Brief von Friedrich Engels an Karl Marx in London, [Manchester, 26. September 1851]. Text nach MEGA¹ III/1, Berlin 1929, Nr. 124, S. 270-272, ohne den Apparat der Herausgeber. Traducción al español.
Lieber Marx,
Was die Techowsche Kriegsgeschichte angeht, so ist sie auch militärisch ungeheuer flach und stellenweise direkt falsch. Abgesehen von den tiefen Wahrheiten, daß gegen die Gewalt nur die Gewalt hilft, von den abgeschmackten Entdeckungen, daß die Revolution nur dann siegen kann, wenn sie allgemein ist (also wörtlich, wenn sie gar keinen Widerstand findet, und dem Sinne nach, wenn sie eine Bourgeoisrevolution ist), abgesehn von der wohlmeinenden Absicht, die fatale „innere Politik“, die eigentliche Revolution also, durch einen bis jetzt, trotz Cavaignac und Willich, noch nicht entdeckten Militärdiktator zu erdrücken, und abgesehn von dieser sehr bezeichnenden politischen Formulierung der Ansicht dieser Herren über die Revolution, ist militärisch zu bemerken:
- Die eiserne Disziplin, die allein den Sieg verschaffen kann, ist genau die Kehrseite der „Vertagung der innern Politik“ und der Militärdiktatur. Wo soll diese Disziplin herkommen? Die Herren sollten doch in Baden und der Pfalz einige Erfahrungen gemacht haben. Es ist eine evidente Tatsache, daß die Desorganisation der Armeen und die gänzliche Lösung der Disziplin sowohl Bedingung wie Resultat jeder bisher siegreichen Revolution war. Frankreich brauchte von 1789—1792, um nur eine Armee von ca. 60 000—80 000 Mann — die Dumouriezsche — wieder zu organisieren, und selbst die zerfiel wieder, und es gab sozusagen keine organisierte Armee in Frankreich bis Ende 1793. Ungarn brauchte von März 1848 bis Mitte 1849, eh’ es eine ordentlich organisierte Armee hatte. Und wer brachte in der ersten französischen Revolution die Disziplin in die Armee? Nicht die Generäle, die erst nach einigen Siegen in einer Revolution, bei improvisierten Armeen Einfluß und Autorität bekommen, sondern die terreur der innern Politik, der Zivilgewalt.
Streitkräfte der Koalition: 1. Rußland. Die Annahme von 300 000 Mann Effektivtruppen, von denen 200 000 unter Gewehr auf dem Kriegsschauplatz, ist hoch. Passe encore. Aber in zwei Monaten können sie weder am Rhein (allenfalls die Avantgarde am Niederrhein, bei Köln) noch in Oberitalien sein. Um gleichzeitig agieren zu können, sich mit Preußen, Östreich usw. gehörig zu dislozieren, gehn drei Monate hin — eine russische Armee marschiert nicht über zwei bis zweieinhalb deutsche Meilen den Tag und ruht jeden dritten. Es dauerte fast zwei Monate, bis sie in Ungarn auf dem Kriegsschauplatz erschienen.
Preußen. Mobilisierung: mindestens vier bis sechs Wochen. Die Spekulationen auf Abfallen, Aufstände usw. sehr riskiert. Kann im besten Falle doch 150 000 Mann, im schlechtesten aber vielleicht nicht 50 000 disponibel machen. Da mit ein Drittel und ein Viertel zu rechnen, ist reiner humbug, es kommt alles auf Zufälligkeiten an.
Östreich. Ebenso chanceux, noch vertuckter. Wahrscheinlichkeitsrechnung à la Techow hier außer aller Möglichkeit. Im besten Fall stellt es, wie T[echow] angibt, vielleicht 200 000 Mann gegen Frankreich, im schlechtesten kommt es nicht dazu, einen Mann zu detachieren, und kann den Franzosen vielleicht 100 000 Mann höchstens bei Triest entgegenstellen.
Bundesarmee — die bayerische geht gewiß zu zwei Dritteln gegen die Revolution, und hie und da auch noch ein Stück. Mit drei Monat Zeit läßt sich allenfalls ein Korps von 30 000—50 000 Mann daraus bilden, und gegen Revolutionssoldaten sind sie im Anfang gut genug.
Dänemark stellt gleich 40 000—50 000 Mann gute Soldaten ins Feld, und wie 1813 werden die Schweden und auch die Norwegen mit müssen auf den großen Kreuzzug. T[echow] denkt daran nicht, auch nicht an Belgien und Holland.
Streitkräfte der Revolution. 1. Frankreich. Hat 430 000 Mann unter den Waffen. Davon 100 000 in Algier. 90 000 nicht présent sous les armes — ein Viertel des Rests. Bleiben 240 000 — von denen in vier bis sechs Wochen, trotz der jetzt bedeutend vervollständigten Eisenbahnen, nicht über 100 000 Mann an der belgisch-deutschen und 80 000 Mann an der savoyisch-piemontesischen Grenze erscheinen können. Sardinien wird diesmal versuchen, wie Belgien 1848, den Fels im Meere zu spielen; ob daher das piemontesische Heer, ohnehin voll sardinischer bigotter Bauernjungen — wenigstens in seiner jetzigen Gestalt mit aristokratischen Offizieren —, der Revolution so sicher ist, als Techow sich einbildet, ist sehr die Frage. Viktor Emanuel hat sich Leopold zum Muster genommen, c’est dangereux.
- Preußen —? 3. Östreich —?, d. h. was regelmäßige, organisierte Soldaten angeht. Was Freischaren angeht, so werden sich ihrer Legion melden, natürlich zu nichts zu brauchen. Wenn in den ersten Monaten aus den abgefallnen Truppen 50 000—60 000 brauchbare Soldaten zu machen sind, so ist das viel. Wo sollen in so kurzer Zeit die Offiziere herkommen?
Nach alledem ist es wahrscheinlicher, da gerade das, was Napoleon die rasche Formierung riesiger Armeen möglich machte, gute Kadres nämlich, in jeder Revolution notwendig fehlen (selbst in Frankreich), daß die Revolution, wenn sie im nächsten Jahre zustande kommt, vor der Hand entweder auf der Defensive bleiben oder sich auf hohle Proklamation von Paris aus und sehr ungenügende, blamable und schädliche Risquons-tout-Expeditionen in größerem Maßstab beschränken muß. Es sei denn, daß die Rheinfestungen im ersten Sturm übergehn und daß das piemontesische Heer dem Aufruf des Bürgers Techow folgt; oder daß die Desorganisation der preußischen und östreichischen Truppen sofort Berlin und Wien zu Zentren erhält, und dadurch Rußland auf die Defensive versetzt; oder daß sonst Geschichten passieren, die sich nicht vorhersehn lassen. Und darauf à la Techow zu spekulieren und wahrscheinlichkeitszurechnen ist müßig und willkürlich, wie ich das in meinen eignen Experimenten hinlänglich gesehn habe. Es läßt sich da bloß sagen, daß von der Rheinprovinz enorm viel abhängt.