistische Bewegung stark zu verfolgen.

Vor allem faßte die kommunistische Bewegung unter den städtischen Arbeitermassen Fuß. Ganze Fabriken und Industrien schlossen sich ihr an. Unter den Soldaten war ebenfalls eine starke kommunistische Gärung zu bemerken, hauptsächlich unter den Spezialtruppen.

Besonders eigenartig war die kommunistische Bewegung unter den Bauern, und zwar entstanden kommunistische Organisationen unter den landarmen Bauern ganz selbständig. Besonders die aus der russischen Kriegsgefangenschaft heimgekehrten Bauern gründeten nach der Bekanntmachung der sozialdemokratischen Agrarreform kommunistische Organisationen und boten der Kommunistischen Partei ihre Hilfe an. Dieselben Erscheinungen waren auch in den Sowjets zu sehen. Im allgemeinen steht es um die Rätebewegung in Ungarn schwach. Da das städtische Proletariat unter dem Einfluß der Sozialdemokratie und der Kommunisten steht, sind die wenigen Arbeiterräte, die noch von der sozialdemokratischen Parteileitung gebildet wurden, beinahe ganz in ihren Händen, und für die Kommunisten dienen sie nur als Kampfplatz.

In den Soldatenräten haben die Kommunisten diesen Kampf schon ausgefochten, und in einigen Räten sind sie in der Mehrheit. Aber die Bauernräte, die allerdings nicht sehr stark und zahlreich sind, sind gänzlich kommunistisch.

Durch diese Erstarkung und Entwicklung der kommunistischen Partei und auch durch den wachsenden Einfluß der Kommunisten in den Räten können wir schon jetzt voraussehen, daß der Kommunismus auch in Ungarn die entscheidende Rolle spielen wird.

Gen. Lenin: Das Wort hat Genossin Kascher, die Vertreterin der Kommunistischen Gruppe der Schweiz.

Genossin Kascher: Genossinnen und Genossen! Neben der Sozialistischen Partei und der Sozialistischen Jugendorganisation existiert in der Schweiz noch eine kleine, aber zielbewußte kommunistische Bewegung.

Die Wurzel und die Schule dieser kommunistischen Bewegung liegt in der Zimmerwalder Linken, deren Geist auch bei uns in der Schweiz verbreitet war.

Was wir von der Zimmerwalder Linken gelernt haben, ist, Massenaktion zu verlangen, und zwar nicht in weiter Zukunft, sondern schon in dem gegenwärtigen Moment. Ich muß gestehen, klare Prinzipien, ein klares Programm haben wir damals von der Zimmerwalder Linken nicht erhalten können. Man wollte ein klares kommunistisches Programm schaffen, aber sowohl die Zeit wie auch Schriften und Ueberlieferungen darüber fehlten. Im Jahre 1917 hat der Gen. Itschner zusammen mit ein paar anderen Genossen in der Schweiz eine Zeitung „Die Forderung“ gegründet und diese begann, die schärfste Kritik gegenüber der Partei und Propaganda für das kommunistische Programm unter der Arbeiterschaft zu führen. Auch hatte im Sommer 1917 Gen. Herzog eine Soldatenorganisation gegründet. Diese Organisation hatte den Zweck, unter den Soldaten der Armee Propaganda für den Sozialismus zu organisieren und Vorbereitungen für die kommende revolutionäre Bewegung zu treffen. Die Kommunisten widersetzten sich den Bestrebungen des Zentralvorstandes der Jugendorganisation und des Gen. Platten, die die Soldatenorganisation vorläufig für die Verbesserung der Lage der Soldaten gebrauchen wollten. Sie behielt ihren rein revolutionären Charakter und entwickelte sich sehr rasch.

Das Auftreten der Kommunisten in der Oeffentlichkeit, auf der Straße, fand gleichzeitig mit der Oktoberrevolution statt. In unseren Flugblättern wurden fast alle die Programmpunkte aufgestellt, die später von der Sowjetregierung durchgeführt wurden, und es wurde schon damals, am Anfang der Sowjetregierung, die Aufforderung, Arbeiterräte in der Schweiz zu bilden, in die Massen geworfen. Diese Bewegung hatte auch, wie die Genossen gelesen haben werden, sehr schwere Folgen. Zwei Tage und zwei Abende wurde geschossen. Man hat ein Bild in der freien Schweiz sehen können, wie man es in Rußland nur im Jahre 1905 gesehen hat. Mit Maschinengewehren wurde geschossen. Die Reaktion, welche nach zwei Tagen eintrat, war schrecklich: Belagerungszustand, Massenverhaftungen, Haussuchungen und ähnliches. Die Zeitung, die wir unter verschiedenen Titeln herausgaben, ist unterdrückt worden.

Was die Kommunisten erreicht haben, war, daß die Schweizer Arbeiterschaft unter dem Druck der Verhältnisse, der Teuerung, der Unzufriedenheit und unter dem Einfluß der ansteckenden, begeisterten Bewegung in Rußland ihre volle Solidarität mit der russischen Revolution bekundete. Es fehlte aber an einem zielbewußten, positiven Programm. Auf Grund dieser Erfahrung machte sich auch in der kommunistischen Bewegung eine neue Richtung geltend. Wir wußten schon, es gibt ein Ziel — die Eroberung der Macht, aber die Schweizer Arbeiterschaft begnügt sich nicht mit diesen allgemeinen Zielen, sie sucht eine klar umschriebene Parole, sie ist praktisch, sie will wissen, wozu sie in den Kampf tritt. Die die Massen beschäftigenden Fragen waren erstens der Achtstundentag, zweitens die Teuerung und die Unzufriedenheit mit den ökonomischen Verhältnissen. Wir haben eine Parole formuliert: Beschlagnahme der Lebensmittel und ihre Verteilung, nicht nach dem Besitz, sondern nach dem Bedarf, unter der Kontrolle der Arbeiterschaft. Diese zwei Parolen schienen uns für die Schweizer Arbeiter entsprechend, eingreifend, es war etwas anderes als das, was man sonst aufgestellt hat. Sie trugen, besonders die zweite, einen sozialistischen Stempel, und ihre Verwirklichung bedeutete einen Kampf mit der kapitalistischen Gesellschaftsordnung.

Diese positive Arbeit wurde im Jahre 1918 fortgesetzt. Es machte sich in dieser Zeit auch in den Gewerkschaften eine Stimmung für die Kommunisten geltend. Die schweizerischen Gewerkschaften unterscheiden sich nicht von den Gewerkschaften der anderen kapitalistischen Länder. In der Metallarbeitergewerkschaft bildeten die kommunistischen Genossen eine besondere Gruppe. Der Hauptpunkt im Programm dieser Gruppe war die Bildung von Arbeiterräten.

Im Sommer 1918 fand ein Kongreß aller kommunistischen Gruppen und Soldatenorganisationen in Olten statt. Es waren 13 Ortschaften der Schweiz durch 26 Delegierte vertreten. Dieser Kongreß war deshalb notwendig, weil wir von allen Seiten Äußerungen zu hören bekamen, daß man sich endlich von der Partei trennen und eine selbständige kommunistische Partei bilden solle. Der Kongreß beschloß, sich vorläufig von der Partei nicht zu trennen, sondern innerhalb der Partei Opposition zu treiben. Der Einfluß der Parteiführer und der zwei Richtungen war ziemlich groß. Die Hauptsache war, wie bisher, das Hauptgewicht auf die Bildung von Arbeiterräten zu legen.

Mit verdoppelter Kraft traten wir an die Gründung der Arbeiterräte heran und stellten dieses Bestreben einem anderen, das sich unter der Arbeiterschaft geltend machte, gegenüber, nämlich der Vereinigung der Partei und der Gewerkschaften, in einem gemeinsamen Komitee, eine Parole, die vom linken Flügel der Partei ausging. Wir sahen das jämmerliche Zusammenklappen des Oltener Komitees voraus und bekämpften es vom ersten Tag an. Mit uns ging ein beträchtlicher Teil der Arbeiterschaft. Zu dieser Zeit erklärten wir, daß die Zeit des Parlamentarismus vorbei sei, daß wir nichts mehr von dieser bürgerlichen Institution zu erwarten hätten. Wir haben damals jede Möglichkeit der Mitarbeit an der Parteipresse verloren. Sogar Versammlungsannoncen wurden von dem „Volksrecht“ nicht mehr aufgenommen, wir mußten Handzettel in den Fabriken persönlich verteilen. Auch die Soldatenorganisationen wurden verfolgt. Man mußte geheim arbeiten, man wurde bespitzelt.

Es machte sich auch unter den kommunistischen Gruppen ein immer stärkeres Verlangen geltend, daß man zur Trennung schreiten sollte. Da kam ein Moment, wo die Trennung tatsächlich notwendig wurde. Es war im Oktober 1918, nach dem Bankangestelltenstreik in Zürich. Der einmütige Sympathiestreik der Züricher Arbeiter hatte sicher nicht nur den Zweck, die paar ausbleibenden, besser gesagt, verspäteten Unterschriften der Bankherren einzuholen, sondern er war eine elementare Entladung der Spannung, welche seit Monaten in Zürich herrschte und der das Streben zugrunde lag, für den Achtstundentag einen kantonalen Streik durchzuführen. Für die Arbeiterunion Zürich und die Streikführer dagegen, die Genossen Platten und Küng, war die Bewegung ein Mittel, um die Bankangestellten in die Organisation zu bringen (was ihnen gar nicht gelungen ist: die Bankangestellten haben während des Generalstreiks nicht mitgemacht.) Die empörte, aufgeregte Masse stimmte dem Vorschlag des Genossen Herzog, weiter für den Achtstundentag zu streiken, einstimmig zu, war aber infolge des scharfen Widerstandes der Delegiertenversammlung und der Arbeiterunion am folgenden Tag nicht erschienen. Diese Sonderaktion der „Forderungs“-Leute wurde öffentlich verpönt, der Gen. Herzog und andere aus der Partei ausgeschlossen, die Gruppen scharf getadelt.

Diese Stellungnahme der Parteiinstanzen hat gezeigt, daß eine weitere Zusammenarbeit mit ihnen nicht mehr möglich war. Es fand eine große öffentliche Versammlung statt; die Gründung einer Kommunistischen Partei wurde beschlossen. Bald danach kamen Massenverhaftungen, die Organisationen wurden gesprengt. Man mußte von da an geheim arbeiten. Aus dieser Stimmung heraus kam der Generalstreik. Schon am zweiten Tages des Streiks haben wir vorausgesehen, wie er enden würde. Die Parole der Streikleitung an die Arbeiter, ja „sich ganz ruhig zu verhalten“ und das ängstliche Vermeiden von Demonstrationen und Versammlungen ermöglichte es dem Bürgertum, das die Bürgerwehr wunderbar organisiert hatte, die Streiktage ruhig durchzuhalten. Rein ökonomisch konnte der Streik nicht wirken, nur durch revolutionäre Haltung würden die Arbeiter etwas erreicht haben, aber das eben haben die Leitung und die Partei ohne Ausnahme ängstlich vermieden. Der Verrat des Oltener Komitees war ein notwendiger Abschluß des ganzen Verlaufs dieser Bewegung, welche wiederum, wie so oft, in der Schweiz nicht in den Händen der Masse, sondern der einzelnen Führer lag, und für sie alle war ein kurzer „ruhiger“ Generalstreik eine nötige Ventilöffnung.

Nachdem die Masse den nach außen unerwartet wirkenden Verrat der Streikleitung erfahren hatte, schrie alles: Arbeiterräte her, die Kommunisten haben Recht. Die Massen haben also verstanden, daß dieser Verrat deshalb möglich war, weil sie alles ein paar Leuten anvertraut und nicht selber durch Arbeiterräte die Leitung in die Hände genommen hatten. Nach diesem Streik hat die Metallarbeitergruppe erzielt, daß die Metallarbeiterdelegierten einen Rat gebildet haben. Ihnen folgten andere Branchen, und bald bildete sich ein Züricher Arbeiterrat. Er mußte vorläufig geheim arbeiten, da er scharf von der Polizei beobachtet wurde. Eine furchtbare Reaktion fand nach dem Streik statt. Um das ungeheure Militäraufgebot zu verantworten, erklärte die Regierung, es wäre eine Maßnahme gewesen gegenüber einem erwarteten bewaffneten Aufstand der Kommunisten. Sie haben mit einem Wort alles auf die Kommunistische Partei schieben wollen und daher ist es kein Wunder, daß die furchtbarste Reaktion sich gegen die Kommunisten wendete. Der niedergedrückten Arbeiterschaft haben die klugen Führer wiederum Gelegenheit gegeben, in einem großen Arbeiterkongreß ihrer Wut Luft zu machen. Wir verlangten: die Abschaffung des Oltener und überhaupt aller Komitees; die sofortige Durchführung der Wahlen der Arbeiterratdelegierten in der ganzen Schweiz; die Schaffung von Soldatenräten (die bereits in den Soldatenorganisationen während des Generalstreiks sich gebildet hatten); die Bewaffnung der Arbeiter und vor allem die Durchführung eines revolutionären bewaffneten Generalstreiks in nächster Zeit mit folgenden Parolen: Achtstundentag und Kontrolle der Arbeiter über die Produktion und Verteilung. Außerdem verlangten wir eine andere Bauernpolitik, als sie bis jetzt getrieben wurde. Unsere Parolen und Forderungen fanden Anklang unter der Arbeiterschaft, das Manifest wurde zu vielen Tausenden verbreitet und rief eine rege Diskussion unter der Arbeiterschaft hervor. Die bürgerliche Presse wütete, ganze Spalten wurden über das Manifest geschrieben, die letzten Genossen verhaftet und des Hochverrates beschuldigt, neue Truppen aufgeboten. Nur die Parteipresse und die Instanzen setzten ihre Ignoranzpolitik fort und schwiegen sich über die brennenden Fragen der Zeit aus. Der Arbeiterrat nahm das kommunistische Programm als seine Plattform an, und die Metallarbeitergruppe stellte den Antrag, Arbeiterräte zu bilden. Allein nachdem der Antrag des linken Flügels der Partei (Gen. Platten, Rüegg), ein neues Komitee zu wählen, durchfiel, brachte man jenen gar nicht zur Abstimmung. Die Gruppe wurde in einem speziell für diese Zwecke einberufenen Metallarbeiterkongreß für die Gründung des Arbeiterrates und ihre separatistischen Bestrebungen getadelt, den Delegierten der Arbeiterräte wurde mit Ausschluß von der Gewerkschaft wegen „statutenwidrigen“ Benehmens gedroht.

Auch entwickelte sich die Soldatenrätebewegung, und in der Bewaffnung der Soldaten und der Arbeiter wurde vieles geleistet.

Zum Schluß ist noch unsere Beziehung zum linken Flügel der Partei mit einigen Worten zu streifen. Was die Fragen der Bewaffnung der Arbeiter und Soldaten und den Antiparlamentarismus betrifft, so haben die Genossen in der letzten Zeit ihre Meinung in dieser Hinsicht geändert und die Sache unterstützt. Theoretisch wurde das kommunistische Programm der russischen Partei vollständig anerkannt, und auch in der Tat haben die Genossen des linken Flügels die Bolschewiki und die Politik der Russen in Presse und Propaganda sehr lebhaft verteidigt. Uns gegenüber verhielt sich der linke Flügel nicht anders als die ganze Partei. Die Abschwenkung nach links aber berechtigt zu der Hoffnung, daß dieser Flügel sich ganz von der Partei trennen und eine rein kommunistische Politik auch für die Schweiz einschlagen wird. Dann — aber auch nur dann — ist die Vereinigung mit den jetzigen Kommunisten möglich und eine starke, große, kommunistische Partei der Schweiz würde ein Resultat unserer langen Bemühungen und Kämpfe sein.

Gen. Albert schlägt vor, den ergänzenden Bericht über die Kommunistische Partei Rußlands, insbesondere über die Rote Armee anzuhören, (wird mit großem Beifall angenommen).

Gen. L. Trotzki (Rußland). Genosse Albert hat gesagt, daß die Rote Armee in Deutschland sehr häufig das Thema der Diskussion bilde, und wenn ich ihn richtig verstanden habe, auch die Herren Ebert und Scheidemann in ihren schlaflosen Nächten beunruhigt, nämlich in bezug auf den drohenden Einbruch der Roten Armee in Ostpreußen. Was den Einbruch betrifft, so kann ja Gen. Albert die heutigen Machthaber Deutschlands beruhigen: so weit ist es glücklicherweise oder leider — wie man's eben nehmen will — heute noch nicht. Jedenfalls stehen wir jetzt in bezug auf die uns bedrohenden Einbrüche viel besser, als zurzeit des Brest-Litowsker Friedens. Das ist wohl ganz sicher. Damals steckten wir noch in den Kinderschuhen in bezug auf die gesamte Entwicklung der Sowjetregierung und auch die der Roten Armee. Damals nannte sie sich noch die Rote Garde. Dieser Name existiert bei uns schon lange nicht mehr. Die Rote Garde waren die ersten Partisanentruppen, die improvisierten Scharen von revolutionären Arbeitern, die, durch ihren revolutionären Geist getrieben, die proletarische Revolution aus Petrograd und Moskau über das gesamte russische Gebiet verbreiteten. Diese Periode dauerte bis zum ersten Zusammenstoß dieser Roten Garde mit den regulären deutschen Regimentern, bei denen es sich klar erwies, daß diese improvisierten Gruppen nicht imstande waren, der revolutionären sozialistischen Republik einen wirklichen Schutz zu verleihen, wenn es sich nicht nur darum handelte, die russischen Gegenrevolutionäre zu besiegen, sondern eine disziplinierte Armee zurückzuwerfen.

Und seitdem beginnt der Umschwung in der Stimmung der Arbeiterschaft in bezug auf die Armee und auch die Aenderung in deren Organisationsmethoden. Unter dem Druck der Situation sind wir zum Aufbau einer gut organisierten klassenbewußten Armee geschritten. In unserem Programm steht ja die Volksmiliz. Von der Volksmiliz, von dieser politischen Forderung der Demokratie in einem Lande, das die Diktatur des Proletariats regiert, zu reden, ist aber unmöglich, denn die Armee steht ja immer im engsten Zusammenhang mit dem Charakter der herrschenden Macht. Der Krieg, wie der alte Clausewitz sagte, ist die Fortsetzung der Politik, nur mit anderen Mitteln. Und die Armee ist das Werkzeug des Krieges und muß der Politik entsprechen. Die Regierung ist eine proletarische, und auch die Armee muß nach ihrer sozialen Zusammensetzung dieser Tatsache entsprechen.

So haben wir den Zensus bei der Zusammensetzung der Armee eingeführt. Wir sind seit dem Mai des vorigen Jahres von der freiwilligen Armee, von der Roten Garde, zu der Armee, die auf obligatorischer Militärpflicht beruht, übergegangen, nehmen aber nur diejenigen in die Armee auf, die Proletarier oder Bauern sind, die keine fremde Arbeitskraft ausbeuten.

Von einer Volksmiliz in Rußland ernst zu sprechen, ist unmöglich, wenn man berücksichtigt, daß wir zu gleicher Zeit mehrere feindliche Klassenarmeen auf dem Boden des alten Reiches des russischen Zaren hatten und auch jetzt noch haben. Wir haben sogar, wie im Dongebiet, eine monarchistische Armee, von Kosakenoffizieren geleitet, welche aus bürgerlichen Elementen und aus reichen Kosakenbauern besteht. Dann hatten wir im Wolga- und Uralgebiet die Armee der Konstituante. Das war ja auch der Idee nach die „Volks“-Armee, wie man sie nannte. Diese Armee hat sich ganz rasch aufgelöst. Die Herren von der Konstituante mußten den kürzeren ziehen, haben das Gebiet der Wolga- und Uraldemokratie ganz unfreiwillig verlassen und suchten bei uns die Gastfreundschaft der Sowjetregierung. Die Regierung der Konstituante hat der Admiral Koltschak einfach verhaften lassen, und die Armee hat sich zu einer monarchistischen Armee entwickelt. Also in einem Lande, das im Bürgerkrieg begriffen ist, kann man eine Armee nur auf dem Klassenprinzip aufbauen. So haben wir es auch — und mit Erfolg — gehalten.

Große Schwierigkeiten bereitete uns die Frage der militärischen Führer. Selbstverständlich, die erste Sorge war, rote Offiziere aus der Arbeiterschaft und aus den entwickelteren Bauernsöhnen zu erziehen. Zu dieser Arbeit sind wir von Anfang an geschritten, und auch hier vor der Tür dieses Saales könnt Ihr manchen roten „Fähnrich“ sehen, der in kurzer Zeit als roter Offizier in die Sowjetarmee eintreten wird. Wir haben ihrer eine ziemlich große Zahl. Ich will die Zahl nicht nennen, denn Kriegsgeheimnis ist immer Kriegsgeheimnis. Die Zahl — wiederhole ich — ist ziemlich groß, aber wir konnten nicht warten, bis die jungen roten Fähnriche sich zu roten Generälen entpuppen, denn der Feind wollte uns keine so große Pause geben. Wir mußten uns, um aus dieser Reserve manch tüchtigen Mann mit Erfolg herauszuholen, auch an die früheren militärischen Führer wenden. Selbstverständlich haben wir nicht in der glänzenden Schicht der militärischen Hofleute unsere Offiziere gesucht, sondern aus den schlichteren Elementen ganz tüchtige Kräfte herausgeholt, die uns jetzt mithelfen, ihre einstigen Kollegen zu bekämpfen. Einerseits aus den besseren und ehrlichen Elementen des alten Offizierskorps, denen wir tüchtige Kommunisten als Kommissare beigeben, und andererseits aus den besten Elementen aus den Reihen der Soldaten, der Arbeiter, der Bauern für die unteren Kommandoposten — auf diese Weise haben wir uns ein rotes Offizierkorps zusammengesetzt.

So lange die Sowjetrepublik in Rußland besteht, war sie immer gezwungen, Krieg zu führen und führt ihn heute noch. Wir haben eine Front von mehr als 8000 Kilometern. Im Süden wie im Norden, im Osten wie im Westen, überall mit den Waffen in der Hand, sind wir bekämpft und müssen uns wehren. Ja, Kautsky hat uns sogar beschuldigt, daß wir den Militarismus großgezogen haben. Nun glaube ich aber, daß wir, wenn wir den Arbeitern die Macht erhalten wollen, uns auch ernstlich wehren müssen. Um uns zu wehren, müssen wir die Arbeiter lehren, von den Waffen, die sie schmieden, Gebrauch zu machen. Wir haben damit begonnen, daß wir das Bürgertum entwaffnet und die Arbeiter bewaffnet haben. Wenn das Militarismus heißt, nun gut, dann haben wir unseren sozialistischen Militarismus geschaffen, und wir bestehen fest auf ihm.

Unsere Situation im August vorigen Jahres war in dieser Beziehung verdammt schlecht; man hatte uns nicht nur eingekreist, sondern der Kreis war ziemlich eng um Moskau gezogen. Seit dieser Zeit haben wir diesen Kreis mehr und mehr ausgeweitet, und in den letzten sechs Monaten hat die Rote Armee für die Sowjetrepublik nicht weniger als 700 000 Quadratkilometer zurückerobert, mit einer Bevölkerung von ungefähr 42 Millionen, 16 Gouvernements mit 16 großen Städten, in denen die Arbeiterschaft einen tüchtigen Kampf zu führen pflegte und pflegt. Und auch heute noch, wenn Ihr aus Moskau auf der Karte in irgend einer nach Belieben gewählten Richtung eine Linie zieht und dieselbe verlängert, so werdet Ihr überall einen russischen Bauern, einen russischen Arbeiter an der Front finden, der in dieser kalten Nacht mit seinem Gewehr an der Grenze der sozialistischen Republik steht, um sie zu verteidigen. Und ich kann Euch versichern, daß die kommunistischen Arbeiter, die in dieser Armee wirklich den Kern bilden, sich nicht nur als die Schutztruppe der russischen sozialistischen Republik führen, sondern auch als die Rote Armee der III. Internationale. Und wenn wir heute die Möglichkeit haben, dieser kommunistischen Konferenz Gastfreundschaft zu erweisen, um einmal den westeuropäischen Brüdern damit für ihre jahrzehntelange Gastfreundschaft […], so verdanken wir es unserseits den Bemühungen und […] Roten Armee, in der die besten Genossen aus der kommunistischen Arbeiterschaft tätig sind als einfache Soldaten, als rote Offiziere oder als Kommissare, d. h. als die direkten Vertreter unserer Partei, der Sowjetregierung, die bei jedem Regiment, bei jeder Division den politischen und moralischen Ton angeben, d. h. die roten Soldaten durch ihr Beispiel belehren, wie man für den Sozialismus kämpft und stirbt. Und das sind bei den Leuten keine leeren Worte, denn ihnen folgt die Tat, und wir haben Hunderte und Tausende bester sozialistischer Arbeiter in diesem Kampf verloren. Ich glaube, sie sind nicht nur für die Sowjetrepublik, sondern auch für die III. Internationale gefallen.

Und wenn wir heute gar nicht daran denken, in Ostpreußen einzubrechen — im Gegenteil, wir würden ganz glücklich sein, wenn die Herren Ebert und Scheidemann uns in Frieden ließen — so ist es jedenfalls richtig, daß wir, wenn einmal die Zeit kommt und die Brüder vom Westen uns zu Hilfe rufen, antworten werden: „Wir sind hier, wir haben während dieser Zeit den Gebrauch der Waffen gelernt, wir sind bereit, für die Sache der Weltrevolution zu kämpfen und zu sterben!“

Anschließend an die letzten Ausführungen Trotzkis schildert Gen. Rutgers den Jubel, mit welchem in den Arbeiterkreisen Amerikas Propaganda für die Rote Armee Rußlands getrieben wurde. In Versammlungen wurden von Frauen und Mädchen Schmuckgegenstände zum Besten der Roten Armee gesammelt.

Gen. Lenin: Das Wort zum Bericht hat Gen. Rutgers, Vertreter der Kommunistischen Partei Hollands.

Gen. Rutgers (Holland): Zu dem Bericht über Holland muß hervorgehoben werden, daß dort schon vor mehr als 10 Jahren eine formelle Spaltung zwischen der Zweiten Internationale und den neuen Ideen der Dritten Internationale stattfand.

Die revolutionäre Bewegung in Holland ist ein Kind der russischen Revolution (aber schon ein Vorkind) aus der blutigen Hochzeit von 1905. Damals gründeten wir unser Organ „De Tribune“ und wurden auf Grund der Agitation dieses Organs aus der alten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei ausgeschlossen. Das nannte man damals „Freiheit der Presse“! Seitdem haben wir immer mit unseren russischen Genossen in engster Berührung gestanden. Wir hofften schon damals darauf, daß die russischen Kampfmethoden via Deutschland sich in Westeuropa durchsetzen würden. Die großen Demonstrationen in Berlin bestärkten diese Hoffnung, aber es gelang den Parteibürokraten unter Führung von Kautsky die Taktik der Massenbewegungen zu diskreditieren, sie zu einer bloßen Verteidigungstaktik zu machen. Damit war die Entwicklung statt zur Revolution zum Weltkrieg angebahnt. Der Sieg der Reaktion in Deutschland wirkte selbstverständlich auch auf Holland zurück.

Zwar ließ sich die junge Partei, die Sozialdemokratische Partei — jetzt die Kommunistische Partei — nicht irreführen, aber zu einer größeren Massenbewegung konnte sie sich noch nicht entwickeln.

Theoretisch und praktisch hat aber die holländische Bewegung zu einer besseren Aufklärung über die imperialistischen Verhältnisse und die künftige kommunistische Taktik mit beigetragen. Die Schriften und Reden von Lenin, Sinowjew und Kamenew sind immer den Lesern der „Tribune“ bekannt geworden, und umgekehrt sind die holländischen Genossen Roland-Holst, Gorter, Pannekoek, van Ravesteij, Wijnkoop u. a. vielen russischen Kommunisten schon alte Bekannte.

In Holland selbst hatte die junge revolutionäre Partei einen harten Kampf mit den Opportunisten unter Führung von Troelstra zu führen, und der Vorsitzende Wijnkoop wurde sogar mit Gewalt aus Versammlungen entfernt. Da traten aber die syndikalistischen Hafenarbeiter für uns ein und bildeten eine Schutzwehr aus Riesen von über sechs Fuß.

Auch geistig haben wir uns mit den syndikalistischen Elementen aus der Arbeiterbewegung Hollands immer besser verstanden, und als der Weltkrieg ausbrach, wurde von unserer Partei zusammen mit den Syndikalisten und einer anarchistischen Gruppe ein revolutionäres Komitee gebildet, das eintrat für die unmittelbare Demobilisation und gegen die Räuberpolitik, die die Regierung mit den Lebensmitteln trieb. Allmählich hat unsere Partei großen Einfluß auf die Massen gewonnen und konnte versuchen, den Massenaktionen, die als Folge von Hunger und Elend ausbrachen, eine revolutionäre Richtung zu geben.

Es ist bekannt, daß mehrere solcher Massendemonstrationen in Holland stattfanden, wobei die Zusammenstöße mit den Truppen Opfer forderten. Anläßlich des Jahresfestes der russischen Revolution wurde eine Frauendemonstration von der Polizei auseinandergejagt, wobei auch Genossin Roland-Holst verwundet wurde.

Nach dem Ausbruch der ersten deutschen Revolution fielen bei Demonstrationen in Holland Tote und Verwundete. Damals erfaßte die Bourgeoisie aber schon eine furchtbare Angst: öffentliche Gebäude wurden mit Sandsäcken verbarrikadiert, Militär abends bereit gestellt. Es schien anfänglich, daß auch die Partei Troelstras sich der revolutionären Bewegung anschließen wolle, aber ein schnell einberufener außerordentlicher Kongreß der Sozialverräter beschloß, daß auch auf friedlichem Wege alle gewünschten Verbesserungen zu erlangen seien. Damit war die Bewegung vorläufig abgebrochen.

Doch hat sich schon herausgestellt, daß einige Truppenteile sich weigerten, auf die Arbeiter zu schießen, und die Armee kann schon als für die Kapitalisen unzuverlässig gelten. Die Kommunistische Partei hat in verschiedenen Armeeteilen illegale Soldatenräte gegründet.

Jetzt befindet sich Holland aber in einer schweren Lage, weil es ganz zu einem Vasallenstaat Englands geworden ist. Die holländische Bourgeoisie stützte sich früher in ihren Hoffnungen, die Ausbeutung der Kolonien weiter betreiben zu können, auf Deutschland. Nachdem Deutschland als imperialistische Macht ausgeschaltet ist, bleibt für die holländischen Kapitalisten nur eine Hoffnung: sich England gegenüber so servil zu betragen, daß John Bull es vorzieht, sich der Dienste der holländischen Ausbeuter in den Kolonien zu bedienen und diesen ein Stück der Beute zu überlassen. Der Löwenanteil der Beute aus den holländischen Kolonien wird selbstverständlich in Zukunft den englischen Kapitalisten zufließen. Aber es ist zu befürchten, daß die holländische Bourgeoisie zu jeder Niederträchtigkeit bereit sein wird, um einen Teil der Beute zu erhalten. Damit wird für Holland eine Periode größter Reaktion eintreten. Ebenso wie Finnland und Polen gegen die russischen Proletarier gehetzt wurden, so wird Holland gegen die orientalischen Proletarier vorgehen. Dabei wird die Abhängigkeit von England und der Entente so groß sein, daß Holland auch als Einfallstür gegen ein revolutionäres Deutschland in Betracht kommen wird.

Das holländische Proletariat hat dabei eine sehr schwere Aufgabe, und unsere Kommunistische Partei ist sich der bevorstehenden Schwierigkeiten voll bewußt. Wir brauchen dabei dringend eine internationale Unterstützung und begrüßen diesen ersten Kommunistenkongreß von ganzem Herzen. Unsere besten Propagandamittel sind immer die tatsächlichen Berichte über die revolutionären Vorgänge in den anderen Ländern, und daher sind wir in erster Linie bemüht, die internationalen Verbindungen zu unterhalten. Auch wäre es wünschenswert, daß dieser Kongreß praktische Beschlüsse über den Kampf faßte, den wir in den Kolonien Hand in Hand mit den braunen und gelben Proletariern zu führen haben.

Auch hier liegt eine große Aufgabe, und es ist eine große Kraft erforderlich. Und nur mit Anspannung aller Kräfte können wir hoffen, schon jetzt zu siegen.

Gen. Lenin. Werden noch irgend welche Ergänzungsfragen gestellt?

Gen. Platten. Wir möchten einen Antrag unterbreiten und zwar der folgenden: Der am 2. März 1919 in Moskau tagende Internationale Kommunistische Kongreß sendet der Roten Armee einen Gruß. Es wird dies ein Zeichen sein, daß wir während der Tagungen ihrer herrlichen Taten eingedenk sind.

(Wird mit stürmischer Begeisterung angenommen.)

Gen. Sinowjew. Es entsteht die Frage, ob wir der Presse jetzt schon irgend welche Mitteilungen über unsere Sitzungen übergeben. Eine Anzahl der Genossen hat diese Frage besprochen und hat beschlossen, die Sitzungen vorläufig als geheime zu behandeln, also der Presse oder einzelnen Genossen keine Mitteilungen zu machen und es dem Präsidium zu überlassen, über den Moment der Publikation über unsere Arbeit zu bestimmen.

Gen. Lenin. Soeben kommt die Nachricht, daß Gen. Rakowski und der schwedische Delegierte schon auf der Reise sind. Wir müssen jetzt beschließen, um wie viel Uhr morgen die Sitzung stattfinden soll. Welche Vorschläge werden gemacht? Um 5 Uhr nachmittags. Aber Gen. Stange muß um 7 Uhr abreisen. Andere Vorschläge? Um 12 Uhr.

Gen. Klinger stellt den Antrag, daß die Sitzung um 5 Uhr beginnen soll, weil die Genossen noch ankommen und aus rein technischen Gründen, weil das Büro sich vorbereiten muß. Für die Abreise des Genossen aus Norwegen wären es doch nur 2—3 Stunden Unterschied. Es wäre daher um 5 Uhr am besten, besonders für das Sekretariat.

Gen. Lenin. Ich muß bemerken, daß Gen. Rakowski nur für einen Tag kommt. Deswegen wäre es zweckmäßig, morgen um 12 Uhr zu beginnen.

Gen. Trotzki. Ich glaube, wir werden jetzt die Stunde nicht fixieren, sondern werden es dem Büro überlassen, dieselbe je nach den Umständen festzusetzen.

Wird angenommen.

Schluß der Sitzung 12 Uhr nachts.

II. Sitzungstag

3. März 1919. 12 Uhr mittags.

Gen. Platten. Es sind Berichte vorgesehen von Rakowski, den ukranischen Genossen, ein Bericht von Frankreich und eventuell von Deutsch-Oesterreich. Diese Punkte werden die Morgensitzung ausfüllen.

Gen. Tschitscherin (Mandatsprüfungskommission). Unser Bericht kann nur ein provisorischer sein, weil gestern Abend und sogar jetzt noch nicht alle Delegierten zugegen sind. Wir hatten aber auch einige prinzipielle Fragen zu entscheiden. Neben den beschließenden Mandaten hat die Mandatsprüfungskommission auch die beratenden Mandate geprüft. Als beratende Teilnehmer werden solche betrachtet, welche Verbindung mit ihren Heimatländern haben, aber nicht diese Heimatländer direkt vertreten, außerdem solche, die aus den Heimatländern kommen, aber nicht direkte Mandate für die Konferenz haben, und solche, die eine hervorragende Stellung in ihrer Bewegung einnehmen und infolgedessen das moralische Recht haben, hier für die Bewegung zu sprechen, aber kein direktes Mandat vorweisen können.

Was die beschließenden Mandate betrifft, so hat die Kommission die ziemlich komplizierte Frage des Stimmenverhältnisses geprüft und macht der Konferenz folgenden Vorschlag.

Da es nicht möglich ist, die großen und die kleinen Länder auf dasselbe Niveau zu stellen, da es andererseits nicht möglich ist, die überaus komplizierte Skala zu übernehmen, welche die II. Internationale aufgestellt hatte, schlägt die Mandatsprüfungskommission vor, eine vereinfachte Skala anzunehmen. In dieser Skala wird nicht die Stärke der Partei, sondern die Bedeutung der Länder in Betracht gezogen. Wir betrachten die revolutionären Parteien, sogar in den Fällen, in denen sie im Augenblick auch formell ihrer Zahl nach nicht sehr groß sind, dennoch als die Vertreter des revolutionären Proletariats des Landes. Die Einteilung wird nach der Bedeutung des Landes gemacht. Wir schlagen vor, drei Kategorien anzunehmen: der großen, mittleren und kleinen Länder, die ersten mit 5, die zweiten mit 3 und die dritten mit je einer Stimme. Als große Länder kommen Deutschland, Rußland und Amerika in Betracht. Falls ein Vertreter Italiens kommt, wird auch Italien als ein großes Land mit 5 Stimmen betrachtet werden. Ebenso Frankreich. Als mittlere Länder mit 3 Stimmen werden betrachtet: die Ukraine, Finnland, Polen, Norwegen, Schweden, die Schweiz und die Bruchstücke des früheren Oesterreich-Ungarn, von denen hier vorläufig nur Ungarn vertreten ist. Die übrigen haben je eine Stimme, und zwar Litauen und Weißrußland — sie sind jetzt vereinigt und haben die litauisch-weißrussische kommunistische Partei gegründet, Lettland, Estland, das Deutsche Kolonistengebiet, das ein geschlossenes Gebiet darstellt, Armenien und endlich die Ostvölker Rußlands — die Tataren, Baschkiren, Kirgisen und die kaukasischen Bergvölker, welche miteinander eine gewisse kulturelle Aehnlichkeit haben, geschlossene Gebiete bewohnen und auch kommunistische Bewegungen in ihren Heimatländern haben; sie werden also zusammen als ein Land betrachtet mit einer Stimme. Die Frage der Balkanländer blieb offen, weil Gen. Rakowski gestern noch nicht angekommen war. Also 3 Länder mit je 5 Stimmen sind vertreten, 4 Länder mit je 3 Stimmen und 6 Ländern mit einer Stimme, im ganzen 13 Länder. 5 Länder wurden noch erwartet, einige sind jetzt angekommen, einige werden auch jetzt noch erwartet. Beratende Stimmen hatten wir gestern aus 12 Ländern, 3 Länder werden noch erwartet und sind angekündigt worden. Von den beratenden waren gestern vertreten: Böhmen d. h. die hiesige tschechische Gruppe, Bulgarien, die südslawische und südslawonische Gruppe, welche Serbien, Kroatien und Slawonien umfaßt, Holland, die französische Gruppe, die amerikanische Liga der Sozialistischen Propaganda, die Schweizer Kommunisten, Turkestan, die Türkei, Georgien, Aserbeidshan und Persien. Von der englischen Gruppe haben wir erst heute das Mandat erhalten. China und Korea, d. h. die Emigrantengruppen der chinesischen und koreanischen Arbeiter, die in Rußland wohnen, werden noch erwartet.

Gestern abend zählten wir im ganzen 26 Delegierte mit beschließenden Stimmen, die 13 Länder vertraten, und 13 mit beratender Stimme. Bei der Prüfung der Mandate hatten wir mit der Tatsache zu rechnen, daß die Konferenz unter ganz anormalen Verhältnissen zusammengekommen ist. Erstens die Notwendigkeit der Geheimhaltung, welche es unmöglich machte, Wahlen vorzunehmen oder überhaupt irgend welche Schritte zu tun, welche die Tagung der Konferenz weit und breit bekannt gemacht hätten. Zweitens, die Schwierigkeit der Reise. Sie wissen, daß die ungarischen Vertreter unterwegs verhaftet worden sind. Mit denselben Schwierigkeiten hatten auch andere Delegierte zu rechnen, mit dem Resultat, daß einige keine schriftlichen Mandate vorzulegen hatten und ihre Mandate durch Zeugenaussage zu prüfen waren. Für die in Rußland und in den benachbarten Sowjetrepubliken wirkenden Parteien war nur diese erste Tatsache maßgebend, nämlich, die Notwendigkeit der Geheimhaltung. Daher können viele nur Mandate von den Zentralinstitutionen vorweisen. Für die Ostvölker kommt das Mandat vom Zentralbüro der Ostvölker Rußlands in Betracht. Diese Tatsache bezieht sich insbesondere auf die Vertreter der westeuropäischen Länder. Unter den Ländern, welche im provisorischen Programm mit beratender Stimme figurieren, ist die japanische sozialistische Gruppe genannt, aber nachdem die Kommission den Bericht des Genossen Rutgers angehört hatte, erschien es ihr nicht mehr möglich, die japanische Gruppe beizubehalten. Gen. Rutgers vertritt mit beratender Stimme Holland; er hat kein Mandat, kann aber für die Partei sprechen. Gleichzeitig hat er eine beratende Stimme für die amerikanische Liga der Sozialistischen Propaganda. Da er aber in Japan nur vorübergehend, auf seiner Durchreise war, kann er bezüglich Japan weder als hervorragendes Mitglied einer Bewegung noch als Mandatar mit beratender Stimme betrachtet werden. Es war infolgedessen notwendig, die japanische Gruppe aus der Liste zu streichen. Die Frage der rumänischen Vertretung bleibt offen, bis die Mandatskommission mit dem Gen. Rakowski in Berührung kommt.

Das sind vorläufig die Ergebnisse der Arbeit der Mandatprüfungskommission. Wenn wir die übrigen Mandate geprüft haben, werden wir die endgültige Liste allen Vertretern hier überreichen.

Gen. Lenin. Wünscht jemand das Wort zur Mandatprüfungsfrage? Es ist nicht der Fall. Die Mandate sind bestätigt. Wir gehen zur Fortsetzung der Berichte über. Gen. Rakowski hat das Wort.

Gen. Rakowski (Balkanische Revolutionäre Föderation). Im Namen der Balkanischen Föderation, die 1915 gegründet wurde und die rumänische, serbische, griechische und einen Teil der bulgarischen Partei — die „Teßnjaki“ — umfaßt, möchte ich einige ergänzende Mitteilungen machen.

Diese Föderation hat sich seit ihrer Gründung und zwar noch vor der Zimmerwalder Konferenz, für den Kampf gegen den Krieg erklärt und in diesem Sinne während der ganzen Zeit gewirkt. Die rumänische Partei hat sich allmählich zu einer kommunistischen entwickelt und dementsprechend sich auch als kommunistische bezeichnet. In Rumänien entwickeln sich die Verhältnisse in einem für die Revolution günstigen Sinne, vieles hängt auch von dem Vorschreiten der Roten Armee ab; die Berührung mit ihr wird zweifelsohne einer starken revolutionären Bewegung Vorschub leisten. Aber schon jetzt haben, besonders in den letzten Wochen, bezeichnende Ereignisse stattgefunden: die Soldaten haben sich geweigert, an monarchistischen Kundgebungen teilzunehmen, wobei bewaffnete Zusammenstöße vorgekommen sind. Wenn es auch nicht möglich ist, den Zeitpunkt des Ausbruchs der Revolution vorauszusehen, so unterliegt es dennoch keinem Zweifel, daß die Verhältnisse auch in Rumänien sich in einer ausgeprägt revolutionären Richtung entwickeln.

Was die bulgarische Partei, d. h. die unter dem Namen der „Teßnjaki“ bekannte revolutionäre Richtung betrifft, so verharrte sie seit dem Ausbruch des Krieges auf ihrem internationalistischen Klassenstandpunkt, ihre Agitation und Propaganda haben zur Beschleunigung der Niederlage des deutschen Imperialismus beigetragen, ihr Einfluß ist, von den ökonomischen Verhältnissen in Bulgarien begünstigt, im steten Wachstum begriffen.

