Friedrich Engels, Vorwort und „Ergänzung und Nachtrag“ zu: Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dritter Band. Buch III: Der Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion. Herausgegeben von Friedrich Engels; erste Auflage: Hamburg, Otto Meissner, 1894. Der erste Teil von „Ergänzung und Nachtrag“ (1895) erschien in „Die Neue Zeit“, 1895/96, Nr. 1 und 2; der zweite, „Die Börse“, nach der Handschrift. Text nach MEW 25 (Berlin 1964), das Vorwort verglichen mit MEGA II/15. Traducción al español
Vorwort und Nachtrag · I · II · III · IV · V · VI · VII · Erster Band · Zweiter Band
Vorwort
London, 4. Oktober 1894. Erstveröffentlichung: Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie. Dritter Band, Hamburg 1894.
Endlich ist es mir vergönnt, dies dritte Buch des Marxschen Hauptwerks, den Abschluß des theoretischen Teils, der Öffentlichkeit zu übergeben. Bei der Herausgabe des zweiten Buchs, 1885, meinte ich, das dritte würde wohl nur technische Schwierigkeiten machen, mit Ausnahme freilich einiger sehr wichtigen Abschnitte. Dies war in der Tat der Fall; aber von den Schwierigkeiten, die grade diese, die wichtigsten Abschnitte des Ganzen, mir bereiten würden, davon hatte ich damals keine Ahnung, ebensowenig wie von den sonstigen Hindernissen, die die Fertigstellung des Buchs so sehr verzögern sollten.
Zunächst und zumeist störte mich eine anhaltende Augenschwäche, die meine Arbeitszeit für Schriftliches jahrelang auf ein Minimum beschränkte und auch jetzt noch nur ausnahmsweise gestattet, bei künstlichem Licht die Feder in die Hand zu nehmen. Dazu kamen andre, nicht abzuweisende Arbeiten: Neuauflagen und Übersetzungen früherer Arbeiten von Marx und mir, also Revisionen, Vorreden, Ergänzungen, die ohne neue Studien oft unmöglich, usw. Vor allem die englische Ausgabe des ersten Buchs, für deren Text in letzter Instanz ich verantwortlich bin und die mir daher viel Zeit weggenommen hat. Wer den kolossalen Anwachs der internationalen sozialistischen Literatur während der letzten zehn Jahre, und namentlich die Anzahl der Übersetzungen früherer Arbeiten von Marx und mir, einigermaßen verfolgt hat, der wird mir recht geben, wenn ich mir Glück wünsche, daß die Anzahl der Sprachen sehr beschränkt ist, bei denen ich dem Übersetzer nützlich sein konnte und also die Verpflichtung hatte, eine Revision seiner Arbeit nicht von der Hand zu weisen. Der Anwachs der Literatur aber war nur ein Symptom des entsprechenden Anwachses der internationalen Arbeiterbewegung selbst. Und dieser legte mir neue Pflichten auf. Von den ersten Tagen unsrer öffentlichen Tätigkeit an war ein gutes Stück der Arbeit der Vermittlung zwischen den nationalen Bewegungen der Sozialisten und Arbeiter in den verschiednen Ländern auf Marx und mich gefallen; diese Arbeit wuchs im Verhältnis der Erstarkung der Gesamtbewegung. Während aber bis zu seinem Tode auch hierin Marx die Hauptlast übernommen hatte, fiel von da an die stets anschwellende Arbeit mir allein zu. Nun ist inzwischen der direkte Verkehr der einzelnen nationalen Arbeiterparteien untereinander zur Regel geworden und wird es glücklicherweise von Tag zu Tage mehr; trotzdem wird noch weit öfter, als mir im Interesse meiner theoretischen Arbeiten lieb ist, meine Hilfe in Anspruch genommen. Wer aber wie ich über fünfzig Jahre in dieser Bewegung tätig gewesen, für den sind die hieraus entspringenden Arbeiten eine unabweisbare, augenblicklich zu erfüllende Pflicht. Wie im sechzehnten Jahrhundert, gibt es in unsrer bewegten Zeit auf dem Gebiet der öffentlichen Interessen bloße Theoretiker nur noch auf Seite der Reaktion, und ebendeswegen sind diese Herren auch nicht einmal wirkliche Theoretiker, sondern simple Apologeten dieser Reaktion.
Der Umstand, daß ich in London wohne, bringt es nun mit sich, daß dieser Parteiverkehr im Winter meist brieflich, im Sommer aber großenteils persönlich stattfindet. Und daraus, wie aus der Notwendigkeit, den Gang der Bewegung in einer stets wachsenden Anzahl von Ländern und einer noch stärker wachsenden Anzahl von Preßorganen zu verfolgen, hat sich die Unmöglichkeit für mich entwickelt, Arbeiten, die keine Unterbrechung dulden, anders als im Winter, speziell in den ersten drei Monaten des Jahrs fertigzustellen. Wenn man seine siebenzig Jahre hinter sich hat, so arbeiten die Meynertschen Assoziationsfasern des Gehirns mit einer gewissen fatalen Bedächtigkeit; man überwindet Unterbrechungen in schwieriger theoretischer Arbeit nicht mehr so leicht und so rasch wie früher. Daher kam es, daß die Arbeit eines Winters, soweit sie nicht vollständig zum Abschluß geführt hatte, im nächsten Winter größtenteils wieder von neuem zu machen war, und dies fand statt, namentlich mit dem schwierigsten fünften Abschnitt.
Wie der Leser aus den folgenden Angaben ersehen wird, war die Redaktionsarbeit wesentlich verschieden von der beim zweiten Buch. Für das dritte lag eben nur ein, noch dazu äußerst lückenhafter, erster Entwurf vor. In der Regel waren die Anfänge jedes einzelnen Abschnitts ziemlich sorgfältig ausgearbeitet, auch meist stilistisch abgerundet. Je weiter man aber kam, desto skizzenmäßiger und lückenhafter wurde die Bearbeitung, desto mehr Exkurse über im Lauf der Untersuchung auftauchende Nebenpunkte enthielt sie, wofür die endgültige Stelle späterer Anordnung überlassen blieb, desto länger und verwickelter wurden die Perioden, worin die in statu nascendi niedergeschriebenen Gedanken sich ausdrückten. An mehreren Stellen verraten Handschrift und Darstellung nur zu deutlich das Hereinbrechen und die allmählichen Fortschritte eines jener aus Überarbeit entspringenden Krankheitsanfälle, die dem Verfasser selbständiges Arbeiten erst mehr und mehr erschwerten und endlich zeitweilig ganz unmöglich machten. Und kein Wunder. Zwischen 1863 und 1867 hatte Marx nicht nur die beiden letzten Bücher des Kapitals im Entwurf und das erste Buch in druckfertiger Handschrift hergestellt, sondern auch noch die mit der Gründung und Ausbreitung der Internationalen Arbeiterassoziation verknüpfte Riesenarbeit getan. Dafür stellten sich aber auch schon 1864 und 1865 ernste Anzeichen jener gesundheitlichen Störungen ein, die schuld daran sind, daß Marx an das II. und III. Buch nicht selbst die letzte Hand gelegt hat.
Meine Arbeit begann damit, daß ich das ganze Manuskript aus dem selbst für mich oft nur mühsam zu entziffernden Original in eine leserliche Kopie hinüberdiktierte, was schon eine ziemliche Zeit wegnahm. Erst dann konnte die eigentliche Redaktion beginnen. Ich habe diese auf das Notwendigste beschränkt, habe den Charakter des ersten Entwurfs, überall wo es die Deutlichkeit zuließ, möglichst beibehalten, auch einzelne Wiederholungen nicht gestrichen, da wo sie, wie gewöhnlich bei Marx, den Gegenstand jedesmal von andrer Seite fassen oder doch in andrer Ausdrucksweise wiedergeben. Da, wo meine Änderungen oder Zusätze nicht bloß redaktioneller Natur sind, oder wo ich das von Marx gelieferte tatsächliche Material zu eignen, wenn auch möglichst im Marxschen Geist gehaltnen Schlußfolgerungen verarbeiten mußte, ist die ganze Stelle in eckige Klammern gesetzt und mit meinen Initialen bezeichnet. Bei meinen Fußnoten fehlen hier und da die Klammern; wo aber meine Initialen darunter stehn, bin ich für die ganze Note verantwortlich.
Wie in einem ersten Entwurf selbstverständlich, finden sich im Manuskript zahlreiche Hinweise auf später zu entwickelnde Punkte, ohne daß diese Versprechungen in allen Fällen eingehalten worden sind. Ich habe sie stehn lassen, da sie die Absichten des Verfassers in Beziehung auf künftige Ausarbeitung darlegen.
Und nun zum einzelnen.
Für den ersten Abschnitt war das Hauptmanuskript nur mit großen Einschränkungen brauchbar. Gleich anfangs wird die ganze mathematische Berechnung des Verhältnisses zwischen Mehrwertsrate und Profitrate (was unser Kapitel 3 ausmacht) hineingezogen, während der in unserm Kap. 1 entwickelte Gegenstand erst später und gelegentlich behandelt wird. Hier kamen zwei Ansätze einer Umarbeitung zu Hilfe, jeder von 8 Seiten Folio; aber auch sie sind nicht durchweg im Zusammenhang ausgearbeitet. Aus ihnen ist das gegenwärtige Kap. 1 zusammengestellt. Kap. 2 ist aus dem Hauptmanuskript. Für Kap. 3 fanden sich eine ganze Reihe unvollständiger mathematischer Bearbeitungen, aber auch ein ganzes, fast vollständiges Heft aus den siebziger Jahren, das Verhältnis der Mehrwertsrate zur Profitrate in Gleichungen darstellend. Mein Freund Samuel Moore, der auch den größten Teil der englischen Übersetzung des ersten Buchs geliefert, übernahm es, dies Heft für mich zu bearbeiten, wozu er als alter Cambridger Mathematiker weit besser befähigt war. Aus seinem Resumé habe ich dann, unter gelegentlicher Benutzung des Hauptmanuskripts, das Kapitel 3 fertiggestellt. - Von Kap. 4 fand sich nur der Titel vor. Da aber der hier behandelte Punkt: Wirkung des Umschlags auf die Profitrate, von entscheidender Wichtigkeit ist, habe ich ihn selbst ausgearbeitet, weshalb das ganze Kapitel im Text auch in Klammern gesetzt ist. Es stellte sich dabei heraus, daß in der Tat die Formel des Kap. 3 für die Profitrate einer Modifikation bedurfte, um allgemein gültig zu sein. Vom fünften Kapitel an ist das Hauptmanuskript einzige Quelle für den Rest des Abschnitts, obwohl auch hier sehr viele Umstellungen und Ergänzungen nötig geworden sind.
Für die folgenden drei Abschnitte konnte ich mich, abgesehn von stilistischer Redaktion, fast durchweg an das Originalmanuskript halten. Einzelne, meist auf die Einwirkung des Umschlags bezügliche Stellen waren in Einklang mit dem von mir eingeschobnen Kap. 4 auszuarbeiten; auch sie sind in Klammern gesetzt und mit meinen Initialen bezeichnet.
Die Hauptschwierigkeit machte Abschnitt V, der auch den verwickeltsten Gegenstand des ganzen Buchs behandelt. Und grade hier war Marx in der Ausarbeitung von einem der erwähnten schweren Krankheitsanfälle überrascht worden. Hier liegt also nicht ein fertiger Entwurf vor, nicht einmal ein Schema, dessen Umrisse auszufüllen wären, sondern nur ein Ansatz von Ausarbeitung, der mehr als einmal in einen ungeordneten Haufen von Notizen, Bemerkungen, Materialien in Auszugsform ausläuft. Ich versuchte anfangs, diesen Abschnitt, wie es mir mit dem ersten einigermaßen gelungen war, durch Ausfüllung der Lücken und Ausarbeitung der nur angedeuteten Bruchstücke zu vervollständigen, so daß er wenigstens annähernd das alles bot, was der Verfasser zu geben beabsichtigt hatte. Ich habe dies wenigstens dreimal versucht, bin aber jedesmal gescheitert, und in der hiermit verlornen Zeit liegt eine der Hauptursachen der Verspätung. Endlich sah ich ein, daß es auf diesem Weg nicht ging. Ich hätte die ganze massenhafte Literatur dieses Gebiets durchnehmen müssen und am Ende etwas zustande gebracht, was doch nicht Marx’ Buch war. Mir blieb nichts übrig, als die Sache in gewisser Beziehung übers Knie zu brechen, mich auf möglichste Ordnung des Vorhandenen zu beschränken, nur die notdürftigsten Ergänzungen zu machen. Und so wurde ich Frühjahr 1893 mit der Hauptarbeit für diesen Abschnitt fertig.