Die serbische Partei hat leider den von ihr am Anfang des Krieges eingenommenen Klassenstandpunkt aufgegeben. Alle erinnern sich dessen, wie mutig und konsequent die serbische Partei auftrat, als ihre Abgeordneten sich weigerten, für die Kredite zu stimmen, und in einem äußerst schwierigen Augenblick eine äußerst konsequente Erklärung abgaben und sich von ihr leiten ließen. Alle erinnern sich ebenfalls an die Stellungnahme des Genossen Katzlerowitsch in Kienthal. Im Laufe der Zeit aber gingen sowohl Katzlerowitsch wie Popowitsch — offizielle und maßgebende Vertreter der Partei — besonders seit ihrem Aufenthalt in Stockholm, zum Sozialpatriotismus über. Es ist aber schade, daß eine Partei, die zu Anfang des Krieges eine so einwandsfreie mutige Stellung einnahm, in ein sozialpatriotisches Fahrwasser geraten ist. (Genosse Milkitsch bittet um das Wort zu einer Berichtigung.)

Gen. Rakowski verliest eine Reihe von Grüßen, die er aus Bern von oppositionellen Teilnehmern der Berner Konferenz erhalten hat, die alle auf eine starke Linksorientierung hinweisen und bezeichnend sind für die Ueberzeugung, die sich jetzt auch unter den bisher schwankenden Elementen bildet, daß man sich auf einem Scheidewege befinde. Entweder bricht man endgültig mit der II. Internationale oder aber man muß damit rechnen, als Feind der Arbeiterklasse betrachtet zu werden. Einen Mittelweg gibt es auch für die Zögernden nicht mehr.

Gen. Skripnik (Ukraine). Indem ich, als Vertreter der kommunistischen Partei der Ukraine, das Wort ergreife, muß ich zu allererst sagen, daß es mir unmöglich sein wird, in kurzen Worten ein ausführliches Bild von der Lage meiner Partei zu entwerfen, um so weniger, als wir nun mitten im Kampfe stehen, im Kampfe mit den Waffen in der Hand. Auch tagt noch der dritte Parteikongreß. Unsere Partei zählt gegenwärtig gegen 30000 Mitglieder. Dabei möchte ich darauf hinweisen, daß es stets unser Bestreben war, den Eintritt noch nicht ganz überzeugter Elemente in unsere Partei möglichst zu beschränken. Es soll hierbei auch darauf hingewiesen werden, daß in den noch nicht befreiten Teilen der Ukraine die Mitgliederzahl geringer ist als in den befreiten, da im ersten Fall die konspirativen Existenzbedingungen einschränkend und hemmend wirken. Das stete Anwachsen des Einflusses unserer Partei läßt sich am besten nach den einberufenen Parteikongressen, sowohl der gouvernementalen wie auch derjenigen der Kreisbezirke bemessen. Gouvernementskongresse haben bereits in den Gouvernements Charkow, Poltawa, Ekaterinoslaw und Kiew stattgefunden. Was die Bezirke betrifft, so haben sie alle bereits ihre Parteikongresse abgehalten.

Auf diesen Kongressen war die kommunistische Partei mit 75—90 Prozent Mitgliedern vertreten, wobei die übrigen 25 bis 10 Prozent auf die andern Parteien entfielen.

Die Tätigkeit unserer Partei besteht gegenwärtig im wesentlichen in der Ausbreitung unseres Einflusses und in der Organisierung von Parteischulen, die nun in sämtlichen Gouvernements und größeren Kreisstädten bereits bestehen und wirken.

Es erscheinen 8 bis 10 Parteizeitungen und außerdem 20 oder mehr Sowjetzeitungen, die sich ebenfalls in den Händen der Kommunisten befinden.

Es ist eine groß angelegte Parteiarbeit im Gange, um in sämtlichen Teilen der Roten Armee das Institut der politischen Kommissare einzuführen. In gleichem Maße wird eine weitverzweigte, energische revolutionär-politische Propaganda geführt und ferner eine solche, die den weiteren Aufbau der Armee zu ihrem Ziel hat. Eifrige Propaganda wird in den noch okkupierten Orten auch unter den ausländischen Truppen geführt. Namentlich aber wird durch die kommunistische Gruppe in Odessa, unter Teilnahme französischer Soldaten aus den Okkupationstruppen, eine Zeitung in französischer und englischer Sprache herausgegeben, die in etwa 10000 Exemplaren verbreitet wird.

In ähnlicher Weise wird gegenwärtig auch in Nikolajew eifrigst Propaganda geführt, und zwar unter wirkungsvoller Teilnahme spartakistischer Genossen aus der dort steckengebliebenen, bis 20000 Mann zählenden deutschen Okkupationsarmee. Die Haupttätigkeit der Partei ist selbstverständlich die Organisation der Sowjets und Organisationsarbeit in der Armee.

Noch bevor die Ukraine von den Okkupationstruppen befreit wurde, organisierte unsere Partei zwei ausländische Divisionen, die sich hauptsächlich an der Demarkationslinie hielten, und als der Aufstand von unserer Partei proklamiert wurde, von dort aus im August die Offensive führten. Späterhin jedoch, nach Ausbruch der deutschen Revolution, erweiterten die aufständischen Divisionen den Kreis ihrer Tätigkeit und richteten ihre Angriffe zuerst gegen das Hetmantum und dann gegen das Direktorium.

Nach innen hin gestaltete sich unsere Organisation in der Form eines weitverzweigten Netzes von militärisch-revolutionären Komitees, bestehend zum überwiegenden Teil aus unsern Parteiarbeitern mit dem von dem Zentralkomitee unserer Partei geschaffenen militärisch-revolutionären Zentralkomitee an der Spitze. Diese Tätigkeit vermochten weder das Schicksal der revolutionären Kreiskomitees in Odessa, noch die in Kiew und vielen andern Orten stattgefundenen Hinrichtungen zu beeinträchtigen, bei denen eine ganze Anzahl unserer Genossen ums Leben kamen. Namentlich kann ich auf die Erschießung der Genossen Klotschko, Grußmann und Berg in Ekaterinoslaw, Isaak Kreuzberg in Poltawa, Wrublewski, Gali Timofejeff und anderer mehr in Kiew, sowie sonst vieler unserer Genossen in andern Städten hinweisen. Aber keine der blutigen Exekutionen seitens der Bourgeoisie und der Sozialverräter konnten das stete Wachstum und den immer weiter um sich greifenden Einfluß unserer Partei aufhalten. Um die politisch noch nicht fest geformten Massen ihrem Einfluß zu unterwerfen, mußten die opportunistischen Parteien, mit dem Direktorium an der Spitze, sich einen bolschewistischen Anstrich geben. Noch zur Zeit des Hetmantums wurde von Winnitschenko in Winnitza offiziell verkündet, daß die Ukrainische Sozialdemokratische Partei Anhängerin der Sowjetregierung sei.

Späterhin jedoch, als die ukrainische Partei der Sozialverräter zur Macht gelangt war, begann ein erbitterter Kampf gegen die Kommunistische Partei, gegen die Proletarier und Halbproletarier des Bauerntums, welche sich ihres wahren Zieles inzwischen bewußt wurden.

Von dem Moment an, da eine offene revolutionäre Bewegung gegen den Hetman und das Direktorium ins Rollen gekommen war, begannen unsere aufständigen Truppen auch überall sonst im Lande mit bewundernswerter Selbstaufopferung zu kämpfen, wobei ihnen in der ganzen Ukraine, von den weitesten Schichten der werktätigen Massen, enthusiastischer Beifall zuteil wurde. Der Grundstein unserer militärischen Organisation, unsere zwei aufständigen Divisionen, wurden von uns zu einer zahlreichen und mächtigen Roten Armee herangebildet, die bis 180000 Kombattanten in ihren Reihen zählt. Ich kann diese Ziffer ganz ruhig nennen, denn sie ist tatsächlich schon vielfach genannt worden.

Der heroischen und siegreichen Kämpfe unserer Armee will ich hier nicht weiter erwähnen, sie sind allgemein bekannt. Ich kann nur sagen, daß die Grundidee unserer Arbeit darin besteht, sowohl unsere eigenen aufständischen Truppen, wie auch die Teile der Truppen Petljuras, die fortwährend auf unsere Seite übergehen, entsprechend zu disziplinieren, um, anstatt vereinzelter, wenig disziplinierter Mannschaften, aus ihnen eine vollkommen disziplinierte Rote Armee zu schaffen, wobei wir unsere Armee, die wohl disziplinierte, einheitlich kommandierte und nach einem festgesetzten Plan wirkende, als Muster vor Augen haben.

Der Einfluß unserer Partei läßt sich nicht durch die Aufzählung unserer Mitglieder oder der Tätigkeit der Regierung, die aus Parteigenossen besteht und vom Zentralkomitee der Partei geleistet wird, allein dokumentieren. Ein großer Umschwung ist unter dem Einfluß der kommunistischen Partei auch in den anderen Parteien der Ukraine vor sich gegangen.

Die ukrainische Partei der Sozialrevolutionäre, die bis zur allerletzten Zeit unter nationalistischer Fahne kämpfte, ist unter dem Einfluß der gemeinschaftlich mit uns durchgemachten Kämpfe, unter dem Einfluß der in den Massen vorherrschenden Stimmung sowie unserer Propaganda ganz auf unsere Seite getreten. Sie hat sich unter diesen Einflüssen auf den Standpunkt der sozialen Revolution und der Diktatur des Proletariats gestellt. Sie hat die Notwendigkeit einer vollen Anschließung an unsere kommunistische Partei eingesehen und anerkannt.

Die weitaus überwiegende Mehrheit der ukrainischen Sozialrevolutionären Partei, sowie auch einzelne kleinere Organisationen in der Provinz treten ganz einfach in unsere Partei ein. Eine ähnliche Erscheinung ist auch beim Bund zu verzeichnen. Diese Partei wirkt gegenwärtig bereits gemeinschaftlich mit uns. Auch ist die Frage ihres völligen Ueberganges zum Kommunismus bereits gestellt worden. Die linken Sozialrevolutionäre (diese Partei wirkt bekanntlich von der Ukranischen Sozialrevolutionären Partei getrennt), also diese Partei der linken Sozialrevolutionäre, welche in Rußland solch eine todfeindliche und Verderben bringende Politik gegen die Sowjetregierung und die soziale Revolution trieb, übt bei uns gar keinen Einfluß aus. Die Delegation aus Mitgliedern ihres russischen Zentralkomitees, die in die Ukraine gesandt wurde und dort den Versuch machte, dieselbe Politik zu betreiben wie in Rußland, erlitt ein schmähliches Fiasko. Nicht einmal die ukrainische Sozialdemokratische Partei, welcher die Spitzen des Direktoriums, Winnitschenko und Petljura, angehören, konnte von den Wirkungen der kommunistischen Kämpfe unberührt bleiben.

Vielmehr kam es auch bei ihnen dazu, daß unter dem Einfluß der von den Kommunisten geführten Kämpfe die Fraktion der unabhängigen Sozialisten sich von ihnen abspaltete. Obwohl sich diese unabhängigen Sozialisten grundsätzlich von den Kommunisten unterscheiden, da sie ja tatsächlich keine Kommunisten sind, wirken sie gegenwärtig doch im vollen Einklang mit unserer Partei, sie nehmen an den Sowjets teil und mannigfach leiten sie sogar deren Geschäfte.

Genau dasselbe geschah mit den rechten Sozialrevolutionären. Und nun sind auch sie in den Sowjets vertreten und geben eine Erklärung ab, wonach sie sich von jeder Verständigung mit der Entente vollständig lossagen.

Endlich geht auch im rechten Flügel der ukrainischen Sozialdemokratischen Partei, welchem die Herren Schwetz und Andrijewsky angehören, eine Neuorientierung vor sich. Auch dort ist der Prozeß der Zersetzung und zu gleicher Zeit auch der Differenzierung und Selbstbestimmung im Gange.

In der ukrainischen Sozialdemokratischen Partei der Rechten fand nämlich eine Spaltung statt, welche einerseits im Austritt Winnitschenkos und anderer aus der Regierung ihren Ausdruck findet, und andererseits zum Austritt von Petljura, Schwetz und anderer aus der Regierung geführt hat. Im Zusammenhang damit hat sich eine rein militärische Diktatur gebildet mit dem ehemaligen zaristischen General Grekoff, dem ausgesprochenen Monarchisten, an der Spitze. Wir haben also gegenwärtig eine militärische Diktatur vor uns. Hinter dem Direktorium, das völligen Bankrott erlitten und jeden Einfluß auf die Massen verloren hat, stehen jetzt nur noch Gruppen ukrainischer Offiziere und galizianische Nationaldemokraten, die mit dem Sozialismus nichts zu tun haben.

Demgegenüber erließ unsere kommunistische Regierung die bestimmte Erklärung, daß die ukrainischen Massen auf dem Boden der sozialen Revolution stehen, und schlug dem Direktorium vor, das unnötige und zwecklose Blutvergießen einzustellen, da dies nur den Feinden der Arbeiterklasse nutze. Sollte das Direktorium nicht auf den Aufruf eingehen, so wird er doch einen mächtigen Widerhall in den Massen finden, die auf unsere Seite übergehen, in den Massen, die nicht gegen uns kämpfen wollen, sondern sich vielmehr gegen ihre Herren erheben.

Ehe ich meinen kurzen Bericht schließe, muß ich noch einen Umstand ganz besonders betonen, und zwar den internationalen Charakter unserer Bewegung. Ungeachtet dessen, daß die Ukraine eine äußerst schwere Okkupation deutscherseits auszuhalten hatte, gibt es unter den Arbeitern und Bauern keine nationalistische Bewegung. Der rote Terror, durch den die Arbeiter und Bauern der Ukraine sich vor dem weißen Terror, dem internationalen Kapital schützen, richtet sich nicht gegen die deutschen oder französischen Soldaten, sondern gegen deren Offiziere, und zwar wird er gemeinschaftlich mit den deutschen, französischen, griechischen und rumänischen Soldaten gegen die Bourgeoisie aller Nationen, gegen das internationale Kapital ausgeübt, das ist der von uns eingeschlagene Weg. Unsere Bewegung hat viele Prüfungen erfahren müssen. Aber ungeachtet der Drohung aus dem Süden seitens Krasnow und der Truppen der Entente wird der für morgen einberufene dritte ukrainische Kongreß der Sowjets beweisen, wie unbesiegbar die sich um das rote Banner der kommunistischen Partei scharenden Arbeiter und Bauern der Ukraine sind.

Da meine Zeit bereits abgelaufen ist, ist es mir unmöglich, die Tätigkeit unserer Partei eingehend zu charakterisieren. Ich muß deshalb in größter Kürze nur noch folgendes hervorheben:

Wenn im vorigen Jahr, als die Arbeiter und Bauern der Ukraine sich erhoben, die Wellen der Revolution weit über die Grenzen des gewesenen russischen Reiches hinausschlugen und nach Galizien herüberströmten, wo sie sich bis nach Stanislau ergossen, so dürfen wir jetzt, wo erst die deutsche Okkupation, danach die französische, sowie der Uebergang galizianischer Truppen nach Rußland es mit sich brachten, daß all die fremdländischen Soldaten ein gemeinschaftliches Leben mit uns führten, so dürfen wir jetzt — sage ich — erwarten, daß diese revolutionäre Bewegung noch viel weiter um sich greifen wird. Die gegenwärtige Revolution wird ganz Galizien umfassen und damit eine Revolutionsbrücke zwischen Rußland und Galizien bilden; dies aber bedeutet einen neuen wichtigen Schritt vorwärts zur Weltrevolution.

Gen. Sadoul (Frankreich): Genossen! Ich muß mich sehr entschuldigen, daß ich weder deutsch, die Sprache des internationalen Sozialismus, wie Genosse Sinowjew diese gestern genannt hat, noch russisch, die Sprache, welche morgen schon diejenige des internationalen Kommunismus sein wird, spreche. Ich beherrsche ziemlich fließend bloß die französische, die leider wenigstens augenblicklich als Sprache der Revolution von einst bezeichnet werden muß.

Bevor ich Euch auf Wunsch des Genossen Lenin ein Bild von der politischen Lage in Frankreich entwerfe, will ich die Frage beantworten, die von einigen ausländischen Genossen an mich gerichtet wurde, nämlich die Frage, was ich als französischer Offizier über die russische Rote Armee denke.

Genossen! Vor einigen Wochen hatte ich die Gelegenheit, an der Nordfront zu sein, an derjenigen Front, wohin die quälend bangen Blicke der jungen, blutüberströmten Sowjetrepublik gerichtet sind. Mit Freuden benutze ich jetzt die Gelegenheit, um auf dem ersten internationalen kommunistischen Kongreß offen vor aller Welt die tiefen Gefühle auszudrücken, von denen jeder wahre Revolutionär angesichts der großen Kommunistischen Partei Rußlands beseelt ist, angesichts dieser Fackel der Weltrevolution, die trotz der vielen edlen Anstrengungen doch noch genügend Kraft in sich empfunden hat, um diese unbestreitbare militärische Macht aufzubauen, diese Rote Armee, in deren Reihen ich mich zu betätigen die Ehre habe.

Vielen Dank sind wir den Leitern dieser Armee schuldig, doch in erster Reihe dem Genossen Trotzki, dessen unaufhaltsame Energie, vereint mit hoher Intelligenz und wahrer Genialität, es vermocht hat, der russischen Armee, die bereits gänzlich in Zerfall geraten war, neue Lebenskraft zu verleihen.

Es sind kaum sechs Monate verstrichen, seit die Verbündeten in ihrem Ueberstolz und von tiefem Haß gegen die russische Revolution erfaßt, behaupteten, es genügen zwei tschechische Divisionen, unterstützt von einem einzigen anglo-französischen Detachement, um die Sowjetregierung zu stürzen und Rußland zu erobern. In den ersten Wochen wollte es, nach den Ereignissen zu urteilen, scheinen, als wären diese Ansichten der Verbündeten zutreffend, denn mit Blitzesschnelle entwickelten sich die feindlichen Angriffe im Gebiet des Weißen Meeres und des Wolgabeckens. Von dieser Todesgefahr bedroht, bildete sich die revolutionäre Armee mit kolossaler Schnelligkeit heran. Jetzt erkennen es selbst die Verbündeten an, daß die „verachtete“ Rote Armee plötzlich dermaßen herangewachsen ist, daß sie genügend Kraft besitzt, um den feindlichen Heeren, die in verbrecherischer Weise zur Erstürmung der bolschewistischen Zitadelle hierher hinübergeworfen sind, standzuhalten. Sie erkennen ihre Vorzüge, ihre Organisation, ihre militärische Bedeutung an. Ja, sie fürchten sie einfach. Sie fürchten sie dermaßen, daß sie trotz ihrem, mit heuchlerischen Kundgebungen maskierten, jedoch ganz zweifellos sehnlichem Wunsch, die russische Revolution zu erdrosseln, weil sie als unaufhörliche revolutionäre Drohung für das gesamte Europa dasteht, trotz ihrem Wunsch, die politische Macht irgend eines Zaren wieder aufzurichten und der russischen Bourgeoisie wieder zur wirtschaftlichen Herrschaft zu verhelfen, doch gezwungen sind, auf eine militärische Intervention, mit welcher sie der Sowjetregierung seit mehr als einem Jahr auf die unverschämteste Weise drohen, zu verzichten.

Was die Verbündeten mit ihren eigenen Kräften auszuführen nicht imstande sind, sollen die Weißen Garden Koltschaks, Denikins, Krasnows, Petljuras, Mannerheims oder Paderewskis gegen Rußland besorgen.

Indem jedoch die Verbündeten die russische Rote Armee zu neuen Kämpfen zwingen, bereiten sie selbst für dieselbe neue Siege vor, denn sowohl bei Petrograd als auch an der Wolga und am Ural, im Süden wie im Westen werden die Sowjettruppen siegen.

Und das ist der Grund, warum ich die kommunistische Konferenz auffordere, sich mit Worten der Anerkennung an die Erste Internationale Armee zu wenden, welche die von den Verbündeten geplante Strafexpedition zunichte gemacht und das Heil der russischen Revolution gesichert hat, welche gleichzeitig auch dem westeuropäischen Proletariat die Möglichkeit verschafft, sich zu organisieren und sich zum Kampf vorzubereiten.

Genossen! Es sind bereits 18½ Monate verstrichen, seitdem ich Frankreich verlassen habe. Daher bin ich ja auch nicht Augenzeuge dessen, was dort jetzt vorgeht. Doch für einen aktiven politischen Kämpfer, der mit der Psychologie seiner Landsleute gut vertraut ist, genügt es ja, wenn er bloß die französischen Zeitungen aufmerksam verfolgt, um die politischen Ereignisse zutreffend beurteilen zu können und vor allen Dingen die Rolle solcher zwei bedeutender und populärer Organisationen, wie die Sozialistische Partei und die Allgemeine Konföderation der Arbeit einzuschätzen. Es ist höchst interessant, die Evolution der Gefühle, von denen die französischen Massen beseelt sind, zu verfolgen.

Als ich im September 1917, also einige Wochen vor der Oktoberrevolution, Paris verließ, da verhielt sich die öffentliche Meinung Frankreichs zum Bolschewismus wie zu einer gräßlichen Karikatur des Sozialismus. Die Führer des Bolschewismus wurden als Verbrecher oder als Wahnsinnige betrachtet. Ihre Armee wurde als eine aus etlichen Tausenden Fanatikern oder Verbrechern bestehende Horde geschildert.

Das war die Meinung des gesamten Frankreichs. Ich schäme mich, gestehen zu müssen, daß neun Zehntel sowohl der Mehrheits- als auch der Minderheitssozialisten derselben Ansicht waren. Was wir zu unserer Entschuldigung anführen können, ist einerseits die Tatsache, daß wir über die russischen Ereignisse nicht im geringsten unterrichtet waren, andererseits, daß unsere Presse aller Richtungen auf Grund ersonnener Tatsachen und gefälschter Dokumente die Verdorbenheit, Grausamkeit und Gewissenslosigkeit der Bolschewiki zu beweisen suchte.

Die Ergreifung der Macht durch diese „Bande der Aufständischen“ machte einen erschütternden Eindruck. Die Verleumdungen, die das wahre Gesicht des russischen Kommunismus nicht zum Tageslicht durchdringen ließen, wurden noch viel schwärzer, als die bei Abschluß des Brester Friedens. Zu dieser Zeit hatte die antibolschewistische Agitation den Höhepunkt erreicht.

Trotz alledem gelang es einzelnen vorurteilsfreien Berichten, doch nach einiger Zeit in Frankreich einzudringen. Etlichen von uns begann ein Licht aufzugehen, daß es doch ganz unmöglich sei, daß eine Partei, die sich imstande erwies, so viele Hindernisse aus dem Wege zu räumen, sich ausschließlich auf Terror stütze, es müsse vielmehr angenommen werden, daß sie von dem bedeutendsten Teil des russischen Volkes anerkannt worden sei und jetzt geliebt und unterstützt werde.

In der bürgerlichen Presse dauerte die niederträchtige Hetze fort. In den Blättern der Sozialpatrioten hörten die Schimpfereien wohl auf, doch da begannen wilde Angriffe gegen die Führer des Bolschewismus, deren Utopien nach Ansicht der Sozialpatrioten die russische Revolution zweifellos zu vernichten drohten und die Weltrevolution unvermeidlich kompromittieren mußten. Die Blätter des sozialistischen Zentrums (von der Gruppe Longuet) trugen weniger Empörung und Verachtung zur Schau. Sie begannen sogar die Intrigen der bürgerlichen Regierungen der Entente zu enthüllen. Sie brachten ihnen Protest gegen die bewaffnete Intervention zum Ausdruck, wobei sie allerdings ihre Taktik nicht mit dem Gefühl der sozialistischen Solidarität begründeten, sondern sich auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker bezogen. Diese unversöhnlichen, zaudernden und feigen Orthodoxen hielten sich von jeglichem Urteil über den sozialistischen Wert des bolschewistischen Programms nach wie vor zurück. Von der radikalen Eigenschaft der riesigen sozialen Umwälzung, die von der Sowjetmacht mit fester Ueberzeugung durchgeführt wird, überrascht und erschreckt, folgten sie dieser meteorischen Revolution, ohne ihre Notwendigkeit zu begreifen und ohne die Macht derselben zu würdigen. Doch sie zu verurteilen erdreisteten sie sich nicht. Ihre Verlegenheit ist der eines jeden Bourgeois angesichts einer neuen Idee ähnlich, denn als Sozialisten haben sie ihre völlige Willenslosigkeit an den Tag gelegt. Wohl kann ich sie nicht allzu streng verurteilen, denn es ist ja nicht lange her, seit ich selbst in ihren Reihen stand, und es ist nicht ausgeschlossen, daß ich auch heute ebenso blind wäre, wie zuvor, wenn ich nicht hier die große Schule des russischen Kommunismus durchgemacht hätte.

Die erste Sympathiebezeugung, das erste Zeichen einer, wenn auch nur teilweisen, doch brüderlichen Einigung erfolgte im Oktober 1918 auf der nationalen Konferenz der sozialistischen Partei Frankreichs. Inmitten der Rede Longuets über die militärische Intervention erfolgten plötzlich begeisterte Rufe: „Es lebe die Sowjetrepublik!“ Diese Rufe waren sowohl für die meisten Führer der Mehrheit, als auch für die der Minderheit überraschend. Selbst Longuet, den diese Konferenz zum Führer der Sozialistischen Partei erhob, war völlig ergriffen. Das war die erste Warnung, die aus den Reihen der wenig bekannten aber weisen Kämpfer an ihre Führer gerichtet wurde.

Diese letzteren begannen seitdem — das muß man ihnen lassen — in weit offenerer Weise die Evolution nach links zu unterstützen, und diese Evolution hat sich in den letzten sechs Monaten langsam, aber unaufhaltsam vertieft. Von diesem Augenblick an war es offensichtlich, daß die Wendung der Massen nach links viel schneller vor sich ging als die der Führer. Das unmittelbare Interesse des Proletariats für das Materialistische, für das Reale, sein gut entwickeltes politisches Empfinden, der tiefgreifende und gesunde Instinkt, der dem französischen Volke eigen ist, alles das führt das Proletariat natürlicherweise zu vernünftigen Entschlüssen; mit anderen Worten, trotzdem es dem Proletariat an wissenschaftlicher Begründung des Sozialismus mangelt, wird es doch zu Entschlüssen im Sinn des Kommunismus gelangen. Wenn wir auch über keine genauen Daten verfügen, so dürfen wir doch annehmen, daß dieses natürliche Streben in gewissem Grade vom Syndikalismus beeinflußt ist. Ich will hier von den offiziellen Führern der Allgemeinen Konföderation der Arbeit, von Jouhaux, der mit der kriegerischen Regierung einen Flirt angebandelt hat, oder von Merrheim, dessen revolutionäre Tätigkeit stark nachgelassen hat, nicht reden. Es ist mir viel lieber, von den Kämpfern des Syndikalismus zu sprechen, die allerdings weniger bekannt, aber vom Prozeß der Zerlegung auch weniger betroffen sind, die auch vom Geist der unzähligen Parlamentskommissionen und der Verhandlungen mit Regierungsvertretern verschont geblieben sind, und die noch immer den lebhaften Geist des Syndikalismus von einst bewahrt haben. Diese Männer scheinen, trotzdem sie über den bolschewistischen Kommunismus nur mangelhaft unterrichtet sind, seine wahre Kraft und Lebensfähigkeit doch instinktiv erfaßt zu haben. Das sind größtenteils Männer, die in den hinteren Reihen des öffentlichen Lebens stehen, deren kulturelles Niveau zuweilen nicht allzu hervorragend ist, die jedoch über einen starken Willen verfügen, und die einst, wenn der Lauf der Geschichte das französische Volk zu den revolutionären Aktionen treibt, die es zur Macht führen sollen, sich zweifellos in den ersten Reihen einfinden werden.

Und in der Tat, Genossen! Ich sehe augenblicklich keine revolutionären Führer der Französischen Sozialistischen Partei. An ihrer Spitze stehen vorzugsweise solche Leute, die, wie Beamte, gar kein inneres Band mit den großen Volksmassen haben, Leute, die durch den bürgerlichen Parlamentarismus trivial und stumpfsinnig geworden sind. Der demoralisierende Einfluß der Kammer mit ihren offiziellen galanten Debatten einerseits und den geheimen Machenschaften andererseits ist ganz sonderbar und enorm. Solche braven Genossen mit starkem Temperament und guten politischen Ueberzeugungen, wie Cachin, Lafont und — ich rufe sicherlich Ihre Verwunderung hervor, wenn ich sage — selbst Renaudel, verfallen dem Opportunismus, wenn sie bloß einige Monate in der Kammer tätig sind. Viele von diesen werden sich ja sicherlich noch besinnen, doch zu spät, um mit ihrer Hand die Flammen der Revolution zu schüren. Viele werden sich gewiß der Revolution 24 Stunden nach deren Ausbruch anschließen, doch diese Männer werden nicht imstande sein, selbst 24 Stunden vor dem Ausbruch denselben vorauszusehen, weil es ihrer Urteilskraft an Scharfsinn und ihren Handlungen an Mut und Entschlossenheit mangelt. Ob sie einen Versuch machen werden, den Ausbruch der Revolution zu verhindern oder diese gewaltsam aufzuhalten, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, ich will auch nicht behaupten, daß es überhaupt ihre Absicht sei; ich wünschte auch nicht, daß es der Fall wäre, denn diese Elemente könnten, wenn sie vom Proletariat hingerissen und unter seine Kontrolle gestellt würden, ihm äußerst wertvolle Mitarbeiter sein.

Wir sehen also, daß die französische Revolution weder ihren eigenen Lenin, noch ihren Trotzki hervorbringen kann. Die Natur ist nun einmal mit solchen Titanen nicht allzu verschwenderisch. Im Grunde genommen genügt es, daß die Weltrevolution im Besitz dieser zwei mächtigen Führer ist, damit das Proletariat zur Macht durchdringt. Diese Führer sind ihren gewaltigen Aufgaben vollkommen gewachsen. Sie haben den Weg gezeigt, sie werden die Bahn auch weiter ebnen. Und sollte einst die französische Revolution der Hilfe der russischen Führer bedürftig sein, dann werdet Ihr uns diese Führer für einige Wochen wohl leihen, nicht wahr, Genossen? Wir Franzosen vermissen wenigstens augenblicklich nicht nur den kommunistischen Marschall, uns fehlen auch die hervorragenden revolutionären Generäle, über die Rußland in so großer Anzahl verfügt, und die ihrem Wesen nach russische Erscheinungen sind, geschaffen dank der Natur des Landes, dank seinen schroffen klimatischen Gegensätzen und seiner unübersehbaren Flächengröße, echt russische Erscheinungen, deren mächtiger Wille schon in den zaristischen Gefängnissen und in den langjährigen Verbannungen felsenstark geworden, Menschen, die zu allen möglichen Leiden und Opfern bereit sind.

Die Führer der französischen Linkssozialisten, Longuet und seine Freunde, die dem Reformismus und Opportunismus huldigen, sind eines revolutionären Heldenmuts nicht fähig. Damit will ich durchaus nicht gesagt haben, daß sie keinen Heroismus an den Tag legen werden, wenn die Stunde schlagen wird, allein sie werden nicht den nötigen Heldenmut besitzen, um diese Stunde näher zu rücken.

Die bolschewistischen Führer sind eben Führer im erhabensten Sinne des Wortes. Sie haben es verstanden, das Volk zur Revolution und auf den von der Geschichte vorgezeichneten Weg zu führen. Sie sind für die Volksmassen wie ein Leuchtturm, der den Weg mit seinem Licht bestrahlt. Unsere französischen Führer werden sich bloß, ich befürchte es, als Jünger der russischen offenbaren.

Das französische Proletariat wird wohl den ersten Schritt allein tun, es wird wohl allein in den ersten Kampf gehen müssen. All unsere Hoffnungen setzen wir auf das Proletariat. Lange genug hat es auf den Lorbeeren seiner ruhmreichen Vorfahren geruht, doch jetzt beginnt es zu erwachen. Es ist sich des ihm bestimmten großen Schicksals bewußt. Seine plumpen, aber kräftigen Hände strecken sich gierig zur Macht. Der Widerhall des Rufes, der auf der Oktoberkonferenz ertönte, läßt sich schon seit sechs Monaten überall in Frankreich vernehmen.

Die meisten öffentlichen Versammlungen schließen in der letzten Zeit immer mit der neuen Parole: „Es lebe Lenin!“ „Hoch Trotzki!“ „Es lebe die Diktatur des Proletariats!“ „Es leben die Sowjets!“ Diese Rufe berühren das Ohr der Machthaber wohl peinlich, und mit Entrüstung berichten die bürgerlichen Blätter darüber. Leider macht sich der Mangel an Führern sehr fühlbar; man vermißt die einheitliche Organisation, und nur zu leicht wird die an einzelnen Orten aufflackernde Bewegung durch rohe Kraft unterdrückt.

Doch im großen und ganzen ist der Lauf der Ereignisse für die Revolution günstig. Der Zusammenbruch der kapitalistischen Ordnung, die absolute Unfähigkeit dieser Ordnung, sei es Friedens- oder Kriegsfragen zu lösen, ihr sinnloser Wunsch, bloß auf illusorische Kompromisse einzugehen, der Haß, den sie gegen die Volksmassen empfindet, verstärken nur noch den Zorn und die Erbitterung der Massen. Die veraltete Idee der Verständigung mit der Bourgeoisie erscheint den Arbeitern immer hinfälliger. Die Sozialpatrioten, die Anhänger dieses ungeheuerlichen Bündnisses, sind von den Arbeitermassen schon längst mit Verachtung abgelehnt. Die unreifen Beschlüsse der Führer der Zentrumssozialisten, die wegen ihrer Weitschweifigkeit absolut kein Vertrauen einflößen, können wohl kaum jemand befriedigen.

Endlich ergießt sich Licht über das Wesen der russischen Ereignisse. Die ehrliche, aufrichtige Taktik der Bolschewistischen Partei entspricht dem Temperament des Franzosen viel mehr als die unklaren, trüben Formeln der ersten deutschen Revolution.

Jawohl, Genossen, ich bin fest davon überzeugt, daß das Programm der Kommunistischen Partei Rußlands mit einigen geringen Abänderungen entsprechend den französischen Verhältnissen, namentlich auf dem Gebiet der Agrarfrage, wohl in allernächster Zeit von dem französischen Proletariat angenommen wird.

Und zu diesem Ziel führt nur ein Weg — Propaganda, und nochmals Propaganda. Der Boden für die Agitation ist bestens vorbereitet. Die unverzeihliche Verzögerung der Demobilmachung, die imperialistischen Bestrebungen der kapitalistischen Oligarchie, in deren Händen sich die Macht über die gesamte Republik befindet, das schroffe Auftreten der Bourgeoisie gegen die russische und deutsche Revolution, der Zerfall des Staates, das wirtschaftliche Chaos, die Krise der Arbeitslosigkeit, die Verpflegungsschwierigkeiten, alles das trägt zum Zusammenbruch der ausbeuterischen Ordnung bei.

Wann wird die Freiheitsbewegung beginnen? Ja, wer kann den Lauf der Ereignisse voraussagen? Es können ja allerdings ernste Hindernisse das Unvermeidliche aufhalten.

Die französischen herrschenden Klassen verstanden es schon, bevor noch die Kapitalisten der Entente die gegenseitige Hilfe, Völkerbund genannt, organisiert hatten, sich durch spezielle militärische Kraft zu schützen, durch bunte und schwarze Truppen, durch Senegalier und Indier, die in sämtlichen Industriezentren einquartiert und gegen die Arbeitermassen loszuschlagen bereit sind.

Endlich bedroht die Regierung die künftige Revolution durch eine wirtschaftliche Blockade, die, indem sie die Zufuhr von amerikanischem Getreide nach Frankreich unterbindet, Frankreichs Bevölkerung dem Hunger preisgeben soll.

Die so entstehenden Aufgaben müssen gründlich durchdacht werden, denn riesig ist die Verantwortung, die wir übernehmen.

Ich bin trotzdem überzeugt, daß sobald die Demobilisation etliche Millionen Bürger in das Land zurückbringen und eine Arbeitslosen- und Verpflegungskrisis hervorrufen wird, die proletarische Bewegung unbedingt beginnen muß, deren Ziel zweifellos der Aufbau einer Sowjetrepublik sein wird, die sich der Kommunistischen Partei anschließen wird.

Wir wollen also weiter arbeiten und die gesegnete Stunde erwarten, den geheiligten Bund der deutschen, französischen und russischen Revolution, der die soziale Weltrevolution unbesiegbar machen wird.

Und damit schließe ich.

Es sei mir noch gestattet, Genossen, hier die Erklärungen zweier Kämpfer aus den Reihen der linken Sozialisten, Verfeuil und Loriot, zu verlesen, die die Psychologie der wahrhaft lebensfähigen und für das Proletariat so wertvollen Elemente der Französischen Sozialistischen Partei scharf beleuchten.1

Genossen! Indem ich meine Rede schließe, wiederhole ich noch einmal: vor kaum sechs Monaten rief die Mehrheit der Französischen Sozialistischen Partei: „Nieder mit den Bolschewiki!“ Jetzt rufen dieselben: „Es lebe die Sowjetrepublik!“ Offizielle und vorsichtige Parteiblätter suchen die Möglichkeit einer Diktatur des Proletariats in Frankreich zu erforschen. Benötigen diese Tatsachen noch Kommentare? Und sind wir nicht vollkommen berechtigt zu hoffen, daß wir nun nicht mehr lange zu warten haben?

Gen. Feinberg (England): Die Hoffnungen der revolutionären Länder sind auf England gerichtet. Diese Hoffnungen sind durch die Ereignisse in diesem Lande, während der letzten zwei Monate erhöht worden. Die Streikbewegung breitet sich über ganz England aus und hat Einfluß auf jeden Industriezweig. In der Armee ist die Disziplan sehr geschwächt, was in anderen Ländern das erste Symptom der Revolution war. Die Streikbewegung setzte nicht erst mit dem Ende des Krieges ein, sondern sie ist eine Fortsetzung dieser Bewegung während der Dauer des ganzen Krieges. Sogar vor dem Kriege, besonders im Jahre 1911—12, hat sich die Streikbewegung in England bis zum höchsten Grade entwickelt. Zu dieser Zeit fanden eine ganze Reihe Streiks statt, welche Einfluß auf die Eisenbahnen, Schiffswerften und Docks ausübten. Der Eisenbahnerstreik schien der Regierung so ernst zu sein, daß alle Eisenbahnen von Truppen besetzt wurden, und in Liverpool wurden Soldaten herangezogen, um den Ausstand zu unterdrücken. Auf die Arbeiter wurde geschossen, und viele wurden getötet und verwundet.

Bezüglich der Streikbewegung während des Krieges ist zu erwähnen, daß dieselbe am stärksten war, als die Verbündeten im Kriege Erfolg hatten; sobald sie aber Mißerfolg erlitten, legte sich die Bewegung. Dennoch gab es Augenblicke, in denen wir Sozialisten am Vorabend einer Revolution zu sein glaubten.

Am meisten interessieren uns Kommunisten die Form und der Charakter der Bewegung, und wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf diese lenken, finden wir, daß die britische Arbeiterbewegung sich seit 1914 vollständig verändert hat. Als der Krieg ausbrach, wurde die britische Arbeiterbewegung, wie die Arbeiterbewegung aller Länder, von einer Flut des Chauvinismus fortgerissen. Die Gewerkschaften gaben die Errungenschaften, die sie in langjährigem Kampf erobert hatten, auf, und das Zentralkomitee der Gewerkschaften schloß den Burgfrieden mit der Bourgeoisie. Aber das Leben, die Verstärkung der Ausbeutung, die Erhöhung der Lebensmittelpreise zwangen die Arbeiter, sich gegen die Kapitalisten, die den Burgfrieden zu ihren Ausbeutungszwecken ausnützten, zu wehren. Sie sahen sich gezwungen, erhöhte Arbeitslöhne zu verlangen und diese Forderungen durch Streiks zu unterstützen. Das Zentralkomitee der Gewerkschaften und die früheren Führer der Bewegung hatten der Regierung versprochen, die Arbeiter im Zaum zu halten, und deshalb versuchten sie die Bewegung zurückzuhalten und desavouierten die Streiks. Dennoch fanden die Streiks „unoffiziell“ statt. Die Regierung hielt den Arbeitern durch die Presse und ihre Beamten Vorträge über Disziplin und Respekt vor den Führern, aber als Bitten und Schmeicheleien nicht mehr genügten, fing sie zu drohen an; trotzdem folgte ein Streik dem anderen, obgleich jeder Streikende oder jeder, der anderen zum Streik überredete, streng bestraft wurde. Natürlich konnte eine derartige Bewegung nicht beginnen oder weitergeführt werden ohne irgend eine Organisation. Tatsächlich besteht auch eine derartige Organisation — nämlich das Shop-Stewardskomitee. Die Shop-Stewards existierten schon lange im Gewerkschaftsleben. Sie vertreten die Gewerkschaften in den Fabriken, sie sehen zu, daß die Bedingungen der Gewerkschaften ausgeführt werden und führen die Unterhandlungen mit den Fabrikleitern. In großen Fabriken mit vielen Abteilungen gibt es ein Shop-Stewardskomitee für jede Abteilung, und dank der bestehenden Organisation der Gewerkschaften kommt es manchmal vor, daß mehrere Gewerkschaften in derselben Fabrik vertreten sind. Die Veränderung der Organisations- und Produktionsmethode in der Industrie machte es den jüngeren und fortgeschritteneren Elementen der Arbeiterbewegung klar, daß die Organisation der Arbeiter nach den einzelnen Berufen nicht mehr als Waffe im Klassenkampf dienen könne; es wurde eine Agitation für die Verschmelzung aller Verbände eines gewissen Industriezweiges begonnen. Diese Bewegung wird in England als industrieller Utopismus betrachtet. Die Zentralkomitees der Gewerkschaften und die früheren Führer kämpfen gegen diese Richtung; die Shop-Stewardskomitees organisierten sich ihrerseits. Als die Gewerkschaftsvorstände, die Werkzeuge der Regierung, versuchten, die Bewegung der Arbeiter niederzuringen, übernahmen die Shop-Stewardskomitees die Führung der Bewegung. In den industriellen Gebieten wurden lokale Arbeiterkomitees gegründet, in welche Vertreter der Shop-Stewardskomitees eintraten, wie z. B. das Clyde-Arbeiterkomitee, das Londoner Arbeiterkomitee, das Arbeiterkomitee von Sheffield u. a. Diese Komitees wurden zum Mittelpunkt der Organisation und die Vertreter der organisierten Arbeiter in ihren Ortschaften. Eine Zeitlang wollten die Unternehmer und die Regierung die Shop-Stewardskomitees gar nicht anerkennen, aber schließlich waren sie gezwungen, mit diesen „unoffiziellen“ Komitees zu unterhandeln. Die Tatsache, daß Lloyd George sich einverstanden erklärte, das Birminghamer Komitee als eine wirtschaftliche Organisation anzuerkennen, beweist, daß die Shop-Stewardskomitees ein dauerhafter Faktor in der britischen Arbeiterbewegung geworden sind. In den Shop-Stewardskomitees, in den Arbeiterkomitees und in den nationalen Konferenzen der Shop-Stewardskomitees haben wir schon eine Organisation, die derjenigen, auf welcher die Sowjetrepublik beruht ähnlich ist. Diese Organisation wurde nicht durch künstliche Verbreitung einer neuen Idee geschaffen, sondern sie ist eine natürliche Frucht der Entwicklung der Arbeiterbewegung; ein neuer Beweis für die Richtigkeit der Prinzipien der Kommunistischen Partei. Mit dieser Organisation tritt eine vollständige Änderung in der Form und im Bau der britischen Arbeiterbewegung ein, und man hat Ursache zu glauben, daß sie die hervorragendste Rolle in der zukünftigen Geschichte der Bewegung spielen wird. Mit der Veränderung der Produktions- und Industriemethoden sahen die Arbeiter, insbesondere die Metallarbeiter, ein, daß ihre Lage ernstlich bedroht war. Eine Arbeit, welche früher eine große Geschicklichkeit erforderte, wurde jetzt von unerfahrenen Arbeitern — Männern, Frauen und Knaben — ausgeführt. Die älteren und konservativeren Arbeiter dachten, daß dies nur während des Krieges der Fall sein würde, aber die jüngeren Arbeiter erkannten, daß die Rückkehr zum Alten weder möglich noch wünschenswert sei. Es wurde energisch von den Arbeitern — insbesondere den Metallarbeitern — eine Kontrolle der Industrie verlangt, und auch die Regierung war gezwungen, dieser Forderung ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Eine Kommission wurde gebildet, um die Ursache der Unzufriedenheit unter den Arbeitern ausfindig zu machen. Diese Kommission schlug vor, den Arbeitern eine teilweise Industriekontrolle zu gewähren, um sie zu beruhigen. Die praktische Ausführung dieser Idee aber gab den Arbeitern keine Kontrollmöglichkeit, sondern die Disziplin wurde einfach verschärft, Schiedsgerichte wurden eingeführt. Der „Whitely Report“ machte wenig Eindruck auf die Arbeiter … Die Förderung der Industriekontrolle wird immer dringender.

Ohne Zweifel übte die russische Revolution einen großen Einfluß auf die britische Arbeiterbewegung aus. So wie in allen anderen Ländern, war die Bewegung durch den Krieg in eine Mehrheit und eine Minderheit geteilt worden, aber infolge der eigenartigen Konstruktion der Arbeiterparteikonferenzen konnte die Minderheit ihre Kräfte nicht so gut organisieren wie auf dem Festlande. Deshalb konnten die internationalen sozialistischen Parteien ihre Bedeutung nicht so genau einschätzen. Als aber die russische Revolution ausbrach, machten wir eine große Anstrengung, um unsere Kräfte zur Offensive gegen die Majorität zu sammeln. Wir entschlossen uns, im Juni 1917 in Leeds eine Konferenz aller Organisationen oder Teile der Organisationen einzuberufen, welche sich mit uns gegen den Krieg und für den Internationalismus erklären wollten. Der Hauptzweck war, die Ansicht der Arbeiterklasse über die russische Revolution in die Oeffentlichkeit zu tragen. Der Erfolg war viel größer als wir erwarteten. Ueber 1200 Delegierte, meistenteils Vertreter der Shop-Stewardskomitees, erschienen. Der Enthusiasmus und der wahre revolutionäre Eifer waren wirklich bemerkenswert. Sowohl unsere Freunde als auch unsere Feinde erklärten, daß es die eindrucksvollste Konferenz in England seit den Chartisten-Konventionen gewesen wäre; sie machte einen tiefen Eindruck im Lande. Es wurde beschlossen, nationale und lokale Sowjets der Soldaten- und Arbeiterdeputierten zu gründen und revolutionäre Propaganda gegen den Krieg zu betreiben. Es wurden Schritte zur Bildung von lokalen Soldaten- und Arbeitersowjets unternommen und zahlreiche Organisationen der Gewerkschaften äußerten den Wunsch, sich anzuschließen. Am bezeichnendsten war es, daß wir eine große Anzahl Bitten aus der Armee erhielten, Soldatensowjets unter unserem Schutze zu formieren. Die Regierung wurde ängstlich und, obwohl sie uns nicht gesetzlich unterdrückte, wandte sie Methoden an, die sie ohne Zweifel von ihrem zaristischen Verbündeten gelernt hatte. Unsere Ortsversammlungen wurden durch Banden von Raufbolden und betrunkenen Soldaten gesprengt.

Die Idee der Soldaten- und Arbeitersowjets ist der britischen Arbeiterbewegung nicht neu; die natürliche Entwicklung der Organisationsform in der Arbeiterbewegung selbst ist ein Beweis dafür. Der Teil der Arbeiterbewegung in England, welcher durch die Shop-Stewardskomitees vertreten ist, erkennt die Bedeutung der russischen Revolution, insbesondere der Oktoberrevolution, an, und betrachtet die Sowjetrepublik als das Vorbild, nach dem sie sich zu richten hat. Als der Krieg aufhörte, entfaltete sich eine mächtige Streikbewegung, bei der die Shop-Stewardskomitees die erste Rolle spielten. Zur selben Zeit äußerten die Truppen der Regierung gegenüber ihre Meinung, ohne vor strengen Disziplinarstrafen zurückzuschrecken. Die Soldatenbewegung ist hauptsächlich die natürliche Aeußerung des Wunsches, nach Hause zurückzukehren; als aber die Möglichkeit eines neuen Ueberfalls auf Rußland auftauchte, waren auch Zeichen der revolutionären Aufklärung zu merken. Bei Soldatendemonstrationen auf den Straßen wurde die sofortige Demobilisation verlangt, und in Aldershot, einem der größten militärischen Lager Englands, marschierten die Soldaten die Straßen entlang und schrieen: „Wollt ihr uns nach Rußland schicken?“ Während des ganzen Krieges pflegten die Soldaten zu sagen: „Wartet bis der Krieg vorbei ist, wir kehren nicht in die alten unerträglichen Verhältnisse zurück“, und es unterliegt keinem Zweifel, daß die in den Straßen demonstrierenden Soldaten dies im Sinne hatten. Der Hauptzweck der Streikbewegung ist Verkürzung der Arbeitszeit. In denjenigen Industriezweigen, in denen der Achtstundentag noch nicht eingeführt ist, verlangen die Arbeiter ihn, und in denjenigen Industriezweigen, in denen er schon existiert, verlangen die Arbeiter eine 40-stündige Arbeitswoche. Und zwar handelt es sich darum, den heimkehrenden Soldaten Arbeit zu verschaffen, ohne diejenigen arbeitslos zu machen, die schon in den Fabriken und Bergwerken arbeiten. Außerdem gibt es eine starke Bewegung gegen die Intervention in Rußland, und zwar aus zwei Gründen: erstens handelt es sich um reine Kriegsmüdigkeit und um den Wunsch, endlich einmal ein Ende der Feindseligkeiten zu sehen, zweitens aber ist die Arbeiterschaft sich bewußt, daß ein Ueberfall der Verbündeten auf Rußland einen Ueberfall auf die Arbeiterklasse der ganzen Welt bedeuten würde. Bis jetzt kann man nicht sagen, daß die Shop-Stewardsbewegung sich ihrer Aufgabe völlig bewußt wäre. Sie verlangt Industriekontrolle, aber sie scheint noch nicht verstanden zu haben, daß die Kontrolle der Industrie durch die Arbeiter, während die erstere sich immer noch im Besitz der Kapitalisten befindet, unmöglich ist. Aber daß man anfängt, dies zu verstehen, ist dadurch bewiesen, daß verschiedene wichtige Gewerkschaften die Nationalisation der Eisenbahnen, der Bergwerke, des Grund und Bodens usw. verlangen. Die Bewegung hat die Stufe noch nicht erreicht, auf der sie die Uebergabe der Macht an die Shop-Stewardskomitees verlangen kann. Aber Lloyd-George war gezwungen, die Birminghamer Shop-Stewardskonferenz anzuerkennen, und daraus können wir ersehen, daß die Bewegung ungeheure Fortschritte gemacht hat.

Die ungeheure Menge von sozialen und wirtschaftlichen Problemen, die der Krieg gezeitigt hat, wird die Arbeiterklasse Großbritanniens dazu zwingen, die einzige radikale Maßregel zu treffen, welche die Lösung dieser Probleme ermöglicht. Sogar wenn die Arbeitszeit gekürzt wird, ist eine gewisse Arbeitslosigkeit unvermeidlich und die Notwendigkeit, die Kriegskosten zu zahlen, wird die Ausbeutung der Arbeiter steigern und auf letztere revolutionierend wirken. Ferner wird die Lage in Irland ihrerseits die Ansammlung der revolutionären Spannung fördern — das alles muß zur Revolution führen. Auch wird die Bewegung in Irland das ihrige zur Revolutionierung der Arbeitermassen Englands beitragen.

Die Sinn-Feinerbewegung ist eine rein nationalistische oder revolutionär nationalistische, sie hat auch die irische Arbeiterschaft beeinflußt. Andererseits aber hat sich die irische Arbeiterbewegung, besonders die große Transportarbeitergewerkschaft — die größte Gewerkschaft Irlands — in revolutionärem und internationalem Lichte gezeigt. Gerade diese Gewerkschaft, von Connolly geleitet, stand hinter dem Dubliner Aufstand (1915). Obwohl Connolly tot ist, lebt sein Einfluß auf die irische Arbeiterbewegung fort, was die Begeisterung der irischen Arbeiter für die russische bolschewistische Revolution beweist. Gegenwärtig übt die irische Arbeiterbewegung einen großen Einfluß auf die Sinn-Feinerbewegung aus, so daß jeder Versuch der Regierung, sie zu unterdrücken, die Arbeiter zu regerer Teilnahme an den irischen Angelegenheiten veranlassen wird. Andererseits wird der Ausgang der Wahlen den Arbeitern beigebracht haben, daß sie vergebens einen dauernden Nutzen von der parlamentarischen Aktion erwarten. Wäre es auch seitens der russischen Sowjetregierung verfehlt, ihre Taktik von der Erwartung einer unmittelbaren Revolution in England beeinflussen zu lassen, so unterliegt es doch keinem Zweifel, daß die Verhältnisse sich in einem für die Revolution günstigen Sinne entwickeln und Organisationen geschaffen werden, mit deren Hilfe das Proletariat die Macht ergreifen und die Diktatur des Proletariats verkünden wird.

Gen. Albert. Genossen, wir müssen uns in der Berichterstattung einige Beschränkung auferlegen. Wenn wir am Vormittag fertig werden wollen, so wäre es notwendig, daß eine Einschränkung erfolgt. Es wird beantragt, daß die Genossen hier einen kurzen Bericht erstatten, im übrigen aber ihre Berichte schriftlich einreichen und auf diese Weise eine Abkürzung der mündlichen Erklärungen erfolgt.

Gen. Sinowjew. Ich möchte vorschlagen, die übrigen Berichte schriftlich zu Protokoll zu geben und nur für den Gen. Grimlund, der aus Schweden gekommen ist, eine Ausnahme zu machen. Wir werden nicht fertig, wenn wir so weiter arbeiten wollen.

Wird angenommen. Schluß der Sitzung ½4 Uhr.

Die Sitzung wird um 5 Uhr nachmittags wieder eröffnet.

Gen. Lenin. Es folgt der Bericht aus Schweden. — Der schwedische Genosse ist nicht da. Wir schlagen vor, die Berichterstattung zu schließen. Sind die Genossen damit einverstanden, daß der schwedische Bericht schriftlich eingereicht wird? Wir gehen zum folgenden Punkt der Tagesordnung über: Richtlinien der Internationalen Kommunistischen Konferenz. Die Berichterstatter sind Gen. Albert und Bucharin. Genosse Albert hat das Wort.

Gen. Albert (Deutschland). Werte Genossen! Nach den Erklärungen, die gestern die Vertreter von Rußland und Finnland abgegeben haben, konnte es den Anschein erwecken, als seien die Genossen von Deutschland gegen die Gründung der III. Internationale. Wir hegen nicht irgendwelche prinzipiellen Bedenken dagegen, aber die Genossen sind doch der Auffassung, daß, wenn man an die Gründung einer neuen Internationale herantritt, man etwas Rücksicht nehmen sollte auf die Stimmung unter den Arbeitern, insbesondere unter den Arbeitern der Weststaaten, die gegen derartige Gründungen an und für sich im Laufe der Zeit ein Mißtrauen bekommen haben, und dieses Mißtrauen der Arbeiter der Weststaaten zu respektieren war die Ursache, weshalb die deutschen Genossen erklärten, wir wollen jetzt nicht schon an die Gründung der neuen Internationale gehen, sondern wir wollen auf einer Vorkonferenz erst die Kräfte prüfen, die vorhanden sind, die politischen Grundlagen, auf denen wir uns vereinigen können, übersehen. Daß das Mißtrauen gegen die Gründung derartiger Vereinigungen bei den Arbeitern der Weststaaten berechtigt ist, wird jeder zugeben müssen, der die Geschichte der verflossenen Internationale kennt. Wir wissen, mit welchen pompösen Formalitäten Konferenzen abgehalten, gewaltige Beschlüsse gefaßt, Pläne zu großen Aktionen ausgearbeitet wurden, und als es dann in der Stunde der Not darauf ankam, alle diese Dinge in Taten umzusetzen, da wurden alle diese Beschlüsse schmählich im Stich gelassen und das ganze Werk der Internationale zertrümmert. Alle Beschlüsse wurden mit Füßen getreten, es wurde im genauen Gegensatz zu ihnen gehandelt. Das sind die Gründe, weshalb die Arbeiter mißtrauisch sind. Sie wollen nicht, daß auch die III. Internationale wieder zusammengekleistert wird von einigen zufällig zusammengekommenen Genossen, denn die Bedingungen, unter denen wir hier zur Konferenz zusammengekommen sind, waren zu schwierig. Es zeigt sich auch in der Tat, daß sehr wenige Vertreter der einzelnen Organisationen aus den verschiedenen Ländern anwesend sind. Die Arbeiter wollen nicht, daß hier wieder eine pompöse Gründung vor sich geht, daß hier wieder papierne Resolutionen gefaßt werden. Sie wollen zuerst wissen, wer zu ihnen steht, wer hinter uns steht, sie wollen wissen, auf wen sie sich verlassen können in den kommenden Kämpfen, und daß die III. Internationale in ihrer Tätigkeit anders aussehen muß als die vergangene, darüber sind wir uns alle klar. Heute handelt es sich nicht mehr darum, sich auf Konferenzen über die Theorien des Sozialismus zu streiten, heute handelt es sich nicht mehr darum, Kämpfe für die Zukunft anzukündigen, Pläne zu schmieden, Resolutionen zu fassen. Es handelt sich darum, das Proletariat aller Länder zur Tat zu führen. Heute, wo die Proletarier aller Länder einen Kampf für ihre Befreiung führen, der nicht allein durch Flugblätter, Broschüren und Reden gehandhabt wird, heute geht es auf Tod und Leben, heute wollen die Arbeiter wissen, ob die ins Leben zu rufende III. Internationale die Kraft besitzt, die dazu gehört, den Kampf der Arbeiter zu unterstützen, oder sie in der Lage ist, sich dieselbe zu verschaffen. Aus diesem Grunde sind die Arbeiter der Auffassung, daß es erst notwendig ist zu sagen, was wir wollen und was für Grundlagen für den weiteren Kampf vorhanden sind, und dann wollen sie erklären, ob sie bereit sind, die neue Internationale zu gründen und ihr beizutreten. Dieser Weg wird auch der richtigste und der einfachste sein und wird zu dem Ziele führen, das wir alle wünschen. Ich kann ausdrücklich sagen, daß die deutschen Arbeiter nicht gegen die Gründung einer III. Internationale sind, aber was sie wollen, ist, daß diese Internationale von vornherein ausgerüstet ist mit der Stärke und der Kraft, die notwendig ist zur Unterstützung des proletarischen Kampfes in allen Ländern. Dazu ist es unseres Erachtens zuerst notwendig, daß wir vor die Welt treten mit einer Plattform, in der wir klar und scharf zum Ausdruck bringen, was Aufgabe des Proletariats ist, ihr Ziel, ihre Wege zeichnen, daß wir ein Banner schaffen, das vorangetragen werden kann im Kampfe gegen die Bourgeoisie. Dazu ist es notwendig, daß wir uns von Anfang an so klar und so scharf wie möglich ausdrücken. Es geht nicht mehr an, daß es lediglich darauf ankomt, wie früher möglichst viel zusammenzuschwatzen und das möglichst viel Dekorationsstücke in der Internationale figurieren, die doch nur hohle Seifenblasen sind. Wir müssen die zusammenschließen, die sich voll und ganz zu uns bekennen, und die von uns weisen, die nur Halbe und Schwache sind, auf die kein Verlaß ist.

Der Gen. Bucharin und ich haben einige Richtlinien für eine derartige Plattform zusammengestellt, die Ihnen vorgelegt werden. Es wird unsere Aufgabe sein, kurz darauf einzugehen, und Ihre Aufgabe wird es sein, zu diesen Richtlinien Stellung zu nehmen und auszusprechen, ob Sie einverstanden sind mit dem, was vorgetragen wird, und ob Sie die Verpflichtung übernehmen, dafür zu sorgen, daß die Beschlüsse zur Tat werden, daß Ihre Organisationen zu diesen Richtlinien stehen und auf Grund derselben das Proletariat selbst entscheidet, ob es bereit sei, sich zu einer III. Internationale zusammenzuschließen.

Diese Richtlinien gliedern sich zuerst im Vorwort, in dem die Charakterisierung der Bourgeoisie und des Kapitalismus vorgenommen wurde. Es ist geschildert, wie der Kapitalismus mit seinen imperialistischen Tendenzen die einzelnen Staaten zu Raubstaaten gemacht hat, welche Politik der Kapitalismus im Drange nach immer neuen Absatzgebieten, nach Rohstoffquellen, nach immer neuen Kolonialgebieten getrieben hat und wie auf diese Weise durch die kapitalistischen Staaten die ganze Welt unter sie aufgeteilt worden ist. Es ist geschildert, wie diese Aufteilung der Welt durch die Kapitalstaaten vorgenommen wurde und wie trotzdem dann, als die Welt verteilt war, die Tendenzen des Kapitalismus nicht aufgehört haben, der Drang nach Ausdehnung, nach Erweiterung, die Habsucht der kapitalistischen Klassen nicht gestillt war und die einzelnen Staaten dazu kamen, sich gegenseitig an den Kragen zu gehen, wie sie sich gegenseitig ein Absatzgebiet nach dem anderen entreißen wollten. Es ist geschildert, wie die Natur des Kapitals ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Arbeiterklasse in den einzelnen Ländern nur aus Habsucht, aus Bedürfnis nach Vermehrung des Profits, nach Vergrößerung des eigenen Besitzes die Völker in Gegensatz, in eine gegenseitige feindliche Stellung gebracht hat. Es ist geschildert, wie der Kapitalismus versuchte, die Arbeiterschaft für sich und seine egoistischen Ziele zu gewinnen, wie er versuchte, die gegensätzliche soziale Struktur in den einzelnen Staaten zu überwinden, um den Arbeiter gebrauchen zu können im Kampfe gegen den Nachbar, zur Füllung der eigenen Taschen, und wie er gebraucht werden sollte, um die Kolonialpolitik in den einzelnen Staaten durchzuführen. Es ist gezeigt, wie es der Kapitalismus und die Bourgeoisie in den einzelnen Ländern verstanden haben, im Geiste der Arbeiterschaft das Gefühl der Zusammengehörigkeit von Arbeit und Kapital wachzurufen, wie sie es verstanden haben, den Begriff „Vaterland“ in die Hirne und Herzen der Arbeiter zu pflanzen und auf Grund dieses gemeinsamen Gefühls über den Nachbar herzufallen, wie der Burgfrieden zustande kam.

Die imperialistischen Tendenzen des Kapitalismus führten zum Weltkriege, sie führten dazu, daß die einzelnen großen kapitalistischen Staaten sich gegenseitig aufzufressen beabsichtigten. Der Arbeiter folgte willig den Wünschen und den Interessen der herrschenden Klassen, infolgedessen hat er seine eigenen Interessen mit Füßen getreten und hat sich ganz in das Schlepptau der herrschenden Klassen begeben. Daß es möglich war, daß die große Masse der Arbeiter den Tendenzen des Kapitalismus folgte, lag daran, daß unsere Vorgängerin, die II. Internationale, so gründlich wie möglich versagt hat. Noch auf der letzten Konferenz der II. Internationale wurde beschlossen, daß im Falle eines Krieges die Proletarier alle Mittel anwenden sollten, den Krieg zu verhindern. Als der Krieg ausbrach, haben sie alles aufgewandt, um ihn zu fördern, haben die Führer, die auf früheren Konferenzen zusammengekommen waren, mit allen ihren Kräften und ihrem Einfluß die Arbeiter zu überzeugen versucht, daß der Klassenkampf aufgehört habe, daß die Verbrüderung der Arbeiter mit der herrschenden Klasse notwendig sei, haben auf Grund ihres Einflusses das gesamte Proletariat auf die Schlächterbank geführt. Im Verlauf des Krieges, im Verlauf des Burgfriedens hat sich gezeigt, daß die Ziele, die dem Proletariat vorgegaukelt wurden, nicht erreicht werden konnten. Es hat sich gezeigt, daß anstelle einer Besserstellung der Arbeiterschaft durch Beteiligung am Kriege das Gegenteil für sie in Erscheinung trat; anstatt einer Verbesserung der Lebenslage haben wir gesehen, daß, auf Grund dieses Burgfriedens während des Krieges die allgemeine physische Vernichtung des Proletariats in die Wege geleitet wurde, daß die Not, das Elend, die Versklavung des Proletariats Fortschritte gemacht hat, daß die Folge des Burgfriedens nicht die Besserstellung des Proletariats, sondern eine Welthungersnot war, von der das Proletariat befallen wurde. Als diese Erkenntnis nach dem Ende des Krieges immer mehr und mehr unter den Arbeitern Fuß faßte, als die Arbeiterklasse einsah, daß sie die größte Dummheit begangen hat, als sie Schulter an Schulter mit der Bourgeoisie sich auf die Arbeiterschaft des Nachbarstaates stürzte, als sie sah, daß die Theorie des Burgfriedens Fiasko gemacht hat, da wandelte sich in den verschiedenen Staaten der imperialistische Krieg zum Bürgerkriege. Auf der einen Seite sehen wir in den größten Staaten die Revolution ausgebrochen, sehen wir, wie in Rußland und in den anderen Staaten die Arbeiter die Flinte umgedreht haben, um sie gegen ihre eigentlichen Feinde, die Kapitalisten im eigenen Lande zu richten. Wir haben gesehen, daß die Folge davon die Gärung in den anderen Staaten, die Gärung unter den Kolonialvölkern war, die bisher die Ausgebeutetsten der kapitalistischen Staaten waren, daß sich die Aufstände der Arbeiter in den einzelnen Ländern häufen, daß nach dem Burgfrieden die Gegensätze zwischen Kapital und Arbeit gestiegen sind und daß die Feindschaft der einzelnen Klassen zugenommen hat. Heute wird der Kampf in vielen Staten nicht mehr nur durch Flugblätter, Broschüren und Versammlungen geführt, sondern bereits mit Maschinengewehren und Gasgranaten. Aus alledem findet die kapitalistische Klasse keinen Ausweg. Sie hat uns auf der Bahn zum Abgrund immer weiter geführt, sie hat die europäischen Kulturstaaten zu einem Trümmerfelde gemacht und sie ist nicht in der Lage, darauf eine neue Gesellschaftsordnung aufzubauen, und wir sehen, daß, wenn nicht endlich eine Aenderung eintritt, die völlige Vernichtung der europäischen Kultur vorauszusehen ist. Da sehen sich die Arbeiter um nach einem Ausweg aus diesem Dilemma. Fragen wir uns zuerst, ob die herrschende Klasse in der Lage ist, die zertrümmerte Gesellschaft wieder aufzubauen, so müssen wir sagen, sie wird und kann nicht in der Lage sein, das wieder aufzubauen, was zerstört ist. Die kapitalistische Gesellschaft hat sich als unfähig erwiesen, die Herrschaft weiter zu führen, hat sich unfähig gezeigt, das Schicksal der menschlichen Gesellschaft weiter in die Hand zu nehmen, es bleibt kein anderer Ausweg, als daß nunmehr endlich das Proletariat als die weitaus größte produktive Klasse daran geht, die Macht selbst in die Hand zu nehmen. Schon stehen wir in einigen Staaten so weit, schon haben wir gesehen, daß in Rußland der letzte entscheidende Kampf begonnen und ein beträchtliches Stück Wegs glücklich beschritten ist, daß in Deutschland die Bourgeoisie und das Proletariat sich zu dem letzten entscheidenden und erbitterten Kampf rüstet und alle die Machtmittel der herrschenden Klasse, die sie noch aufbringen kann, aufbietet. Die Theorie vom Völkerbunde, die Tatsache der Errichtung der weißen Garden und des weißen Terrors werden und dürfen das Proletariat nicht abhalten, den Kampf aufzunehmen.

Das haben wir in den Richtlinien zum Ausdruck gebracht, um dann die Gegensätze aufzudecken, den Arbeitern die Augen zu öffnen und ihnen zu zeigen, wo wir heute stehen. Dann ist selbstverständlich, daß in unseren Richtlinien gesagt werden muß, auf welchem Wege wir unser Ziel zu erreichen gedenken, daß wir dem Arbeiter begreiflich machen, was er zu tun hat, ihm auseinandersetzen, welchen Weg er gehen muß, um zum Ziele der sozialistischen Revolution, zur Verwirklichung der neuen Gesellschaftsordnung zu gelangen. Das ist natürlich außerordentlich schwer, weil die Bedingungen zu diesem Kampfe in den verschiedenen Ländern verschieden und auf dem Wege zur sozialistischen Revolution die einen den anderen um ein ganzes Stück Weges voraus sind, und das, was wir Ihnen heute vortragen, für den einen überholt und für die anderen noch zu reif sein wird. Es wird sich zeigen, daß die Staaten, die auf dem Wege zur sozialistischen Revolution am weitesten fortgeschritten sind, uns sagen: Was ihr wollt, das haben wir zum größten Teil, und die anderen werden uns sagen: Was ihr hier wollt, ist noch lange nicht so weit bei uns, wir können noch lange nicht durchführen, was ihr von uns fordert, wir sind noch nicht so weit mit unserer Entwicklung.

Und doch muß ein Weg gefunden werden, auf dem wir uns zusammenfinden, es muß eine Art mittlere Linie skizziert werden, auf Grund deren wir uns miteinander verbinden können, und es ist wichtig und notwendig, daß die Staaten, die in der Entwicklung voraus sind, die Staaten, die zurückgeblieben sind, tatkräftig unterstützen durch ihre Erfahrung und auch durch die Tat. Es ist notwendig, daß wir uns zusammenfinden, und ich hoffe, daß die etwaigen Bedenken gegen die von uns aufgestellten Richtlinien in der Diskussion erörtert und beseitigt werden können. Was wir fordern, ist, daß nach dem Vorausgesagten das Proletariat daran gehen muß, die politische Macht zu erringen, daß das Proletariat daran gehen muß, die internationale Verständigung und Vereinigung mit der Arbeiterschaft aller anderen Länder herzustellen.

Die Uebernahme der politischen Macht durch das Proletariat bedingt die rücksichtslose Bekämpfung der Bourgeoisie und die Vernichtung ihrer politischen Macht. Es kann nicht angehen, wie es die Zentrumsleute denken, die alte politische Macht aufzurichten und erst später an die Verwirklichung des Sozialismus zu gehen. Wir dürfen in dieser Zeit, in der die Macht der Bourgeoisie porös geworden ist, nicht zögern, wir müssen in den einzelnen Staaten mit aller Kraft daran gehen, die politische Macht zu übernehmen und die der Bourgeoisie zu zertrümmern. Das darf aber nicht auf dem Wege geschehen, daß man sich einfach damit begnügt, eine sogenannte Revolution zu machen, ein paar Fürsten und Fürstenknechte zu beseitigen, und dafür ein paar andere Männer hinzusetzen, wie es uns das Beispiel von Deutschland gezeigt hat. Es darf nicht sein, daß man einen Kaiser stürzt und an dessen Stelle einen Ebert setzt, das kann nicht genügen. Es ist notwendig, daß das Proletariat nicht nur in den Regierungen einen Personenwechsel vornimmt, sondern daß es die Aufgabe der Vernichtung des gesamten Staatsapparats in den kapitalistischen Ländern erfüllt, daß nicht die Personen, sondern das System beseitigt wird und an Stelle der kapitalistischen die sozialistische Ordnung tritt. Wir haben in Deutschland in den ersten Tagen der Revolution die Entwaffnung der ganzen Bourgeoisie, insbesondere die des Offizierskorps gefordert. Die Arbeiter müssen die physische Gewalt aus den Händen der Bourgeoisie in die Hände des Proletariats legen, sie müssen die Vertreter der feindlichen Klassen entwaffnen, sie müssen den ganzen Machtapparat des Staates, die Staatsbeamtenschaft, die Richter, die Vertreter des Schulwesens beseitigen und an deren Stelle Männer und Organisationen setzen, die im Interesse und im Sinne und Geiste des Sozialismus die Staatsorganisationen neu aufbauen. Gen. Bucharin wird auf die Einzelheiten näher eingehen.

Die Zertrümmerung des Staatsapparates der Bourgeoisie und der herrschenden Klassen ist die erste Notwendigkeit nach Übernahme der politischen Macht durch das Proletariat und seine Organisationen. Bürgerliche Demokratie oder Diktatur des Proletariats, das ist die Losung. Es gibt keine Möglichkeit, die Durchführung der sozialistischen Ziele gemeinsam mit den herrschenden Klassen zu verwirklichen. Und wenn in all den Staaten, in denen die Revolution gekommen ist, die erste Parole des Bürgertums ist: Ihr habt Revolution gemacht, eure Aufgabe ist es, für die Demokratie einzutreten, so müssen wir sagen: Die Demokratie in diesem Sinne hat das Proletariat nie verlangt. Das Proletariat, soweit es sich zum Sozialismus bekannte, hat immer auf dem Standpunkte des Klassenkampfes gestanden, hat immer den rücksichtslosen Klassenkampf der proletarischen Klassen gegen die Bourgeoisie proklamiert, und an dem Tage, an dem das Proletariat die Macht übernimmt, kann keine Rede davon sein, den Klassenkampf aufzugeben. Dann erst recht muß das Proletariat beginnen, auf dem Wege des Klassenkampfes die restlose Niederringung des alten Gesellschaftssystems vorzunehmen. Das kann aber nur geschehen, wenn das Proletariat die bürgerliche Demokratie ablehnt, wenn es ablehnt, Schulter an Schulter mit der Bourgeoisie die neue Gesellschaft aufzubauen, den alten Staatsapparat zu konservieren, wenn das Proletariat, ohne Rücksicht auf das Geheul der Bourgeoisie, den Kampf fortsetzt und die Diktatur des Proletariats proklamiert, und dazu gehört, daß an Stelle des alten Staatsapparats jenes neue System der proletarischen Massenorganisationen, das Rätesystem, gestellt wird, und es muß den hier versammelten Delegierten mit zu den Hauptfragen, die sie an das Proletariat stellen müssen, die Frage gehören: Bekennt ihr euch zur bürgerlichen Demokratie oder steht ihr auf dem Standpunkt der Diktatur des Proletariats, also des Rätesystems? Wir können die III. Internationale unmöglich mit Leuten zusammen gründen, die nach wie vor sich zur bürgerlichen Demokratie bekennen und ablehnen, sich mit uns in der Forderung des Rätesystems zu vereinigen. Wir können uns also auch nicht mit jenem linken Flügel der alten Internationale vereinigen, der zuerst mit Begeisterung für die bürgerliche Demokratie eingetreten ist und dadurch die Entwicklung des Rätesystems abgewürgt hat. Wir können mit diesen Leuten nicht zusammengehen, die sich an die Rockschöße der Bourgeoisie gehängt haben, die in der Erhaltung der Bourgeoisie eine notwendige Vorbedingung für die künftige Entwicklung sehen, die dadurch das Rätesystem an die Wand gedrückt haben und dem Bürgertum die alte Macht wieder in die Hände spielen. Heute erklären sie mit weinender Stimme, sie seien auch für das Rätesystem, und sie suchen eine Kombination zwischen bürgerlicher Demokratie und proletarischer Diktatur zu finden, eine Verbindung zwischen Parlament und Rätesystem. Mit solchen Halben und Schwachen können und dürfen wir uns nicht vereinigen, sie werden für uns nicht eine Verstärkung der proletarischen Kampflinie sein, sondern im Gegenteil ein Hemmschuh, der uns hindert, auf dem Wege des proletarischen Klassenkampfes fortzuschreiten. Es wird eine der Hauptaufgaben sein, in den einzelnen Ländern dafür zu sorgen, daß diese Elemente abgestoßen werden, und daß die Kommunisten überall daran gehen, sich auf eigene Füße zu stellen, sich zu Diktatur und Rätesystem bekennen und nur die Arbeiter um sich scharen, die sich mit Entschiedenheit zur Diktatur des Proletariats, zum Klassenkampf bekennen, daß die Arbeiter in den einzelnen Ländern daran gehen, die bisherigen Organisationsformen zu zertrümmern, und sich eigene Massenorganisationen schaffen. Bürgerliche Demokratie ist dazu angetan, das Proletariat wieder seiner Macht zu entkleiden, sie ist von den Massen zu bekämpfen. Aufgabe der Massen wird sein, die Macht in den eigenen Händen zu halten und durch das Rätesystem die Selbstverwaltung durchzuführen. Auch hier wird Gen. Bucharin auf die Einzelheiten eingehen.

Aber wenn wir das Proletariat in den Kampf für die Diktatur führen wollen, dann werden wir den Arbeitern sagen müssen, welche Aufgaben mit der Uebernahme der Macht verbunden sind. Ich meine die Notwendigkeit, daß neben der politischen Diktatur auch die wirtschaftliche Diktatur durchgeführt wird, daß das Proletariat unverzüglich daran gehen muß, die Enteignung der Bourgeoisie vorzunehmen, die Sozialisierung der Produktion durchzuführen. Ich sagte schon vorhin, es ist unmöglich, das Wirtschaftsleben in den einzelnen Staaten wieder in Ordnung zu bringen. Die Arbeiter haben teilweise während des Krieges ihren Lohn beträchtlich erhöht, die Unternehmer in den Großbetrieben wollen nicht mehr produzieren, weil nach ihrer Auffassung durch die erfolgreichen Lohnkämpfe der Betrieb unrentabel für sie geworden ist. Auf der anderen Seite nimmt die Unlust zur Arbeit immer mehr zu, es besteht keine Lust für den Geldbeutel der Kapitalisten zu arbeiten, die Arbeiter wollen, daß die Produktionsweise umgestaltet wird, damit sie auch den Nutzen von ihrer eigenen Arbeit haben. Es ist also notwendig, daß das Proletariat dort, wo es die Macht übernommen hat, an die Enteignung der Großkapitalisten und Junker geht, um die Sozialisierung in die Wege zu leiten, um zuerst der Bourgeoisie das Rückgrat zu brechen, damit es dieser nicht mehr möglich ist, an Rückschläge zu denken, sich wieder aufzurichten. Gerade das ist nötig im Gegensatz zu den Kautskyanern, die die Verschiebung des Sozialismus auf einen späteren Zeitpunkt wollen, um die alte Produktionsweise wieder aufzurichten, bis die Schäden des Krieges geheilt sind.

Wir müssen dem Arbeiter ferner sagen, wie die Sozialisierung vor sich gehen soll, wir müssen ihm zeigen, daß — wie er es sich in seinem Geiste oftmals vorstellt — von einer allgemeinen Teilung nicht die Rede sein kann. Wir müssen vermeiden, daß, wie es z. B. in Deutschland in einigen Gegenden geschehen ist, der Arbeiter glaubt, daß die Sozialisierung durchgeführt ist, wenn er die Kapitalisten hinausgeworfen und die vorhandenen Rohstoffe aufgeteilt hat. Wir müssen ihm sagen, daß diese Methoden falsch sind, daß der Arbeiter nicht für sich sozialisieren darf, sondern daß die Sozialisierung im Interesse der Gesamtheit durchgeführt werden muß. Wir müssen dafür sorgen, daß der Besitz den Kapitalisten beschnitten, ihnen abgenommen wird, daß die Staatsschulden, die Kriegsanleihen annulliert werden, die Hausbesitzer ihrer Häuser enteignet und diese den Arbeitern übergeben werden. Auf diesem Gebiet können wir gewaltige Lehren aus Rußland mitnehmen, denn wir sehen, wie die Großkapitalisten aus ihren Palästen hinausgejagt und die eigentlichen Eigentümer, die Arbeiter hineingesetzt worden sind, daß nur die ein Recht haben, anständig zu leben, die an der Erhaltung der Gesellschaft arbeiten.

Dann werden wir dem Arbeiter auch zeigen können und müssen, auf welchem Wege wir alle diese Ziele, die wir hier aufstellen, erreichen können, wir werden ihm den Weg zum Siege zeigen, ihm sagen, daß das Proletariat den Kampf in der Hauptsache durch Massenaktionen führen muß. Es geht nicht mehr an, daß wir nur durch schöne Reden der Bourgeoisie auf den Leib rücken, oder daß die Arbeiter zusammen mit all den Halben und Schwachen den Kampf führen. Die Trennung von den Agenten des Kapitals ist die erste Forderung, die hier aufgestellt werden muß. Es geht nicht an, daß das Proletariat sich länger irreführen, sich weiter im Schlepptau der gelben Internationale führen läßt.

All das sind Gründe, die ausschlaggebend sein können, die Gründung der III. Internationale vorzubereiten, Gründe, die hier auszusprechen notwendig sind. Es gibt in Zukunft keine Gemeinschaft mehr mit den Vertretern der gelben Internationale von Bern. Wir müssen in Zukunft nicht nur dem Bürgertum den Kampf auf Leben und Tod ansagen, sondern wir müssen auch den Kampf aufnehmen gegen die Verräter des Proletariats, gegen die Scheidemänner in allen Ländern und gegen die Schwachen und Feigen in allen Ländern. Dann können wir mit vollem Recht sagen, daß wir die historische Mission erfüllen, die der dritten, der Kommunistischen Internationale gestellt ist.

Gen. Bucharin (Rußland). Genossen! Meine Aufgabe besteht darin, die von uns vorgelegten Richtlinien zu analysieren. Der allgemeine Charakter dieser Richtlinien muß notwendigerweise etwas abstrakt sein. Das ist deswegen, weil wir hier nur solche Sätze aufstellen können, die nicht nur in einem einzelnen Lande, sondern in all den Ländern, die in der III. Internationale vertreten sein werden, Geltung haben müssen. Andererseits muß aber in diesen Richtlinien die ganze Erfahrung der Länder, in denen sich die Bewegung schon entwickelt hat, enthalten sein, insbesondere die große Erfahrung der russischen kommunistischen Arbeiterrevolution. Ich setze voraus, daß die Genossen schon mit dem Texte dieser Richtlinien bekannt sind. Zuerst kommt die theoretische Einleitung. In dieser ist die Charakteristik der ganzen Epoche unter einem ganz besonderen Gesichtspunkte gegeben, nämlich unter dem Gesichtspunkte des Zusammenbruchs des kapitalistischen Systems. Wenn früher solche Einleitungen geschrieben wurden, so gab man einfach eine allgemeine Beschreibung des kapitalistischen Systems. In der letzten Zeit ist dies, meines Erachtens, schon nicht mehr genügend. Wir müssen hier nicht nur die allgemeine Charakteristik des kapitalistischen und imperialistischen Systems geben, sondern auch den Prozeß der Auflösung und des Zusammenbruchs dieses Systems schildern. Das ist ein Gesichtspunkt. Der andere ist der, daß wir das kapitalistische System nicht nur in seiner abstrakten Form, sondern praktisch als den Weltkapitalismus betrachten müssen, und diesen müssen wir als ein Ganzes, ein wirtschaftliches Ganzes ansehen. Wenn wir nun dieses weltwirtschaftliche kapitalistische System unter dem Gesichtspunkte seines Zusammenbruchs betrachten, müssen wir die Frage stellen: Wie war dieser Zusammenbruch möglich? Und da gilt es nun, die Widersprüche des kapitalistischen Systems in erster Linie zu analysieren.

Die zwei wichtigen Widersprüche des Kapitalismus bestehen erstens in der Anarchie der Produktion, zweitens in der Anarchie seiner sozialen Struktur. Zuerst haben wir die rein ökonomischen Widersprüche, sodann die sozialen Widersprüche, und zwar betrachten wir sie nicht in allgemeiner Form, sondern in der Form, in der sie in unserer Zeit zum Ausdruck kommen. Hier schildern wir im ersten Teil der Einleitung, daß der ökonomische Widerspruch des kapitalistischen Systems in seiner anarchischen Natur liegt. Teilweise wurde seitens des Kapitals überall ein Prozeß der kapitalistischen Organisation entwickelt. Wie bekannt, ist die frühere Form des Kapitals, des zerstreuten, unorganisierten Kapitals fast verschwunden. Dieser Prozeß hatte schon vor dem Kriege begonnen und verstärkte sich in dessen Verlauf. Dieser Krieg hat eine sehr große organisatorische Rolle gespielt: Unter seinem Druck verwandelte sich die Form des Finanzkapitalismus in eine noch höhere Form, in die Form des Staatskapitalismus, und ebenso wurde der frühere unorganisierte Kapitalismus in den einzelnen Ländern durch seine organisierte Form, den Staatskapitalismus, ersetzt. Verschiedene bürgerliche Gelehrte behaupten, daß die anarchische Natur des Kapitalismus, von der die Marxisten schreiben, ein Bluff sei und alle die Konsequenzen, die von den Marxisten aus der Annahme der kapitalistischen Anarchie gezogen würden, ebenso Bluff wären. Aber diese guten bürgerlichen Gelehrten bemerken nicht die andere Seite derselben Entwicklung: in dem Maße, in dem die ökonomischen Widersprüche allmählich verschwinden und der in einzelnen Ländern zerstreute Kapitalismus sich in einen organisierten verwandelte, brachte derselbe Entwicklungsprozeß der Produktivkräfte des Weltsystems die ungemeine Verschärfung der Anarchie in der Weltwirtschaft mit sich. Es ist ein allgemeines Gesetz der kapitalistischen Entwicklung, daß die Konkurrenz der Ausdruck der Anarchie im kapitalistischen System ist. Diese Konkurrenz wurde in immer größerem Maßstabe reproduziert. Die bürgerlichen Gelehrten haben es nicht bemerkt, daß in unserer Zeit die anarchische Natur des Kapitalismus in riesengroßem Umfang in Erscheinung tritt, und zwar im Rahmen der ganzen kapitalistischen Weltwirtschaft: seine innere widerspruchsvolle Natur hat zu deren vollständigem Zusammenbruch geführt. Das ist eine Seite der Frage.