Von den einzelnen Kapiteln waren Kap. 21-24 in der Hauptsache ausgearbeitet. Kap. 25 und 26 erforderten Sichtung des Belegstoffs und Einschiebung von Material, das sich an andren Stellen vorfand. Kap. 27 und 29 konnten fast ganz nach dem Ms. gegeben, Kap. 28 dagegen mußte stellenweise anders gruppiert werden. Mit Kap. 30 aber fing die eigentliche Schwierigkeit an. Von hier an galt es, nicht nur das Material von Belegstellen, sondern auch den jeden Augenblick durch Zwischensätze, Abschweifungen usw. unterbrochnen und an andrer Stelle, oft ganz beiläufig, weiter verfolgten Gedankengang in die richtige Ordnung zu bringen. So kam das 30. Kapitel zustande durch Umstellungen und Ausschaltungen, für die sich an andrer Stelle Verwendung fand. Kap. 31 war wieder mehr im Zusammenhang ausgearbeitet. Aber nun folgt im Ms. ein langer Abschnitt, überschrieben: „Die Konfusion“, bestehend aus lauter Auszügen aus den Parlamentsberichten über die Krisen von 1848 und 1857, worin die Aussagen von dreiundzwanzig Geschäftsleuten und ökonomischen Schriftstellern, namentlich über Geld und Kapital, Goldabfluß, Überspekulation etc. zusammengestellt und stellenweise humoristisch kurz glossiert sind. Hier sind, sei es durch die Fragenden, sei es durch die Antwortenden, so ziemlich alle damals gangbaren Ansichten über das Verhältnis von Geld und Kapital vertreten, und die hier zu Tag tretende „Konfusion“ über das, was auf dem Geldmarkte Geld und was Kapital sei, wollte Marx kritisch und satirisch behandeln. Ich habe mich nach vielen Versuchen überzeugt, daß eine Herstellung dieses Kapitels unmöglich ist; das Material, besonders das von Marx glossierte, ist da verwandt worden, wo sich ein Zusammenhang dafür vorfand.
Hierauf folgt in ziemlicher Ordnung das von mir im Kap. 32 Untergebrachte, unmittelbar darauf aber ein neuer Stoß von Auszügen aus den Parlamentsberichten über alle möglichen, in diesem Abschnitt berührten Gegenstände, vermischt mit längeren oder kürzeren Bemerkungen des Verfassers. Gegen das Ende konzentrieren sich die Auszüge und Glossen mehr und mehr auf die Bewegung der Geldmetalle und des Wechselkurses, und schließen wieder mit allerhand Nachträglichem. Das „Vorkapitalistische“ (Kap. 36) war dagegen vollständig ausgearbeitet.
Aus all diesem Material, von der „Konfusion“ an, und soweit es nicht schon an früheren Stellen untergebracht, habe ich die Kapitel 33-35 zusammengestellt. Dies ging natürlich nicht ab ohne starke Einschübe meinerseits zur Herstellung des Zusammenhangs. Soweit diese Einschübe nicht bloß formeller Natur, sind sie als die meinigen ausdrücklich bezeichnet. Es ist mir auf diese Weise endlich gelungen, alle irgendwie zur Sache gehörenden Aussprüche des Verfassers im Text unterzubringen; es ist nichts weggefallen als ein geringer Teil der Auszüge, der entweder anderweitig Gegebnes nur wiederholte oder aber Punkte berührte, auf die im Ms. nicht näher eingegangen ist.
Der Abschnitt über Grundrente war viel vollständiger ausgearbeitet, wenn auch keineswegs geordnet, wie schon daraus hervorgeht, daß Marx es im Kap. 43 (im Ms. das letzte Stück des Abschnitts über Rente) nötig findet, den Plan des ganzen Abschnitts kurz zu rekapitulieren. Und dies war für die Herausgabe um so erwünschter, als das Ms. anfängt mit Kap. 37, worauf Kap. 45-47 folgen und erst hierauf die Kap. 38-44. Die meiste Arbeit machten die Tabellen bei der Differentialrente II und die Entdeckung, daß in Kap. 43 der hier zu behandelnde dritte Fall dieser Rentenart gar nicht untersucht war.
Für diesen Abschnitt über Grundrente hatte Marx in den siebziger Jahren ganz neue Spezialstudien gemacht. Er hatte die nach der „Reform“ von 1861 in Rußland unvermeidlich gewordnen statistischen Aufnahmen und sonstigen Veröffentlichungen über Grundeigentum, die ihm von russischen Freunden in wünschenswertester Vollständigkeit zur Verfügung gestellt worden, jahrelang in der Ursprache studiert und ausgezogen und beabsichtigte, sie bei der Neubearbeitung dieses Abschnitts zu verwerten. Bei der Mannigfaltigkeit der Formen sowohl des Grundbesitzes wie der Ausbeutung der ackerbauenden Produzenten in Rußland, sollte im Abschnitt über Grundrente Rußland dieselbe Rolle spielen wie im Buch I, bei der industriellen Lohnarbeit, England. Leider blieb ihm die Ausführung dieses Plans versagt.
Endlich der siebente Abschnitt lag in vollständiger Niederschrift vor, aber nur als erster Entwurf, dessen endlos verschlungne Perioden erst zerlegt werden mußten, um druckbar zu werden. Vom letzten Kapitel existiert nur der Anfang. Hier sollten die den drei großen Revenueformen: Grundrente, Profit, Arbeitslohn entsprechenden drei großen Klassen der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft - Grundeigentümer, Kapitalisten, Lohnarbeiter - und der mit ihrer Existenz notwendig gegebne Klassenkampf als tatsächlich vorliegendes Ergebnis der kapitalistischen Periode dargestellt werden. Dergleichen Schlußzusammenfassungen pflegte Marx sich für die Schlußredaktion, kurz vor dem Druck, vorzubehalten, wo dann die neuesten geschichtlichen Ereignisse ihm mit nie versagender Regelmäßigkeit die Belege seiner theoretischen Entwicklungen in wünschenswertester Aktualität lieferten.