Ebenso liegt die Frage der sozialen Anarchie der kapitalistischen Gesellschaft. Auch sie wollte der Kapitalismus überwinden. Mit welchen Mitteln? Gerade mit den Mitteln der imperialistischen Politik, so paradox das auch klingt. Der Kapitalismus der entwickeltsten Länder versuchte dies vermittelst der Beraubung anderer Länder, und der Häufung von Extraprofiten auf Kosten der beraubten Kolonialvölker. Das Kapital wollte ein Teilchen von diesem Extraprofit dem kontinentalen Arbeiter geben und damit einen permanenten Burgfrieden schaffen. Wir wissen nun alle, wie auf Kosten der Ausraubung der Kolonialvölker der Patriotismus der Arbeiter geschaffen wurde, besonders der der qualifizierten Schichten der Arbeiterschaft, die den größten Anteil an diesem Extraprofit erhielten. Aber da gerade die Methode der Schaffung des Burgfriedens die imperialistische Methode war, so wohnte auch ihr ein Widerspruch inne. Diese Methode, die den Burgfrieden wirklich hervorrief, führte unvermeidlich zu dem gewaltigen Zusammenstoß der kapitalistischen Kräfte in den Raubländern. Darüber hinaus hat dieses Mittel, mit dem der Kapitalismus seine innere widerspruchsvolle soziale Struktur zu überwinden versuchte, tatsächlich zu einer ungeahnt wachsenden Verschärfung der sozialen Gegensätze und damit zum Ausbruch des Bürgerkrieges, zur gewaltigen Explosion, zum riesigen Zusammenbruch der einzelnen Länder in sich geführt. Das schildern wir in der theoretischen Einleitung.

Wir haben es für notwendig gehalten, in dieser Einleitung auch den letzten Versuch des Bürgertums zur Ueberwindung dieser Widersprüche, den Völkerbund, zu analysieren. Es ist die letzte Anstrengung des Weltkapitals, um die ihm innewohnenden Widersprüche zu beseitigen. Aber bei der Anwendung dieses Mittels ist die Situation so, daß in den Händen des Kapitalismus keine Kraft mehr vorhanden ist, die stark genug wäre, den Prozeß der sozialen Gärung und der kommunistischen Revolution zu verhindern. Das ist der theoretische Hintergrund unseres ganzen Programms, unseres Richtlinienentwurfs.

Jetzt, Genossen, möchte ich flüchtig einzelne Punkte unserer Richtlinien erörtern. Der erste Punkt betrifft die Frage der Eroberung der politischen Macht. Hier mußten wir ganz offen sagen, daß wir zur alten marxistischen Lehre zurückkehren. Wie bekannt, steht die alte Sozialdemokratie, die sich als marxistisch bezeichnet, fast überall auf dem Boden der kastrierten marxistischen Lehre. Marx's Lehre vom Staat betrachtet diesen als einen Unterdrückungsapparat. In der kommunistischen Gesellschaft ist überhaupt keine Staatsmacht vorhanden, denn in ihr gibt es keine Klassen, folglich auch keine Klassenorganisationen. Hier sagen wir, daß nach der Eroberung der politischen Macht seitens des Proletariats und nach der vollständigen Vernichtung der Bourgeoisie als Klasse, die gegen das Proletariat kämpft, — auch der Staat selbst mit den Klassen und allen Klassenorganisationen „absterben“ wird. Wir haben hier dieses Wort gebraucht, das Marx und Engels oft für diesen Vorgang angewandt haben. Dabei, werte Genossen, mußten wir ziemlich ausführlich die Frage der Eroberung der politischen Macht berühren. Die alte sozialdemokratische Partei hat absolut keine Vorstellung davon, was die Eroberung der politischen Macht eigentlich heißt. Man stellte sich die politische Macht als irgend ein neutrales Objekt vor. Diese Vorstellung von der Staatsmacht ist total unrichtig. Es gibt keine abstrakte Staatsmacht, sondern nur eine konkrete. Wenn die Bourgeoisie am Ruder des Staatsapparats steht, so ist der Staat eine bürgerliche Organisation, und wenn das Proletariat die Staatsmacht erobert, so erobert es nicht diese Staatsmacht, sondern es organisiert seine eigene Staatsmacht, und in diesem Prozeß muß es notwendigerweise die alten staatlichen Organisationen zerstören. Besonders klar ist dies jetzt nach den Erfahrungen der russischen und deutschen Revolution. Nehmen wir die beste Stütze des alten Staates — die Armee. Kann man sich die Sache so vorstellen, daß das Proletariat die Staatsmacht erobert, ohne die imperialistische Armee zu desorganisieren? Natürlich nicht. Die Eroberung der staatlichen Macht ist mit der Desorganisation der imperialistischen Armee verbunden. Dasselbe läßt sich überhaupt von dem ganzen Apparat sagen. Indem das Proletariat sich die Staatsmacht erobert, indem es die politische Macht in seine Hände nimmt, zerstört es den bürgerlichen Staatsapparat. Diese Wahrheit ist eine revolutionäre Wahrheit, und sie war gerade Marx und Engels, den Begründern der kommunistischen Lehre, gut bekannt. Erst in der späteren Periode der friedlichen Entwicklung wurde dieser Grundgedanke vollständig vergessen. Jetzt kehren wir zu dieser alten erprobten Marx'schen Lehre zurück, indem wir sagen: erstens — in der kommunistischen Gesellschaft kann überhaupt kein Staat existieren, und zweitens — die Eroberung der politischen Macht seitens des Proletariats muß notwendigerweise die Zerstörung der alten staatlichen Organisationen mit sich führen. Soviel über die Eroberung der politischen Macht.

Es folgt dann der Punkt: Bürgerliche Demokratie oder Diktatur des Proletariats. Ich werde diesen Punkt nicht besonders ausführlich behandeln, nicht weil er nicht wichtig wäre, sondern weil wir in der Tagesordnung eine spezielle Aussprache darüber haben werden und Genosse Lenin über diesen Punkt referieren wird. Ich werde nur einige Grundgedanken der Richtlinien erörtern.

Zuerst noch einiges über den Aufbau der Richtlinien. Die Sätze sind hier antithetisch konstruiert. Wenn wir die Frage der bürgerlichen Demokratie oder der Diktatur des Proletariats betrachten, so ist als das wichtigste dabei zu erwähnen, daß die bürgerliche Demokratie erstens in der Wirklichkeit nichts anderes als Diktatur der Bourgeoisie bedeutet, und zweitens, daß sie sich vollständig auf eine Fiktion stützt, nämlich auf die Fiktion des sogenannten „Volkswillens“. Dieser Fetisch, dieser falsche Begriff von dem „Volkswillen“, ist ein Schlagwort für alle Parteien. Nehmen wir irgend ein Flugblatt der alten sozialdemokratischen Partei und sie werden in unzähligen Phrasen diese sakramentalen Worte vom „Vilkswillen“ finden. Aber in Wirklichkeit ist dieser Volkswille ein Unsinn. Die kapitalistische Gesellschaft ist keineswegs irgend ein geschlossenes Ganzes. Es gibt in der kapitalistischen Gesellschaft nämlich nicht eine, sondern zwei Gesellschaften. Zu dem Willen der ausgebeuteten Minderheit steht der Wille der ausgebeuteten Mehrheit im stärksten Gegensatz, und deshalb kann kein einheitlicher „Volkswille“ existieren, der alle Klassen umfaßt. Man kann nicht sagen, es könnte doch eine Resultante des Willens verschiedener Klassen geben; in Wirklichkeit ist eine solche Resultante unmöglich, da eine Klasse der anderen ihren Willen mit verschiedenen Mitteln der rohen Gewalt oder des ideologischen Betrugs aufzwingen will, in der Tat dominiert nur ein Wille, und es ist kein Zufall, daß gerade bei der bürgerlichen Demokratie diese Fiktion des Volkswillens besonders in den Vordergrund gestellt wird. Gerade in der bürgerlichen Demokratie ist es klar, daß nur der Wille der Bourgeoisie sich verwirklicht und nicht der Wille des Proletariats, der unter der bürgerlichen Demokratie vielmehr vollständig unterdrückt ist.

Der zweite Grundgedanke der Richtlinien ist die Antithese zwischen der formellen Freiheit in der bürgerlichen Demokratie und der materiellen Verwirklichung der Freiheit durch die proletarische Diktatur. Die erstere verkündet verschiedene Freiheiten für das ganze Volk, also auch für die werktätigen Klassen, aber solange sich die materielle Basis in den Händen der kapitalistischen Klasse konzentriert hat, solange sind diese Freiheiten für die Arbeiterschaft nicht realisierbar. Die Situation ist ähnlich wie bei der Preßfreiheit in den Vereinigten Staaten: die amerikanische Zensur verbot die proletarischen Zeitungen nicht, aber sie weigerte sich, sie durch die Post zu verbreiten. In der Tat war also das formelle Bestehen dieser Preßfreiheit für das Proletariat bedeutungslos. Ebenso ist es mit allen Freiheiten unter der bürgerlichen Demokratie. Da die Bourgeoisie die Häuser, das Papier, die Druckereien, kurz alles in ihrem Besitz hat, so kann das Proletariat formell über verschiedene Freiheiten verfügen, ist aber außerstande, sie zu realisieren. Umgekehrt ist es bei der proletarischen Diktatur. Da ist kein großes Gerede über verschiedene Freiheiten. Wir garantieren die Realisation dieser Freiheiten damit, daß wir die materielle Basis der kapitalistischen Gesellschaft, das Eigentum, die materiellen Mittel der Bourgeoisie wegnehmen, um sie den Arbeitern, den armen Bauern, d. h. dem wirklichen Volk, zu übergeben.

Drittens enthalten unsere Richtlinien noch die Antithese zwischen der bürgerlichen und proletarischen Diktatur, soweit es sich um die Anteilnahme an der Staatsmacht handelt. Obwohl hier bei der bürgerlichen Demokratie sehr viel darüber geredet wird, daß das Volk selbst regiert (das Wort „Demokratie“ bedeutet ja „Selbstregierung des Volkes“), bleibt in der bürgerlichen Demokratie das eigentliche Volk, in erster Linie das Proletariat, vollständig von dem Staatsapparat isoliert. In den bürgerlich-demokratischen Republiken der Schweiz oder der Vereinigten Staaten besteht die „Anteilnahme“ des Proletariats an der staatlichen Verwaltung nur darin, daß einmal in vier Jahren der Proletarier ein Papierchen in die Wahlurne wirft und damit seine bürgerliche „Pflicht“ erledigt. Die ganze Arbeit wird auf einen Deputierten, sehr oft einen bürgerlichen, übertragen und der Arbeiter hat überhaupt gar keinen Begriff, wie diese Deputierten eigentlich „arbeiten“. Er ist vollständig von dem Staatsapparat ausgeschlossen. Anders liegen die Dinge bei der proletarischen Diktatur. Da ist die Lage so, daß das Proletariat nicht nur an den Wahlen teilnimmt, es ist vielmehr das tätige Mitglied des ganzen Staatsapparats, dieses großen Mechanismus, der über dem Lande steht und das Land in seinen Händen hat. Alle Massenorganisationen des Proletariats verwandeln sich hier in große Hilfsorgane der proletarischen Staatsmacht, und damit ist die stetige Anteilnahme an der Staatsverwaltung gegeben.

Jetzt, Genossen, folgt der Punkt über die Enteignung der Bourgeoisie, die ökonomische Seite der Diktatur des Proletariats. Diese Seite der proletarischen Diktatur ist ebenso wichtig wie die Eroberung der politischen Macht. Die politische Diktatur, die Diktatur des Proletariats ist für uns bloß ein Mittel, um die ökonomische Umwälzung zu vollziehen. Die Verwandlung der kapitalistischen Gesellschaft in die kommunistische geschieht auf dem Boden der Veränderung der ökonomischen Struktur der modernen Gesellschaft, und die Veränderung der Produktionsverhältnisse ist der Hauptzweck der proletarischen Diktatur. Hier müssen wir zuerst mit unseren politischen Gegnern polemisieren. Wir wissen jetzt, daß gegen uns eingewandt wird, nach dem Kriege sei eine so große Erschöpfung eingetreten, daß es lächerlich wäre, irgend welche sozialistischen Maßnahmen zu ergreifen. Die Scheidemänner, unsere Menschewiki, Kautsky, die mit dem Sozialismus kokettieren, behaupten natürlich, an und für sich sei der Sozialismus ein sehr gutes Ding, aber bei dem jetzigen Tiefstand der Produktivkräfte nach dem Zerstörungsprozeß, der Verelendung der Arbeiterklasse und der ganzen Gesellschaft sei es lächerlich, zum Sozialismus zu schreiten. Kautsky hat sogar gesagt: das jetzige Deutschland zu sozialisieren, hieße das ganze Land in ein Tollhaus verwandeln. Dagegen behaupten wir in unseren Richtlinien — bei dem jetzigen Zustand der Klassenverhältnisse und der Produktivkräfte ist es nicht nur verfehlt, sondern utopisch, zu meinen, daß die Wiederherstellung des Kapitalismus überhaupt möglich sei. Das ganze kapitalistische System kracht jetzt in allen seinen Fugen. Nehmen wir die ökonomische Seite: es ist wahr, daß alles zerstört ist, aber man kann das Zerstörte nicht auf der alten Basis zusammenkleben. Betrachten wir das Verhältnis zwischen Arbeiter und Kapitalisten. Die frühere kapitalistische Gesellschaft hatte ein besonderes Verhältnis zwischen dem „Arbeitgeber“ und dem Arbeitenden zur Voraussetzung. Dieses System beruhte auf einem permanenten Burgfrieden, der nicht nur politischen, sondern einen viel allgemeineren Sinn hat. In jeder Fabrik muß dieser Burgfrieden bestehen, damit die kapitalistische Produktion überhaupt vor sich gehen kann. Sind aber diese Fäden zwischen dem Kapitalisten und dem Arbeiter einmal abgeschnitten, so können sie auf der früheren Basis nicht wieder organisch verknüpft werden. Da die Lohnbewegung der Arbeiter nicht Halt machen kann, wird sie vorwärts gehen. Dadurch aber werden die verschiedenen Produktionsbranchen für die kapitalistische Klasse unrentabel, das heißt, unter gegebenen Umständen werden die Kapitalisten Sabotage treiben, ihre Betriebe einstellen, wie das in Rußland geschah! Nirgendwo haben wir eine Möglichkeit der Weiterentwicklung der kapitalistischen Verhältnisse. Nur einem Utopisten kann es einfallen, sie zu fordern. Die Kautskyaner erwiesen sich schon als Utopisten durch die Art, wie sie die Frage des Imperialismus, der weiteren Kämpfe des Proletariats beantworteten. Jetzt sind sie es, welche die Wiederherstellung der kapitalistischen Verhältnisse erstreben. Es sind nur zwei Auswege möglich: entweder die vollständige Vernichtung des ganzen ökonomischen Lebens oder die sozialistische Produktion. Die kapitalistischen Verhältnisse wiederherstellen, hieße nur, die Agonie der alten Gesellschaft ausdehnen, den Prozeß der Auflösung und Anarchie immer mehr und mehr verlängern und damit auch die Möglichkeit der Wiederherstellung des ökonomischen Lebens auf der neuen Grundlage stören.

Damit ist eine weitere Frage verbunden. Nicht nur die russischen Sozialisten, sondern auch die deutschen Sozialisten vom Schlage Kautsky behaupten, daß wir hier eine ganz besondere Art von Kommunismus treiben, daß wir anstatt des produktiven eine ganz besondere Art von Lumpenkommunismus praktizieren, einen Verteilungskommunismus, der mit den wirklichen Aufgaben der Arbeiterklasse nichts gemein habe. Dagegen müssen wir erwidern, daß diese Sozialisten die Grundlage der Lehre Marxens vergessen. Nach Marx besteht die wichtigste Produktivkraft der kapitalistischen Gesellschaft in ihrer Arbeitskraft. Vom rein ökonomischen Standpunkt aus ist das Proletariat diese wichtigste produktive Kraft der ganzen Gesellschaft. Jetzt, nach der riesigen Zerstörung durch den Krieg, besteht die Aufgabe eines jeden, der überhaupt den Fortschritt der Gesellschaft anstrebt, darin, diese wichtigste produktive Kraft, die Arbeiterschaft, in ihrem Bestande zu erhalten. Alle Lasten des Krieges, der ganze Zerstörungsprozeß, der mit dem Kriege verbunden war, drücken aber besonders die Arbeiterschaft, so daß diese produktive Kraft zu verschwinden droht. Einer der bürgerlichen Oekonomen hat hierzu richtig bemerkt, daß selbst, wenn alle materiellen Mittel zerstört sind, diese Arbeitskraft aber noch da ist, daß immer noch die Hoffnung, die Gewißheit besteht, daß durch eben diese Arbeitskraft materieller Reichtum wieder produziert wird. Verschwindet aber auch diese, wird das Proletariat selbst vernichtet, so verschwindet damit die letzte Hoffnung auf die Möglichkeit des Weiterbestehens der menschlichen Gesellschaft überhaupt. Deshalb ist es jedem vernünftigen Menschen klar, daß alle Bestrebungen darauf hinzielen müssen, diese Kraft zu erhalten. Und der sogenannte Konsumkommunismus, den wir praktizieren, der „Verteilungskommunismus“, d. h. die Uebergabe dessen, was früher in den Händen der Kapitalisten war, in die Hände des Proletariats, ist das einzige Mittel, um die Arbeiter von vollständiger Vernichtung zu retten, er schafft buchstäblich die Möglichkeit einer weiteren Entwicklung der Produktivkräfte und des produktiven Kommunismus.

Damit nähern wir uns der Frage auf einem neuen Wege, der uns letzten Endes auch nur zur Entwicklung der produktiven Kräfte der Gesellschaft führt. Diesen Gedanken haben wir nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch beleuchtet.

Was die konkreten Maßnahmen betrifft, so sind sie allen Genossen bekannt. Sie waren fast alle schon in dem radikalen Programm, in dem der holländischen Tribunisten während des Krieges, in der Broschüre „Was will der Spartakusbund“ und in den Schriften, die von der Kommunistischen Partei herausgegeben wurden, enthalten. Ich will dabei bemerken, daß wir hier einige Punkte unterstrichen haben, die besondere Aufmerksamkeit verdienen. Zuerst — den Punkt der verschiedenen staatskapitalistischen Apparate in den entwickeltsten Ländern. Man sagt, wir müßten die Banken expropriieren, die Großbetriebe, die Syndikate sozialisieren usw., aber man vergißt dabei, daß auch der Staatskapitalismus selbst neue Apparate geschaffen hat, Apparate, die wir für unsere Zwecke ausnützen können. Ich meine die verschiedenen Munizipalisierungs- und Verteilungsapparate sowie die staatskapitalistischen Einrichtungen, die während des Krieges in großer Zahl, besonders in Deutschland, aber auch in England, Amerika und Frankreich entstanden sind. Da gerade diese Apparate mit dem Staate eng verbunden waren, so ist es zwar sehr schwer, sie während der Revolution aufrecht zu erhalten, jedoch können wir einige ihrer materiellen Elemente für unsere Zwecke ausnutzen. Deshalb betonten wir gerade diesen Punkt.

Ferner haben wir speziell die Punkte über das Kleinbürgertum und das Kleinbauerntum berührt. Hier kann man die Frage nur allgemein stellen, denn die Agrarverhältnisse sind in den einzelnen Ländern so verschieden, daß es überhaupt unmöglich ist, etwas Konkretes hierüber auszuarbeiten. Aber eine Richtlinie haben wir auch hier gegeben: erstens — das Kleinbürgertum und das Kleinbauerntum werden von dem Proletariat keineswegs enteignet werden; zweitens — diese Klassen werden in langsamem Prozeß auf friedlichem Wege in die allgemeine sozialistische Organisation hineingezogen werden, und drittens — das Proletariat wird gegen diese Klassen nicht kämpfen, sondern sogar etwas Positives für sie leisten, indem es sie von dem Druck des Wucherkapitals, der Steuerlasten und Staatsschulden befreit. Diese letzte finanzielle Frage, die auch mit der Frage der Annullierung der Staatsschulden eng verbunden ist, ist sehr wichtig.

Wenn wir für Russen schreiben würden, so hätten wir die Rolle der Gewerkschaften in dem revolutionären Umwandlungsprozeß behandelt. Aber nach der Erfahrung der deutschen Kommunisten ist dies unmöglich, denn die dortigen Genossen erzählen uns, daß die Stellung der dortigen Gewerkschaften der unseren völlig entgegengesetzt ist. Bei uns spielen die Gewerkschaften im Prozeß der positiven Arbeit die Hauptrolle; die Sowjetmacht stützt sich gerade auf sie, in Deutschland ist es umgekehrt. Dies scheint dadurch hervorgerufen zu sein, daß die deutschen Gewerkschaften in den Händen der Gelben, der Legien & Co. waren. Sie waren gegen das Interesse des deutschen Proletariats gerichtet und sind es auch jetzt noch, und das Proletariat liquidiert bereits diese alten Gewerkschaften. An ihrer Stelle sind in Deutschland neue Organisationsformen entstanden, die Betriebsräte, die die Betriebe zu übernehmen versuchen. Die Gewerkschaften spielen keine positive Rolle mehr. Wir können hier keine konkreten Richtlinien ausarbeiten und haben daher allgemein gesagt, daß für die Verwaltung der Betriebe Organe geschaffen werden müssen, auf die sich das Proletariat in dieser Frage stützt, Organisationen, die mit der Produktion aufs engste verwachsen und verbunden sind. Wenn also z. B. in England die Shop-Stewardskomitees, oder irgend welche anderen Organisationen, die dem Produktionsprozeß nahestehen, vorhanden sind, werden sie — wie bei uns die Gewerkschaften, wie in Deutschland die Betriebsräte — das Rückgrat der Verwaltung in der sozialistischen Gesellschaft bilden.

Nun haben wir noch zwei Fragen zu behandeln. Die erste Frage betrifft die Genossenschaften, die zweite die Techniker und Fachleute. Die der Genossenschaften ist, wie die russische Revolution uns gezeigt hat, sehr wichtig. Was die Organisationen des Verteilungsapparates betrifft, so behaupten wir, daß wir hier in Rußland fast nichts ohne diese Genossenschaften tun können. Wir müssen daher mit ihnen rechnen und sie voll und ganz für unsere Zwecke ausnutzen. Wir haben in der Unterredung mit dem Gen. Albert kein einziges Argument gefunden, daß diese russische Erfahrung widerlegen könnte. Auch in bezug auf die anderen Länder haben wir diese russische Erfahrung in unsere Richtlinien aufgenommen. Die Frage der Techniker und Fachleute spielt jetzt, wie Sie wissen, in Rußland eine ziemlich große Rolle. Alle diese Leute wollen jetzt mit uns arbeiten. Wir wissen sehr gut, daß unter ihnen Gegner sind, aber da sie die Akkumulatoren der praktischen Erfahrungen des früheren Systems sind, können wir in der technischen Wirtschaft ohne diese Leute nicht auskommen. In Deutschland, in England und noch mehr in Amerika wird die erste Phase des Kampfes gegen diese Kräfte viel schärfer werden als bei uns. Wir haben dieses Stadium jetzt schon hinter uns. Die zwei Grundgedanken dieses Paragraphen sind: erstens — solange diese Schichten offenen oder versteckten Kampf gegen uns führen, müssen auch wir sie dementsprechend behandeln; zweitens — wenn aber der Widerstand dieser Schichten und der ganzen Bourgeoisie gebrochen ist, dann besteht für uns die Notwendigkeit, diese technischen Kräfte in großem Maße auszunutzen und sie allmählich zu assimilieren.

Der Titel der Schlußabteilung ist: „Der Weg zum Sieg“. Wir haben hier auf die Möglichkeit hingewiesen, den bürgerlichen Parlamentarismus revolutionär auszunutzen. Wir haben diese Möglichkeit in unsere Richtlinien aufgenommen, weil es theoretisch unrichtig wäre, wenn wir sagen würden, es sei für uns prinzipiell unmöglich, in irgend ein Parlament einzutreten. Die Frage der Boykottierung des bürgerlich-demokratischen Parlaments ist eine rein taktische und wird ausschließlich durch die gegebene Situation bestimmt, d. h. durch die Klassenverhältnisse, durch die Kraft des Proletariats und seine Reife und Bereitschaft zum erfolgreichen endgültigen Kampfe. Eins ist noch zu sagen: wir sind für den bewaffneten Aufstand als die höchste Form des revolutionären Massenkampfes; aber der konkrete Termin dieses Aufstandes, der Zeitpunkt des endgültigen Zusammenstoßes wird durch die gegebene Situation und die Klassenverhältnisse bestimmt. Wir haben gesagt, daß wir die geschichtliche Entwicklung nicht forcieren dürfen, sondern zuerst unsere Kräfte organisieren und sogar die bürgerlichen, parlamentarischen Organisationen ausnützen müssen, um dann, schon organisiert, mit aller Kraft in den letzten Kampf zu gehen.

Was die Opportunisten und die Kautskyaner betrifft, so brauchen wir nichts Besonderes hinzuzufügen.

Als Schlußsatz haben wir in unsere Richtlinien den Gedanken aufgenommen, daß das internationale Proletariat sich nicht in der Offensive, sondern in der Defensive befindet. Diese Redewendung hat einen großen agitatorischen Wert. Die Bourgeoisie schreit, daß wir jetzt die Gegner des Friedens, die Vertreter des roten Imperalismus, die angreifende Kraft seien. Dem widersprechen alle Tatsachen, die Revolution in Rußland sowohl als die in Deutschland. Wir wissen, daß der weiße Terror bereits vorhanden ist, daß die barbarischen Kampfmethoden der Bourgeoisie gegen uns angewandt werden, wir wissen auch ganz gut, daß dieser Völkerbund nichts anderes bedeutet als die Vorbereitung zum letzten Kampf des Kapitalismus gegen das internationale Proletariat, und dagegen muß das Proletariat sich wehren. Es ist in der Defensive. Aber in dieser Abwehr gegen die Bourgeoisie, die mit allen Mitteln gegen das Proletariat vorgeht, muß auch das Proletariat zu entsprechenden Waffen greifen.

Das sind unsere Richtlinien. Ich möchte den Wunsch aussprechen, daß der größte Teil der Genossen an der Diskussion über diese Richtlinien teilnehmen möge. Wie Sie alle bemerken, sind in ihnen fast alle Fragen berührt, die die laufenden Aufgaben der Arbeiterklasse unter den jetzigen Verhältnissen betreffen, es sind fast alle Probleme gesammelt, die das Proletariat vor sich hat und zu lösen bestrebt sein muß. Das ist die Situation. Wir haben natürlich noch einzelne weitere Paragraphen in der Tagesordnung zu behandeln, aber im großen und ganzen sind diese unsere Richtlinien unser Programm und der Baustein für das Programm der Kommunistischen Dritten Internationale, und wenn die Genossen regen Anteil daran nehmen, dann werden wir mit dem Genossen Albert der Ansicht sein, daß wir unsere Pflicht recht gut erfüllt haben.

Fünf Minuten Pause.

Gen. Lenin. Die Sitzung ist wieder eröffnet. Gen. Rutgers hat sich zum Wort gemeldet. Jeder Redner hat 15 Minuten Redezeit.

Gen. Rutgers (Holland). Ich möchte die allgemeine Frage erwähnen, ob die Stellung der Mittelschichten, der Intellektuellen und der bessergestellten Arbeiter in den Richtlinien wohl genügend hervorgehoben ist. Es wird darauf hingewiesen, daß die Lohnskala in den imperialistischen Staaten auf Kosten der Kolonialvölker erhöht wird, aber es wird nicht auf den Umstand hingewiesen, daß besonders die Beamten, die Intellektuellen und die bessergestellten Arbeiter dabei auf Kosten der großen Masse eine Ausnahmestellung erhalten, was besonders in Amerika hervortritt. Auf diesem Umstand beruht für die Finanzkapitalisten die Möglichkeit, sich genügende Hilfskräfte zu gewinnen. Wir erleben es jetzt, Genossen, daß die Mittelschichten unsere stärksten Gegner sind, und es wird noch zu prüfen sein, inwieweit dabei die Möglichkeit für diese Schichten, die Produktion in die Hände zu bekommen, eine Rolle spielt. Das Proletariat ist nicht reif und bedarf der Unterstützung. Nur wenn die Arbeiter es fertig bringen, auch die ganze Organisation des ökonomischen Lebens mit eigenen Kräften aufzubauen, werden sie diese Aufgabe erfüllen können. Auf den großen Wert dieser praktischen Aufgabe für den endgültigen Sieg des Proleariats wäre größerer Nachdruck zu legen.

In den Richtlinien wird in folgenden Worten darauf hingewiesen: „Diese Aufgabe der proletarischen Diktatur auf ökonomischem Gebiet kann nur dann gelöst werden, wenn das Proletariat imstande sein wird, eine zentralisierte Verwaltung zu schaffen.“ Aber die Lage ist komplizierter, weil eine teilweise Organisation auf ökonomischem Gebiet unmöglich ist. Die Arbeiter müssen das ganze System organisieren und beherrschen, oder sie werden von anderen Schichten beherrscht werden. Selbstverständlich kann der Weg zum Siege nicht zum Ziel führen, wenn nicht eine Arbeiterkontrolle durchgeführt werden kann. Vielleicht sollte darauf größerer Nachdruck gelegt werden. Noch eine Bemerkung über die Kolonien. Es wäre wünschenswert, über die Kolonialpolitik etwas mehr zu sagen, um diesen Paragraph in eine solche Form zu fassen, daß es auch für die Kolonialvölker ganz deutlich wird, daß wir ein aktives Zusammenwirken wünschen, auch unabhängig davon, ob diese Völker ihre eigene Ideologie, ihre eigene Religion besitzen oder nicht. Wir sind bereit, mit ihnen gemeinsam vorzugehen auf der Grundlage des Widerstandes gegen den Imperialismus, und wenn z. B. ein Aufstand in Vorderindien ausbrechen würde, wäre dies auch für uns von ungeheurem Wert. Ich möchte daher konkret vorschlagen, daß auf S. 8, letzte Zeile, und auf S. 9, wo die Worte: „Um den endgültigen Zusammenbruch des imperialistischen Weltsystems zu fördern …“ zu lesen sind, daß im Zusammenhang mit diesem Satz und im Gegensatz zur gelben Internationale da hinzugefügt wird: „ein aktives Zusammenwirken …“ Ich habe einige Bedenken gegen die Form auf S. 9. Es wird da behauptet und zuerst wird gesagt: „Aber bald zeigte sich … Jetzt demaskieren sich auch die Ententestaaten als Welträuber“. Das muß aber auf die Kolonialvölker einen befremdenden Eindruck machen. Jahrhundertelang sind sie ausgeraubt und unterdrückt worden, insbesondere von England, und jetzt erklären wir, daß diese Staaten sich nunmehr als Welträuber demaskieren. Diese Form ist nicht glücklich gewählt und könnte vielleicht abgeändert werden. Auch ist es nicht wünschenswert, hier speziell von den barbarischen kolonialen Soldaten zu sprechen. Wer die Kolonialabenteuer kennt, die die Holländer und andere gegen die braunen Brüder vor dem Kriege betrieben, wird nicht nötig finden, diesen Kolonialsoldaten hier die Beschuldigung der Barbarei vorzuwerfen. Um diese Formulierung abzuändern, habe ich einen Vorschlag, und dieser wäre: auf Zeile 5, S. 9 die Worte nach: „Raubnatur“ so zu fassen: „Jetzt demaskieren auch die Ententestaaten ihren wahren Charakter als Welträuber und Mörder des Proletariats. Mit derselben Rücksichtslosigkeit, mit der sie gegen die Kolonialvölker vorgingen, werden jetzt die russischen und deutschen Arbeiter dem Hunger preisgegeben, zusammen mit der deutschen Bourgeoisie …“

Schließlich noch eine Bemerkung: Auf S. 5, Paragraph 3, wird gesagt, daß die Lebenslage sich nicht bessern kann, da der automatisch steigende Kaufpreis aller Bedarfsartikel usw.

Es wäre meines Erachtens nach das Wort „automatisch“ zu streichen. Es ist jedenfalls eine Tatsache, daß die steigenden Kaufpreise diese Verbesserung der Lebenslage aufhalten, ich glaube aber, daß prinzipielle Bedenken gegen das „automatisch“ anzuführen sind.

Gen. Kuusinen (Finnland). Werte Genossen! Unsere finnische Delegation ist mit dem Hauptgedanken dieses Entwurfes einverstanden. Diese Richtlinien, die die Genossen vorgelesen haben, sind schon durch die revolutionäre Erfahrung erprobt worden, und ich glaube, es kann sich hier nur um die Bestformulierung handeln. Die Formulierung eines solchen Aktes ist natürlich sehr schwierig, und ich bin überzeugt, daß die Konferenz dieselbe noch weiter präzisieren kann. Ich will hier Ihre Aufmerksamkeit auf ein paar Stellen lenken, die nach unserer Ansicht nicht so formuliert sind, wie wir es gewünscht hätten. Es wäre eine Bemerkung zu machen gegen den Passus am Ende der S. 4, wo von revolutionären Gewerkschaften und Genossenschaften die Rede ist. Bei uns in Finnland gibt es keine revolutionären Gewerkschaften und Genossenschaften, und wir zweifeln sehr, ob es bei uns solche überhaupt geben kann. Die Form dieser Gewerkschaften und Organisationen bei uns ist derart, daß wir überzeugt sind, daß die neue Ordnung nach der Revolution besser ohne diese Gewerkschaften eingeführt werden kann, als mit diesen Gewerkschaften oder mit Gründung derselben auf einer anderen Basis. Vielleicht ist in anderen Ländern dasselbe der Fall.

Was zu Ende des Entwurfes über den Standpunkt der Defensive gesagt ist, den Gen. Bucharin hier besonders hervorgehoben hat, ist unserer Ansicht nach auch nicht besonders glücklich. Wir in Finnland haben schon einmal eine defensive Revolution durchgekämpft, und wir möchten das keineswegs noch einmal durchmachen. Nach unserer Ansicht wäre das ein Fehler und in agitatorischer Hinsicht hat es viel mehr Wert, die Aufmerksamkeit auf die Offensive der proletarischen Revolution zu lenken. Besonders möchte ich hervorheben, daß dieser Entwurf sehr verdienstvolle neue Gedanken enthält und dabei einen Leitgedanken, der nach meiner Ansicht noch mehr unterstrichen und in konkreterer Form ausgedrückt werden sollte. Im letzten Kapitel, nämlich über den Weg zum Sieg, wird gesagt, daß das Aufflammen der revolutionären Bewegung in allen Ländern und viele andere Ereignisse der letzten Zeit zur Gründung einer wirklich revolutionären und wirklich proletarischen kommunistischen Internationale führen müssen. Der deutsche Genosse hat vorhin einige Bedenken über die Reife der internationalen Bewegung zu diesem Beschlusse geäußert. In diesem Zusammenhang kann natürlich ein Beschluß über die Gründung der neuen Internationale nicht gefaßt werden, doch glaube ich, daß die geschichtliche Entwicklung schon jetzt zur Gründung der wirklichen revolutionären proletarischen Internationale führen muß, und, wenn möglich, schon vor Beendigung dieser Konferenz zu dieser Tatsache geführt haben wird. Die Argumente des deutschen Genossen gegen diesen Beschluß waren unserer Ansicht nach nicht überzeugend. Andererseits war die Aeußerung des deutschen Genossen aber auch eine große Erleichterung: gestern, als wir seine Bedenken hörten, dachten wir, er hätte vielleicht auch prinzipielle Einwendungen gegen die Gründung der neuen Internationale. Jetzt hören wir, daß das nicht der Fall ist. Er glaube nur, daß jetzt die Arbeiterschaft solchen Gründungen mit einigem Mißtrauen gegenüberstehen würde. Dies ist ein Irrtum, glaube ich. Es gibt Mißtrauen gegen solche Internationalen wie es die Zweite war, die wirklich nur Beschlüsse faßte, aber nicht nach diesen Beschlüssen handelte. Die III. Internationale wird in dieser Hinsicht ganz anders sein. Sie wird die Internationale der Tat, der revolutionären Tat, des Kampfes sein und nicht nur papierene Beschlüsse fassen. Ich kann den Genossen nicht verhehlen, daß auch diese Richtlinien, wenn wir hier keine andere Annahme, keinen anderen Beschluß fassen als nur diese Richtlinien, ein wenig an die Beschlüsse der alten Internationale erinnern werden. Der Inhalt dieser Richtlinien ist gut, ist revolutionär, ist kommunistisch, aber die praktische Folgerung aus ihnen sollte hier nicht ausbleiben, denn die revolutionäre internationale Bewegung braucht jetzt die III. Internationale. Diese Notwendigkeit ist schon jetzt zur Verwirklichung reif. Der einzige, einigermaßen kompetente Einwand, den man gegen diesen Gedanken vorführen könnte, wäre der, daß die Gründung der neuen Internationale nicht so dringend nötig sei, weil wir in der letzten Zeit eigentlich schon eine III. Internationale haben, nämlich in dem großen revolutionären Rußland. Sie wissen, Genossen, daß das revolutionäre Rußland faktisch über ein Jahr die neue Internationale dargestellt hat. Es hat der internationalen revolutionären proletarischen Bewegung große Dienste geleistet; nicht so viel durch direkte Agitation, wie die Bourgeoisie behauptet, als mittelbar durch sein Beispiel, durch sein großes Muster, das Muster der großen sozialen Revolution. Aber dessenungeachtet braucht der Kampf praktisch die neue Internationale. Der deutsche Genosse hat auch gesagt, daß diese Versammlung vielleicht zu wenig zahlreich sei, um diesen Beschluß zu fassen. Das ist wahr, aber das ist ja nicht die Schuld der revolutionären Arbeiterparteien Europas oder Amerikas. Diese Versammlung ist nach meiner Ansicht nicht so schwach im Vergleich mit der Versammlung, die auch einmal in der Welt schon vor mehr als einem halben Jahrhundert die erste Internationale gegründet hat. In jener Versammlung waren auch sehr wenig Vertreter von den verschiedenen Ländern erschienen. Vielleicht erinnert die jetzige Versammlung an jene in der Hinsicht, daß auch dort sehr wenig große revolutionäre Geister und mehr auf halbem Wege der Entwicklung stehende Elemente vertreten waren, aber dennoch hatten Marx und seine Genossen unter den damals herrschenden Verhältnissen keine Bedenken gegen die Gründung der I. Internationale. Auch Wilhelm Liebknecht, der Vertreter von Deutschland, hatte damals keine Bedenken gegen die Gründung der neuen Internationale. Ich bin überzeugt, daß auch sein großer Sohn, Karl Liebknecht, jetzt keine Bedenken haben würde, wenn er anwesend wäre. Ich glaube, die Kraft der neuen Internationale wird identisch sein mit der Kraft des revolutionären Proletariats und nicht mit der Kraft dieser kleinen Versammlung. Genossen, es wurde gesagt, hier könne kein Beschluß über die Gründung der neuen Internationale gefaßt werden, aber ich muß jetzt wie auch gestern schon den Wunsch aussprechen, daß der Beschluß gefaßt wird, bevor diese unsere Versammlung zu Ende ist. Die Situation ist reif, die internationale Revolution hat bereits begonnen, und deshalb soll die revolutionäre Internationale sich jetzt schon konstituieren. Es soll durch den Beschluß der III. Internationale eine Richtschnur gezogen werden, die der Arbeiterbewegung der Welt jetzt ihre Stelle zeigen wird, wo sie kämpfen will, auf dieser Seite oder auf jener, auf seiten des kämpfenden Proletariats oder auf seiten der Henker des Proletariats. Ich möchte also bitten, daß die Genossen zu diesem Entwurf am Schluß auch noch diesen großen Gedanken hinzufügen, daß die III. Internationale jetzt gegründet werde.

Das Wort zum Bericht erhält Gen. J. Gruber (Deutsch-Oesterreich). Werte Genossen! Wir Delegierte aus Deutsch-Oesterreich finden keine Worte, um die Gefühle auszudrücken, die uns heute in Eurer Mitte beseelen. Wir sind unter ungeheuren Schwierigkeiten nach siebzehntägiger Reise vor einer Stunde hier angekommen und überbringen Euch die Grüße und die heißesten Glückwünsche unserer revolutionären Genossen aus Deutsch-Oesterreich. Euch alle sollen wir begrüßen, vor allem aber, Genossen, müssen wir unseren russischen Genossen danken, denn sie haben durch die große Revolution vor mehr als einem Jahr den revolutionären Kräften in Oesterreich mächtigen Antrieb gegeben. Nur ihnen ist es zu verdanken, daß wir heute eine jugendstarke kommunistische Partei in Deutsch-Oesterreich haben. Und die Geschichte wird den russischen Genossen ein dauerndes Denkmal setzen, da sie der Weltrevolution zum Durchbruch verholfen haben.

Und nun möchte ich Euch noch über die Ereignisse berichten, die zur Gründung der Kommunistischen Partei Deutsch-Oesterreichs führten und über ihre Entwicklung.

Der Friede von Brest-Litowsk war in Vorbereitung. In Oesterreich herrschte Hungersnot, verschärft durch die Diktatur der zügellosen Soldateska. Das Proletariat wünschte dringend und stürmisch, daß Oesterreich endlich einmal aus dem Weltkrieg ausscheide. Doch es wurde durch Versprechungen seitens der verbrecherischen Regierung hingehalten. Es wurde ihm gesagt, in kürzester Zeit solle der Friede geschlossen werden. Das geschah aber nicht. Das Proletariat sah sich wieder zum besten gehalten. Eine ungeheure Verschlechterung der Lebenslage trat ein. Sie führte im Januar 1918 zu einer sehr starken Bewegung, die von den Industriezentren im Süden von Wien ihren Ausgang nahm, und deren Wellen in einigen Stunden den Weg nach Wien fanden. Die Räder standen still. Die Vertreter der sozialverräterischen Partei im Parlament waren sprachlos. Das Proletariat wollte weder mit den Führern der Gewerkschaften noch der sozialdemokratischen Partei etwas gemein haben.

Nachdem die Bewegung einige Tage gedauert hatte, nachdem sie übergriff auf alle Industriegebiete, rafften sich sowohl die Gewerkschaftsführer wie auch die Parteibonzen auf und suchten die Bewegung in andere Bahnen zu lenken. Das führte denn auch zum Versanden der ganzen Bewegung. Die Herren Seitz, Renner, Leuthner von der Sozialdemokratie, Tomschik, Domes und andere von den Gewerkschaften stellten sich an die Spitze und versprachen, die Interessen der Arbeiterschaft zu vertreten. Sie behaupteten aber, Oesterreich hätte nicht das Recht, aus der Reihe der kriegführenden Länder auszuscheiden, denn das bedeute den Zusammenbruch der wirtschaftlichen Existenz seines Proletariats. Die Arbeiterschaft ließ sich wiederum von ihren politischen und gewerkschaftlichen Vertretern betören. Diese stellten sich zwischen die Regierung und die Arbeiterschaft. Sie formulierten einige radikal scheinende Forderungen, bekamen von der Regierung die verabredete Erklärung, und die Arbeiterschaft ging nach kaum einer Woche des Stillstandes der Maschinen wieder an ihre Arbeit.

Was geschehen mußte, geschah. Die Regierung hatte gesehen, daß die Vertreter der Arbeiterschaft ein gefügiges Werkzeug in den Händen der Regierung sind, und dachte nicht daran, die bewilligten Forderungen zu verwirklichen. Auch das Versprechen, daß die Führer der Bewegung nicht gemaßregelt werden sollten, ließ sie unerfüllt. Diese wurden entweder an die Front geschickt oder hinter Kerkermauern begraben. Ihre Existenz wurde vernichtet. Die Genossen, die in der Bewegung unter dem Namen der linksradikalen Sozialdemokraten arbeiteten, wurden von den Parteiführern als Staatsverbrecher gebrandmarkt, eine Reihe der führenden Genossen wurden aus der Partei ausgeschlossen.

Der Zusammenbruch an den Fronten in Italien und Bulgarien, die Hungersnot im Lande, die Zerstörung des Organisationsapparats für Verteilung der Lebensmittel, das Zurückfluten der Soldaten von der Front, das alles beschleunigte endlich den Zerfall der Monarchie Oesterreich-Ungarn. Es bildeten sich mehrere Staaten entsprechend ihren ethnographischen Grundlagen — die tschechoslowakische und die ungarische Republik; die südslawischen, italienischen und rumänischen Völker schlossen sich ihren Mutterstaaten an, und es blieb von dem so „glorreichen Kaiserstaate“ nichts weiter übrig, als der Rest Deutsch-Oesterreich mit ungefähr 9 Millionen Einwohnern. Erst in letzter Stunde entschloß sich die Sozialdemokratie in Deutsch-Oesterreich, die Führung der „Revolution“ zu übernehmen, Deutsch-Oesterreich zur Republik zu erklären.

Die steifleinenen sozialdemokratischen Helden sprechen heute immer noch von einer Revolution in Oesterreich. In Wirklichkeit aber war es keine. In jenem Moment, wo tatsächlich das Proletariat die Macht ohne Kampf ergreifen konnte, da stellten sich die Vertreter der Sozialdemokratie schützend vor die Bourgeoisie und sagten: „Die Zeit ist noch nicht gekommen, um die Macht zu übernehmen, wir müssen eine Koalition mit den Bürgerlichen eingehen“. Es wurde ein Präsidium zusammengesetzt, bestehend aus dem Verpfafftesten der Pfaffen, einem Deutschnationalen und einem Sozialdemokraten. Als dieses Dreigestirn die Regierung übernahm, hatte für das revolutionäre Proletariat Oesterreichs die Stunde des Abwehrkampfes geschlagen. Nicht einmal in der Zeit des Stuergkh war die Reaktion gewalttätiger als unter dem Regime der Arbeitervertreter. Reichskanzler wurde Dr. Renner, Staatssekretär des Aeußern wurde Dr. Bauer, dieser frühere Radikale, das Heerwesen wurde dem Gen. Deutsch unterstellt, und in allen Aemtern saßen Sozialdemokraten zusammen mit den Bürgerlichen.

Im Mai 1918 hatte sich zwischen den Linksradikalen und den verschiedenen oppositionellen Gruppen eine Annäherung vollzogen und eine gemeinsame Plattform wurde gesucht. Zu dieser Zeit entstand der erste Plan, in Oesterreich eine kommunistische Partei zu gründen. Wir wußten damals nicht, daß die russischen Genossen sich auch einstmals Kommunisten nennen würden, wir wußten nicht, daß unsere Genossen in Deutschland, der Spartakusbund, sich auch Kommunistische Partei nennen würde. Wir haben als kleine Gruppe den Gedanken gefaßt, wir wollten den Gedanken zur Tat werden lassen und eine neue Epoche in der revolutionären Arbeiterbewegung Oesterreichs beginnen.

Es waren nur wenige, die den Kampf begannen. Viele unserer besten Genossen saßen im Kerker, und ein Dutzend Menschen mußte alle Kraft für diesen Kampf aufbringen. Damals beschlossen wir eine Zeitung zu gründen unter dem Namen „Weckruf“, Kommunistisches Wochenblatt. Zum erstenmal war der Name „Kommunismus“ auf unsere Fahne geschrieben. Die Zeitung wurde aber von der ersten bis zur letzten Zeile konfisziert. Unsere Absicht, den „Weckruf“ am 1. Mai unter die feiernden Arbeitermassen zu werfen, konnten wir infolge dieser Beschlagnahme nicht verwirklichen. Als aber in Oesterreich durch den militärischen Zusammenbruch die bürgerliche Freiheit einigermaßen hergestellt war, und als nach neunmonatlicher Haft unsere tapferen Genossen aus dem Kerker entlassen wurden, war eine neue, festere Grundlage geschaffen. Am 3. November 1918 konstituierten wir uns als „Kommunistische Partei Deutsch-Oesterreichs“. Zentralorgan der Partei wurde „Der Weckruf“.

Am 12. November 1918 sollte öffentlich die Republik proklamiert werden. Wir hatten beschlossen, an diesem Tage im kommunistischen Sinn zu dem österreichischen Proletariat zu sprechen. Wir wußten, daß das Proletariat durchaus revolutionär gestimmt war. Unzählige rote Banner trugen die Inschrift: „Heraus mit der sozialistischen Republik“. Da stiegen einige unserer Genossen auf die Rampe des Parlaments und verkündeten die kommunistischen Grundsätze. Dann wählten wir einige Kommunisten und wollten in das Parlament hineingehen, um den Regierungsvertretern zu sagen, daß das Proletariat eine sozialistische Republik und keine bürgerliche verlange. Die Tür wurde uns aber vor der Nase verschlossen. Unsere Genossen von der Roten Garde hieben mit dem Gewehrkolben auf die Tür ein und wollten uns Eingang verschaffen. Nun kam es zu der bekannten Schießerei. Die Rote Garde und die Volkswehr erwiderten die Schüsse, die aus dem Inneren des Parlamentsgebäudes fielen, und der Festtag der bürgerlichen Republik, der so schön arrangiert war, endete mit der zeitweiligen Besetzung des Parlaments durch das Proletariat.

Als Repressalie beschlossen die agrarischen Abgeordneten, die Rädelsführer der Kommunisten an die Wand zu stellen. Sie drohten, sonst keine Lebensmittel nach Wien zu liefern. Die Vertreter der Sozialdemokraten jedoch meinten, das gehe zu weit, die Uebeltäter müßten aber mit aller Strenge bestraft werden. Es wurden denn auch Genosse Steinhardt (Gruber) und Genossin Friedländer unter der Anklage der öffentlichen Gewalttätigkeit verhaftet, aber nach zwei Wochen wieder in Freiheit gesetzt, hauptsächlich auf Drängen der Räte der Volkswehr. Auch eine Anzahl unserer russischen Freunde wurde in Untersuchung gezogen und ausgewiesen. Die Sozialdemokraten in der Regierung gaben nicht nur ihre Zustimmung dazu, sondern sie waren zum Teil Veranlasser dieser Maßregel.

Die kommunistische Bewegung wurde unter das Schwert gestellt. Die ganze Regierungsmacht wandte sich gegen uns, und mit den Sozialdemokraten in der Regierung hatten wir die härtesten Kämpfe zu bestehen. In Wien war es uns nicht möglich, Versammlungslokale aufzutreiben. In einigen Wiener Bezirken hatten wir versucht, als kommunistische Partei Versammlungen abzuhalten. Man nahm uns die Lokale weg und versuchte uns dadurch lahmzulegen. In der Provinz konnten die Regierungssozialisten ihre Macht noch stärker zeigen. In Graz, dem Zentrum der Steiermärkischen Industrie, waren wir vier Wochen lang außerstande, eine Versammlung abzuhalten. Dort hat der Sozialdemokrat Resel als Landesmilitärbefehlshaber den Terror gegen die Kommunisten organisiert.

Erst nachdem wir auf die Straße gingen und uns auf Plätzen versammelten, können wir heute in jedem Lokal Versammlungen abhalten. In ganz Nordsteiermark gibt es jetzt kommunistische Organisationen, und die Arbeiter kommen zu uns, diskutieren mit uns und stellen sich auf unsere Plattform. Heute wagt es niemand mehr, uns zu hindern, Versammlungen abzuhalten und unsere Organisation auszubauen.

So haben wir uns durchgesetzt. Aber daß die sozialdemokratische Partei versuchte, mit den gewalttätigsten und schäbigsten Mitteln unsere Bewegung unmöglich zu machen, wird ihre ewige historische Schuld sein.

Wir sagten in der Agitation niemals, daß die sozialdemokratischen Arbeiter unsere Feinde seien, sondern sie seien auf falsche Wege geführt. Unsere Tätigkeit geht dahin, die revolutionären Teile der Arbeiterschaft für uns zu gewinnen. Es zeigte sich denn auch, daß an allen Orten die Linksradikalen zu uns stießen.

Am 9. Februar dieses Jahres hatten wir endlich die Möglichkeit, Heerschau über die Bewegung in ganz Deutsch-Oesterreich zu halten, und während auf der ersten Tagung am 3. November 1918 ein ganz kleines Häuflein von Genossen sich zusammengefunden hatte, war am 9. Februar 1919 ganz Deutsch-Oesterreich durch Organisationen vertreten. Wir stellten uns auf eine klare, scharf formulierte kommunistische Plattform und erklärten in bezug auf die Nationalversammlung, daß wir mit den Wahlen zur Nationalversammlung nichts zu tun haben wollten, weil diese Institution ein Instrument zur Verfälschung der Revolution sei. Und gerade die Wahlen waren der Gipfelpunkt des politischen Lebens der Sozialdemokratie. Wir stellten dem gegenüber die Idee der Diktatur des Proletariats und forderten die Arbeiter- und Soldatenräte.

Das war der Stand der Dinge, als wir Deutsch-Oesterreich verließen. Wir haben nun eine organisatorische Arbeit von vier Monaten hinter uns. Wir legen nicht viel Wert darauf, daß wir recht viel eingeschriebene Mitglieder haben, sondern wir legen Wert darauf, daß sie den revolutionären Willen zur Tat verkörpern, daß ein revolutionärer Körper, der sich im entscheidenden Moment bewähren wird, vorhanden ist.

So steht nun die Kommunistische Partei in Deutsch-Oesterreich gefestigt und kampfbereit da, von der Regierung verfolgt, von den Sozialdemokraten gehaßt. Leider ist Fritz Adler nicht in unseren Reihen. Als er den Ministerpräsidenten Stuergkh tötete, und als die Arbeiterschaft Oesterreichs geschlossen und energisch seine Freilassung verlangte, war er für uns ein revolutionäres Symbol. Fritz Adler kam aus dem Gefängnis, und was geschah? Jene, die an ihm hingen, die für ihn alles opfern wollten, waren seine Freunde nicht mehr, sondern er war ihr Gegner geworden. Er stellte sich der sozialdemokratischen Partei zur Verfügung, jener Partei, die ihn gebrandmarkt hatte und ihn ausgeschlossen hätte, wenn er nicht der Sohn des großen Vaters gewesen wäre. Er wurde als Vertreter für die Nationalversammlung aufgestellt, und im Bunde mit den reaktionären Führern der Arbeiterschaft wurde sein Name für viele Arbeiter ein Lockmittel, um für das Parlament zu stimmen.

Er erklärte sich gegen jegliche Spaltungsversuche in der Arbeiterbewegung, insbesondere gegen die Tätigkeit der Kommunistischen Partei.

Unsere Bewegung ist eine Bewegung der Massen. Wir hören es jeden Tag: Ihr Kommunisten habt doch keine hervorragenden Führer. Ja, die russischen Kommunisten, die haben einen Lenin, einen Trotzki, einen Bucharin, die schon solange für die Ideen des Kommunismus, die Diktatur des Proletariats gekämpft haben, aber ihr habt gar keinen weltbekannten hervorragenden Führer. Aber die Arbeiterschaft hat uns dennoch ernst genommen, denn sie hat gesehen, daß es nicht allein der große Name macht.

Man hat uns Arbeitern in Deutsch-Oesterreich erzählt, in Rußland herrsche Zerstörung, Plünderung, Sabotage, und es währe nicht lange, so würde die Herrlichkeit der Bolschewiki in Trümmer liegen. Wir sehen aber, daß diese Herrlichkeit sich befestigt hat, und daß die Kommunistische Partei Rußlands heute eine neue Epoche in der Weltgeschichte eingeleitet hat. Während früher Moskau das Zentrum der Reaktion war, ist es heute das Zentrum der kommunistischen Bewegung geworden, und das kann nie zerstört werden. Deswegen hängen die Arbeiter Deutsch-Oesterreichs heute mit leidenschaftlicher Liebe an der Bewegung der russischen Genossen, denn sie wissen, wenn das Regime der Kommunisten im Osten zertrümmert wird, dann ist im Westen ein Aufbau auf kommunistischer Grundlage für lange unmöglich.

Die Konferenz der Zweiten Internationale in Bern ist die Agonie einer absterbenden Epoche, der heutige Kongreß ist die erste Tagung des revolutionären Proletariats zur Organisierung der Tat.

Darum begrüßen wir Euch und wünschen, daß diese Tagung eine neue Epoche einweiht. Siebzehn Tage sind wir von Wien nach Moskau unterwegs. Wie Handwerksburschen sind wir die ganze Strecke gereist. Auf Tendern, auf Lokomotiven, auf Puffern, in Viehwagen, zu Fuß durch die Linien der ukrainischen und polnischen Räuberbanden, unter steter Lebensgefahr — immer mit dem sehnsüchtigen Gedanken: nach Moskau wollen wir, nach Moskau müssen wir, und nichts darf uns abhalten, dorthin zu gelangen!

Wir haben unser Ziel erreicht. Wir weilen unter Euch, Genossen! Und unser gemeinsames Ziel, die Föderative Weltrepublik der Kommunisten, müssen und werden wir auch hoffentlich in nicht allzuferner Zukunft erreichen.

III. Sitzungstag

Vormittagssitzung.

Gen. Lenin eröffnet die Sitzung um 12 Uhr mittags.

Gen. Albert (Deutschland). Genossen, das Büro beantragt, von jetzt ab öffentlich zu tagen, da es nicht mehr zu verheimlichen ist, daß die Sitzungen hier stattfinden, und teilt mit, daß inzwischen auch die übrigen Delegierten eingetroffen sind. Der Antrag wird einstimmig angenommen.

In Fortsetzung der Debatte zum Thema „Richtlinien“ erhält Gen. Reinstein das Wort.

Gen. Reinstein (Sozialist. Arbeiterpartei Amerikas). Ich möchte auf zwei Punkte hinweisen, die meiner Meinung nach in der Prinzipienerklärung enthalten sein oder schärfer betont werden müßten. Der eine Punkt ist, daß die III. Internationale in der Frage des Militarismus oder der Kriegführung den Gedanken der Vaterlandsverteidigung ablehnt. In der II. Internationale nahmen die Vertreter der Bewegungen in allen Ländern Resolutionen gegen den Militarismus, gegen die Unterstützung der Regierung für ihre verschiedenen Kriegsausgaben usw. an. Aber die meisten Vertreter der II. Internationale standen auf dem Standpunkt, daß, wenn ihr Land angegriffen werden sollte, wenn es nicht der Angreifer, sondern der Angegriffene ist, wenn es also ein „Verteidigungskrieg“ ist, das Proletariat, die ganze Arbeiter- und sozialistische Bewegung dann nicht nur das Recht, sondern die Pflicht habe, ihre Regierung zu unterstützen. Die Folgen dieser Stellungnahme sind dem Proletariat aller Länder nur zu gut bekannt. Ich bin deshalb dafür, daß die III. Internationale es hier in kurzen Sätzen klarlege, daß es in unserem Jahrhundert keine Kriege geben kann, deren Ursache nicht in der kapitalistischen Konkurrenz wurzelt. Solange die kapitalistische Gesellschaft besteht, wird es im Kampfe um den Absatzmarkt Kriege geben. In Anbetracht dieser rein kommerziellen Ursachen der modernen Kriege hat das Proletariat nicht nur nicht die Pflicht, es hat auch kein Recht, seine Regierung sogar in den „Verteidigungskriegen“ zu unterstützen. Es gibt nur einen Krieg, den die Proletarier die Pflicht haben zu unterstützen, und das ist der soziale Krieg, die soziale Revolution.

Der andere Gedanke, der meiner Meinung nach nicht richtig dargestellt wird, ist die Rolle der ökonomischen Organisation, der gewerkschaftlichen Bewegung. Wir in Amerika sehen in bezug auf diese Frage auf einem dem unserer finnischen Genossen entgegengesetzten Standpunkt. Wir sind nicht geneigt, der gewerkschaftlichen Bewegung eine geringe, eine untergeordnete Rolle zuzuschreiben. Unsere Erfolge in dem höchstentwickelten kapitalistischen Staat, den Vereinigten Staaten, lehren uns etwas anderes. Die gesamte Mitgliedschaft der Sozialistischen Arbeiterpartei, ein großer Teil der Sozialistischen Partei, die von Debs geführt wird, die Arbeiter, die sich um die I. W. W. und um die anderen industriellen Gewerkschaften gruppieren, betrachten die gewerkschaftlichen Organisationen als die wichtigsten Organe, die nicht nur eine bedeutende, sondern tatsächlich eine ausschlaggebende Rolle in dem revolutionären Kampfe spielen müssen. Darum stehen wir auf dem Standpunkt, daß die III. Internationale die Notwendigkeit einer Revolutionierung, einer Umgestaltung der gewerkschaftlichen Bewegung schärfer betonen soll. Unsere Erfahrung führt uns zu der Ansicht, daß derjenige, der die Fahne trägt, hinter der die Massen des organisierten Proletariats marschieren, daß solche Gewerkschaftsführer, wie Gompers in Amerika, Karl Legien in Deutschland, Henderson in England, tatsächlich den Schlüssel zu der ganzen Situation halten und einen ausschlaggebenden Einfluß ausüben können. Es handelt sich darum, die Gewerkschaftsbewegung von dem verhängnisvollen Einfluß dieser Lakaien des Kapitals zu befreien.

Wenn ich von der Reorganisierung der Gewerkschaftsbewegung spreche, so meine ich damit, daß die Kommunisten in allen Ländern dafür sorgen müssen, daß die Gewerkschaften sich konsequent auf den Standpunkt des Klassenkampfes stellen, nicht nur in Worten, sondern auch in Taten. Wir müssen danach streben, die Gewerkschaften in einer dem heutigen Kampfe entsprechenden Form zu organisieren. Ich kann mir sehr gut vorstellen, welche Einwände dagegen gemacht werden können. Man wird wohl einwenden, daß es eine allzu große Arbeit sei, die recht viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Ich gebe zu, daß es leichter ist, an den kapitalistischen oder sozialpatriotischen Führern Kritik zu üben, als die ökonomischen Führer der Gewerkschaften oder die Gewerkschaften selbst, ihre Ziele, ihre Methoden und ihren Geist zu kritisieren. Das ist freilich eine schwere Aufgabe. Wir halten diese Arbeit aber für notwendig. Die Befreiung der internationalen Gewerkschaftsbewegung von dem Einfluß der kapitalistischen Lakaien unter ihren Führern betrachten wir als eine conditio sine qua non. Aus diesem Grunde beantrage ich, unser Komitee entsprechend zu instruieren, die entsprechenden paar Sätze in diesem Dokument so zu ändern, daß dort die gewerkschaftliche Organisation nicht so nebensächlich behandelt wird, sondern daß im Namen der III. Internationale, mit dem Prestige der III. Internationale, dem Ruf an die Proletarier aller Länder erlassen werde, mit verdoppelter Energie an die Arbeit zu gehen, um die Gewerkschaftsbewegung so aufzubauen, wie sie eigentlich sein soll. Ergeht ein solcher Ruf von der III. Internationale, so kann ich Ihnen versichern, daß zum mindesten, was die amerikanische Bewegung betrifft, die revolutionären Elemente in der gewerkschaftlichen sowie in der politischen Bewegung die nötige moralische Unterstützung erhalten, und dann ist unsere Arbeit um so erfolgreicher und wir können den verräterischen Einfluß brechen. Wenn die III. Internationale sich auf den Standpunkt stellt, daß die Gewerkschaftsbewegung wohl nützlich, aber nicht von allzugroßer Wichtigkeit sei, dann heißt das, Wasser auf die Mühle der Gompers und Henderson gießen. Die Gompers und die Henderson sind schon jetzt an der Arbeit, eine gelbe internationale gewerkschaftliche Bewegung zu gründen, die die Aufgabe haben wird, als internationaler Blitzarbeiter zu wirken. Dem müssen wir entgegenwirken.

Gen. Kascher (kommunistische Gruppe der Schweiz). Genossinnen und Genossen! Ich will mich mit aller Entschiedenheit der Auffassung meines Vorrredners anschließen. Ich finde auch, daß dieser Entwurf, der von der III. Internationale unter der Arbeiterschaft aller Länder verbreitet werden wird, tatsächlich dem Proletariat etwas rein Positives, etwas mehr Praktisches, eine Stütze in diesem schweren Kampf nicht nur gegenüber den Bürgerlichen, sondern auch gegenüber den Sozialpatrioten und allen Schattierungen des Zentrums geben soll. Gerade in dieser Hinsicht finde ich, daß in diesem Entwurf ein Kapitel zu kurz gekommen ist, nämlich das über den Weg zum Siege, ein Kapitel, das im Unterschied zu all den Entwürfen und Aufrufen, die bis jetzt erschienen sind, auf Grund der Erfahrungen der russischen und deutschen Revolution aufgebaut werden soll. In diesem Kapitel sind klar zwei Forderungen an die internationale Arbeiterschaft gerichtet: die Notwendigkeit des Massenkampfes und der Gründung von kommunistischen Parteien. Mehr Positives kann ich aus diesem Punkt nicht herauslesen. Ich möchte noch eine nähere Präzisierung der Aufgaben des internationalen Proletariats haben. Der erste der zwei Punkte ist die Frage des Rätesystems. Das Rätesystem ist hier in diesen Richtlinien behandelt, aber in weiterem Umfange, als ein Rätesystem, das schon die politische Macht umfaßt. Ich spreche von dem Rätesystem, das noch nicht die letzte Etappe der Revolution ist, das schon jetzt in den Ländern möglich ist, in denen das Proletariat noch nicht die politische Macht übernommen hat, von den Arbeiterräten. Es muß merkwürdig erscheinen, daß in diesen Richtlinien gar nicht von diesen Arbeiterräten gesprochen wird, die sich überall bilden. Vielleicht haben die Verfasser das als selbstverständlich gehalten, weil sie spontan in allen Ländern entstehen. Aber, Genossen, diejenigen, welche in den Ländern arbeiten mußten, in denen die Revolution noch nicht stattgefunden hat, wissen, daß wir einen schweren Kampf um diese Räte zu kämpfen haben, nicht nur gegen die Sozialpatrioten, sondern auch gegen die Radikalen, die sich aus prinzipiellen Gründen nicht entschließen wollen, jetzt schon für die Arbeiterräte einzustehen. Wollen wir diese revolutionären Bestrebungen unterstützen, dem Proletariat diesen Sozialpatrioten gegenüber einen Halt geben, dann müssen wir in diesen Richtlinien von der Internationale aus sagen, daß der richtigste, der beste Weg zum Siege jetzt schon vorzubereiten ist, daß schon jetzt Arbeiterräte zu gründen sind.

Der zweite Punkt, den ich hier aufstellen möchte, und den ich auch als einen Faktor auf dem Wege zum Siege betrachte, ist die Idee der Produktionskontrolle. Dieser Punkt gehört auch in den dritten Abschnitt dieses Entwurfs, in dem über die Sozialisierung gesprochen wird. Die Nationalisierung und Sozialisierung ist für die Volksmassen derjenigen Länder, in denen die Revolution noch nicht stattgefunden hat, etwas Ungeheuerliches, etwas, was an das sogenannte russische „Chaos“ erinnert, und deswegen geht auch dort ein Kampf vor sich zwischen den Arbeitern, die sich dafür entschlossen haben, und den verschiedenen Führern und Richtungen, auch der radikalen, welche die Verbreitung und Einwurzelung dieser Gedanken kennen möchten. Meines Erachtens muß man auch in dieser Hinsicht eine Parole herausgeben, die sich eine Etappe auf dem Wege zur Sozialisierung zum vorläufigen Ziel steckt, und diese ist die Kontrolle der Arbeiter über die Produktion und den Verbrauch. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Unternehmer längst auf diesen Gedanken gekommen sind und versucht haben, mit dem Proletariat auf diese Weise zu kokettieren. Wir wissen, was für ein Zweck dahinter steckt. Anders wird es aussehen, wenn das Proletariat von sich aus diese Parole aufstellen wird.

Der dritte Punkt, den ich betonen möchte, ist die Vorbereitung zur Uebernahme der wirtschaftlichen Macht. Ich weiß, wie schwer es war, Leute zu finden, wenigstens 1—2 Genossen, die imstande waren, den Arbeitern zu erklären, was eigentlich die Uebernahme der Produktion und der wirtschaftlichen Macht ist, wie man gegen die Sabotage ankämpfen muß, wie man regiert und verwaltet auf dem Lande und in der Fabrik.

Ich muß die Versammlung und die Verfasser der Richtlinien bitten, diese Fragen zu diskutieren. Wenn von der III. Internationale etwas herauskommt, was nicht tatsächlich auf den Erfahrungen der Revolution aufgebaut ist und wenn jetzt von der III. Internationale etwas herauskommen soll, was nicht imstande ist, das Proletariat der Entente zur Aktion zu bringen, dann ist unsere ganze Konferenz verfehlt. Zum Schluß will ich betonen, daß auch ich der Meinung bin, man solle die Gründung der III. Internationale nicht verschieben. Ueberall, in allen Ländern, erwartet man sie, überall sind kleine Gruppen vorhanden, die dieses Zentrum nötig haben und auch in Deutschland will das Proletariat unbedingt eine III. Internationale.

Gen. Platten. Genossen, die Resolutionskommission hatte die Aufgabe, eine ganze Anzahl von Anträgen zu prüfen. Die Kommission ist dazu gekommen, einzelne unbedeuende Abänderungen in dem Entwurf vorzunehmen:

Jetzt kommt der Antrag Rutgers, den die Kommission insofern berücksichtigt wissen will, als der Satz heißen soll: „Jetzt demaskieren sich selbst vor den zurückgebliebenen Massen die Ententestaaten als Welträuber und Mörder des Proletariats“. Man hat also die Einfügung gemacht: „selbst vor den zurückgebliebenen Massen“. Gen. Rutgers war ausführlicher, die Kommission aber glaubte, es sei durchaus genügend, nur den Zwischensatz einzufügen, denn man darf annehmen, daß bereits vor dem Kriege und während des Krieges kein Zweifel darüber bestand, daß auch die Ententestaaten eine Raubpolitik trieben, und nur zurückgebliebene Massen konnten noch unter dem Eindruck stehen, daß diese Staaten den Krieg eigentlich für Freiheit, Recht usw. führten. Es soll durch Einfügung dieses Satzes in dieser Beziehung Klarheit geschaffen werden.

Gen. Lenin beantragt, daß zu jedem Abänderungsantrag zwei Redner sprechen können, einer für und einer gegen. (Wird angenommen.)

Zum Worte meldet sich niemand.

Gen. Albert (Deutschland), Schlußwort. Parteigenossen! Als Gen. Bucharin und ich an die Ausarbeitung der Richtlinien gingen, haben wir es nicht für möglich gehalten, daß wir uns so schmerzlos über die einzelnen Fragen einigen könnten, denn von vornherein glaubte man doch, daß bei der völligen Verschiedenheit der Entwicklung in den einzelnen Ländern, besonders jetzt, Gegensätzlichkeiten und Differenzen in großem Maße vorhanden wären. Daß das nicht der Fall ist, daß die Richtlinien von der Konferenz im großen und ganzen akzeptiert wurden, ist für uns außerordentlich erfreulich. Das, was für uns bei der Abfassung der Richtlinien in erster Linie in Frage kam, war, die verschiedenartigen Entwicklungsstufen in der Revolution in den einzelnen Staaten zusammenzufassen und ein einheitliches Ganzes zu schaffen, und Sie werden zugeben müssen, daß diese Arbeit nicht leicht ist. Auf der einen Seite konnten die Länder, die in der revolutionären Entwicklung am weitesten fortgeschritten sind, Forderungen und Wünsche weitgehender Natur stellen, auf der anderen Seite können die zurückgebliebenen Länder erklären: das, was ihr in euren Richtlinien hier fordert, ist noch nicht reif für uns, wir können an diese Dinge noch lange nicht herangehen. Und doch hat es sich gezeigt, daß die Delegierten sich mit dem hier Vorgeschlagenen einverstanden erklärten. Was in diesen Richtlinien in der gestrigen Diskussion geändert wurde, ist gestern Abend von der Redaktionskommission durchberaten worden, an der auch die beiden Verfasser beteiligt waren. Auch dort ist völlige Einheit geschaffen worden. Die Aenderungen, die Ihnen der Genosse Platten, als der Vorsitzende der Redaktionskommission, heute vorgelegt hat, sind im Einverständnis mit den Verfassern zustande gekommen. Prinzipielle Aenderungen sind nicht vorgenommen, nur einige redaktionelle Aenderungen. Es ist zu sagen, daß die Richtlinien außerordentlich leicht erreicht werden können. Aber wir haben uns von vornherein auf das alleräußerste beschränkt, um die Möglichkeit zu schaffen, möglichst weite Kreise und viele Organisationen auf diese Richtlinien zu einigen. Ich komme gleich auf eine sehr wichtige Frage, die in den Richtlinien nicht behandelt ist, das ist die gewerkschaftliche Bewegung.

Wir haben uns lange mit dieser Frage beschäftigt. Wir haben die Vertreter der einzelnen Länder über die gewerkschaftliche Bewegung ausgefragt und müssen feststellen, daß es heute unmöglich ist, zu dieser Frage in den Richtlinien international Stellung zu nehmen, da die Stellung des Proletariats in den einzelnen Ländern völlig verschieden ist. Es gibt keine Lösung dieser Frage, die als einheitliche Richtlinie den Gewerkschaften gegenüber von uns aufgestellt werden könnte. In Rußland wird uns gesagt, daß die gewerkschaftliche Bewegung auf Grund der revolutionären Tendenzen eine sehr wichtige Rolle im Sowjetsystem spielt, daß die Sowjetmacht bei der Verteilung der Produktion und der Leitung in den Betrieben sich teilweise auf die Gewerkschaften stützt. Hier wäre also die Geschichte genau umgekehrt; die finnischen Genossen erklären, daß es unmöglich sei, die Gewerkschaften für die Revolution zu gebrauchen. In England spielen die Gewerkschaften wiederum eine ganz andere Rolle. In Deutschland sehen wir, daß die Gewerkschaften nach Ausbruch der Revolution völlig an die Wand gedrückt sind, daß die ganzen wirtschaftlichen Kämpfe ohne, ja gegen die Gewerkschaften durchgeführt werden. Man könnte leicht sagen: ihr müßt sie revolutionieren, an Stelle der gelben Führer revolutionäre setzen. Aber das läßt sich nicht so ohne weiteres machen, weil die ganzen Organisationsformen der Gewerkschaften dem alten Staatssystem angepaßt sind, weil das Rätesystem auf der Grundlage der Fachverbände nicht durchführbar ist. Wir in Deutschland haben die Führung der wirtschaftlichen Bewegung dem Rätesystem übertragen. Die Betriebsräte in den Fabriken haben seit Ausbruch der Revolution die gesamte Tätigkeit übernommen und die Gewerkschaften in Deutschland sind faktisch reine Unterstützungsorganisationen. Es läßt sich jetzt nicht voraussehen, wie die Entwicklung vor sich gehen wird, ob es möglich sein wird, dieselben zu revolutionieren, sie in industrielle Verbände umzuarbeiten. Das alles sind Verhältnisse, die in den einzelnen Ländern verschieden sind, so daß es uns unmöglich erscheint, den Arbeitern klare internationale Richtlinien zu geben. Weil dies nicht möglich ist, können wir diese Frage heute nicht entscheiden, wir müssen es den einzelnen Landesorganisationen überlassen, zu ihr Stellung zu nehmen. Deshalb haben wir kurz und bündig gesagt, daß dort, wo es möglich ist, die revolutionären Gewerkschaften für den Kampf zu gebrauchen sind.

Es wurde verlangt, daß der Begriff „Vaterland“ hier präziser gefaßt werde, daß den Arbeitern gesagt werde, daß wir als Kommunisten an der Verteidigung des Vaterlandes kein Interesse haben. Hier ist eine Einschränkung notwendig, indem man sagen müßte: wir haben kein Interesse an der Verteidigung des bürgerlichen Vaterlandes, aber bei einem sozialistischen Vaterlande wird die Frage anders für uns. Genossen, wir sehen, wie die Arbeiter in Rußland ein lebhaftes Interesse an der Verteidigung des Vaterlandes haben. Da aber die Richtlinien darauf ausgehen, den bürgerlichen Staatsapparat zu vernichten, so ist selbstverständlich, daß mit dem Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellschaftsordnung auch der bürgerliche Vaterlandsbegriff zusammenfallen wird. Aus diesem Grunde bitte ich Sie, auch von dieser Forderung Abstand zu nehmen.

Die Genossin Kascher wünscht, daß das Rätesystem ausführlicher erörtert werde. Ich möchte ihr sagen, daß wir die Frage des Rätesystems noch erörtern, und daß in besonderen Resolutionen dazu Stellung genommen wird.

Zum Schluß die Bitte, die hier von der Resolutionskommission vorgeschlagenen Aenderungen und dann die Richtlinien in ihrer Gesamtheit anzunehmen. Tun wir das und werden sie möglichst einstimmig angenommen, dann werden wir mit ihnen getrost vor die Welt treten können, werden den Proletariern aller Länder getrost sagen können: Es liegt an Euch, Organisationen zu schaffen, die rücksichtslos den Kampf in den einzelnen Ländern aufnehmen, die sich zusammenschließen zu der neuen großen Dritten Internationale. Nach meiner Meinung ist es dann erst möglich, die Dritte Internationale zu gründen. Heute sind die Ansichten über das, was die Kommunisten in den verschiedenen Ländern wollen, so verschieden, die Unkenntnis nicht nur durch die böswilligen Verleumdungen der Bourgeoisie so verbreitet, daß keine Möglichkeit vorhanden ist, die Arbeiterkreise, die sich schon zum Kommunismus bekannt haben, über das zu informieren, was die Bruderparteien, die kommunistischen Parteien der anderen Länder denken und tun.

Gen. Platten. Die Diskussion ist geschlossen. Es kann kein neuer Antrag mehr in die Verhandlung eingezogen werden. Nun hat Genosse Reinstein folgenden Antrag gestellt: die Kommunistische III. Internationale fordert die Revolutionäre aller Länder auf, mit verdoppelter Energie an die Arbeit zu gehen, um die Gewerkschaftsbewegung in ihren Ländern in ein wirklich revolutionäres Fahrwasser zu bringen, sie in bezug auf Organisationsform, Ziel, Taktik und Geist zu einer Bewegung umzugestalten, die den revolutionären Zielen des Kommunismus gewachsen ist.

Es scheint, daß es am zweckmäßigsten wäre, die Abstimmung vorzunehmen, ob die heutige Tagung bereit ist, diesen Antrag Reinstein der Kommission zu überweisen, damit diese endgültig darüber entscheide, in welcher Form eine Berichtigung stattfinden kann.

Gen. Albert. Ich bin der Auffassung, daß dieser Antrag des Genossen Reinstein nicht in Zusammenhang gebracht werden kann mit den Richtlinien. Es steht jedem Delegierten frei, besondere Resolutionen zu stellen, damit sie am Schluß der Tagesordnung bei den allgemeinen Resolutionen erörtert und beschlossen werden und keine Verkoppelung der Anträge mit den Richtlinien entsteht.

Ich beantrage deshalb, den Antrag des Gen. Reinstein unter Punkt „Verschiedenes“ zur Abstimmung zu bringen.

Gen. Reinstein beantragt, sofort darüber abzustimmen.

Gen. Lenin. Ueber diese Geschäftsanträge müssen wir abstimmen.

Die Resolution ist mit 16 Stimmen gegen 11 angenommen. Aenderungen sind nicht vorgeschlagen, und wir gehen zur Abstimmung des ganzen Textes über.

Gen. Klinger. Wer dafür ist, den ganzen Text anzunehmen, der muß mit ja antworten.

ParteiStimme
Kommunistische Partei Deutschlandsja
Die Kommunistische Partei Rußlandsja
Die Kommunistische Partei Deutsch-Oesterreichsja
Die Kommunistische Partei Ungarnsja
Die Kommunistische Partei Schwedensja
NorwegenStimmenthaltung
Schweizja
Amerikanische S. L. P.ja, unter der Bedingung, daß die Erklärung angenommen wird.
Balkanische Revolutionäre Föderationja
Polnische Kommunistische Parteija
Finnische Parteija
Ukrainische Kommunistische Parteija
Lettische Kommunistische Parteija
Litauisch-Weißrussische Komm. Parteija
Estnische Kommunistische Parteija
Armenische Kommunistische Parteija
Kommunistische Partei der Deutschen Kolonienja

Gen. Albert. Die Richtlinien sind bei einer Stimmenthaltung einstimmig angenommen.

Gen. Reinstein gibt zu Protokoll, daß er für die Annahme der Richtlinien stimme in der Erwartung, daß das Mangelnde im Dokument — die Betonung der Notwendigkeit der Arbeit für Revolutionierung der Gewerkschaftsbewegung — durch die Annahme der von ihm eingereichten dementsprechenden Resolution ergänzt wird.

Gen. Albert. Wir kommen zum nächsten Punkt der Tagesordnung: Bürgerliche Demokratie und Diktatur des Proletariats.

Gen. Lenin. Zu dieser Frage sind Thesen verfaßt worden. Die Anwesenden sind im Besitz der Thesen in deutscher und russischer Sprache. Die englischen und französischen Genossen werden später englische und französische Uebersetzungen erhalten, so daß ich es nicht für nötig halte, die Thesen noch einmal zu verlesen.

Gen. Albert. Es sind Vorschläge gemacht, die Thesen nur zu verteilen, nicht zu verlesen.

Gen. Reinstein. Ich stelle den Antrag, daß zu einem anderen Punkte übergegangen werde und die Thesen später wieder aufgenommen werden, wenn die Genossen Zeit gehabt haben, die Thesen erst nachzulesen.

Gen. Platten. Wir müssen in der Verhandlung fortfahren. Die Resolutionskommission hat eingehend die Frage besprochen, wie sie sich zu diesen Thesen stellen soll, und da sie zu dem Beschluß gekommen ist, über den detaillierten Inhalt dieser Thesen nicht zu diskutieren, sondern nur in bezug auf Drucklegung und internationale Verbreitung Anträge zu stellen, so dürfte es sich empfehlen, die Verlesung der Thesen vornehmen zu lassen und die einzelnen Punkte nicht zu erörtern.

Gen. Albert. Ich unterstütze den Antrag und frage, ob weitere Vorschläge in dieser Richtung zu machen sind. Es wird beantragt, nicht auf die Drucklegung zu warten, sondern fortzufahren und an die Verlesung zu schreiten. Ist jemand dagegen?

Gegen eine Stimme wird der Antrag angenommen, daß die Thesen verlesen werden sollen.

Gen. Lenin liest folgende Thesen vor:

Es folgen die Leitsätze über bürgerliche Demokratie und proletarische Diktatur: siehe die Seite des Kongresses.

Parteigenossen! Ich möchte zu den letzten zwei Punkten noch etwas hinzufügen. Ich glaube, die Genossen, die uns über die Berner Konferenz Bericht zu erstatten haben, werden uns darüber noch mehr sagen.

Auf der ganzen Berner Konferenz wurde kein Wort über die Bedeutung der Sowjetmacht gesprochen. Seit zwei Jahren diskutieren wir in Rußland diese Frage. Im April 1917 wurde von uns auf der Konferenz der Partei schon theoretisch und politisch die Frage gestellt: „Was bedeutet die Sowjetmacht, was ist ihr Inhalt, was ist ihre historische Bedeutung?“ Fast seit zwei Jahren diskutieren wir diese Frage und haben auf unserem Parteitage dazu Resolutionen angenommen.

Die Berliner „Freiheit“ druckt am 11. Februar einen Aufruf an das deutsche Proletariat ab, der nicht nur von der Parteileitung der unabhängigen Sozialdemokraten Deutschlands, sondern von der gesamten Mitgliedschaft der Fraktion der Unabhängigen unterzeichnet ist. Im August 1918 hat der größte Theoretiker dieser Unabhängigen, Kautsky, in seiner Broschüre „Diktatur des Proletariats“ geschrieben, daß er für die Demokratie und die Sowjetorgane sei; die Sowjets dürften aber nur wirtschaftliche Bedeutung haben und niemals als Staatsorganisationen anerkannt werden. Jetzt in der „Freiheit“ wiederholt Kautsky dasselbe in den Nummern vom 11. November und 12. Januar. Am 9. Februar kommt ein Artikel von Rudolf Hilferding, der auch eine der größten theoretischen Autoritäten der II. Internationale ist. Hilferding macht den Vorschlag, das Rätesystem mit der Nationalversammlung juristisch auf staatlichem Wege zu verkoppeln. Das war am 9. Februar. Am 11. Februar wird dieser Vorschlag von der ganzen Unabhängigen Partei angenommen und in einem Aufruf veröffentlicht.

Obwohl die Nationalversammlung schon existiert, nachdem die „reine Demokratie“ verwirklicht ist, nachdem die größten Theoretiker der unabhängigen Sozialdemokraten erklärt haben, die Sowjetorganisationen dürften keine staatlichen Organisationen sein, nach alledem wieder dieses Schwanken! Das beweist, daß diese Leute von der neuen Bewegung und deren Kampfesbedingungen wirklich nichts verstanden haben. Aber das beweist auch noch ein weiteres: nämlich, daß Verhältnisse vorhanden sein müssen, Ursachen, welche dieses Schwanken hervorrufen.

Nach diesen Ereignissen, nach dieser fast zwei Jahre siegreichen Revolution in Rußland dürfen wir, wenn man uns solche Resolutionen vorlegt, wie die Berner Konferenz, in denen nichts von den Räten, von ihrer Bedeutung gesagt und in keiner Rede irgendeines Delegierten ein Wort über sie gefallen ist, danach behaupte ich, dürfen wir mit Recht sagen, daß alle diese Leute als Sozialisten und Theoretiker für uns tot sind.

Aber praktisch, vom politischen Standpunkte aus, Genossen, ist es ein Beweis, daß in den Massen ein großer Umwandlungsprozeß vor sich geht, wenn diese Unabhängigen, die theoretisch, prinzipiell gegen diese staatlichen Organisationen waren, plötzlich so einen Blödsinn vorschlagen, man solle die Nationalversammlung mit dem Rätesystem verkoppeln, d. h. die Diktatur der Bourgeoisie mit der Diktatur des Proletariats „friedlich“ vereinigen. Wir sehen, wie sie alle sozialistisch und theoretisch bankrott geworden sind, wie aber draußen in den Massen die größte Umwandlung sich vollzieht. Die zurückgebliebenen Massen des deutschen Proletariats kommen zu uns, sind zu uns gekommen! Die theoretische, die sozialistische Bedeutung der Unabhängigen Partei der deutschen Sozialdemokraten, des besten Teils der Berner Konferenz, ist also gleich null, aber eine gewisse Bedeutung bleibt und besteht darin, daß diese schwankenden Elemente uns die Stimmung der zurückgebliebenen Teile des Proletariats anzeigen. Darin besteht auch nach meiner Ueberzeugung die größte historische Bedeutung dieser Konferenz. Wir haben so etwas ähnliches in unserer Revolution erlebt. Unsere Menschewiki haben fast Schritt für Schritt dieselbe Entwicklung durchgemacht, wie die Theoretiker der Unabhängigen in Deutschland. Sie waren früher für die Sowjets, als sie in ihnen die Mehrheit hatten. Da hieß es: „Hoch die Sowjets“, und „für die Sowjets“, „die Sowjets sind revolutionäre Demokratie!“ Nachdem wir, die Bolschewiki, die Mehrheit innerhalb der Sowjets bekamen, hieß es, die Sowjets dürfen nicht neben der Nationalversammlung existieren, und verschiedene Theoretiker der Menschewiki machten fast dieselben Vorschläge, wie die deutschen Unabhängigen, das Rätesystem mit der Nationalversammlung zu verkoppeln und im Staatsrahmen zu organisieren. Es zeigt sich hier noch einmal, daß der allgemeine Gang der proletarischen Revolution in der ganzen Welt derselbe ist. Zuerst spontane Gründung der Sowjets, hierauf ihre Verbreitung und Entwicklung, dann die praktisch auftretende Frage: Sowjets oder Nationalversammlung, oder Konstituante, oder bürgerlicher Parlamentarismus, vollste Konfusion der Führer und endlich die proletarische Revolution. Aber ich glaube, daß wir nach fast zwei Jahren Revolution die Frage nicht so stellen dürfen, sondern direkte Vorschläge machen müssen, denn die Ausbreitung des Rätesystems ist für uns, besonders für die meisten westeuropäischen Länder, die wichtigste Aufgabe.