Die Zitate und Belegstellen sind, wie schon im II. Buch, bedeutend spärlicher als im ersten. Zitate aus Buch I geben die Seitenzahlen der 2. und 3. Auflage. Wo im Ms. auf theoretische Aussprüche früherer Ökonomen verwiesen wird, ist meist nur der Name angegeben, die Stelle selbst sollte bei der Schlußbearbeitung angezogen werden. Ich habe das natürlich so lassen müssen. Von Parlamentsberichten sind nur vier, aber diese auch ziemlich reichlich benutzt worden. Es sind folgende:
„Reports from Committees“ (des Unterhauses), Vol. VIII, „Commercial Distress“, Vol. II, Part 1, 1847/48, Minutes of Evidence. Zitiert als: „Commercial Distress“, 1847/48.
„Secret Committee of the House of Lords on Commercial Distress 1847, Report printed 1848, Evidence printed 1857“ (weil 1848 für zu kompromittierlich angesehn). - Zitiert als: C. D., 1848-1857.
Report: Bank Acts, 1857. - Ditto, 1858. - Berichte des Unterhausausschusses über die Wirkung der Bankakte von 1844 und 1845, mit Zeugenaussagen. - Zitiert als: B. A. (zuweilen auch B. C.). 1857, resp. 1858.
Das vierte Buch - die Geschichte der Mehrwertstheorie - werde ich in Angriff nehmen, sobald es mir irgendwie möglich wird.
Im Vorwort zum zweiten Band des „Kapital“ hatte ich mich abzufinden mit den Herren, die dazumal ein großes Geschrei erhoben, weil sie „in Rodbertus die geheime Quelle und einen überlegnen Vorgänger von Marx“ gefunden haben wollten. Ich bot ihnen Gelegenheit, zu zeigen, „was die Rodbertussche Ökonomie leisten kann“; ich forderte sie auf, nachzuweisen, „wie nicht nur ohne Verletzung des Wertgesetzes, sondern vielmehr auf Grundlage desselben, eine gleiche Durchschnittsprofitrate sich bilden kann und muß“. Dieselben Herren, die damals aus subjektiven oder objektiven, in der Regel aber alles andre als wissenschaftlichen Gründen den guten Rodbertus als einen ökonomischen Stern allererster Größe ausposaunten, sind ausnahmslos die Antwort schuldig geblieben. Dagegen haben andre Leute es der Mühe wert gehalten, sich mit dem Problem zu beschäftigen.
In seiner Kritik des II. Bandes („Conrads Jahrbücher“, XI, 5, 1885, S. 452-465) nimmt Prof. W. Lexis die Frage auf, wenn er auch keine direkte Lösung geben will. Er sagt:
„Die Lösung jenes Widerspruchs“ (zwischen dem Ricardo-Marxschen Wertgesetz und der gleichen Durchschnittsprofitrate) „ist unmöglich, wenn die verschiednen Warenarten vereinzelt betrachtet werden und ihr Wert gleich ihrem Tauschwert und dieser gleich oder proportional ihrem Preise sein soll.“
Sie ist nach ihm nur möglich, wenn man
„für die einzelnen Warenarten die Bemessung des Wertes nach der Arbeit aufgibt und nur die Warenproduktion im ganzen und die Verteilung derselben unter die Gesamtklassen der Kapitalisten und Arbeiter ins Auge faßt ... Von dem Gesamtprodukt erhält die Arbeiterklasse nur einen gewissen Teil ... der andre, den Kapitalisten zufallende Teil bildet im Marxschen Sinne das Mehrprodukt und demnach auch ... den Mehrwert. Die Mitglieder der Kapitalistenklasse verteilen nun diesen gesamten Mehrwert unter sich, nicht nach Maßgabe der von ihnen beschäftigten Arbeiterzahl, sondern nach Verhältnis der von jedem gestellten Kapitalgröße, wobei auch Grund und Boden als Kapitalwert mit in Rechnung gezogen wird.“ Die Marxschen, durch die in den Waren verkörperten Arbeitseinheiten bestimmten Idealwerte entsprechen nicht den Preisen, können aber „als Ausgangspunkt einer Verschiebung betrachtet werden, die zu den wirklichen Preisen führt. Die letzteren sind dadurch bedingt, daß gleich große Kapitalien gleich große Gewinne verlangen.“ Dadurch werden einige Kapitalisten für ihre Waren höhere Preise erhalten als deren Idealwerte, andre erhalten niedrigere. „Da aber die Einbußen und Zulagen an Mehrwert sich innerhalb der Kapitalistenklasse gegenseitig aufheben, so ist die Gesamtgröße des Mehrwerts dieselbe, als wenn alle Preise den Idealwerten der Waren proportional wären.“
Man sieht, die Frage ist hier nicht entfernt gelöst, aber sie ist, wenn auch in laxer und verflachender Weise, doch im ganzen richtig gestellt. Und dies ist in der Tat mehr, als wir von jemand erwarten dürfen, der sich, wie der Verfasser, mit einem gewissen Stolz als einen „Vulgärökonomen“ hinstellt; es ist gradezu überraschend, wenn man es mit den später zu behandelnden Leistungen andrer Vulgärökonomen vergleicht. Die Vulgärökonomie des Verfassers ist allerdings eigner Art. Er sagt, der Kapitalgewinn könne allerdings in der Marxschen Weise abgeleitet werden, aber nichts zwinge zu dieser Auffassung. Im Gegenteil. Die Vulgärökonomie habe eine, mindestens plausiblere Erklärungsweise:
„Die kapitalistischen Verkäufer, der Rohstoffproduzent, der Fabrikant, der Großhändler, der Kleinhändler, machen bei ihren Geschäften Gewinn, indem jeder teurer verkauft als er kauft, also den Selbstkostenpreis seiner Ware um einen gewissen Prozentsatz erhöht. Nur der Arbeiter ist nicht imstande, einen ähnlichen Wertzuschlag durchzusetzen, er ist vermöge seiner ungünstigen Lage dem Kapitalisten gegenüber genötigt, seine Arbeit für den Preis zu verkaufen, den sie ihm selbst kostet, nämlich für den notwendigen Lebensunterhalt ... so behalten diese Preiszuschläge den kaufenden Lohnarbeitern gegenüber ihre volle Bedeutung und bewirken die Übertragung eines Teils des Wertes des Gesamtprodukts auf die Kapitalistenklasse.“
Nun bedarf es keiner großen Anstrengung des Denkens, um einzusehn, daß diese „vulgärökonomische“ Erklärung des Kapitalprofits praktisch auf dieselben Resultate hinausläuft wie die Marxsche Mehrwertstheorie; daß die Arbeiter nach der Lexisschen Auffassung in genau derselben „ungünstigen Lage“ sich befinden wie bei Marx; daß sie ganz ebensosehr die Geprellten sind, da jeder Nichtarbeiter über dem Preis verkaufen kann, der Arbeiter aber nicht; und daß auf Grundlage dieser Theorie sich ein mindestens ebenso plausibler Vulgärsozialismus aufbauen läßt, wie der hier in England auf Grundlage der Jevons-Mengerschen Gebrauchswerts- und Grenznutzentheorie aufgebaute. Ja, ich vermute sogar, würde Herrn George Bernard Shaw diese Profittheorie bekannt, er wäre imstand, mit beiden Händen zuzugreifen, Jevons und Karl Menger den Abschied zu geben und auf diesem Felsen die Fabianische Kirche der Zukunft neu zu errichten.