Ich möchte hier nur eine Resolution der Menschewiki erwähnen. Ich hatte den Genossen Obolenski ersucht, diese Resolution ins Deutsche zu übersetzen. Er hat es mir versprochen, aber leider ist er nicht da. Ich muß versuchen, sie aus dem Gedächtnis wiederzugeben, denn ich habe den vollständigen Text dieser Resolution nicht hier.

Es ist für einen Ausländer, der nichts von Bolschewismus gehört hat, höchst schwierig, sich ein selbständiges Urteil über unsere Streitfragen zu bilden. Alles, was die Bolschewiki sagen, das bestreiten die Menschewiki und umgekehrt. Natürlich, im Kampfe kann es nicht anders sein, und deshalb ist es von besonders großer Wichtigkeit, daß die letzte Konferenz der menschewistischen Partei im Dezember 1918 eine lange, ausführliche Resolution angenommen hat, die vollinhaltlich in der menschewistischen „Zeitung der Typographiearbeiter“ publiziert ist. In dieser Resolution geben uns die Menschewiki selbst eine kurze Geschichte der Klassenkämpfe und des Bürgerkrieges. Diese Resolution sagt, daß sie die Gruppen ihrer Partei verurteilen, die im Bunde mit den besitzenden Klassen sind, im Ural, im Süden, in der Krim und in Georgien, und zählt alle diese Gebiete auf. Diejenigen Gruppen der menschewistischen Partei, die im Bunde mit den besitzenden Klassen gegen die Sowjetmacht gingen, werden jetzt in dieser Resolution verurteilt, aber der letzte Punkt verurteilt auch die Leute, die zum Kommunismus übergegangen sind. Daraus sehen wir: erstens, daß die Menschewiki selbst zugestehen müssen, daß in ihrer Partei eine Einheit nicht existiert, sondern daß sie teils auf seiten der Bourgeoisie, teils auf seiten des Proletariats stehen. Der größte Teil der Menschewiki war auf die Seite der Bourgeoisie getreten und kämpfte im Bürgerkriege gegen uns. Wir verfolgen natürlich die Menschewiki, wir erschießen sie sogar auch, wenn sie im Kriege gegen uns, gegen unsere Rote Armee kämpfen, wenn sie unsere Roten Offiziere erschießen. Auf den Krieg der Bourgeoisie antworteten wir mit dem Kriege des Proletariats; einen anderen Ausweg kann es nicht geben. Es ist also, politisch betrachtet, nur menschewistische Heuchelei. Historisch ist es nicht zu verstehen, wie auf der Berner Konferenz im Auftrage der Menschewiki und Sozialrevolutionäre Leute, die nicht offiziell für verrückt erklärt worden sind, vom Kampfe der Bolschewiki gegen sie sprechen und von ihrem Kampfe zusammen mit der Bourgeoisie gegen das Proletariat schweigen.

Sie alle sprechen sehr heftig gegen uns, weil wir sie verfolgen. Das ist richtig. Aber kein Sterbenswörtchen darüber, welchen Anteil die Menschewiki an dem Bürgerkriege genommen haben! Ich glaube, den vollständigen Text der Resolution muß ich dem Protokoll überlassen und die ausländischen Genossen ersuchen, dieser Resolution ihre Aufmerksamkeit zu schenken, weil sie ein historisches Dokument ist, das die Frage richtig stellt und das beste Material zu dem Streite der „sozialistischen“ Richtungen in Rußland liefert. Es gibt eine Klasse zwischen Proletariat und Bourgeoisie, Leute, die hin und her schwanken, wie es in allen Revolutionen immer war, und es ist absolut unmöglich, daß es in der kapitalistischen Gesellschaft, wo Proletariat und Bourgeoisie feindliche Lager darstellen, keine Mittelschichten geben sollte. Sie sind historisch notwendig, und leider werden diese schwankenden Elemente, die selbst nicht wissen, auf welcher Seite sie morgen kämpfen werden, ziemlich lange existieren.

Ich habe einen praktischen Vorschlag zu machen, der dahin geht, eine Resolution anzunehmen, in der speziell drei Punkte hervorgehoben werden sollen.

Erstens: Eine der wichtigsten Aufgaben für die Genossen der westeuropäischen Länder besteht darin, die Massen über die Bedeutung, die Wichtigkeit und die Notwendigkeit des Rätesystems aufzuklären. Darüber herrscht Mangel an Verständnis. Wenn auch Kautsky und Hilferding bankrott sind als Theoretiker, so beweisen doch die letzten Artikel in der „Freiheit“, daß sie die Stimmung der zurückgebliebenen Teile des deutschen Proletariats richtig darstellen. Es war auch hier so: in den ersten acht Monaten der russischen Revolution wurde die Frage der Sowjetorganisationen sehr viel diskutiert, und den Arbeitern war es unklar, worin das neue System bestände und ob man aus den Räten einen Staatsapparat machen könnte. Wir gingen in unserer Revolution praktisch, nicht theoretisch vor. Die Frage der Konstituante haben wir früher z. B. nicht theoretisch gestellt, wir haben nicht gesagt, daß wir die Nationalversammlung nicht anerkennen. Erst später, nachdem die Sowjetorganisationen sich über das ganze Land verbreitet und die politische Macht erobert hatten, erst dann sind wir dazu gekommen, die Konstituante auseinanderzujagen. Jetzt sehen wir, daß in Ungarn und in der Schweiz die Frage viel akuter gestellt ist. Das ist einerseits sehr gut, daraus schöpfen wir die feste Zuversicht, daß die Revolution in den westeuropäischen Ländern schneller vonstatten geht als bei uns und uns größere Siege bringen wird. Andererseits besteht aber darin eine gewisse Gefahr, nämlich die, daß die Kämpfe so stürmisch werden, daß das Bewußtsein der Arbeitermassen mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten kann. Die Bedeutung des Rätesystems ist für die große Masse der politisch gebildeten Arbeiter Deutschlands heute noch nicht klar, weil sie im parlamentarischen System und in bürgerlichen Vorurteilen erzogen ist.

Zweitens: über die Ausbreitung des Rätesystems. Wenn wir hören, wie schnell die Räte in Deutschland, und sogar in England Erfolg haben, so ist das für uns der wichtigste Beweis, daß die proletarische Revolution zum Siege kommen wird. Man kann sie nur auf kurze Zeit aufhalten. Aber etwas anderes ist es, wenn der Genosse Albert und der Genosse Platten uns mitteilen, daß es bei ihnen auf dem Lande, unter den Landarbeitern und Kleinbauern, fast gar keine Räte gibt. Ich habe in der „Roten Fahne“ einen Artikel gegen die Bauernräte, aber — ganz richtig — für die Landarbeiter- und Kleinbauernräte gelesen. Die Losung der Bourgeoisie und ihrer Lakaien, wie Scheidemann und Co., war schon: Bauernräte. Aber erst die Landarbeiter- und Kleinbauernräte sind das, was wir brauchen. Leider sehen wir jedoch aus den Berichten der Genossen Albert, Platten und anderer Genossen, daß — mit Ausnahme Ungarns — für die Ausbreitung des Rätesystems auf dem Lande besonders wenig getan wurde. Darin besteht vielleicht noch eine praktische und ziemlich große Gefahr für den sicheren Sieg des deutschen Proletariats. Der Sieg kann nur dann sicher sein, wenn nicht nur die städtischen Arbeiter, sondern auch die ländlichen Proletarier organisiert sind, und zwar organisiert nicht wie früher in Gewerkschaften und Kooperativen, sondern in Sowjets. Bei uns war der Sieg dadurch leichter, daß wir im Oktober 1917 mit der Bauernschaft gingen, der ganzen Bauernschaft. Damals war unsere Revolution in diesem Sinne eine bürgerliche. Der erste Schritt unserer proletarischen Regierung bestand darin, daß die alten Forderungen der ganzen Bauernschaft, die schon früher unter Kerenski durch die Bauernräte und Vereine ausgedrückt waren, von unserer Regierung am 26. Oktober 1917 (alt. St.), einen Tag nach der Revolution, zum Gesetz erklärt wurden. Darin bestand unsere Kraft, darum war es für uns so leicht, eine große, überwiegende Mehrheit zu gewinnen. Damals blieb unsere Revolution für das Land, für das Dorf, noch eine bürgerliche, und erst später, nach einem halben Jahre, waren wir gezwungen, im Rahmen der Staatsorganisation Klassenkämpfe in den Dörfern zu organisieren, in jedem Dorfe Komitees der Armen, der Halbproletarier zu gründen und systematisch gegen die ländliche Bourgeoisie zu kämpfen. Das war bei uns unvermeidlich wegen der Rückständigkeit Rußlands. Das wird in Westeuropa anders sein, und deshalb müssen wir betonen, daß die Ausbreitung des Rätesystems auch für die ländliche Bevölkerung in entsprechenden, vielleicht neuen Formen absolut notwendig ist.

Drittens müssen wir sagen, daß die Eroberung einer kommunistischen Mehrheit in den Sowjets die Hauptaufgabe in allen Ländern ist, in denen die Sowjetmacht noch nicht gesiegt hat. Gestern hat unsere Resolutionskommission diese Frage besprochen. Vielleicht werden andere Genossen noch darüber berichten, aber ich möchte beantragen, daß wir diesen dritten Punkt als spezielle Resolution annehmen. Natürlich können wir der Entwicklung den Weg nicht vorschreiben. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Revolution in mehreren westeuropäischen Ländern sehr bald zum Ausbruch kommen wird, aber was wir als organisierter Teil der Arbeiterschaft und Partei anstreben und anstreben müssen, ist, eine Mehrheit in den Räten zu gewinnen. Dann ist unser Sieg sicher, und keine Macht wird imstande sein, etwas gegen die kommunistische Revolution zu unternehmen. Auf andere Weise wird der Sieg nicht so leicht und dauerhaft sein. Ich möchte also beantragen, den dritten Punkt als spezielle Resolution anzunehmen.

Gen. Albert. Die von dem Gen. Lenin erwähnte Resolution kann Ihnen nachmittags vorgelesen werden. Wir kommen zur Diskussion über die hier vorgeschlagenen Richtlinien und fragen, ob sie in die Diskussion eintreten oder diese Richtlinien dem Büro zur Verbreitung überweisen wollen. Wird eine Diskussion über diese Richtlinien verlangt? Sind Sie damit einverstanden, daß diese dem Büro zur Verbreitung überwiesen werden?

Gen. Sinowjew. Der Beschluß der Kommission war etwas weitgehender, nämlich die Kommission hat einstimmig beschlossen, diese Richtlinien nicht nur dem Büro zu übergeben, sondern sich auch im Namen der Konferenz mit den Hauptlinien solidarisch zu erklären.

Gen. Albert. Das ist wohl dasselbe, daß das Büro im Namen der Konferenz die Richtlinien in den verschiedenen Ländern zur Drucklegung gibt und dort verbreiten läßt.

Gen. Platten. Parteigenossen, wir haben zur Besprechung für heute vom Büro aus folgende Anträge zu stellen: In erster Linie ist zu bemerken, daß zwei Erklärungen eingegangen sind, die Richtlinien betreffend: eine Erklärung von dem Genossen Reinstein, eine andere von der Genossin Kascher. Dann ist ein Antrag eingebracht worden, die Konstituierung der III. Internationale zu behandeln. Anschließend daran würde eine Erklärung der ehemaligen Teilnehmer von Zimmerwald und Kienthal erfolgen. Drittens werden wir, wenn wir uns zum Kongreß konstituieren, uns schlüssig werden müssen über das Stimmrecht der Delegierten, die nicht im Namen ihrer Partei die Erklärung abgeben können. Dann würde Berichterstattung über die Berner Konferenz erfolgen, eventuell, wenn wir sofort in der Lage sind, den Referenten schon stellen zu können, werden wir nach dem Punkt „Begründung der Resolution“ noch das Traktandum „Politik der Entente“ vornehmen. Werden Einwendungen erhoben oder sind Erläuterungen gewünscht?

Erklärung der Genossin Kascher.

Es scheint mir, daß meine Stellungnahme zu den „Richtlinien“ nicht so ausgelegt worden ist, wie es meiner Auffassung entsprochen hat. Dies zwingt mich zur folgenden Erklärung: „Ich bin mit dem Inhalt und allen dort ausgedrückten Prinzipien ganz und gar einverstanden. Nur fand ich es für sehr notwendig, den überaus wichtigen Punkt des Weges zum Siege im Sinne der Erfahrungen der russischen und deutschen Revolution erweitert zu sehen, und konnte deshalb den meines Erachtens unvollständigen Richtlinien nicht zustimmen“.

Amendement des Genossen Reinstein zu den Richtlinien.

„Die Kommunistische III. Internationale fordert die revolutionären Proletarier aller Länder auf, mit verdoppelter Energie und Entschlossenheit an die Arbeit zu gehen, die Gewerkschaftsbewegung in den einzelnen Ländern ins wirklich revolutionäre Fahrwasser zu bringen, sie in bezug auf Organisationsform, Ziel, Taktik und Geist zu einer Bewegung umzugestalten, die den revolutionären Zielen des Kommunismus gewachsen ist.“

Nun gebe ich Ihnen Kenntnis von einem Antrage, der von den Delegierten Rakowski, Gruber, Grimlund, Rudnianszky eingereicht worden ist. Er lautet:

Der Antrag zur Konstituierung der III. Internationale: siehe die Seite des Kongresses.

Dieser Antrag setzt voraus, daß wir auf einen Beschluß zurückkommen, ob Konferenz oder Kongreß. Der Antrag ist auf Konstituierung der III. Internationale gestellt. Die Diskussion ist eröffnet.

Gen. Albert. Parteigenossen! Wir hatten uns im Anfang der Konferenz bereits in langen Auseinandersetzungen mit der Frage beschäftigt, ob diese Konferenz zu einem Kongreß werden soll, auf dem die III. Internationale gegründet wird, oder ob wir erst die Vorbereitungen zur Gründung vorzunehmen hätten. Wir hatten uns auf Veranlassung der deutschen Vertretung, die sich durch ihr Mandat gebunden fühlte, nicht für die sofortige Gründung zu stimmen, dahin verständigt, daß hier eine Konferenz sein soll, die die Gründung der III. Internationale vorbereitet, diese aber erst später zu gründen sei. Da heute abermals, trotz der damaligen Entscheidung, von einigen Vertretern der Versuch gemacht wird, dennoch hier die III. Internationale sofort zu gründen, sehe ich mich gezwungen, Ihnen kurz die Beweggründe anzugeben, die uns veranlaßten, abzuraten, jetzt schon an die Gründung heranzugehen. Wenn hier gesagt wird, daß die Gründung der III. Internationale eine unbedingte Notwendigkeit sei, wagen wir das zu bestreiten. Wenn gesagt wird, daß das Proletariat in seinem Kampfe zuerst einmal ein geistiges Zentrum braucht, so kann man sagen, daß ein solches Zentrum schon vorhanden ist, und daß alle Elemente, die sich zusammenfinden auf der Grundlage des Rätesystems, sich damit schon heute von all den anderen Elementen innerhalb der Arbeiterklasse, die noch zur bürgerlichen Demokratie neigen, losgesagt haben, wir sehen, daß überall die Trennung sich vorbereitet und durchgeführt wird. Aber was eine III. Internationale sein muß, ist nicht allein ein geistiges Zentrum, nicht allein eine Institution, in der sich die Theoretiker gegenseitig heiße Reden halten, sondern sie muß die Grundlage einer organisatorischen Macht sein. Wollen wir aus der III. Internationale ein gebrauchsfähiges Werkzeug machen, wollen wir diese Internationale zu einem Kampfmittel gestalten, dann ist es notwendig, daß dazu auch die Vorbedingungen vorhanden sind. Also allein vom geistigen Gesichtspunkte darf diese Frage unseres Erachtens nach nicht erörtert, nicht beurteilt werden, sondern es ist notwendig, daß wir uns sachlich fragen, ob die organisatorischen Grundlagen vorhanden sind. Ich habe dabei immer das Gefühl, als ob die Genossen, die so zur Gründung drängen, sich doch bedeutend beeinflussen lassen vom Werdegang der II. Internationale, daß sie nach dem Zustandekommen der Berner Konferenz ihr ein Konkurrenzunternehmen entgegensetzen wollen. Das erscheint uns weniger wichtig, und wenn gesagt wird, daß die Klärung notwendig sei, daß sonst alle zweifelhaften Elemente zur Gelben übergehen könnten, so sage ich, die Gründung der III. Internationale wird die Elemente, die heute noch hinüberlaufen, nicht abhalten, und wenn sie dennoch hinübergehen, dann gehören sie dorthin. Aber die wichtigste Frage bei der Gründung einer III. Internationale ist, doch zuerst einmal zu wissen, was man will, auf welcher Plattform die Möglichkeit besteht, sich miteinander zu verbinden. Die Berichte der Genossen verschiedener Länder zeigten, daß die Ansichten über die Tätigkeit, über die Wege zum Ziel unbekannt waren, und wenn die Delegierten aus den einzelnen Ländern hierhergekommen sind, so konnten sie nicht mit dem Entschluß hierherkommen, sich an der Gründung der III. Internationale zu beteiligen. Es muß ihre Aufgabe sein, ihre Mitgliedschaften erst zu informieren, und schon die Einladung deutet darauf hin, indem es auf der ersten Seite heißt: „Alle diese Umstände zwingen uns, die Initiative zu ergreifen, um die Frage der Zusammenberufung eines internationalen Kongresses der revolutionären proletarischen Parteien auf die Tagesordnung zur Diskussion zu stellen“. Schon in der Einladung ist also gesagt, daß wir hier erst die Frage prüfen müssen, ob es möglich ist, die Genossen zu einem Gründungskongreß zusammenzurufen. Daß die Unkenntnis über die Wege und Ziele der einzelnen Parteien, solange die Aussprache hier noch nicht stattgefunden hatte, groß war, zeigt die Tatsache des Briefes von Longuet, eines im politischen Leben tätigen Genossen, der sich zum Zentrum bekennt, es aber doch noch für möglich hält, daß wir uns an den Sitzungen der Berner Konferenz beteiligen. Auch wir in Deutschland hatten keine Ahnung, wie groß die Gegensätze unter den Parteien sind; und als ich von Deutschland fortfuhr, war ich gefaßt auf schwere Auseinandersetzungen über die verschiedenen Fragen. Ich kann konstatieren, daß wir in den meisten Fragen konform gehen, aber das wußten wir nicht vorher. Will man an die Gründung einer III. Internationale herangehen, dann muß man zuerst der Welt sagen, was man will, erst erklären, welchen Weg wir vor uns haben, auf dem wir uns einigen wollen und können. Wenn darauf hingewiesen wird, daß die III. Internationale in Zimmerwald schon gegründet wurde, so ist das unzutreffend. Die ist längst auseinandergeflogen, und nur ein kleiner Teil der Linken kann für spätere gemeinschaftliche Arbeit in Betracht kommen. Wenn auf der einen Seite alle diese Dinge ausschlaggebend sind, abzuraten, jetzt schon an die Gründung der III. Internationale heranzugehen, so sind es auf der anderen Seite organisatorische Fragen, die uns davor warnen. Denn wie liegen die Dinge? Wirkliche kommunistische Parteien sind nur in wenigen Ländern vorhanden, in den meisten sind sie erst in den letzten Wochen geschaffen, in mehreren Ländern, in denen es heute Kommunisten gibt, besitzen sie noch keine Organisation. Ich bin erstaunt, wenn der Vertreter von Schweden die Gründung der III. Internationale beantragt und zugeben muß, daß sich in Schweden noch keine rein-kommunistische Organisation, sondern nur eine große kommunistische Gruppe innerhalb der schwedischen sozialdemokratischen Partei befindet. Wir wissen, daß in der Schweiz und in anderen Ländern eigentliche Parteien nicht vorhanden sind, erst geschaffen werden müssen, so daß die Genossen, die hier sind, nur im Namen von Gruppen reden können. Können sie heute wirklich sagen, wer hinter ihnen steht? Finnland, Rußland, Schweden, Oesterreich-Ungarn, vom Balkan nicht einmal der ganze Bund — die Vertreter von Griechenland und Serbien betrachten Rakowski nicht als ihren Vertreter. Was fehlt, ist das ganze Westeuropa, Belgien, Italien sind nicht vertreten, der Schweizer Vertreter kann nicht im Namen einer Partei sprechen, es fehlen Frankreich, England, Spanien, Portugal, und Amerika ist ebenfalls nicht imstande zu erklären, welche Parteien zu uns stehen würden. Es sind so wenige Organisationen an der Gründung der III. Internationale beteiligt, daß es schwer ist, an die Oeffentlichkeit zu treten. Es ist also notwendig, bevor wir an die Gründung schreiten, daß wir der Welt unsere Plattform bekannt geben und die kommunistischen Organisationen auffordern, sich zu erklären, ob sie bereit sind, mit uns die III. Internationale zu gründen.

Es ist notwendig, daß kommunistische Organisationen gefördert werden, denn es ist nicht mehr möglich, gemeinsame Sache mit den Kautsky und Scheidemann zu machen. Ich warne Sie dringend, heute daran zu gehen, die III. Internationale zu gründen, ich bitte Sie, nicht übereilt zu handeln, sondern in kürzester Frist einen Kongreß zusammenzuberufen, auf dem dann die neue Internationale gegründet wird, aber eine Internationale, die tatsächlich eine Macht hinter sich haben wird.

Das sind die Bedenken, die meine Organisation gegen die sofortige Gründung der III. Internationale hat, und ich bitte Sie, reiflich zu überlegen, ob es ratsam ist, auf diesen schwächlichen Grundlagen heute schon an die Gründung zu gehen.

Gen. Sinowjew. Genossen! Sie wissen, daß unsere Partei sich vom Anfang unserer Arbeit an für die sofortige Gründung der III. Internationale ausgesprochen hat. Wir haben im Namen unseres Zentralkomitees erklärt, daß wir der Meinung sind, daß die Interessen des russischen Proletariats wie auch die der internationalen Arbeiterklasse dies gebieterisch fordern. Wir haben aber erklärt, daß unsere deutschen Freunde darauf dringen, man solle das noch aufschieben. Wir haben uns am Anfang unserer Arbeit bereit erklärt, uns als Konferenz zu konstituieren. Danach sind aber die Genossen aus Oesterreich, aus den Balkanländern und aus Schweden gekommen und sagen uns, wie wir es auch erwartet haben, daß ein weiteres Zögern der revolutionären Bewegung in ihren Ländern schaden könnte. Die Frage haben wir gestern in der Resolutionskommission ausführlich diskutiert, und wir haben einstimmig beschlossen, der Versammlung vorzuschlagen, sich als III. Internationale zu konstituieren. Genosse Albert sagt: Warum drängen wir so darauf? Welche Notwendigkeit besteht denn, daß die III. Internationale sofort gegründet werde? Ich glaube, wir können den Spieß umdrehen und ihn bitten, die Gründe anzuführen, warum die internationalen Arbeiter die Gründung der III. Internationale jetzt aufschieben sollen. Wir haben eine siegreiche proletarische Revolution in einem großen Lande, wir haben eine große, zum Sieg schreitende Revolution in zwei Ländern und danach sollen wir sagen: Wir sind noch zu schwach! Wir stellen die Parole der Internationalen Räterepublik als Devise auf, und niemand wird das eine Utopie nennen. Wir sind überzeugt, daß das Sache der nächsten Zeit ist, und wir sollen zurückschrecken vor der Bildung einer III. Internationale, die doch nur als Werkzeug zur Gründung einer internationalen Räterepublik dienen soll? Jedermann wird sagen müssen, daß, wenn wir die III. Internationale gründen, die breitesten Schichten der Arbeitermassen in allen Ländern diese Tat mit Enthusiasmus aufnehmen werden. Zögern wir aber, so wird man uns große Fragezeichen stellen.

Sie wollten vorher die formelle Gründung kommunistischer Parteien in allen Ländern haben? Sie haben eine siegreiche Revolution, das ist mehr als eine formelle Gründung. Sie haben in Deutschland eine Partei, die zur Macht schreitet und in einigen Monaten in Deutschland eine proletarische Regierung bilden wird. Und da sollen wir zögern? Man wird uns nicht verstehen. Vom Standpunkte Longuets könnte man das aufschieben. Man soll abwarten, bis die betreffenden Kongreßonkel zusammengekommen sind, aber gerade vom Standpunkt der Kommunisten kann man ein solches Abwarten nicht verteidigen. Ich erinnere Sie daran, daß die geistige Klärung schon 1915 in Zimmerwald angefangen hat. Nicht nur geistige Klärung, sondern eine Organisation steht jetzt vor uns. Und die Partei der jetzigen deutschen Kommunisten hat rege daran teilgenommen. Ich erinnere Sie daran, daß die Zimmerwalder Linke eine Plattform ausgearbeitet hat und einige der deutschen Kommunisten an der Ausarbeitung dieser Plattform teilgenommen haben. Wir haben damals als Basis die Richtlinien genommen, die von der Gruppe Internationale ausgearbeitet worden sind. Drei Jahre sind verflossen, jetzt sind wir zum ersten Mal wieder zusammen, und es handelt sich darum, zur internationalen Organisation zu schreiten. Deshalb glaube ich, wir sollen es tun. Wir sind überzeugt, daß die deutschen Arbeiter sagen werden: Ihr habt recht gehandelt. Wir wollen jetzt nicht mit dem Gefühl arbeiten, daß wir zu schwach sind, wir sollen vom Gefühl der größten Stärke beseelt sein, von der Ueberzeugung, daß die nächste Zukunft der III. Internationale gehört, und wenn wir in dieser Stimmung arbeiten, werden wir ohne Schwanken diesen notwendigen Schritt tun. Nach reiflicher Ueberlegung schlägt unsere Partei also vor, man solle sofort eine III. Internationale bilden. Das wird der ganzen Welt zeigen, daß wir geistig wie organisatorisch gerüstet sind. Sehen wir uns das Bild der Berner Konferenz an. Es handelt sich darum, daß wir diesen Schwächlingen gegenüber mit voller Ueberzeugung auftreten. Die geistige Armut zeigt sich auf jeder Zeile der Berner Resolutionen. Sie haben nicht gewagt, das letzte Wort zu sagen. Wir haben Gründe, mutig alles auszusprechen, was wir glauben.

Gen. Balabanoff (Zimmerw. Komm.). Ich benutze die Gelegenheit, um, meine Pflicht erfüllend, den hier Versammelten den heißesten Gruß der großen Mehrheit der Parteien und Organisationen, die zu Zimmerwald gehören und aller derjenigen, die sich um das Banner Zimmerwalds geschart haben, zu überbringen. Ich habe das moralische Recht, anzunehmen, daß, wenn politische und technische Hindernisse die betreffenden Parteivertreter nicht verhindert hätten, hier zu erscheinen, sie sich nicht mit einem platonischen Gruß begnügt hätten, sondern die Gründung der Dritten Kommunistischen Internationale persönlich begrüßt und befürwortet hätten. In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Einwände des Genossen Albert eingehen. Seine Ausführungen scheinen zwar logisch, allein die Hauptsache berücksichtigt er nicht. Auch in der II. Internationale, besonders in der letzten Phase ihrer Existenz, wurde in den Reden oft der Zwiespalt zwischen Wort und Tat unterstrichen. Es gibt aber historische Momente, in denen das Wort zur Tat und das zur rechten Zeit nicht ausgesprochene Wort zum Hemmschuh der Tat wird. Heutzutage ist nicht nur das Proletariat, sondern auch die gesamte öffentliche Meinung, alles was politisch denkt oder empfindet, sich bewußt, daß es sich um einen Entscheidungskampf zwischen der Macht der Bourgeoisie und der Macht des Proletariats handelt. Da es mir gegeben war, bis zu dem Augenblick, in dem die Ereignisse, die deutsche Revolution einerseits, die wahnsinnige Reaktion der siegestrunkenen Ententeländer andererseits, die Rahmen jeglicher internationalen Organisation zunichte machten, das Banner der Zimmerwalder Organisation hochzuhalten und, so weit es unter den gegebenen politischen Verhältnissen möglich war, mit den betreffenden Organisationen in Fühlung zu bleiben, glaube ich mich dazu berechtigt, auch hier festzustellen, daß seit der zweiten proletarischen Revolution in Rußland die revolutionäre klassenbewußte öffentliche Meinung sich ganz auf die Seite der russischen Sowjetmacht gestellt hat und sich den in ihr verwirklichten Grundgedanken anschließt. Was Zimmerwald betrifft, so muß ich betonen, daß es sich um eine provisorisch gegründete Organisation, die wesentlich den Charakter einer Defensive gegen den imperialistischen Krieg, gegen das schmähliche Verhalten der sozialpatriotischen Mehrheiten trug, nicht etwa um eine definitive Gründung eines neuen internationalen Zentrums handelte. Wir wußten, daß, wenn das politische Leben seinen normalen Lauf nehmen würde, das klassenbewußte Proletariat, seine revolutionäre Vorhut, nicht versäumen werde, mit denjenigen abzurechnen, die sie im schwersten und entscheidendsten Moment so schmählich verrieten; inzwischen lag es den dem Sozialismus treu gebliebenen Elementen aller Länder daran, in theoretische und praktische Fühlung miteinander zu treten, die überwältigenden Ereignisse den Massen gegenüber im Lichte des wissenschaftlichen Sozialismus zu beleuchten und die entsprechenden theoretischen Konsequenzen aus ihnen zu ziehen.

Genossen! Ebenso kindisch und übermütig, wie es wäre, behaupten zu wollen, daß die weltumgestaltenden Ereignisse in Rußland und Deutschland sich nach irgend einer konkreten Vorschrift Zimmerwalds vollziehen, ebenso ungerecht wäre es, die Entgleisungen der Zimmerwald angehörenden Parteien oder Minderheiten Zimmerwald zuzuschreiben. Ebenso wie die Leiter der Zimmerwalder Organisationen es als ihre Pflicht und ihr Recht betrachteten, am zweiten Tage des proletarischen Aufstandes in Rußland, als man noch nicht wußte, ob er nicht schon in den nächsten Stunden durch Niederlage und Blutvergießen erstickt würde, sich mit ihm solidarisch zu erklären und durch die Veröffentlichung des Aufrufes zum internationalen Massenstreik die klassenbewußten Arbeitermassen daran zu mahnen, gemäß den Beschlüssen der dritten Zimmerwalder Konferenz die Sache des russischen Proletariats mit allen Mitteln zu unterstützen, so glaube ich auch jetzt — die große Verantwortung, die ich auf mich lade, durchaus nicht verkennend — mein Recht und meine Pflicht auszuüben, wenn ich erkläre, daß die meisten in Zimmerwald zusammengeschlossenen Parteien die sofortige Gründung der Dritten Internationale befürworten. In einer Resolution, die der heutigen Zusammenkunft unterbreitet werden soll, habe ich gelesen, man ersuche das Exekutivkomitee der Zimmerwalder Kommission, ihr Archiv der neugegründeten Organisation zu übergeben. Ich möchte hinzufügen — abgesehen von dem Maße, in dem mir die juridische Kompetenz zusteht, als Sekretär der I.S.K. irgend etwas Konkretes vorzunehmen, ohne Beratung mit den andern Mitgliedern der Kommission, abgesehen davon, daß ich auch aus polizeilich-materiellen Gründen meiner Ausweisung aus der Schweiz und der Unmöglichkeit, das Archiv mitzunehmen u. dergl. nicht mehr imstande war, dieser Forderung nachzukommen, möchte ich der Ueberzeugung Ausdruck verleihen, daß, wenn keine polizeilichen Hindernisse der Teilnahme an dieser Tagung den breitesten Schichten des internationalen revolutionären Sozialismus und den weitesten Massen im Wege stünden, es uns gegeben wäre, nicht nur die materielle Erbschaft Zimmerwalds, sondern die tatkräftigste Solidarität, den heißesten Glückwunsch, die tatkräftigste Mitarbeit von Millionen proletarischer Hirne und Herzen der hier sich gründenden Internationale einzufügen.

Gen. Grimlund: Ich möchte Gen. Albert gegenüber betonen, daß er mich nicht ganz richtig verstanden hat. Ich vertrete die Linke Schwedische Partei, die sich von der sozialpatriotischen Partei getrennt hat. Diese Partei hat energisch den Standpunkt Zimmerwalds und der russischen proletarischen Revolution verteidigt. Es ist wohl wahr, daß in der Partei keine vollständige Einigkeit herrscht, daß sich in derselben Elemente befinden, die sich diesem Standpunkt nicht ganz anschließen, aber es unterliegt keinem Zweifel, daß auf dem ersten Parteitag die Partei sich auch formell der Kommunistischen Partei anschließen wird. Es wundert mich, daß der Gen. Albert, der aus Deutschland kommt, Bedenken haben kann und nicht einsehen will oder kann, daß nur in der Gründung einer kommunistischen Internationale für das Proletariat die Möglichkeit liegt, festen Boden zu fassen. Ich begrüße die III. Internationale und finde, daß es Pflicht und Schuldigkeit sei, jetzt sofort an ihre Gründung heranzutreten.

Gen. Rahja. Genossen! Der soeben vom Genossen Albert erwähnten Vorberatung wohnten auch die Delegierten der Organisation der Kommunistischen Partei Finnlands bei, die ich hier vertrete. Als daselbst die Frage erhoben wurde, ob es möglich und zweckentsprechend wäre, auf dieser Konferenz die III. Internationale zu gründen, hat unsere Delegation beschlossen, der gesamten Konferenz folgende Erklärung abzugeben, die ich jetzt hier verlesen werde.

Erklärung der Vertreter der Kommunistischen Partei Finnlands.

„Da die Partei, die wir vertreten, uns mit einem klar ausgedrückten Ziel hierher, auf die Gründungskonferenz der III. Internationale delegiert hat, so möchten wir der Versammlung folgende kurz formulierte Erklärung abgeben:

Erklärung.

Die Kommunistische Partei Finnlands ist der Meinung, daß die Frage der Gründung der III. Internationale herangereift ist und diese Notwendigkeit von der allgemeinen internationalen Lage und den Aufgaben der internationalen Bewegung des revolutionären Proletariats diktiert wird.

Die II. Internationale, deren Führer die Sache des Proletariats zu Anfang des Weltkrieges verraten haben, ist faktisch tot für das revolutionäre Proletariat und kann daher in dem weiteren Kampfe für die Befreiung der Arbeiterklasse nicht mehr als Bindeglied dienen.

Die Berner Konferenz der Sozialpatrioten hatte zum Hauptziel, die bereits abgelebten Formeln wieder aufzustellen und ein Zentrum zu schaffen, um das sich, unter der Maske des Kampfes für die Befreiung der unterdrückten Klassen, die sozialpatriotischen und schwankenden Elemente der II. Internationale gruppieren könnten, und — was besonders wichtig ist — die Berner Konferenz hat gefunden, daß die II. Internationale fortgefahren hat und fortfährt zu bestehen.

Der Mangel einer ideell und organisatorisch fest zusammengefügten kommunistischen Organisation im internationalen Maßstabe bietet die Möglichkeit, daß, unter der Maske der internationalen Einheit, der internationale Betrug unter dem Banner der II. Internationale weiter produktiv fortgesetzt wird.

Der Bruch mit den Sozialverrätern und Sozialpatrioten ist in einer Reihe der führenden Länder tatsächlich schon vor sich gegangen.

Indem das revolutionäre Proletariat Rußlands, Deutschlands, Italiens, Englands, Oesterreich-Ungarns, Amerikas, Frankreichs, Schwedens und einer Reihe anderer Länder gegen die imperialistische Bourgeoisie kämpft, kämpft es zugleich auch gegen die Sozialverräter und Sozialpatrioten, die unter dem Deckmantel der II. Internationale weiter einherschreiten.

Die Gründung der III. Internationale wird in einer ganzen Reihe von Ländern an die bestehenden Parteien und Gruppierungen konkret die Frage stellen, welcher Internationale sie sich anschließen wollen und zu welchem Zweck, und wird dadurch unbedingt eine entscheidende Grenzlinie ziehen und Klarheit schaffen in den Beziehungen der einzelnen Strömungen zueinander, wodurch ohne jeden Zweifel die revolutionären Kräfte der ganzen Welt in allerkürzester Zeit zusammengefügt werden.

Wenn die hier versammelte Konferenz in der Lage sein wird, eine theoretisch unbestreitbare und taktisch anwendbare Plattform auszuarbeiten, so findet die Partei, daß die Frage der Gründung der III. Internationale faktisch dadurch schon gelöst sein wird, jedoch die formelle Ablehnung einer solchen Gründung wird die Kräfte des internationalen Proletariats in seinem Kampf gegen den Kapitalismus und dessen Stütze — die sozialpatriotische gelbe Internationale — schwächen.

Diese Erklärung entstand, als auf der Vorberatung faktisch nur ein Meinungsaustausch zwischen den Delegierten unserer Partei und denjenigen der Spartakisten stattfand. Als nämlich damals unsere Delegation die Gründung der III. Internationale begrüßte, hat Gen. Albert einige Einwände erhoben, auf die ich jetzt zurückzukommen mir erlaube. Gen. Albert erklärt, daß man, ehe man an die Gründung der III. Internationale schreite, wissen müsse, wonach man strebe. Ich erlaube mir, an Gen. Albert die Frage zu richten: Das deutsche Proletariat, das nicht nur gegen die imperialistische Bourgeoisie, sondern auch gegen die Scheidemann und Noske so heldenmütig gekämpft hat, weiß es, was es will? Ich bin fest überzeugt, daß das deutsche Proletariat, das augenblicklich eine Niederlage erlitten hat, seinen Kampf jedenfalls unter denselben Parolen fortsetzen wird, unabhängig davon, ob jetzt hier die III. Internationale gegründet wird oder nicht. Es handelt sich jetzt in der ganzen Welt nicht um die Frage der Propaganda oder der Schaffung eines Apparats zur Erziehung der Massen. In allen Ländern handelt es sich um den Kampf zweier Diktaturen, der bürgerlichen Diktatur und der Diktatur des Proletariats. Dieser Kampf hat bis jetzt kein internationales verbindendes Zentrum und wird zerstreut geführt. Gen. Albert hat erklärt, daß die Stellungnahme der einzelnen Parteien in den verschiedenen Ländern zur Gründung der III. Internationale einstweilen noch nicht festgestellt ist. Nach unserer Auffassung, der Auffassung der Kommunistischen Partei Finnlands, haben wir die Antwort auf diese Frage in der ungeheuren revolutionären Bewegung, die sich jetzt in der ganzen Welt entwickelt. Diese Antwort besagt klar und deutlich, wonach das Proletariat strebt. Diese revolutionäre Bewegung des westlichen Proletariats zeigt deutlich, daß, wenn das Proletariat der ganzen Welt ein solches bindendes Zentrum hätte, der Kampf bedeutend erleichtert und sich produktiver gestalten würde. Gen. Albert erklärt, daß das revolutionäre deutsche Proletariat prinzipiell nichts gegen die Gründung der III. Internationale haben könne. Es handelt sich bei ihm nur um rein formelle Erwägungen. Es wäre aber ein Fehler, die Gründung der III. Internationale aus Erwägungen rein formellen Charakters oder wegen Ausbleibens irgend eines Mandats oder des Vertreters eines Landes, dessen Proletariat ihn nicht hat senden können, aufzuschieben. Es ist ja ganz verständlich, daß die Vertreter sich nicht in der erforderlichen Anzahl hier versammeln konnten. Außerdem ist die Gründung der III. Internationale noch deshalb sehr wichtig, weil dieselbe jetzt als das Zentrum der internationalen revolutionären Arbeiterbewegung eine ungeheure Bedeutung haben würde. Wenn ein solches Zentrum gestern, vor einer Woche, vor einem Monat existiert hätte, so können wir sicher sein, daß das revolutionäre Proletariat aller Länder seinen Kampf, den es mit heldenmütiger Anstrengung fortsetzt, weit intensiver und richtiger hätte führen können. Die erste Kunde von der Gründung der III. Internationale wird in der ganzen Welt mit Jubel begrüßt werden.

Gen. Rakowski macht darauf aufmerksam, daß zwischen der Stellung der heutigen Vertreter der deutschen Kommunisten und der Stellung des Gen. Ledebour eine Analogie besteht, und zwar insofern, als auch damals, als von der Bewilligung der Kredite die Rede war, letzterer erklärte, daß er gegen die Kreditbewilligung sei, allein er wolle nicht durch einen Beschluß gebunden sein, von dem man sagen könne, er sei durch den Druck des Auslandes entstanden. Diese Vorurteile, die Furcht, die öffentliche Meinung könne von einem ausländischen Druck sprechen, haben in der II. Internationale geherrscht. Es ist Zeit, sich von diesen Vorurteilen zu befreien.

Auch aus anderen Gründen ist die sofortige Gründung der III. Internationale notwendig. Wenn man jetzt nicht zur Gründung der III. Internationale käme, würde man in der Außenwelt den Verdacht erwecken, als ob die Kommunisten unter sich nicht einig wären. Außerdem würde man zur Annahme berechtigt sein, daß es sich um ein Mißtrauensvotum an die russische Sowjetrepublik handelt, was von einer großen moralischen und politischen Tragweite wäre.

Was das Praktische anbelangt, daß nämlich hier nicht alle Parteien vertreten sind, so müsse man darauf aufmerksam machen, daß, als man daran ging, die historische Erste Internationale zu gründen, die Verhältnisse in dieser Beziehung auch nicht besser waren; die Parteien waren nicht vollzähliger vertreten als jetzt. Es handelt sich darum, der Internationale Richtlinien zu geben. In der Hauptsache — was den Klassenkampf und die unmittelbare Enteignung des Grundbesitzes und des Kapitals betrifft — sind alle einverstanden, und darum wäre es nicht angebracht, aus formellen Gründen auf die sofortige Gründung der III. Internationale zu verzichten.

Gen. Rudnianszki: Parteigenossen! Die Kommunisten Ungarns haben sich zu dem Antrag zusammengeschlossen, daß die III. Internationale auch formell hier begründet werden soll, denn tatsächlich lebt sie schon lange. Diese III. Internationale ist im Kampfe des russischen Proletariats gegen die russische Bourgeoisie geboren. Die Kommunistische Partei Ungarns steht fest auf diesem Standpunkt. Es ist unmöglich, immerfort zu betonen, daß die II. Internationale gestorben ist, daß die Stimmen der Beratenden in Bern tot sind und wir hier in Moskau Teilnehmer einer lebenden, jetzt im Kampfe geborenen Internationale sind. Fürchten wir vielleicht die formelle Sanktion einer Gründung dieser III. Internationale, welche tatsächlich im Kampfe des russischen Proletariats ausgekämpft ist? Einen solchen Kampf hat auch das deutsche kommunistische Proletariat begonnen und in solchem Kampfe steht bereits heute das revolutionäre kommunistische Proletariat Ungarns. Wir, Genossen, hoffen, daß diese Konferenz, wie es der Genosse Sinowjew beantragt hat, sich zu einem Kongreß bilden und auch formell die III. Internationale gründen wird.