In Wirklichkeit aber ist diese Theorie nur eine Umschreibung der Marxschen. Woraus werden denn die sämtlichen Preiszuschläge bestritten? Aus dem „Gesamtprodukt“ der Arbeiter. Und zwar, indem die Ware „Arbeit“, oder, wie Marx sagt, Arbeitskraft, unter ihrem Preis verkauft werden muß. Denn wenn es die gemeinsame Eigenschaft aller Waren ist, teurer verkauft zu werden als die Produktionskosten, wenn aber hiervon die Arbeit allein ausgenommen ist und stets nur zu den Produktionskosten verkauft wird, so wird sie eben unter dem Preis verkauft, der die Regel ist in dieser vulgärökonomischen Welt. Der infolgedessen dem Kapitalisten, resp. der Kapitalistenklasse zufallende Extraprofit besteht eben darin, und kann in letzter Instanz nur dadurch zustande kommen, daß der Arbeiter, nach Reproduktion des Ersatzes für den Preis seiner Arbeit, noch weiteres Produkt produzieren muß, für das er nicht bezahlt wird - Mehrprodukt, Produkt unbezahlter Arbeit, Mehrwert. Lexis ist ein in der Wahl seiner Ausdrücke äußerst vorsichtiger Mann. Er sagt nirgends gradeaus, daß obige Auffassung die seinige ist; ist sie es aber, so ist sonnenklar, daß wir es hier nicht mit einem jener gewöhnlichen Vulgärökonomen zu tun haben, von denen er selbst sagt, daß jeder einzelne in den Augen von Marx „bestenfalls nur ein hoffnungsloser Schwachkopf ist“, sondern mit einem als Vulgärökonomen verkleideten Marxisten. Ob diese Verkleidung bewußt oder unbewußt vor sich gegangen, ist eine uns hier nicht interessierende psychologische Frage. Wer das ergründen möchte, wird vielleicht auch untersuchen, wie es möglich war, daß zu einer gewissen Zeit ein so gescheiter Mann, wie Lexis es unzweifelhaft ist, auch einmal einen solchen Blödsinn wie den Bimetallismus verteidigen konnte.
Der erste, der die Frage wirklich zu beantworten versuchte, war Dr. Conrad Schmidt, „Die Durchschnittsprofitrate auf Grundlage des Marx’schen Werthgesetzes“, Dietz, Stuttgart 1889. Schmidt sucht die Details der Marktpreisbildung in Einklang zu bringen sowohl mit dem Wertgesetz wie mit der Durchschnittsprofitrate. Der industrielle Kapitalist erhält in seinem Produkt erstens Ersatz für sein vorgeschoßnes Kapital, zweitens ein Mehrprodukt, wofür er nichts bezahlt hat. Um dies Mehrprodukt aber zu erhalten, muß er sein Kapital in der Produktion vorschießen; d.h. er muß ein bestimmtes Quantum vergegenständlichter Arbeit anwenden, um sich dies Mehrprodukt aneignen zu können. Für den Kapitalisten ist also dies sein vorgeschoßnes Kapital das Quantum vergegenständlichter Arbeit, das gesellschaftlich nötig ist, um ihm dies Mehrprodukt zu verschaffen. Für jeden andern industriellen Kapitalisten gilt dasselbe. Da nun die Produkte dem Wertgesetz gemäß sich gegeneinander austauschen im Verhältnis der zu ihrer Produktion gesellschaftlich notwendigen Arbeit, und da für den Kapitalisten die zur Herstellung seines Mehrprodukts notwendige Arbeit eben die in seinem Kapital aufgehäufte, vergangene Arbeit ist, so folgt, daß sich die Mehrprodukte austauschen nach dem Verhältnis der zu ihrer Produktion erheischten Kapitale, nicht aber nach dem der wirklich in ihnen verkörperten Arbeit. Der auf jede Kapitaleinheit fallende Anteil ist also gleich der Summe aller produzierten Mehrwerte, dividiert durch die Summe der darauf verwandten Kapitale. Hiernach werfen gleiche Kapitale in gleichen Zeiträumen gleiche Profite ab, und dies wird bewirkt, indem der so berechnete Kostpreis des Mehrprodukts, d.h. der Durchschnittsprofit, auf den Kostpreis des bezahlten Produkts geschlagen und zu diesem erhöhten Preise beides, bezahltes und unbezahltes Produkt, verkauft wird. Die Durchschnittsprofitrate ist hergestellt, trotzdem daß, wie Schmidt meint, die Durchschnittspreise der einzelnen Waren nach dem Wertgesetz bestimmt werden.
Die Konstruktion ist äußerst sinnreich, sie ist ganz nach Hegelschem Muster, aber sie teilt das mit der Mehrzahl der Hegelschen, daß sie nicht richtig ist. Mehrprodukt oder bezahltes Produkt macht keinen Unterschied: soll das Wertgesetz auch für die Durchschnittspreise unmittelbar gelten, so müssen beide verkauft werden im Verhältnis der zu ihrer Herstellung erforderlichen und darin verbrauchten gesellschaftlich nötigen Arbeit. Das Wertgesetz richtet sich von vornherein gegen die aus der kapitalistischen Vorstellungsweise überkommene Ansicht, als sei die aufgehäufte vergangne Arbeit, woraus das Kapital besteht, nicht bloß eine bestimmte Summe von fertigem Wert, sondern, weil Faktor der Produktion und Profitbildung, auch wertbildend, also Quelle von mehr Wert, als es selbst hat; es stellt fest, daß diese Eigenschaft nur der lebendigen Arbeit zukommt. Daß die Kapitalisten im Verhältnis der Größe ihrer Kapitale gleiche Profite erwarten, ihren Kapitalvorschuß also als eine Art Kostpreis ihres Profits ansehn, ist bekannt. Wenn aber Schmidt diese Vorstellung benutzt, um vermittelst ihrer die nach der Durchschnittsprofitrate berechneten Preise in Einklang mit dem Wertgesetz zu bringen, so hebt er das Wertgesetz selbst auf, indem er eine ihm total widersprechende Vorstellung diesem Gesetz als mitbestimmenden Faktor einverleibt.
Entweder ist die aufgehäufte Arbeit wertbildend neben der lebendigen. Dann gilt das Wertgesetz nicht.
Oder sie ist nicht wertbildend. Dann ist Schmidts Beweisführung unverträglich mit dem Wertgesetz.
Schmidt wurde auf diesen Seitenweg geführt, als er der Lösung schon sehr nahe war, weil er glaubte, eine womöglich mathematische Formel finden zu müssen, die den Einklang des Durchschnittspreises jeder einzelnen Ware mit dem Wertgesetz nachweisen ließe. Wenn er aber hier, ganz in der Nähe des Ziels, einem Irrweg folgte, so beweist der übrige Inhalt der Broschüre, mit welchem Verständnis er aus den beiden ersten Büchern des „Kapitals“ weitere Schlüsse gezogen hat. Ihm gebührt die Ehre, für die bisher unerklärliche sinkende Tendenz der Profitrate die richtige, bei Marx im dritten Abschnitt des dritten Buchs gegebne Erklärung selbständig gefunden zu haben; desgleichen die Ableitung des Handelsprofits aus dem industriellen Mehrwert und eine ganze Reihe von Bemerkungen über Zins und Grundrente, wodurch Dinge antizipiert werden, die bei Marx im vierten und fünften Abschnitt des dritten Buchs entwickelt sind.
In einer späteren Arbeit („Neue Zeit“, 1892/93, Nr. 3 und 4) versucht Schmidt einen andern Weg der Lösung. Dieser läuft darauf hinaus, daß die Konkurrenz es ist, die die Durchschnittsprofitrate herstellt, indem sie Kapital aus Produktionszweigen mit Unterprofit in andre auswandern macht, wo Überprofit gemacht wird. Daß die Konkurrenz die große Ausgleicherin der Profite ist, ist nicht neu. Aber nun versucht Schmidt den Nachweis, daß diese Nivellierung der Profite identisch ist mit der Reduzierung des Verkaufspreises von im Übermaß produzierten Waren auf das Wertmaß, das die Gesellschaft nach dem Wertgesetz dafür zahlen kann. Warum auch dies nicht zum Ziel führen konnte, ergibt sich hinreichend aus den Auseinandersetzungen von Marx im Buche selbst.
Nach Schmidt ging P. Fireman an das Problem („Conrads Jahrbücher“, Dritte Folge, III, S. 793). Ich gehe nicht ein auf seine Bemerkungen über sonstige Seiten der Marxschen Darstellung. Sie beruhen auf dem Mißverständnis, daß Marx da definieren will, wo er entwickelt, und daß man überhaupt bei Marx nach fix und fertigen, ein für allemal gültigen Definitionen suchen dürfe. Es versteht sich ja von selbst, daß da, wo die Dinge und ihre gegenseitigen Beziehungen nicht als fixe, sondern als veränderliche aufgefaßt werden, auch ihre Gedankenabbilder, die Begriffe, ebenfalls der Veränderung und Umbildung unterworfen sind; daß man sie nicht in starre Definitionen einkapselt, sondern in ihrem historischen resp. logischen Bildungsprozeß entwickelt. Danach wird es wohl klar sein, warum Marx am Anfang des ersten Buchs, wo er von der einfachen Warenproduktion als seiner historischen Voraussetzung ausgeht, um dann weiterhin von dieser Basis aus zum Kapital zu kommen - warum er da eben von der einfachen Ware ausgeht und nicht von einer begrifflich und geschichtlich sekundären Form, von der schon kapitalistisch modifizierten Ware; was freilich Fireman platterdings nicht einsehn kann. Diese und andre Nebendinge, die noch zu mancherlei Einwendungen Anlaß geben könnten, lassen wir lieber links liegen und gehn sofort zum Kern der Sache über. Während dem Verfasser die Theorie lehrt, daß der Mehrwert bei gegebner Mehrwertsrate der Anzahl der angewandten Arbeitskräfte proportional ist, zeigt ihm die Erfahrung, daß bei gegebner Durchschnittsprofitrate der Profit proportional ist der Größe des angewandten Gesamtkapitals. Dies erklärt Fireman dadurch, daß der Profit eine nur konventionelle (das heißt bei ihm: einer bestimmten gesellschaftlichen Formation angehörige, mit ihr stehende und fallende) Erscheinung ist; seine Existenz ist einfach an das Kapital geknüpft; dies, wenn es stark genug ist, sich einen Profit zu erzwingen, ist durch die Konkurrenz genötigt, sich auch eine für alle Kapitale gleiche Profitrate zu erzwingen. Ohne gleiche Profitrate ist eben keine kapitalistische Produktion möglich; diese Produktionsform vorausgesetzt, kann für jeden Einzelkapitalisten die Masse des Profits nur abhängen, bei gegebner Profitrate, von der Größe seines Kapitals. Andrerseits besteht der Profit aus Mehrwert, unbezahlter Arbeit. Und wie geschieht hier die Verwandlung des Mehrwerts, dessen Größe sich nach der Ausbeutung der Arbeit richtet, in Profit, dessen Größe sich nach der Größe des dazu erforderten Kapitals richtet?
„Einfach dadurch, daß in allen Produktionszweigen, wo das Verhältnis zwischen ... konstantem und variablem Kapital am größten ist, die Waren über ihrem Wert verkauft werden, das heißt aber auch, daß in denjenigen Produktionszweigen, wo das Verhältnis konstantes Kapital: variables Kapital = c: v am kleinsten ist, die Waren unter ihrem Wert verkauft werden, und daß nur, wo das Verhältnis c: v eine bestimmte Mittelgröße darstellt, die Waren zu ihrem wahren Wert veräußert werden ... Ist diese Inkongruenz einzelner Preise mit ihren respektiven Werten eine Widerlegung des Wertprinzips? Keineswegs. Denn dadurch, daß die Preise einiger Waren in gleichem Maß über den Wert steigen, wie die Preise andrer unter den Wert sinken, bleibt die Totalsumme der Preise der Totalsumme der Werte gleich ... ‚in letzter Instanz‘ verschwindet die Inkongruenz.“ Diese Inkongruenz ist eine „Störung“; „in den exakten Wissenschaften aber pflegt man eine berechenbare Störung nie als eine Widerlegung eines Gesetzes zu betrachten“.