Gen. Sadoul (übersetzt von Genossin Balabanow). Genosse Sadoul meint, er wolle nur ein paar Einwände erheben, um die Einwände des Genossen Albert zu widerlegen. Vor allem war gesagt worden, daß die heutige Versammlung nicht vollzählig sei. Aber könnte man auf eine vollzähligere rechnen? Man darf nicht vergessen, daß diejenigen Parteien, die in ihren Ländern noch mit großen politischen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, nicht die Möglichkeit haben, zu einem bestimmten Zeitpunkt hier zu sein.

Zweitens möchte er darauf aufmerksam machen, in welcher Lage sich die nationalen Parteien befinden würden, wenn der Versuch nicht gelingen würde. Die Widersprüche würden sich vertiefen, weil es kein Zentrum gäbe. Würde dieses Zentrum gegründet sein, so könnte man die Bewegung durch eine strammere Organisation, deren ständige Vertretung in Rußland sein sollte, regeln. Gen. Sadoul appelliert an das internationale Gefühl des Gen. Albert und bittet ihn, von seinem Standpunkt Abstand zu nehmen.

Die gesamten Kämpfe in den einzelnen Ländern würden an Prestige dadurch gewinnen, wenn sie von einem internationalen Zentrum geleitet würden.

Gen. Gruber (Deutsch-Oesterreich). Parteigenossen! Als einer der Antragsteller möchte ich noch einiges zur Begründung des Antrages sagen. Die österreichischen Kommunisten haben schon bei Beginn der Bewegung daran gedacht, eine neue Internationale zu errichten. Wir strebten danach, ohne zu wissen, daß sich in anderen Ländern Parteien gebildet haben auf der Grundlage des Kommunistischen Manifestes, der Diktatur des Proletariats. Nun erklärt zu unserem Befremden der Vertreter der Kommunistischen Partei Deutschlands, aus formellen Bedenken könne er sich nicht entschließen, seine Zustimmung zu dem Antrage zu geben. Wir wissen, daß in Paris ein Werk geschmiedet wird ähnlich wie die heilige Alliance, das bestimmt sein soll, alle revolutionären Bewegungen des internationalen Proletariats von Grund aus zu zertrümmern, daß in Bern zu gleicher Zeit ein Werk geschaffen wird, das den Zweck hat, die revolutionäre Energie des Proletariats abzulenken. Man hat in Bern eine Kommission eingesetzt, die nach Rußland kommen und ausforschen wird, wie es mit dem Bolschewismus steht. Die Herren Bauer, Renner, Adler, Kautsky sollen hier in Moskau nicht nur eine neue Plattform sondern auch eine neue Organisation des internationalen Proletariats vorfinden. Sie sollen sehen, daß wir nicht erst abwarten, wie der Bolschewismus im Innersten beschaffen ist, sondern daß wir viel weiter in die Zukunft denken als diese wissenschaftlichen Leuchten des Sozialismus. Dies veranlaßt mich, den Genossen Albert zu ersuchen, von seiner Abstinenz abzusehen. Wir leben im permanenten Bürgerkrieg. Wir müssen heute schon der Koalition des Bürgertums eine gefestigte Koalition des revolutionären Proletariats entgegenstellen, und da müssen alle Bedenken schwinden, die einzelne Sektionen des Proletariats haben. Ich möchte meinen Kopf dafür wetten, daß, wenn ich nach München oder nach Bremen oder an irgend einen anderen Ort kommen würde und sagte: Genossen, wäret Ihr dafür gewesen, daß wir in Moskau die Internationale begründeten, bin ich sicher, sie würden sagen: Du hast Recht gehabt. Und selbst wenn einer von uns die Weisung bekommen hat, nicht zu stimmen, das Werk, das er mitgeschaffen hat, ist viel größer und wichtiger als die formale Disziplin, die er glaubt einhalten zu müssen. Wir als Kommunisten wollen ökonomisch arbeiten, wir wollen Kraft und Zeit nicht vergeuden. Das kann nur durch eine Zentralstelle geschehen, die das Recht hat, für alle Sektionen bestimmte Richtlinien zu geben. Wenn wir ein Büro haben, so muß dasselbe die Vertretung aller Sektionen darstellen und unbedingt mit sämtlichen Sektionen des Proletariats im Kontakt sein. Nun will Gen. Albert seinen Parteigenossen erst Bericht erstatten, ehe er seine Stimme zur Gründung der Internationale gibt. Es wird aber nach Monaten vielleicht noch nicht möglich sein, wieder zusammenzukommen. Deshalb sind wir dafür, daß die Internationale gegründet wird. Schon seit Beginn der russischen Revolution ist Rußland das geistige Zentrum für die kommunistische Bewegung der ganzen Welt; es soll aber auch ein materielles Zentrum geschaffen werden. Das kann nur durch eine Organisation geschehen. Wir haben keine Schuld daran, daß nicht alle Länder vertreten sind. Die III. Internationale soll es doch erst ermöglichen, daß in jenen Ländern, in denen noch keine Organisationen auf kommunistischen Grundlagen bestehen, Organisationen geschaffen werden.

Und so wäre noch eine Reihe von Gründen für die sofortige Errichtung der Internationale zu nennen. Ich bitte Sie zum Schluß: Nehmen Sie den Antrag einstimmig an! Dann wird die Moskauer Konferenz in höherem Maße noch als die Gründung der I. und II. Internationale die Verkörperung des Kampfwillens und Siegbewußtseins des revolutionären Proletariats werden.

Gen. Platten teilt mit, daß noch vier Redner vorgemerkt sind und beantragt Schluß der Rednerliste (wird angenommen).

Gen. Feinberg (übersetzt von Gen. Reinstein). Genosse Feinberg möchte den Genossen Albert darauf aufmerksam machen, daß er mit seinen Einwänden nicht einverstanden ist. Er sei zwar nicht berechtigt, im Namen der englischen sozialistischen Partei zu sprechen, weil er hier nur eine lokale Organisation vertritt, aber alles, was sich in der englischen Bewegung abgespielt hat, berechtigt ihn, anzunehmen, daß die englischen Arbeiter sich selbstverständlich für die Gründung der III. Internationale ausgesprochen hätten. Er betont, daß seine Partei, trotzdem sie sich in Zimmerwald nicht hat vertreten lassen können, als Mitglied der Zimmerwalder gegolten hat, und er glaubt, man könnte den Parteien gegenüber, die heute aus technischen Gründen nicht erscheinen konnten, dasselbe tun. Er weist darauf hin, daß die British Socialist Labour Party schon längst mit der II. Internationale gebrochen habe und es keinem Zweifel unterliege, daß sie die Gründung der III. Internationale begrüßen würde.

Gen. Platten. Es ist ein Antrag auf Schluß der Diskussion eingegangen.

Wer wünscht sich dafür, wer dagegen auszusprechen? Dem Antrag wird zugestimmt.

Es ist beschlossen worden, die Diskussion zu schließen. Wir kommen also zur Abstimmung.

Zur Abstimmung gelangt ein Antrag, unterzeichnet von Rakowski, Gruber, Grimlund, Rudnianszki.

Er wird verlesen.

Der Antrag zur Konstituierung der III. Internationale: siehe die Seite des Kongresses.

Das ist ein Antrag, der gestellt ist, um eine Entscheidung darüber herbeizuführen, ob zur Gründung der III. Internationale geschritten werden soll.

Wer für diesen Antrag ist, ruft ja, wer dagegen ist, ruft nein.

Beschließende Stimmen:

ParteiStimme
Kommunistische Partei DeutschlandsStimmenenthaltung
Rußlandja
Deutsch-Oesterreichja
Ungarnja
Schwedenja
Norwegenja
Schweizja
Amerikaja
Balkanische Föderationja
Polenja
Finnlandja
Ukraineja
Lettlandja
Litauenja
Estlandja
Armenienja
Kolonistengebietja
Vereinigte Gruppe der Ostvölker Rußlandsja

Einstimmig gegen 5 Stimmenthaltungen.

Beratende Stimmen:

ParteiStimme
Tschechischeja
Bulgarischeja
Südslawischeja
Englischeja
Französischeja
Holländischeja
Amerikanische Liga der sozialist. Propagandaja
Schweizerischeja
Turkestanischeja
Türkischeja
Georgischeja
Aserbeidshanja
Persienja
Chinesischeja
Koreanischeja

Resultat: Beratende einstimmig und beschließende mit 5 Stimmenthaltungen.

(Lebhafter Beifall.)

Begeistert wird die Internationale angestimmt.

Gen. Platten. Parteigenossen! Wir setzen die Verhandlungen unter dem Namen „Kongreß der Kommunistischen Internationale“ fort. Wir haben jetzt in erster Linie eine Abstimmung vorzunehmen über das Stimmrecht. Es ist klar, daß unter den Umständen, unter denen einige Delegierte ihre Einladung erhielten, die Frage aufgeworfen werden muß, ob sie auch berechtigt sind, ihre Stimme nach dem soeben gefaßten Beschluß abzugeben. Die Resolutionskommission beantragt einstimmig, den Genossen das Stimmrecht zu belassen.

Werden Einwendungen erhoben? Es scheint nicht der Fall zu sein. Sie haben beschlossen, das Stimmverhältnis keiner Veränderung zu unterziehen. Die Ukrainischen Delegierten müssen uns jetzt verlassen, sie müssen nach Hause gehen, um an einem Kongreß ihres Landes teilnehmen zu können. Es ist angebracht, den Kameraden einen Gruß für die Genossen mit auf den Weg zu geben.

Er lautet: „Der Kongreß der Kommunistischen Internationale entbietet den Ukrainischen Genossen zu der dritten Tagung der Ukrainischen Sowjets herzliche Grüße. Endlich ist es den Ukrainischen Genossen gelungen, die Feinde im eigenen Lande zu stürzen und den Entente-Interventionisten zu bedeuten, daß die Arbeiter und armen Bauern der Ukraine für die Sowjetrepublik und nicht für die Herrschaft irgend welcher Bourgeoisien kämpfen werden. Es lebe die Diktatur des Proletariats. Es lebe die soziale Revolution!“

Wer diesem Gruß seine Zustimmung erteilen möchte, wird es durch Handaufheben bezeugen. Wir übergeben diesen Gruß den Ukrainischen Genossen.

Nun hat Genosse Albert zu einer Erklärung das Wort verlangt:

Gen. Albert. Genossen und Genossinnen! Ich habe im Auftrage meiner Partei wie auch nach meiner persönlichen Ueberzeugung mir die größte Mühe gegeben, die Gründung der Dritten Internationale hinauszuschieben. Ihre Gründung ist jetzt trotzdem zur Tatsache geworden. Ich kann nicht verhehlen, daß ernste Bedenken und schwere Sorgen mich befallen, wenn ich denke, daß sie noch nicht die Kraft und Stärke in sich trägt, die wir ihr wünschen. Ich erkläre Ihnen aber, daß ich nach Deutschland zurückkehre und mit aller Kraft meine Genossen zu bewegen versuche, so schnell als möglich die Erklärung abzugeben, daß auch sie Mitglieder der Dritten Internationale seien.

Gen. Platten. Die Zeit ist vorgerückt, aber wir müssen noch ein Traktandum kurz berühren und die übrige Zeit der Kommission zur Verfügung stellen. Es ist von seiten der Zimmerwalder Genossen, die hier durch die Genossen Balabanoff, Sinowjew, Lenin, Trotzki, Platten usw. vertreten sind, folgende Erklärung abgegeben worden.

Es folgt die Erklärung der Teilnehmer von Zimmerwald: siehe die Seite des Kongresses.

Gen. Platten: Von dem Gen. Bucharin ist folgende Resolution eingegangen.

Es folgt der Beschluß über die Zimmerwalder Vereinigung: siehe die Seite des Kongresses.

Wird einstimmig angenommen.

Gen. Platten schließt hierauf um 9.30 Uhr die Sitzung.

IV. Sitzungstag

6. März 1919.

Gen. Lenin eröffnet um 12,30 Uhr die Sitzung und erteilt Gen. Platten (Schweiz) das Wort.

Thema: „Die Berner Konferenz und die Stellung zu den sozialistischen Strömungen“.

Gen. Platten. Parteigenossen! Die II. Internationale erwies sich bei Ausbruch des Krieges als ein Kollegium von Sozialdemokraten, die nicht gewillt waren, früheren Beschlüssen Achtung zu verschaffen oder eine revolutionär-proletarische Tätigkeit an den Tag zu legen. Das Büro und seine Anhänger sind übergeschwenkt zu den Sozialdemokraten, zu jenen, die ängstlich bemüht waren, ihren Einfluß auf die Organisationen zu benützen, um auch die Arbeiterorganisationen in den Dienst der Regierung ihres Landes zu stellen. Diese Leute haben wir mehrfach während des Krieges aufgefordert, sich ihrer internationalen Verpflichtungen zu erinnern und nunmehr gemäß der Stuttgarter Beschlüsse zu Taten zu schreiten, die eine Entwaffnung der internationalen Bourgeoisie zur Folge hätten. Diesem Aufruf, dieser Anforderung kam das Büro nicht nach, und es ist typisch, daß der europäische Krieg liquidiert werden konnte, ohne daß das Büro auch nur das Geringste getan hätte, um einen Kampfaufruf an die Proletarier der ganzen Welt ergehen zu lassen. Es hat dazu beigetragen, den herrschenden Klassen den Krieg um die Vermehrung ihres Besitzes zu erleichtern.

In diesem Büro repräsentierten sich die Sozialpatrioten, die an Lug und Trug ihr Möglichstes an den Tag gelegt haben. Für uns als Sozialisten revolutionärer, kommunistischer Auffassung, war es ganz klar, daß mit diesen Leuten, die sich, wie eine arme Seele dem Teufel, ihren Regierungen verschrieben haben, keinerlei Beziehungen mehr bestehen dürften. Für uns ist die II. Internationale tot. Mögen diese Leute, um sich ihr Prestige wiederzuverschaffen und um den Regierungen verkünden zu können, daß sie weiter existenzberechtigt und gewillt seien, den Arbeiterverrat weiter zu üben, zu einem Kongreß zusammentreten — die alte Internationale zu restaurieren wird ihnen nicht gelingen.

Ich werde Sie mit dem rein organischen Zustandekommen der internationalen Tagung in Bern vertraut machen, um Ihnen zu zeigen, welche Bemühungen unsererseits an den Tag gelegt wurden, um unsere Zimmerwalder Kameraden zu veranlassen, eine ablehnende Stellung gegenüber dem Kongreß einzunehmen. Es ist ganz klar, daß mit dieser Konferenz der Zweck, der Beweis erbracht werden sollte, daß das Proletariat überhaupt noch eine Internationale hätte. Der tiefere Grund des Zusammentritts bestand darin, daß es von den Herren Politikern der Entente als wünschenswert erachtet wurde, für die von ihnen betriebene Politik auch noch eine entsprechende Sanktion von der „sozialistischen Internationale“ zu erhalten. Als getreue Knechte ihrer Landesregierungen konnten diese Leute zusammenkommen und fielen nicht aus der Rolle, wenn sie sich als bürgerliche Werkzeuge der Ententemächte etablierten. Der Kongreß dürfte auch die Absicht verfolgt haben, mit der Wiederbelebung der II. Internationale gleichzeitig auch die Front der Revolution zu durchbrechen, die Zimmerwalder Gruppe in ihrem alten Bestande der Auflösung entgegenzuführen und, wenn möglich, die revolutionären Kommunisten zu isolieren. Es soll hier anerkannt werden, daß Zimmerwald als ein politisches Gefüge verschiedener Gruppierungen nicht über die Kraft verfügt hat, sagen zu können, es sei eine Internationale, mit einheitlicher Idee und mit dem Willen zur Tat beseelt. Die Zimmerwalder Konferenz ist ein Bündnis von Parteien gewesen, die bereit waren, den Kampf gegen die Fortsetzung des Krieges aufzunehmen. Daß schwere Differenzen unter den Bundesgenossen bestanden, zeigte sich, sobald man an die Frage der Revolutionierung der Massen und des gewaltsamen Umsturzes herantrat. Es ist in der Tat den Sozialpatrioten bei Einberufung der Berner Konferenz gelungen, einige der ehemaligen Zimmerwalder Kameraden zur Teilnahme zu veranlassen, was beweist, wie schwach fundiert die revolutionäre Ideologie bei einem Teil der Zimmerwalder war. Wir revolutionären Internationalisten in der Schweiz, die wir als ein Bindeglied zwischen den Ländern Westeuropas und den Zentralmächten dienen konnten, hatten eine schwierige Aufgabe zu lösen, die vor allem darin bestand, unsere eigene Landespartei zu bestimmen, an der Konferenz nicht teilzunehmen. Es ist klar, daß, wenn die schweizerische Partei ihre Anteilnahme beschlossen hätte, dies mit großem Pomp kundgetan wäre, aber wir, die Geschäftsleitung in Zürich, hatten alles getan, um diesen Schritt zu verhindern.

Hier sei auch erwähnt, daß wir uns einem Auftrag unterziehen mußten, der mir von dem Gen. Longuet in Frankreich erteilt wurde, nämlich den russischen Genossen die Mitteilung zu machen, daß die Konferenz von seiten der französischen Partei beschickt werde und sie es mit Freuden begrüßen würde, wenn die russischen Kameraden ebenfalls erscheinen würden. Dieses Telegramm gab ich an Gen. Worowski weiter, in der Hoffnung, daß es uns durch unsere Mitteilungen vielleicht gelingen werde, Ihnen Eingang in die Schweiz zu verschaffen, denn wir hörten, Sie seien aus technischen Gründen nicht in der Lage, nach Bern zu kommen. Daß Sie sich nicht an einer Sozialpatriotenkonferenz als Opposition beteiligen würden, wußte ich genau. Naturgemäß waren die Parteien, die auf dieser Konferenz als ehemalige Zimmerwalder Parteien vertreten waren, diejenigen von der äußersten Rechten, die Leute, die noch immer hofften, es möchte gelingen, die Vertreter der alten Internationale zu überzeugen, daß sie eine revolutionäre Internationale vorstellen müßten. Fast alle Franzosen, bis auf Loriot und Frossard, sind der Meinung gewesen, es sei ein außerordentlich großer Fehler gewesen, daß weder die Schweizer, noch die Russen, noch die Spartakisten nach Bern gekommen seien, weil man auf dieser Konferenz die rechtsstehenden Elemente hätte über den Haufen rennen können. Wir müssen sagen, daß wir in richtiger Erkenntnis der Sachlage es gleich von Anfang an bedauert haben, daß die französischen Genossen sich herbeiließen, diese Konferenz zu besuchen und sich nicht gleich von Anfang an von den ausgesprochenen Sozialpatrioten getrennt haben. Um das Unsrige dazu beizutragen, die Stellung der ehemaligen Zimmerwalder auf dieser Konferenz zu klären, bin ich mit einigen anderen Genossen auf den Gedanken gekommen, die Genossen gleich zu einer Sitzung einzuladen. Die Stellung der Schweizer Partei, der italienischen Genossen, der Russen und, soweit sie mir bekannt war, auch die Stellung der Genossen in anderen Ländern legte ich den Versammelten dar. Es mußte versucht werden, sie zu dem Beschluß zu bewegen, die Konferenz zu boykottieren und es abzulehnen, mit den Sozialpatrioten zusammen zu tagen. Zu dieser Konferenz wurde eine Anzahl Kameraden eingeladen, darunter auch die Genossen Fritz Adler, Petrow, Paul Faure, Frossard, Loriot, Morgari, Rappaport, Herzfeld, Verfeuil, Burian, Schefflo, Besturo Betritos, Marnus. Diesen Genossen unterbreiteten wir den Antrag, sie sollen in einer öffentlichen Erklärung bekanntgeben, daß sie zur Berner Konferenz nicht gehen würden. Wir hätten uns dann einverstanden erklärt, mit ihnen Spezialtagungen über Neugliederungen, welche in der Internationale geschaffen werden könnten, abzuhalten, und, was das Wesentliche war, wir hätten vielleicht eine normale Verbindung mit unserer heutigen Tagung herbeigeführt. Doch zeigte es sich rasch, daß alle, bis auf Loriot und Morgari, sich auf Formalitäten stützend, erklärten, sie seien mit dem bestimmten Mandat betraut, an der Konferenz teilzunehmen, und würden auf derselben die Opposition bilden. Nachdem uns diese Erklärung abgegeben war, schritten wir zu der Aufgabe, ihnen wenigstens in der Organisierung der Opposition behilflich zu sein. Wir sagten uns: „Nachdem Ihr uns versichert habt, daß Ihr nur als Opposition an dem Kongreß teilnehmen wollt, müßt Ihr Euch auf einer Grundlage einigen“, und wir schlugen ihnen vor, daß sie sich als Linke konstituieren und bei jedem Punkte der Tagesordnung mit einer anderen Resolution als der vom Büro vorgeschlagenen auftreten sollten, indem sie vom Standpunkte Zimmerwalds die Bemühungen des Büros als das geißelten, als was sie gegeißelt werden müssen, als eine Politik im Dienste der Bourgeoisie. Wir erklärten ihnen, daß sie als ehemalige Zimmerwalder doch nicht umhin könnten, festzustellen, daß grundsätzliche Gegensätze zwischen den Auffassungen der Sozialpatrioten und den ihrigen bestünden. Sie mußten den Resolutionen des Büros die Deklarationen der Zimmerwalder Gruppe gegenüberstellen. Lange haben wir in diesem Sinne zu wirken versucht, aber nur mit dem Erfolg, daß die Leute erklärten, ihre respektiven Landesvertretungen nicht spalten zu wollen, sondern sie wollten in dieser Einheit der Landesorganisationen in Erscheinung treten. Damit war jedes organisierte Auftreten unmöglich gemacht, und die Genossen waren nichts anderes als ein Kahn ohne Steuer auf treibendem Fluß. Schon bei der Erörterung der Schuldfrage zeigte es sich, daß die Delegierten von der Zimmerwalder Gruppe in den Kommissionssitzungen sich bemühten, eine möglichst gute Resolution zustande zu bringen in dem Sinne, daß man zu einheitlichen Beschlüssen gelangen konnte. Nun kann man sich ja denken, daß die Politik eines Renaudel oder des deutschen Sozialpatrioten Wels und vor allem Grumbachs und Huysmanns nur schwer mit der Auffassung der ehemaligen Zimmerwalder zu verbinden war, und daß eine Einstimmigkeit erzielt wurde, spricht nicht für diese Resolution. Es hätten Gegensätze in Erscheinung treten müssen.

Es kam also zu einer vollständigen Isolierung dieser zusammenberufenen Kameraden; jeder operierte auf eigene Faust in Verbindung mit dem entsprechenden Landesdelegierten. Diese Stellung wurde in der Territorialfrage innegehalten, wie auch in der Völkerbundsfrage. Es ist rührend, mit welcher Energie die verschiedenen Kameraden, auch Genosse Adler aus Oesterreich, sich abmühten, etwas zustande zu bringen, dem die äußerste Rechte, das Zentrum und die Linke zustimmen konnten. Interessant wurde dann dies Verhältnis auf dem Kongreß dadurch, daß der eine Teil sich entschieden bemühte, eine Resolution über Sowjetrußland zustande zu bringen. Der Unterton dieser Bemühungen bestand darin, eine entschiedene Verurteilung der bolschewistischen Politik und eine entschiedene Verurteilung der Sowjetregierung durchzusetzen, nicht etwa um parteipolitisch dabei etwas ausgedrückt zu erhalten, sondern, wie ich vermute, die Leute wollten einer eventuell noch in Sicht stehenden Intervention der Entente gleichzeitig die Sanktion der sozialpatriotischen Konferenz verleihen. Es war klar, daß, wenn eine solche Resolution zustande käme, damit öffentlich bekundet würde, daß die Sozialpatrioten ihren Regierungen indirekt den Auftrag gegeben haben, „Ordnung zu schaffen in diesem Chaos“ in Rußland.

Dies war die Hauptabsicht. Eine zweite war die, daß mit der Annahme einer solchen Resolution gleichzeitig eine entschiedene Diskreditierung der Partei und der revolutionären Bewegung in Rußland vor den Arbeitern des Auslandes sich vollziehe. Die Bemühungen, die nun die Oppositionellen, die ehemalien Zimmerwalder, an den Tag legten, waren von Erfolg begleitet. Schon am dritten Tage wollten Leute wie Grumbach diese Resolution einbringen. Den Bemühungen des Gen. Adler ist es zu verdanken, daß beschlossen wurde, auf diese Frage nicht einzugehen. Adler begründete seinen Standpunkt damit, daß man über die Lage in Rußland ungenügend aufgeklärt sei und über die Politik der Bolschewiki nicht genügende Informationen besitze. Man müsse mit einem solchen Beschluß zurückhalten, bis durch persönlichen Einblick in die Verhältnisse Rußlands von einer entsprechenden Kommission die Frage der Beurteilung der Politik der russischen Sowjetregierung entschieden werden könne. Zwei Tage darauf machte Grumbach einen neuen Vorstoß. Vor allem erklärte der Franzose Renaudel, sie seien außerstande, nach Frankreich zurückzukehren, ohne daß eine entsprechende Stellung des Kongresses in dieser sehr wichtigen Frage herbeigeführt sei. Ihnen schwebte auch vor, durch die Verurteilung der bolschewistischen Politik den unter der Arbeiterschaft Westeuropas immer mehr und mehr sich ausdehnenden Sympathien gegenüber den russischen Revolutionären einen Damm entgegenzusetzen, eine Barriere vorzulegen. Die Bewegung der Arbeiter in Westeuropa ist bereits darauf eingestellt, sich fast ausschließlich nur noch mit den Fragen der revolutionären Bewegung in Rußland zu beschäftigen, und es ist typsich und darf gesagt werden, daß die Arbeiter fast aller Länder sich um diese achttägige Sitzung der Sozialpatrioten in Bern gar nicht kümmern. Viel Wesens von ihr machten die Bürgerlichen; die hatten viel Arbeit, um zu beweisen, wie tüchtig die Arbeit dieser Konferenz sei und was für große Politiker es wären, die den Weg gefunden hätten, den auch die Bourgeoisie einzuschlagen in der Lage wäre. Die Arbeiter dagegen erkannten, daß die wirklichen Revolutionäre dort nicht vertreten waren, und nur das Erscheinen Adlers war geeignet, dieses Bild zu verwirren. Einige Genossen haben sich dann wirklich so benommen, daß wir in ihnen eine gute Unterstützung gefunden haben, so z. B. bemühte sich der Gen. Morgari aus Italien, der ausdrücklich erklärte, nicht an der Konferenz teilzunehmen und der wesentlich als Vertreter der italienischen Presse sich beteiligte, verschiedentlich, linksstehende Elemente zu veranlassen, eine ablehnende Stellung einzunehmen. Gen. Loriot hat durch seine Erklärung das wahre Gesicht der Berner Konferenz gekennzeichnet. Es ist auch zu bemerken, daß die norwegischen Genossen ebenfalls eine Erklärung einreichten, daß sie auftragsgemäß zwar an der Konferenz teilnehmen müßten, sie wären aber über den Charakter der Konferenz nicht genügend informiert gewesen, hätten sich daher der Stimmabgabe enthalten und seinen veranlaßt worden, ihrer Arbeit einen rein informatorischen Charakter zu verleihen. Sie würden jede Verantwortlichkeit ablehnen, und die Beschlüsse erklärten sie für sich in keiner Weise verbindlich. Sie würden zurückgehen, um den wahren Charakter der Konferenz ihrer Partei zur Kenntnis zu bringen. Die Delegierten erklärten, ihre Partei veranlassen zu wollen, den endgültigen Bruch mit der II. Internationale zu vollziehen und den Antrag zu stellen, sich der Dritten Internationale zuzuwenden.

Eine weitere Aufgabe der Schweizer Genossen bestand darin, sich zu bemühen, die einzelnen Delegierten, die nach Bern kamen, in Gespräche privaten Charakters zu verwickeln, um zu erfahren, wie die Bewegung in den einzelnen Ländern stehe. Ich möchte Ihnen hier einige Aeußerungen unserer Genossen kundtun, selbst auf die Gefahr hin, den großen Hoffnungen einen schwachen Dämpfer geben zu müssen.

Die ersten Genossen, die uns eingehend Bericht erstatteten, waren die Italiener. Morgari erklärte, daß in Italien nach seinem Dafürhalten die Revolution noch nicht unmittelbar vor der Tür stehe, denn die Demobilisation würde von der Regierung künstlich verhindert. Die Truppenmassen würden noch weiter in fremden Gebieten gehalten, und erst wenn die Demobilisation sich vollzöge, würde die Situation eine derartige werden, daß das Proletariat, getrieben durch Hunger und Mißstimmung, die die zurückkehrenden Soldaten in der Bevölkerung säten, das Signal zur Revolution geben würde. Er war in bezug auf den Zeitpunkt des Ausbruchs pessimistischer gestimmt als andere Genossen in Italien! Dagegen war eine Aeußerung interessant, nämlich, daß die Entwicklung in der Partei und in den Gewerkschaften derartig sei, daß sie sich der extremsten Auffassung innerhalb der revolutionären Internationale zugewendet hätten, und es wurde uns bekannt, daß die italienische Partei sich für die Diktatur des Proletariats ausgesprochen hatte. Das ist nicht erstaunlich, wenn man weiß, daß dort unten die Lage eine derartige ist, daß, wenn das Proletariat zu einem Aufstand gelangt, es keinen Halt mehr gibt, bis die Diktatur des Proletariats verkündet sein wird. Die italienischen Genossen sind also der Auffassung, daß in Italien eine der russischen Revolution verwandte Bewegung entstehen werde.

Einem Bericht des Gen. Loriot entnahmen wir, daß vier Fünftel der Arbeiter in Frankreich ganz entschieden gegen eine Intervention in Rußland seien. Er erklärte, daß bei einer interventionistischen Aktion der französischen Regierung in Rußland die Arbeiter das nicht ruhig hinnehmen würden, sondern ein revolutionärer Kampf herbeigeführt würde. Es bestehe nur die Möglichkeit, mit Hilfe von Kolonialvölkern die Intervention in Rußland zu betreiben; mit den eigenen Soldaten sei das nicht mehr möglich. Die Demobilisation der Truppen hätte zwar die revolutionäre Stimmung in den Massen gehoben, und vor allem die zurückkehrenden Soldaten seien so gestimmt, daß man Ereignisse erwarten könne, doch bedürfe es noch einiger Zeit, um diese Stimmung in den Massen so weit zu verdichten, daß sie politisch ihren Ausdruck finden könnte. Loriot erklärte, dies sei hauptsächlich bei den Arbeitern im Seinedistrikt der Fall. Er könne nicht erklären, daß er über eine große Zahl von Anhängern verfüge und daß eine Parteigruppe von vielen Zehntausenden von Genossen hinter ihm stehe, doch sei sein Einfluß auf die gesamte Arbeiterschaft viel größer als zahlenmäßig seine Partei sich repräsentieren kann. Die Propagandamöglichkeit wird jetzt, nach dem Besuch in Bern, noch erhöht werden können, da der Ausgang den Sozialpatrioten nicht günstig war und die Differenzen in der französischen Partei nur größer werden.

Eine Rücksprache mit einem anderen Genossen aus Gewerkschaftskreisen ergab, daß die Gewerkschaftler bereits eine entschiedene Stellung gegenüber den Sozialpatrioten in Frankreich einnehmen; er glaubt, daß die Ministerialsozialisten mit ihrem Anhang in kürzester Zeit ganz aus der Partei herausgedrängt würden. Auch für die Syndikalisten bietet sich bei der jetzt verminderten Zensur Gelegenheit, eine ausgedehntere revolutionäre Propaganda als bisher zu betreiben. Alle, von Loriot bis zu Longuet, erklärten übereinstimmend, daß sie schützend vor den russischen Genossen stehen werden, denn was die Bewegung im Osten auch an Fehlern aufzuweisen hätte, sicher sei, daß sie eine echt proletarische Bewegung sei, und es wäre nicht Sache der Genossen Westeuropas, in kritischer Form diesen Genossen entgegenzutreten. Aus den englischen Delegierten konnte wenig herausgeholt werden. Soweit wir wissen, ist es auf Grund einer Abmachung zwischen den einzelnen Parteien in England so weit gekommen, daß immer die Mehrheit, die sich auf einer Konferenz bildet, auf der alle Arbeiterparteien vertreten sind, bestimmt, welche Personen als Auslandsdelegierte abgeordnet werden sollen. Die Delegierten gaben zu, daß auch in England eine äußerst starke Bewegung unter den Arbeitern bestehe, und daß es viele gäbe, die sich entschieden gegen den Besuch der Sozialpatriotenkonferenz ausgesprochen hätten und ihre Sympathien mit den revolutionären russischen Genossen bekundeten. Sie sagten allerdings, daß in England den Kämpfen keine revolutionäre sozialistisch-umwälzende Bedeutung zukomme, sondern daß sie eine rein ökonomische Bewegung in grandiosen Dimensionen seien. Wir dürfen wohl annehmen, daß diese ökonomische Arbeiterbewegung in England sich sehr bald zu einer wirklich revolutionären Bewegung entwickeln wird.

Als letzten, den wir über die Verhältnisse in seinem Lande befragt haben, erwähne ich den Gen. Adler aus Oesterreich. Seine Antworten gaben uns vollkommene Klarheit über die Stellung, die er gegenüber der Kommunistischen Partei in Deutsch-Oesterreich einnimmt. Er erklärte, zuerst hätte er einer Periode der politischen Orientierung bedurft und danach trachten müssen, seine Person wieder zu legalisieren. Als er dann befragt wurde, aus welchen Gründen er sich nicht an die Spitze der Kommunisten stelle, da erklärte er, es sei ihm unmöglich, an dieser Bewegung teilzunehmen, weil er der Hoffnung sei, innerhalb der Partei eine so starke Linksströmung herbeizuführen, daß man das Proletariat Oesterreichs einig in den Kampf gegen die Bourgeoisie führen könnte. Ein näheres Eingehen in die Verhältnisse in Oesterreich und in seine Stellung zu der Wiener Arbeiterschaft zeigte auch, daß Adler vor dem wachsenden Chaos zurückschreckte. Er wollte der Mann des Aufbaus sein und erklärte rundweg, daß, wenn der Politik der Kommunisten nachgegeben würde, mit Bestimmtheit zu erwarten wäre, daß Wien einer völligen Entvölkerung entgegengeführt würde, denn der Klassenkampf zwischen Bauer und Städter würde zur Lebensmittelsperre führen. Diesen Gedankengang ist eine ziemlich starke Bedeutung beizumessen, die uns erklären kann, aus welchen Gründen er eine so zögernde Haltung einnimmt.

Sie sehen aus diesem Bericht, daß die Bemühungen dieser Genossen, für uns einzutreten, nicht übermäßigen Erfolg aufzuweisen haben. Das eine glaube ich, daß die Bewegung in den einzelnen Ländern imstande ist, einigen von ihnen die Augen zu öffnen, so daß sie nachträglich sich von der II. Sozialpatrioteninternationale lossagen und sich der III. Kommunistischen Internationale anschließen werden. „Mit oder gegen die Arbeiter“ ist als Gewissensfrage vor die Führer gestellt worden. Die klassenbewußten Arbeiter werden sich der neuen Kommunistischen Internationale anschließen, mit oder ohne ihre bisherigen Führer.

Gen. Lenin. Das Wort hat der zweite Referent Genosse Sinowjew.

[…] zu besprechen: die erste — unser Verhalten zu der Berner Konferenz der Sozialpatrioten; die zweite: unser Verhalten zu den Grundrichtungen innerhalb der modernen Arbeiterbewegung überhaupt. Das Hauptmaterial zu der ersten Frage schöpfte ich aus einer soliden bürgerlichen Zeitung, „Neue Züricher Zeitung“, die der Berner Konferenz sehr wohlwollend gesinnt ist und die über diese Konferenz sehr ausführliche, fast stenographische Berichte gebracht hat. Bezeichnend sind schon die Umstände, unter denen die Eröffnungssitzung stattfand. Die Konferenz wurde von Branting eröffnet, und in seinen ersten Worten gedenkt er der Entstehung der Internationale und ihres Präsidenten Jaurès, zu dessen Ehren sich alles erhebt. Dann, fährt der Bericht fort, schlägt Herr Branting vor, einen zweiten Mann zu feiern, einen Lebenden, und zwar Herrn Wilson. Sie sehen, Genossen, schon die ersten Worte des Vorsitzenden waren sehr bezeichnend: zur linken Hand unser verstorbener Jaurès, zur rechten der noch lebende Wilson! … Kommentare sind überflüssig.

Darauf ergreift Herr Albert Thomas, der ehemalige Kriegsminister Frankreichs, das Wort. Seine Rede bringt Bewegung in die apathische Versammlung. Thomas erklärt: „Die Konferenz soll Resolutionen fassen, aber welche Wirkung werden sie haben? Vor dem Kriege bestand die Internationale, jetzt hat sie sich wieder zusammengefunden, aber seid Ihr dieselben, und ist das gegenseitige Vertrauen noch da? Hier ist das Problem, und das ist der Grund der Absage Belgiens!“

Herr Thomas, einer der einflußreichsten Teilnehmer dieser Konferenz, sagte die Wahrheit. Er sagte, wie es in einem russischen Sprichwort heißt: Wenn Du einmal gelogen hast, so wird man dir danach niemals wieder Vertrauen schenken. Den Worten Thomas lag die Frage zu Grunde: nachdem Ihr vier Jahre gelogen habt, wer wird euch jetzt glauben? Herr Thomas zielte gegen die deutschen Sozialpatrioten, aber diese konnten mit demselben Recht Herrn Thomas dieselbe Frage stellen, und sie hätten beide Recht gehabt.

In der zweiten Sitzung wurde von Herrn Henderson, einem der einflußreichsten Führer der II. Internationale, folgende Resolution eingebracht:

„Die Konferenz beschließt, daß ihre Arbeit in solcher Weise fortgesetzt wird, die ihr im Interesse der Arbeiter und der sozialistischen Bewegung der vertretenen Länder den größten Einfluß auf die Pariser Konferenz verschafft.“

In diesen Worten ist die Hauptaufgabe der Berner Konferenz bezeichnet, und diesen Worten begegnen wir viele Male bei Henderson und bei den anderen; sie sehen ihre Aufgabe ausschließlich darin, einen möglichst großen Einfluß auf die Pariser Konferenz auszuüben. Das ist die politische Aufgabe der Berner Konferenz. Und weiter sagt die Resolution Hendersons:

„Die Konferenz anerkennt auch, daß der Krieg Mißverständnisse und starke Meinungsverschiedenheiten in bezug auf die einzunehmende Haltung zur Folge hatte“.

Also während viereinhalb Jahre hätten wir nur kleine „Mißverständnisse“ innerhalb der Arbeiterbewegung gehabt. Das höchste, wozu sich die Resolution Hendersons aufschwingt, ist, daß sie den Forderungen, die auch von Vibaut und Kautsky ausgesprochen sind, nachkommt, nämlich: nicht die Vertreter der Regierungen sollen die Frage des Völkerbundes bestimmen, sondern die Vertreter der Parlamente. Also nicht die Vertreter der Arbeiter- und Soldaten, sondern die Vertreter der bürgerlichen Elemente, da Regierungen und bürgerliche Elemente in der Hauptsache doch dasselbe sind. Herr Wilson beherrschte geistig diese Konferenz, obwohl er nicht anwesend war. Huysmans hatte in der vierten Sitzung der Konferenz eine Resolution unterbreitet über die Einsetzung einer Kommission, bestehend aus Henderson, Branting und Huysmans und je zwei Delegierten, um den größtmöglichsten Einfluß auf die Pariser Konferenz auszuüben und die Ausführung der Beschlüsse zu überwachen. Als aber ein Mitglied des Zentrums ein paar Worte gegen Wilson gesagt hatte, da stand Millhaud auf und erklärte, daß er mit Protest die Konferenz verlassen müsse, wenn Wilsons Politik nicht gebilligt werde. Sofort stand Huysmans auf und beruhigte ihn, es könne keine Rede davon sein, daß man die Politik Wilsons nicht billige.

Die erste Frage auf der Konferenz war die sogen. Schuldfrage, die mit der Territorialfrage eng verbunden war. In der Schuldfrage vertieften sie sich bis in das kleinste Detail über diesen oder jenen Schritt des betreffenden bürgerlichen Ministers vor dem Kriege. Man wollte eben über die Hauptsache dem Proletariat nicht die Augen öffnen, nämlich, daß die Schuldigen das Finanzkapital beider Koalitionen und die Sozialpatrioten selbst sind.

In der Territorialfrage und in der Frage des Völkerbundes erreicht die Zweideutigkeit der Berner Konferenz ihren Gipfel, und dennoch hatten die Herren Thomas und Henderson ziemlich volle Klarheit zugunsten der Bourgeoisie erlangt. Sie haben beschlossen, das sogenannte Selbstbestimmungsrecht durch Volksabstimmung zu erwirken, aber im Punkt 2 der Resolution über die territorialen Fragen fordert die Konferenz:

„In umstrittenen Gebieten Entscheidung über die Zugehörigkeit durch Volksabstimmung unter Kontrolle des Völkerbundes, der in letzter Instanz entscheidet.“

Also der Kontrolle des Völkerbundes ist das Entscheidungsrecht in dieser Frage überlassen, dieses Völkerbundes, der sich aus bürgerlichen Imperialisten zusammensetzt!

Sie haben auch nebenbei die Kolonialfrage berührt, haben aber nicht gewagt, diese Frage ausführlich zu besprechen. Die deutschen Sozialpatrioten haben die Konferenz angefleht, man solle doch die deutschen Kolonien Deutschland überlassen, d. h. der Ausbeutung des deutschen Kapitals. Man hat ihnen keine direkte Antwort gegeben. Die Franzosen und Engländer hielten es für selbstverständlich, daß die Kolonien der Ausbeutung des französischen und englischen Kapitals überlassen werden. In Punkt 5 der obenerwähnten Resolution fordert die Konferenz:

„Schutz der Bevölkerungen der abhängigen Gebiete, Kolonien und Protektorate durch die Gesellschaft der Nationen, die dahin zu wirken hat, daß Einrichtungen getroffen werden, die deren eingeborene Bevölkerungen möglichst rasch zu staatlicher Selbstbestimmung entwickeln.“

Wie der Völkerbund die Kolonien schützen wird, können wir uns vorstellen. Also keine einzige Silbe in der Resolution davon, daß überhaupt die Knechtung der Kolonien aufhören solle, keine Silbe von dem, was Kautsky einmal geschrieben hat: „Weg von den Kolonien, nieder mit der Ausbeutung der Kolonien!“ — sondern nur eine Verkleisterung dieser bürgerlichen Politik gegenüber den Kolonien. Das waren die Hauptlinien der Politik der Mehrheit der Berner Konferenz.