Man vergleiche hiermit die entsprechenden Stellen in Kap. IX, und man wird finden, daß Fireman hier in der Tat den Finger auf den entscheidenden Punkt gelegt hat. Wie vieler Mittelglieder es aber auch nach dieser Entdeckung noch bedürfte, um Fireman zu befähigen, die volle handgreifliche Lösung des Problems herauszuarbeiten, beweist die unverdient kühle Aufnahme, die sein so bedeutender Artikel gefunden hat. So viele sich auch für das Problem interessierten, sie alle fürchteten noch immer, sich die Finger zu verbrennen. Und dies erklärt sich nicht nur aus der unvollendeten Form, worin Fireman seinen Fund gelassen hat, sondern auch aus der unleugbaren Mangelhaftigkeit sowohl seiner Auffassung der Marxschen Darstellung, wie seiner eignen, auf dieser Auffassung begründeten allgemeinen Kritik derselben.
Wo es Gelegenheit gibt, sich bei einer schwierigen Sache zu blamieren, da fehlt Herr Professor Julius Wolf in Zürich nie. Das ganze Problem, erzählt er uns („Conrads Jahrbücher“, Dritte Folge, II, S. 352 und ff.), löst sich durch den relativen Mehrwert. Die Produktion des relativen Mehrwerts beruht auf Vermehrung des konstanten Kapitals gegenüber dem variablen.
„Ein Plus an konstantem Kapital hat ein Plus an Produktivkraft der Arbeiter zur Voraussetzung. Da dies Plus an Produktivkraft aber (auf dem Wege über die Verbilligung der Lebensmittel) ein Plus an Mehrwert nach sich zieht, ist die direkte Beziehung zwischen wachsendem Mehrwert und wachsender Beteiligung des konstanten Kapitals im Gesamtkapital hergestellt. Ein Mehr an konstantem Kapital weist ein Mehr an Produktivkraft der Arbeit aus. Bei gleichbleibendem variablem und wachsendem konstantem Kapital muß daher der Mehrwert steigen im Einklang mit Marx. Diese Frage war uns aufgegeben.“
Zwar sagt Marx an hundert Stellen des ersten Buchs das grade Gegenteil; zwar ist die Behauptung, nach Marx steige der relative Mehrwert, bei fallendem variablem Kapital, im Verhältnis wie das konstante Kapital steigt, von einer Erstaunlichkeit, die jedes parlamentarischen Ausdrucks spottet, zwar beweist Herr Julius Wolf in jeder Zeile, daß er weder relativ noch absolut das geringste verstanden hat weder von absolutem noch von relativem Mehrwert; zwar sagt er selbst:
„man scheint sich auf den ersten Blick hier wirklich in einem Nest von Ungereimtheiten zu befinden“,
was beiläufig das einzige wahre Wort in seinem ganzen Artikel ist. Aber was tut das alles? Herr Julius Wolf ist so stolz auf seine geniale Entdeckung, daß er nicht unterlassen kann, dem Marx dafür posthume Lobsprüche zu erteilen und diesen seinen eignen unergründlichen Unsinn anzupreisen als einen
„neuerlichen Beweis der Schärfe und Weitsichtigkeit, mit der sein“ (Marx’) „kritisches System der kapitalistischen Wirtschaft entworfen ist“!
Aber es kommt noch besser: Herr Wolf sagt:
„Ricardo hat ebensowohl behauptet: gleicher Kapitalaufwand, gleicher Mehrwert (Profit), wie: gleicher Arbeitsaufwand, gleicher Mehrwert (der Masse nach). Und die Frage war nun: wie reimt sich das eine mit dem andern. Marx hat die Frage in dieser Form nun aber nicht anerkannt. Er hat (im dritten Band) zweifellos nachgewiesen, daß die zweite Behauptung nicht unbedingte Konsequenz des Wertgesetzes sei, ja daß sie seinem Wertgesetze widerspreche und also ... direkt zu verwerfen sei.“
Und nun untersucht er, wer von uns beiden sich geirrt hat, ich oder Marx. Daß er selbst in der Irre spazierengeht, daran denkt er natürlich nicht.
Es hieße meine Leser beleidigen und die Komik der Situation total verkennen, wollte ich nur ein Wort verlieren über diese Prachtstelle. Ich füge nur noch hinzu: Mit derselben Kühnheit, womit er damals bereits sagen konnte, was „Marx im dritten Band zweifellos nachgewiesen“, benutzt er die Gelegenheit, einen angeblichen Professorenklatsch zu berichten, wonach Conrad Schmidts obige Schrift „von Engels direkt inspiriert sei“. Herr Julius Wolf! In der Welt, worin Sie leben und weben, mag es üblich sein, daß der Mann, der andern öffentlich ein Problem stellt, seine Privatfreunde im stillen mit der Lösung bekannt macht. Daß Sie dazu kapabel sind, will ich Ihnen gern glauben. Daß in der Welt, worin ich verkehre, man sich nicht zu solchen Erbärmlichkeiten herabzulassen braucht, beweist Ihnen das gegenwärtige Vorwort. -
Kaum war Marx gestorben, da veröffentlichte Herr Achille Loria schleunigst einen Artikel über ihn in der „Nuova Antologia“ (April 1883): zuerst eine von falschen Angaben strotzende Biographie, sodann eine Kritik der öffentlichen, politischen und literarischen Tätigkeit. Die Marxische materialistische Auffassung der Geschichte wird hier gefälscht und verdreht mit einer Zuversichtlichkeit, die einen großen Zweck erraten läßt. Und dieser Zweck ist erreicht worden: 1886 veröffentlichte derselbe Herr Loria ein Buch „La teoria economica della costituzione politica“, worin er die 1883 so gänzlich und so absichtlich entstellte Marxsche Geschichtstheorie als seine eigne Erfindung der staunenden Mitwelt verkündet. Allerdings ist die Marxsche Theorie hier auf ein ziemlich philiströses Niveau heruntergebracht; auch wimmeln die historischen Belege und Beispiele von Schnitzern, die man keinem Quartaner durchlassen würde; aber was verschlägt das alles? Die Entdeckung, daß überall und immer die politischen Zustände und Ereignisse ihre Erklärung finden in den entsprechenden ökonomischen Zuständen, wurde, wie hiermit bewiesen, keineswegs von Marx im Jahr 1845 gemacht, sondern von Herrn Loria 1886. Wenigstens hat er dies seinen Landsleuten, und seit sein Buch französisch erschienen, auch einigen Franzosen glücklich aufgebunden und kann jetzt als Autor einer neuen epochemachenden Geschichtstheorie in Italien herumstolzieren, bis die dortigen Sozialisten Zeit finden, dem illustre Loria die gestohlnen Pfauenfedern herunterzuzupfen.