Dann hat sich aber auch eine kleine Gruppe der alten Zentrumsleute, der Pazifisten, gebildet, an ihrer Spitze Vibaut, Kautsky und Bernstein. Diese Leute haben nur mit süßlichen Phrasen die imperialistische Politik der Mehrheit verdeckt. So hat Vibaut eine Resolution eingebracht, die folgendermaßen lautet:

„Die Vereinigung der Völker zu einer Gemeinschaft gehörte von Anfang an zu den vornehmsten Idealen der sozialistischen Internationale. Dieses Ideal entspricht der Solidarität der Proletarier aller Länder und auch dem sozialistischen Endziel!“

Es handelt sich aber darum, zu welcher Gemeinschaft. Zu einer solchen, wie der Völkerbund? Sie wäre schwerlich das Ideal der sozialistischen Internationale. Man hat viele Phrasen gedroschen, daß die Gemeinschaft neue Kriege zu verhindern hätte, aber kein einziges Wort davon, wie sie verhindert werden sollen. Herr Troelstra, der Führer der holländischen Sozialpatrioten, hatte sich auch als Pazifist aufgespielt und erklärte, daß wir, die russischen Bolschewiki, Schuld hätten, daß der Krieg nicht schon Anfang 1917 abgebrochen wurde. Die Brussilowsche Offensive bedeutet den Anfang des Bolschewismus, und wenn die Stockholmer Konferenz nicht vereitelt worden wäre, hätten sich die Ereignisse in Rußland sicher anders entwickelt. Es wäre notwendig, Paris zu verhindern, den Bolschewismus künstlich in Deutschland zu fördern. Ich glaube, wir können antworten, daß, welche Schritte sie auch machen werden, sie trotz allem den Bolschewismus in Deutschland ebenso wie auch in allen anderen Ländern fördern werden. Die Geschichte hat ihnen keinen Ausweg gelassen.

Die allerwichtigste Frage auf der Konferenz in Bern war die Frage der Beurteilung der Lage in Rußland oder die Verurteilung des Bolschewismus. Wir müssen hier mit Genugtuung konstatieren, daß eine ganze Anzahl unserer französischen Genossen glänzend gegenüber der Mehrheit aufgetreten ist, und daß wir ihnen im Namen unserer Partei Dank aussprechen müssen. Sie haben ihre proletarische Pflicht erfüllt, obwohl es von vornherein ein Fehler war, an der Konferenz teilzunehmen. Paul Faure und Loriot, das sind die einzigen gewesen, die den Herren Sozialpatrioten die Wahrheit ins Gesicht gesagt haben. Am merkwürdigsten war die Rede Kautskys, des Führers des Zentrums; er erklärte, man müsse gegen den Bolschewismus kämpfen schon darum, weil er sich mit der russischen Revolution nicht identifiziere. Er meint wahrscheinlich, daß die russische Revolution sich mit den Menschewiki, d. h. mit der Gegenrevolution, identifizieren müsse. Die wichtigste Aufgabe der heutigen Zeit ist nach Kautsky, die verarmte Menschheit wieder reicher zu machen und die Produktion wieder in Gang zu bringen. Auf welcher Grundlage sie wieder in Gang zu bringen ist, das interessiert ihn nicht; man soll die Menschheit reicher machen, die kapitalistische Produktion wiederherstellen und dann erst den Kampf um den Sozialismus beginnen. Kautsky geht zur Kritik der bolschewistischen Arbeit während eines Jahres über und erklärt:

„Die russische Revolution hat die großen Industrien ruiniert, die proletarischen Organisationen zerstört und die Arbeiter, die nicht zu Grunde gingen, gezwungen, wieder auf das Land zurückzukehren. Die Bolschewiki wollen den Sozialismus durchführen. In Wahrheit aber ist ihr einziges positives Ergebnis die Schaffung eines neuen Militarismus“.

Dabei erntet er starken Beifall. Selbstverständlich gefällt unsere Rote Armee diesen Leuten nicht, und alle, die ziemlich starken Grund haben, sie auch im eigenen Lande zu meiden, mußten ihm Beifall spenden. Kautsky fährt fort: „Wir müssen eine klare Stellung zum Bolschewismus einnehmen, um nicht das Vertrauen der Massen zu verlieren.“ Wir können ihm antworten, daß man das nicht verlieren kann, was man nicht hat! Durch klare Stellungnahme, d. h. durch gegenrevolutionäre Stellung zum Bolschewismus, konnten die Leute nur das Vertrauen der Herren Imperialisten gewinnen. Die Genossen Faure und Loriot haben auf diese Rede geantwortet. Loriot sagte: Laßt uns zunächst die Diktatur der Bourgeoisie behandeln — und erklärte dann, daß auch in den bürgerlichen Republiken diese Diktatur der Bourgeoisie ausgeübt werde, genau wie in den Monarchien. Er hatte Bernstein damit an den Kragen gepackt, denn Bernstein hatte eine ausgesprochene Pogromrede gegen den Bolschewismus gehalten.

Sie wissen, daß die Konferenz keine Resolution gegen den Bolschewismus fassen konnte. Die kleine Opposition, die sich herausgebildet hatte, hat es erwirkt, daß die Konferenz zu keinem Beschluß gekommen ist. Wir wollen darin nicht einen diplomatischen Sieg der einen oder der anderen Gruppe sehen, sondern erblicken darin den direkten Beweis dafür, daß die wirklichen Massen des westeuropäischen Proletariats uns nicht nur verurteilen wollen, sondern daß sie sogar mit Sympathie auf uns sehen. Die Konferenz hat die wichtigsten Fragen, die jetzt die breiten Massen der Arbeiterklasse interessieren, einfach übergangen. Die Konferenz hat nicht gewagt, ihre klare, offene Meinung über das Arbeiterrätesystem zu sagen. Sie haben ihre geistige Armut damit gezeigt, sind theoretisch bankrott geworden, wie Gen. Lenin gestern bereits ausgeführt hat. Sie haben kein einziges Wort über das, was wir geschaffen haben, gesagt. Sie hätten es verurteilen können, aber sie mußten doch wenigstens eine klare Stellung uns gegenüber einnehmen. Sie konnten aber nichts sagen, und ihre Haltung erinnert mich an die Haltung des Kongresses der Metallarbeitergewerkschaften in der Schweiz am 9. Dezember 1918. Da mußte die Arbeiterrätefrage besprochen werden aus folgenden Gründen: ziemlich viele Metallarbeiter forderten von ihren Gewerkschaften, man solle die Gründung von Arbeiterräten als Losung aufstellen. Daraufhin haben sich die Gewerkschaftsfunktionäre damit beschäftigt und haben eine Resolution gegen die Arbeiterräte gefaßt, weil die Arbeiterräte und ihre Tendenzen sich gegen die Zentralorganisationen richten, und was die Hauptsache ist, sie wären … statutenwidrig! Diese alten Leiter der sozialpatriotischen Bewegung können gegen die historische Bewegung nichts anderes sagen, als daß sie — statutenwidrig sei. Damit haben sie ihre geistige Armut auf das Aeußerstmögliche bezeugt.

So war die Arbeit dieser Konferenz. Nach dieser Arbeit ist eine Delegation nach Paris gewandert. Die Delegation wurde sogar von Herrn Clemenceau, dem reaktionärsten Vertreter der modernen Bourgeoisie, empfangen. Herr Clemenceau erklärte, daß die Berner Konferenz im großen und ganzen dieselben Wege gehe wie die Pariser Konferenz. Er hat der Delegation vorgeschlagen, in den betreffenden Kommissionen an der Pariser Konferenz teilzunehmen. Damit hat er öffentlich bestätigt, daß die Berner Konferenz tatsächlich nur ein Werkzeug der Pariser Konferenz der Imperialisten sei. Damit ist die Konferenz gekennzeichnet. Ich hoffe, daß die große Mehrheit der Arbeiterklasse aller Länder diese Konferenz ebenso kennzeichnen wird wie wir. Die erste Weltlüge, die von der Vaterlandsverteidigung, ist von den Arbeitern gut erfaßt. Die erste Aufgabe, die der Berner Konferenz von der Pariser gegeben worden ist, besteht darin, daß sie die Arbeitermassen überzeugen soll, diejenigen Methoden der Liquidation des Krieges zu bestätigen, die die Bourgeoisie jetzt aufstellt, d. h. die ganze Schulden- und Steuerlast auf die Schultern der Arbeitermassen zu wälzen, die alten Formen der Armee bestehen zu lassen und gegen die Räte, gegen die Diktatur des Proletariats aufzutreten.

Genossen, ich glaube, wenn wir die Arbeit der Berner Konferenz genau ansehen, so müssen wir sagen, sie ist ein naturnotwendiger Ausfluß der ganzen Entwicklung vor und während des Krieges. Schon vor dem Kriege war es ganz klar, daß innerhalb der II. Internationale sich eine Richtung, eine Mehrheit herausgebildet hat, die auf dem Standpunkt des bürgerlichen Patriotismus, des sozialistischen Chauvinismus steht und nicht auf dem Standpunkt von Marx und Engels. Ich erinnere Sie an die Verhandlungen des Stuttgarter Kongresses. Ich erinnere Sie an das, was die Herren Revisionisten mit Bernstein und dem Holländer van Cool an der Spitze der II. Internationale öffentlich vorgeschlagen haben: man solle die Kolonialpolitik anerkennen, aber sie nur in humaneren Formen durchführen. Ich erinnere Sie ferner daran, daß in der betreffenden Kommission der Antrag der Revisionisten nur von einer geringen Mehrheit abgelehnt wurde. Schon damals haben sich die Hauptgruppen der II. Internationale in der Frage der Kolonialpolitik, d. h. in der Frage des Imperialismus, auf den Standpunkt der Bourgeoisie gestellt. Ich erinnere weiter an den Hauptsatz der Stuttgarter Resolution: „Sollte der Krieg ausbrechen, so werden wir unsere Aufgabe darin sehen, die Massen aufzurütteln, um gegen den Kapitalismus zu kämpfen.“ Dieser Satz wurde beantragt von den Führern der Linken, Lenin und Rosa Luxemburg, und wurde nur unter dem Druck der Linken angenommen. Die Hauptlinien innerhalb der II. Internationale sehen wir schon in Stuttgart, 7 Jahre vor Anfang des Krieges, zutage treten. Sie kennen alle die Resolution von Basel, die einstimmig und einmütig angenommen wurde. Nun, ich möchte Sie erinnern, was Marcel Sembat ein paar Monate nach Basel geschrieben hat; er hat diese Politik den „grand pardon de Bale“ genannt. Resolutionen werden gefaßt, aber kämpfen wird niemand. Er hat das schon vor dem Kriege vorausgesehen und hatte Recht.

Ich möchte Sie weiter erinnern, welche Stellung die Parteien vor Beginn des Krieges, wenigstens auf dem Papier, eingenommen haben. Man kann sagen, noch 24 Stunden vor Ausbruch des Krieges 1914 haben die Leute ganz anders geredet als jetzt. Es ist ein Buch von dem Wiener Professor Karl Grünberg erschienen. Er hat die Materialien über den Krieg während der ersten Kriegswochen und vor den ersten Kriegswochen gesammelt. Es ist die beste Anklageakte gegen die II. Internationale, und diese sollen wir jetzt reichlich ausnutzen. 24 Stunden vor Ausbruch des Krieges hat in Frankreich die „Humanité“, das Zentralorgan der Partei, erklärt, daß der Krieg ein imperialistischer sei und für die Bourgeoisie geführt werden würde. Dasselbe haben der „Vorwärts“, das Scheidemannsche Zentralorgan, und die italienischen Parteiorgane und die Parteipresse fast aller Länder gesagt. Doch als der erste Schuß fiel, haben sie alle die Front gewechselt und am 4. August das weiß genannt, was sie noch am 2. August schwarz genannt hatten.

Diese Entwicklung kam nicht plötzlich, es kam, wie es kommen mußte. Während 25 Jahren der friedlichen Bewegung hat sich der Bankerott der II. Internationale vorbereitet. Die drei Grundrichtungen, die wir unterscheiden, haben sich nicht während eines Tages, sie haben sich im Verlauf von Jahren herausgebildet. Wir haben drei Grundrichtungen: die Sozialpatrioten, die vor, während und nach dem Kriege ganz dieselbe Linie verfolgen, die Linie des Imperialismus und der bürgerlichen Demokratie. Die zweite Richtung, das Zentrum, das noch vor dem Kriege besonders in der Gruppe Kautsky verkörpert war und die ganz dieselbe Politik nur unter anderen Umständen führte. Sie sind vor dem Krieg gegen die Linksradikalen aufgetreten und haben sie als Anarchisten verschrien. Als der Krieg ausbrach, kam Kausky mit einer Broschüre und seiner berühmten Formel: „Kampf um den Frieden“, „Klassenkampf im Frieden“, d. h. kein Klassenkampf während des Krieges. Dann seine Propaganda der Einheit mit den Herren Sozialpatrioten, die geistig wie auch physisch zu Vollstreckern des Mordes an den Führern des Proletariats, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, wurden. Derselbe Kautsky, der in Bern der Konferenz vorgeschlagen hat, durch Erheben das Andenken Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs zu ehren, kommt uns mit der Propaganda der Einheit mit den Mördern Liebknechts und Rosa Luxemburgs. Die gegenseitige Amnestie, die jetzt Kautsky und ein Teil der Berner Konferenz gefordert haben, haben sich auch am Anfang des Krieges propagiert. Kautsky hat schon 1915 eine ganze Theorie der gegenseitigen Amnestie ausgearbeitet. Und im Jahre 1919, als der Krieg zu Ende war, und die proletarische Revolution anfing, da war es selbstverständlich, daß die Versicherungsgenossen sich gegenseitig Amnestie gewährten. Es ist die Frage, ob das Proletariat ihnen diese Amnestie erteilen wird, aber das wird nie geschehen. Das Proletariat wird jetzt nicht zulassen, daß die Frage des Zusammenbruchs der II. Internationale versteinert wird. Es wird die gewaltige Frage, die der imperialistische Krieg 1914—1919 erzeugte, beurteilen und lösen. Und wir sollen dazu beitragen, daß jeder einfache Arbeiter sich dafür interessiert, wir sollen jeden auffordern, diese Hauptfrage des Sozialismus zu studieren und zu verstehen, weshalb die II. Internationale zum Werkzeug der internationalen Bourgeoisie geworden ist, warum sie zusammengebrochen ist und warum wir eine III. Internationale aufbauen müssen.

Es besteht ein Zweikampf zwischen der Berner gelben Internationale und der roten, die wir gestern gegründet haben. Und es kann kein Zweifel bestehen, daß die rote Internationale die gelbe besiegen wird, und zwar in kürzester Zeit.

Gen. Lenin. Wer wünscht das Wort zur Diskussion?

Wir werden die Resolution zu dieser Frage der Resolutionskommission überreichen.

Gen. Sinowjew verliest die Resolution.

Es folgt der Beschluß über die Stellung zu den sozialistischen Strömungen und der Berner Konferenz: siehe die Seite des Kongresses.

Gen. Lenin. Wir haben diese Resolution, dann den Entwurf der taktischen Resolution zum Vortrag und einen Entwurf der Resolution vom Gen. Sadoul, der ins Deutsche übersetzt wird. Wir schlagen vor, alle diese Resolutionen der Redaktionskommission zu überweisen. Wird keine Einwendung erhoben? Also der Vorschlag ist angenommen. Dieser Punkt der Tagesordnung ist fertig. Jetzt geben wir das Wort dem Vertreter Chinas.

Der Vertreter Chinas hält eine Ansprache in chinesischer Sprache, sodann spricht er russisch.

Gen. Lenin. Wir kommen zum Punkt 7 der Tagesordnung: „Die internationale Lage und die Politik“. Referent — Gen. Obolenski.

Gen. Platten. Parteigenossen, wir müssen die Sitzung abbrechen. Es ist keine Uebersetzung aus dem Russischen ins Deutsche vorhanden. Wir sind gezwungen, zu beantragen, daß die Sitzung jetzt abgebrochen wird und die Resolutionskommission den Auftrag erhält, die Thesen des Genossen Obolenski, „Politik der Entente“, einer genauen Prüfung zu unterwerfen. Die Kommission wird auch Bericht erstatten über eventuelle Abänderungsanträge, die jetzt schriftlich eingebracht werden können. Wir haben morgen noch die Frage des weißen Terrors, die Beschlußfassung über das Manifest und die Frage der Wahl des Büros und der Organisation zu erörtern. Das Büro schlägt vor, die Sitzung morgen um 11 Uhr zu beginnen, um 3 Uhr muß sie geschlossen werden. Es muß eine intensive und konzentrierte Arbeit geleistet werden, denn am Nachmittag findet im Großen Theater eine öffentliche Versammlung statt. Darf ich Ihre Zustimmung voraussetzen? Es wäre also beschlossen, wir kommen morgen um 11 Uhr zusammen. Ich muß bitten, pünktlich zu sein, denn Genosse Lenin bemerkt eben, daß morgen um 11 Uhr angefangen wird, festzustellen, ob die Genossen vollzählig da sind oder nicht.

V. Sitzungstag

4. März 1919.

Gen. Lenin eröffnet die Sitzung um 11.30 Uhr vormittags.

Als Vertreter der Mandatsprüfungskommission erhält Gen. Tschitscherin das Wort.

Gen. Tschitscherin. Die Mandatskommission hat die Frage des Mandats des Genossen Guilbeaux geprüft. Der Genosse Guilbeaux ist ständiger Vertreter der linken Zimmerwalder Strömung Frankreichs, nämlich der Freunde von Loriot in der Zimmerwalder Vereinigung, wobei die französischen linken Zimmerwalder die Zimmerwalder Konferenz nicht als ein Provisorium betrachten, sondern als einen Beginn der III. Internationale. Insofern gilt sein Mandat auch für unsere heutige Konferenz. Er war im ständigen Verkehr mit Frankreich und hat durch die Vermittlung seiner Frau noch vor kurzem mit Loriot korrespondiert und ist in vollem Sinne der Vertreter der Richtung von Loriot. Infolgedessen hat die Mandatsprüfungskommission es für möglich betrachtet, ihm ein beschließendes Mandat zuzuerkennen als dem Vertreter der linken Zimmerwalder Strömung Frankreichs und ihm, da diese die einzige ist, welche die revolutionären Elemente des Proletariats von Frankreich vertreten kann, die volle Zahl der Stimmen Frankreichs, d. h. 5 Stimmen, zuzuerkennen. Falls die Versammlung damit einverstanden ist, werde ich bitten, daß die Genossen, welche die Liste haben, sie dahingehend vervollständigen.

Es wären also dann nicht 18, sondern 19 Länder vertreten, und nicht 32, sondern 33 Delegierte mit beschließender Stimme zugegen. Bei dieser Gelegenheit bitte ich die Genossen, eine kleine Unrichtigkeit zu korrigieren, unter Nr. 32: Die chinesische Arbeiterorganisation. Es soll heißen nicht „Chinesischer Arbeiterverband“, sondern „Chinesische Sozialistische Arbeiterpartei“, für Korea: „der koreanische Arbeiterverband“. Die Namen der Delegierten sind: für die chinesische Organisation die Genossen Lau-Sin-Dschau und Dschan-Jun-Kui, für den koreanischen Arbeiterverband der Genosse Kain.

Außerdem wurde die Genossin Balabanoff mit beratender Stimme als Vertreterin der Zimmerwalder Kommission aufgenommen. Infolgedessen sind 18 Delegierte mit beratender Stimme zugegen.

Gen. Lenin. Wir gehen zum Punkt 8 der Tagesordnung über: Manifest. Es wird nur Verlesung des Manifests beantragt.

Gen. Platten. Genossen! Ich möchte vorschlagen, daß wir den Genossen Trotzki bitten, das Manifest zu verlesen. Er ist Urheber des Manifests, und es wird sicherlich einen guten Eindruck machen, wenn er selbst das Manifest verliest.

Verlesung des Manifests durch Gen. Trotzki.

Es folgt das Manifest der Kommunistischen Internationale an das Proletariat der ganzen Welt: siehe die Seite des Kongresses.

Gen. Platten. Ueber alle Resolutionen wird später abgestimmt werden. Jetzt kommt der Punkt „Weißer Terror“. Die Resolution ist eingebracht worden von den finnischen Genossen. Das Wort hat Genosse Sirola.

Gen. Sirola verliest die Resolution. Sie lautet:

Es folgt die Resolution über den weißen Terror: siehe die Seite des Kongresses.

Gen. Lenin. Wir schlagen vor, daß alle sich von ihren Plätzen erheben zu Ehren aller Opfer des weißen Terrors.

Alle erheben sich, Gen. Lenin dankt.

Gen. Lenin. Das Wort hat Gen. Platten als Berichterstatter der Resolutionskommission.

Gen. Platten. Parteigenossen, nachdem alle Referate entgegengenommen sind, ist die Resolutionskommission zu dem Antrag gekommen, es möchten heute alle Resolutionen die Sanktion des Kongresses erhalten. Weil eine ganze Anzahl Punkte zu erledigen sind, müssen wir bitten, Diskussion wenn möglich zu vermeiden. Ich darf Sie versichern, die Kommission hat Stunden und Nächte gesessen, um möglichst alle Anregungen genau zu prüfen und ihnen weitmöglichst Rechnung zu tragen, und auch Inhalt und Form sind eingehend geprüft worden.

Wir kommen zu den Richtlinien. Sie lauten:

Es folgen die Richtlinien der Kommunistischen Internationale: siehe die Seite des Kongresses.

Gen. Platten. Zum Punkt „Verschiedenes“ haben wir von dem Gen. Reinstein eine Resolution zugestellt bekommen, die der Kongreß zurückzuweisen für notwendig gefunden hat. Aber nach einer Erklärung des Gen. Reinstein ist ihm eröffnet worden, es stehe ihm frei, den Antrag unter dem Punkte „Verschiedenes“ einzubringen. Die Kommission ist der Auffassung, es wäre eine Ueberweisung an das Büro angebracht. Es kann der Gedanke nicht von der Hand gewiesen werden, daß für einzelne Länder dieser Resolution eine große Bedeutung zukommt, aber wir glauben, das Büro könnte die Angelegenheit sehr wohl erledigen.

Ferner ist von dem Genossen Rutgers ein Antrag eingereicht, eine Resolution, die sich auf frühere Publikationen in der Presse stützt, in der die Japanische Sozialistische Partei zum Ausdruck bringt, daß sie gegen die Entsendung von japanischen Truppen nach Rußland ist.

Gen. Rutgers schlägt vor: (verliest die Resolution von Rutgers).

Resolution der japanischen Sozialisten.

„Wir Sozialisten Japans, versammelt in Tokio am 1. Mai 1917, entbieten der russischen Revolution, die wir mit Bewunderung verfolgen, unsere tiefste Sympathie.

Wir anerkennen, daß die russische Revolution einerseits eine politische Revolution der Bourgeoisie darstellt, die sich gegen den mittelalterlichen Absolutismus aufgelehnt hat, anderseits eine Revolution des Proletariats ist, das sich gegen den neuzeitlichen Kapitalismus erhoben hat.

Die Umwandlung der russischen Revolution in eine Weltrevolution ist nicht nur Sache der russischen Sozialisten, es ist dies die Aufgabe der Sozialisten der ganzen Welt.

Das kapitalistische Regime hat bereits in allen Ländern die höchste Stufe seiner Entwicklung erreicht. Wir durchleben die Periode des schon völlig gereiften kapitalistischen Imperialismus.

Die Sozialisten aller Länder, sofern sie nicht den Ideologen des Imperialismus zum Opfer fallen wollen, müssen standhaft den Standpunkt der Internationale vertreten. Alle Kräfte des internationalen Proletariats müssen gegen unseren gemeinsamen Feind, den internationalen Kapitalismus, gerichtet werden. Nur wenn es diesen Weg einschlägt, wird das Proletariat imstande sein, seiner historischen Mission gerecht zu werden.

Die Sozialisten Rußlands müssen alles, was in ihren Kräften steht, unternehmen, um dem Krieg ein Ende zu setzen und um dem Proletariat der kriegführenden Länder dazu zu verhelfen, die Waffen, die jetzt gegen die Brüder auf der andern Seite der Schützengräben gerichtet sind, gegen die herrschenden Klassen der eigenen Länder zu wenden.

Wir halten den Glauben an den Heldenmut der russischen Sozialisten und unserer Genossen in der ganzen Welt aufrecht.

Der Vollzugsausschuß der Sozialistischen Gruppe in Tokio.“

Das Büro beantragt eine Zustimmung zu dieser Resolution. Es ist dies eine Ermunterung für die japanischen Genossen, sich trotz ihrer schweren Lage der revolutionären Arbeit weiter zu widmen.

Ferner ist von der Genossin Kollontai ein Antrag eingegangen über die Notwendigkeit der Heranziehung der proletarischen Frauenkräfte zu der kommunistischen Partei. Ich werde denselben verlesen.

Der Antrag lautet:

Es folgt der Beschluß über die Notwendigkeit der Heranziehung von Arbeiterinnen zum Kampf für den Sozialismus: siehe die Seite des Kongresses.

Das Büro beantragt Zustimmung zu dieser Resolution. Wir teilen durchaus den Gedankengang, der darin zum Ausdruck kommt.

Ferner muß ich Kenntnis geben, daß dieser Kommission auch ein Schriftstück unterbreitet worden ist von dem Genossen Sadoul, der beabsichtigt, dieses Schriftstück dem Büro zu überweisen als eine Deklaration der französischen Delegation. Ich nehme an, da der Text den Genossen nicht bekannt ist, daß das Präsidium wohl wünscht, daß Genosse Sadoul den Kongreß mit dem Text bekannt macht.

Gen. Lenin. Genosse Sadoul hat das Wort. Deutscher Text ist in 10 Exemplaren vorhanden, und der Genosse Sekretär wird ihn verteilen.

Gen. Sadoul verliest das Memorandum.

Es lautet:

An die Arbeiter aller Länder.

Der Erste Kongreß der III. Internationale, der am 5. März 1919 im Kreml zusammengetreten ist, richtet an das russische revolutionäre Proletariat und an seine leitende Partei, die Kommunistische Partei der Bolschewiki, den Ausdruck seiner dankbaren Bewunderung.

Die gewaltige Revolution, die unternommen wurde, um die durch die Opportunisten zu lange korrumpierte sozialistische Doktrin zu den Quellen des Marxismus zurückzuführen, die übermenschlichen Anstrengungen, die seit fast anderthalb Jahren gemacht werden, um an die Stelle der alten bürgerlichen Welt eine neue kommunistische Gesellschaftsordnung zu setzen, sowohl auf dem Gebiete der moralischen und intellektuellen Kultur wie auf dem Gebiete des materiellen kollektiven oder individuellen, politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Lebens, die den Arbeitern aller Länder zu jeder Zeit verliehene Hilfe gegen ihre militaristischen und unterjochenden Regierungen, all das muß die allgemeine begeisterte Billigung der werktätigen Klassen aller Länder finden.

Ein ungeheurer Erfolg ist bereits in dem Aufbau einer auf Arbeit und Gleichheit begründeten Gesellschaft gezeitigt worden: die ganze Großindustrie ist zu einem kollektiven, von dem Obersten Rat der Volkswirtschaft in seinem ganzen und von den Arbeiterkomitees im einzelnen geleiteten Werk geworden. Ein Arbeitergesetzbuch ist veröffentlicht worden, das eine Reihe Reformen, die das alte Minimumprogramm der Sozialdemokratischen Partei übertreffen, verwirklicht. Die Gerichte, Universitäten, Krankenhäuser, Paläste, kurz alle Organe des öffentlichen Lebens sind schon in der Tat in die Hände des Volkes übergegangen. Auf verschiedenen anderen Gebieten ist die Befreiung des Proletariats nicht etwa erst begonnen, sie ist verwirklicht.

Die Revolution dehnt ihre befreiende und regulierende Wirkung auch auf das flache Land aus: es genügt nicht, den Grund und Boden den Bauern zu geben und diese dem geistigen und materiellen Joch der Dorfwucherer zu entreißen. Diese Reformen sind bereits seit November 1917 und März 1918 durchgeführt. Gegenwärtig sind die Ausbeutung des befreiten Landes und die Organisation der Bebauung des Grund und Bodens auf kommunistischer Basis rege begonnen, in den Dorfgemeinden, wie auch allen großen nationalen Besitzungen, auf welchen Gebieten der Staat die letzten Erfindungen der agronomischen Wissenschaft anwendet und ein fruchtbares Beispiel musterhafter Ausbeutung liefert.

Das direkte Ziel all dieser Reformen besteht darin, daß die Arbeitsproduktivität und somit der Wohlstand des Volkes gefördert werde.

Es ist jedoch nicht die Schuld der Sowjetordnung und des Bolschewismus, wenn dieses Ziel bis jetzt nicht erreicht worden ist, wenn die Bevölkerung der russischen Zentren unter Hunger und dem zunehmenden Mangel an fertigen Produkten leidet. Denn diese Ordnung und der Bolschewismus allein haben ganz im Gegenteil dem anarchischen Chaos, das Kerenski und die bürgerliche Demokratie hervorgerufen haben, ein radikales Ende bereitet; sie allein haben dem Lande die Möglichkeit gegeben, sein wirtschaftliches Leben noch soweit zu erhalten, wie es der Fall ist.

Die Verantwortung für die Krise fällt allein auf die inneren und äußeren Feinde der Rätemacht, da diese durch Sabotage, Verschwörungen und militärische Interventionen Rußland gezwungen haben, einen großen Teil seiner Kräfte, Hilfsquellen und Mittel zur Schaffung eines neuen Heeres zu verwenden.

Trotz der heißen Friedenssehnsucht wurde diese Notwendigkeit von dem ganzen russischen Volke mutig eingesehen und angenommen; man kennt den großen Erfolg, den die Sowjetregierung in der Ausführung dieser ungeheuren Aufgabe geerntet hat. Man kann den Bolschewismus beschuldigen, und das beste Mittel, um sich davon zu überzeugen, ob die Schuld an ihm liegt oder nicht, wäre, daß die Ententemächte davon ablassen würden, die Sowjetmacht zur militärischen Verteidigung zu zwingen.

Dazu müssen dieselben nicht nur unterlassen, bewaffnete Truppen nach Rußland zu senden und dessen Häfen zu besetzen, sondern sie müssen auch auf jeden inneren Einfluß verzichten, aufhören, die konterrevolutionären Banden, die sich ohne äußerliche Stütze der Entente von selbst schnell auflösen würden, mit ihrem Gelde, ihren Waffen und Technikern zu unterstützen.

Alsdann könnten die Soldaten der Roten Armee zu ihren Familien zurückkehren, und die besten Arbeiter, die ergebensten Organisatoren, die bewährtesten Ingenieure ständen sofort zur Verfügung. Ihre Tätigkeit auf dem Gebiete der Friedensproduktion würde aufs schnellste die ansehnlichsten Resultate zeitigen.

Man muß jedoch nicht außer acht lassen, daß die junge russische Industrie nie ohne ausländische Kräfte ausgekommen ist. Die Entente paralysiert die neue wirtschaftliche Organisation, indem sie den ausländischen Spezialisten, die in der Tat die russische Industrie leiteten, die Rückkehr nach Rußland verbietet. Sie behindert die Einrichtung und den Unterhalt der Fabriken, den Transport von Rohstoffen und Heizmaterial, sie gibt die Industrie dem Ruin und das Volk der Arbeitslosigkeit preis, indem sie die Einfuhr jeglicher Maschinen, Waggons und Lokomotiven nach Rußland verbietet. Der Mangel an Transportmaterial macht die Versorgung der Städte mit Nahrungsmitteln unmöglich. Die Ernten selbst sind in Gefahr, da der Bauer die unentbehrlichen landwirtschaftlichen Maschinen und Instrumente, die sämtlich von dem Ausland geliefert wurden, nicht mehr erhält.

Wiederholt hat die Räterepublik offiziell den Wunsch ausgedrückt, die Hilfe der ausländischen Industrie und Spezialisten auch ferner in Anspruch zu nehmen; sie erklärte sich bereit, deren Dienste, die für das gegenwärtige Gedeihen des wirtschaftlichen Lebens Rußlands unentbehrlich sind, teuer zu bezahlen. Jedoch, ohne sich überhaupt die Mühe zu geben, auf diese Vorschläge zu antworten, übt die Entente auf Rußland — ja selbst auf die Zentralmächte und die neutralen Länder — durch Drohungen und Gewalttätigkeiten eine strenge Blockade aus.

Die werktätigen Massen aller Länder müssen von ihren Regierungen den aufrichtig gemeinten Verzicht auf jegliche direkte oder indirekte Intervention gegen Sowjetrußland verlangen. Um nun diesen Forderungen eine Form zu geben, schlägt der Kongreß der III. Internationale allen Völkern folgendes Aktionsprogramm vor:

Die Ehre, die Unabhängigkeit, das elementare Interesse des Proletariats aller Länder fordern, daß es sofort handle, um mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, wenn erforderlich mit revolutionären Mitteln, folgendes durchzusetzen.

  1. Die Nichteinmischung der Entente in die inneren Angelegenheiten Sowjetrußlands.

  2. Die sofortige Rückberufung aller sich augenblicklich in Rußland befindenden europäischen und asiatischen Truppen der Verbündeten.

  3. Das Aufgeben jeglicher direkten oder indirekten Interventionspolitik, sei es in Form von Provozierung oder materieller oder moralischer Unterstützung der russischen Gegenrevolutionäre oder der reaktionären Randländer Rußlands.

  4. Die Annullierung der Verträge, die schon abgeschlossen sind und welche die eigene Intervention oder diejenige der russischen Gegenrevolutionäre oder der Nachbarn des russischen Staates bezwecken; die sofortige Rückkehr der diplomatischen und militärischen Missionen in ihre respektiven Länder, welche die Ententeregierungen nach Nord- und Südrußland, Rumänien, Polen, Finnland, die tschechischen Länder delegiert haben, um daselbst den Kampf gegen die Räterepubliken zu provozieren.

  5. Die Anerkennung der Rätemacht, die nach 18-monatlichem Bestehen fester und populärer als je ist.

  6. Die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen, unter welcher auch die Delegierung offizieller (sozialistischer) Vertreter nach Rußland und die Anerkennung russischer Vertreter im Ausland verstanden wird.

  7. Die Zulassung Delegierter der Sowjetregierung als Vertreter und zwar als alleinige Vertreter des russischen Volkes zum Friedenskongreß. Ein europäischer Friede, der ohne Rußland erörtert und geschlossen würde, wäre nur ein höchst unsicherer Friede. Es wäre gehässig und lächerlich, die Hampelmänner, die die verschiedenen regionalen, von den Verbündeten künstlich geschaffenen Regierungen bilden, die nur dank der Unterstützung der Entente existieren und die übrigens kaum einige persönliche Wünsche und Interessen vertreten, als Vertreter ganz Rußlands oder eines Teiles Rußlands ohne die Bolschewiki oder selbst an ihrer Seite zuzulassen.

  8. Abbruch der wirtschaftlichen Blockade, deren Fortsetzung Rußland in Kürze dem industriellen Ruin und der Hungersnot preisgeben würde.

  9. Die Wiederaufnahme der Handelsbeziehungen und der Abschluß eines wirtschaftlichen Vertrags.

  10. Die Delegierung einiger hundert oder eher einiger tausend Organisatoren nach Rußland, Ingenieure, Werkführer und bewährter Arbeiter, besonders Metallarbeiter, die der jungen sozialistischen Republik auf industriellem Gebiet entschiedene Hilfe leisten würden, vor allem in bezug auf die wichtigste Aufgabe: die Wiederherstellung des Rollmaterials, der Eisenbahnen und die Organisation des Transports.

Gen. Lenin. Wünscht jemand, daß man den französischen oder den deutschen Text verlese? Es ist nicht der Fall. Gen. Guilbeaux hat das Wort.

Gen. Guilbeaux (übersetzt von Gen. Kollontai). Genosse Guilbeaux teilt hier zuerst mit, das letzte Mal, als er mit den russischen Genossen in Verbindung stand und diese die Schweiz verließen, habe er gesagt: das nächste Mal sehen wir uns in Rußland wieder. Und das ist tatsächlich der Fall. Jetzt wohnt Genosse Guilbeaux hier einem großen Ereignis, der Gründung der III. Kommunistischen Internationale, der wahren Internationale, bei. Die II. Internationale hatte den Fehler, daß sie bürgerlich und opportunistisch war. Im Jahre 1914 gingen die Opportunisten zu der bürgerlichen Partei über und schlossen ein Bündnis mit ihr. Als jetzt die Berner Konferenz stattfand, da reichte der Mörder von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg die Hand Thomas, dem Mörder von so vielen Hunderttausenden von Soldaten, da er den Krieg unterstützt hat. Aber jetzt bleiben alle diese Leute außerhalb der neuen Internationale, die nun gebildet ist. Die größte Gefahr für die neue Internationale aber sind die schwankenden Elemente wie Kautsky und Longuet, diese Elemente, die einerseits für Lenin und Trotzki eintreten und sich als Freunde der neuen Bewegung äußern, aber gleichzeitig auch mit Wilson ein gemeinsames Spiel führen. Loriot, der Vertreter Frankreichs auf der Berner Konferenz, hat in seiner Rede festgestellt, daß die Zimmerwalder Bewegung jetzt tot sei und daß es jetzt in der ganzen Welt eigentlich nur zwei Lager gäbe: auf einer Seite die Bourgeoisie, auf der anderen Seite die Kommunisten, und im Namen der französischen Zimmerwalder erklärt Genosse Guilbeaux, daß er auch der Meinung ist, daß die Zimmerwalder Bewegung tot sei, aber daß er jetzt die neue Internationale begrüße, die Internationale, die lebendig und arbeitsfähig ist, und ihre Siege auch noch weiter entwickeln wird.

Gen. Lenin. Im Auftrag der Resolutionskommission hat das Wort Gen. Platten.

Gen. Platten. Es folgt der Punkt „Berner Konferenz“. Diese Resolution ist Ihnen vom Genossen Sinowjew verlesen worden. Die Durchsicht hat stattgefunden, zu Abänderungen liegt kein Anlaß vor. Die Kommission beantragt Zustimmung.

Gen. Lenin. Ist jemand dagegen? Es ist nicht der Fall. Die Resolution wird angenommen.

Gen. Platten. Zu dem Punkte „Thesen über die internationale Lage“ ist die Kommission nach eingehender Beratung dazu gekommen, zu beantragen, den letzten Absatz dieser Thesen, der über die Aufgaben des internationalen Proletariats spricht, zu streichen. Diese Streichung soll erfolgen, weil über die Aufgaben des Proletariats in bezug auf die Politik in all den anderen Tagespunkten schon genügend gesagt ist und daher eine Wiederholung als überflüssig betrachtet werden kann. Die Kommission beantragt Streichung des letzten Absatzes.

Gen. Lenin. Sind keine Einwendungen dagegen? Meldet sich jemand zur Diskussion? Es ist nicht der Fall, der Antrag wird angenommen.

Gen. Platten. Es folgt das Manifest des Genossen Trotzki. Sie haben dasselbe angehört. Es ist in einer langen Nachtsitzung des genauesten geprüft worden, und es ist selbstverständlich, daß es Aufgabe des Büros ist, sofort an die weitgehendste Verbreitung des Manifestes heranzutreten. Wir beantragen Zustimmung.

Gen. Lenin. Wünscht jemand das Wort in dieser Frage? Niemand.

Gen. Platten. Die Kommission hat dann noch beschlossen, daß bei der Veröffentlichung dieses Manifests eine Unterzeichnung stattfinden soll und zwar indem die Organisation aufgezeichnet und der Name der betreffenden Delegierten, die am Kongreß teilgenommen haben, unter dem Manifest stehen soll. Es ist dies von ausländischen Delegierten, die einzig aus konspirativen Gründen Einwendung hätten machen können, beantragt worden. Es findet also eine Unterzeichnung der anwesenden Stimmberechtigten auf dem Kongreß statt.

Nun zum Punkt: Weißer Terror. Sie haben heute aus dem Munde des Genossen Sirola die Resolution vernommen. Die Kommission stimmt dieser Resolution ohne Abänderung zu.

Gen. Lenin. Wünscht jemand das Wort dazu? Es ist nicht der Fall. Jetzt gehen wir zur Organisationsfrage über.

Gen. Platten. Genossen, die Organisation ist eine Frage gewesen, die die Kommission außerordentlich lange beschäftigt hat. Es ist die Frage, in welcher Form man rasch zu einer gut fundierten Organisation gelangen kann. Es ist von der Kommission gesagt worden, daß man sich zwei leitende Instanzen geben soll, ein Exekutivkomitee und ein Büro. Nun ist bei der Erörterung der Frage des Exekutivkomitees gesagt worden, es sei wünschenswert, daß in demselben Vertreter der unserer Organisation angeschlossenen Länder figurieren sollen und daß der Sitz in Moskau sein soll, wobei vorausgesetzt wurde, daß dem Büro und dem Exekutivkomitee die Berechtigung übertragen sei, die eventuell nötige Verlegung des Wohnortes vorzunehmen. Wir, die wir als Delegierte hier sind, sind gezwungen in unsere Länder zurückzukehren, Bericht zu erstatten, sie zu veranlassen, den Beschlüssen nachzukommen, also zur Absendung eines Delegierten ins Exekutivkomitee nach Moskau zu schreiten. Es wird einige Zeit vergehen, bis diese Delegierten hier sind, und es entsteht die Frage, wer inzwischen die notwendigen Arbeitslasten tragen soll. Wir haben einen Weg gefunden und schriftlich fixiert, den wir Ihnen im Namen der Kommission vorschlagen. Der Text ist kurz, und erst in späterer Zeit wird ein endgültiges Statut geschaffen. Der Text lautet:

Es folgt der Beschluß in der Organisationsfrage: siehe die Seite des Kongresses.

Gen. Lenin. Wünscht jemand das Wort zur Diskussion? Es ist nicht der Fall. Also der Antrag wird angenommen.

Damit sind wir am Ende unserer Arbeiten angelangt.

Schlußrede

Wenn es uns gelungen ist, uns trotz aller polizeilichen Schwierigkeiten und Verfolgungen zu versammeln, wenn es uns gelungen ist, in kurzer Zeit ohne irgend welche ernst zu nehmenden Differenzen wichtige Beschlüsse über alle brennenden Fragen der heutigen revolutionären Epoche zu fassen, so verdanken wir das dem Umstand, daß die Massen des Proletariats der ganzen Welt eben diese Fragen schon durch ihr praktisches Auftreten auf die Tagesordnung gestellt und praktisch zu entscheiden begonnen haben.

Wir brauchten hier nur zu verzeichnen, was die Massen schon in ihrem revolutionären Kampf erobert haben.

Nicht nur in den osteuropäischen, sondern auch in den westeuropäischen Ländern, nicht nur in den Ländern, die besiegt sind, sondern auch in denen der Sieger, z. B. in England, breitet sich die Rätebewegung weiter und weiter aus, und diese Rätebewegung ist nichts anderes als die Bewegung zur Schaffung der neuen proletarischen Demokratie, als der wichtigste Schritt in der Richtung zur Diktatur des Proletariats, zum vollen Sieg des Kommunismus.

Mag die Bourgeoisie der ganzen Welt noch so wüten, mag sie die Spartakusleute und Bolschewiki ausweisen, einkerkern, ja ermorden, dies alles hilft ihr nichts mehr. Dadurch werden die Massen nur aufgeklärt, von ihren alten bürgerlich-demokratischen Vorurteilen befreit und zum Kampfe gestählt. Der Sieg der proletarischen Revolution in der ganzen Welt ist sicher. Die Gründung der Internationalen Räterepublik wird kommen.

Stürmischer Beifall.

  1. Die Briefe der Genossen Loriot und Verfeuil, die Gen. Sadoul verlas, sind in Nr. 1 der „Kommunistischen Internationale“ veröffentlicht. ↩