Das ist aber erst ein kleines Pröbchen von Herrn Lorias Manier. Er versichert uns, daß sämtliche Theorien von Marx beruhen auf einem bewußten Sophisma (un consaputo sofisma); daß Marx vor Paralogismen nicht zurückscheute, auch wenn er sie als solche erkannte (sapendoli tali) usw. Und nachdem er mit einer ganzen Reihe ähnlicher gemeiner Schnurren seinen Lesern das Nötige beigebracht hat, damit sie Marx für einen Streber à la Loria ansehn, der seine Effektchen mit denselben kleinen faulen Humbugsmittelchen in Szene setzt wie unser paduanischer Professor, jetzt kann er ihnen ein wichtiges Geheimnis verraten, und damit führt er auch uns zur Profitrate zurück.
Herr Loria sagt: Nach Marx soll sich die in einem kapitalistischen Industriegeschäft produzierte Masse des Mehrwerts (den Herr Loria hier mit dem Profit identifiziert) richten nach dem darin angewandten variablen Kapital, da das konstante Kapital keinen Profit abwirft. Das widerspricht aber der Wirklichkeit. Denn in der Praxis richtet sich der Profit nicht nach dem variablen, sondern nach dem Gesamtkapital. Und Marx sieht dies selbst ein (I, Kap. XI) und gibt zu, daß dem Anschein nach die Tatsachen seiner Theorie widersprechen. Wie aber löst er den Widerspruch? Er verweist seine Leser auf einen noch nicht erschienenen folgenden Band. Von diesem Band hatte Loria seinen Lesern schon früher gesagt, er glaube nicht, daß Marx auch nur einen Augenblick daran gedacht habe, ihn zu schreiben, und jetzt ruft er triumphierend aus:
„Nicht mit Unrecht habe ich also behauptet, dieser zweite Band, womit Marx in einem fort seinen Gegnern droht, ohne daß er je erscheint, dieser Band könne sehr wohl ein pfiffiges Auskunftsmittel gewesen sein, das Marx da anwandte, wo ihm die wissenschaftlichen Argumente ausgingen (un ingegnoso spediente ideato dal Marx a sostituzione degli argomenti scientifici).“
Und wer jetzt nicht überzeugt ist, daß Marx auf derselben Höhe des wissenschaftlichen Schwindels steht wie l’illustre Loria, an dem ist Hopfen und Malz verloren.
Soviel also haben wir gelernt: nach Herrn Loria ist die Marxsche Mehrwertstheorie absolut unvereinbar mit der Tatsache der allgemeinen gleichen Profitrate. Nun kam das zweite Buch heraus und damit meine öffentlich gestellte Frage grade über diesen selben Punkt. Wäre Herr Loria einer von uns blöden Deutschen gewesen, er wäre einigermaßen in Verlegenheit geraten. Aber er ist ein kecker Südländer, er kommt aus einem heißen Klima, wo, wie er behaupten kann, die Unverfrorenheit gewissermaßen Naturbedingung ist. Die Frage wegen der Profitrate ist öffentlich gestellt. Herr Loria hat sie öffentlich für unlöslich erklärt. Und grade deshalb wird er sich jetzt selbst übertreffen, indem er sie öffentlich löst.
Dies Wunder geschieht in „Conrads Jahrbüchern“, N. F., Bd. XX, S. 272 ff., in einem Artikel über Conrad Schmidts oben erwähnte Schrift. Nachdem er von Schmidt gelernt, wie der kommerzielle Profit zustande kommt, ist ihm auf einmal alles klar.
„Da nun die Wertbestimmung durch die Arbeitszeit den Kapitalisten, die einen größeren Teil ihres Kapitals in Löhnen anlegen, einen Vorteil gibt, so kann das unproduktive“ (soll heißen kommerzielle) „Kapital von diesen bevorzugten Kapitalisten einen höheren Zins“ (soll heißen Profit) „erzwingen und die Gleichheit zwischen den einzelnen industriellen Kapitalisten hervorbringen ... So z.B., wenn die industriellen Kapitalisten A, B, C, 100 Arbeitstage für jeden, und respektive 0, 100, 200 konstantes Kapital in der Produktion anwenden, und der Arbeitslohn für 100 Arbeitstage 50 Arbeitstage in sich enthält, jeder Kapitalist einen Mehrwert von 50 Arbeitstagen bekommt und die Profitrate 100% ist für den ersten, 33,3% für den zweiten und 20% für den dritten Kapitalisten. Wenn aber ein vierter Kapitalist D ein unproduktives Kapital von 300 akkumuliert, das einen Zins“ (Profit) „von dem Wert von 40 Arbeitstagen von A, einen Zins von 20 Arbeitstagen von B erheischt, so wird die Profitrate der Kapitalisten A und B zu 20%, wie die C’s, sinken und D mit einem Kapital von 300 wird einen Profit von 60, d.h. eine Profitrate von 20%, wie die übrigen Kapitalisten bekommen.“
Mit so überraschender Gewandtheit, im Handumdrehn, löst l’illustre Loria dieselbe Frage, die er vor zehn Jahren für unlösbar erklärt hatte. Leider hat er uns das Geheimnis nicht verraten, woher das „unproduktive Kapital“ die Macht erhält, den Industriellen diesen ihren, die Durchschnittsprofitrate überschreitenden Extraprofit nicht nur abzuzwacken, sondern auch selbst in der Tasche zu behalten, ganz wie der Grundeigentümer den überschüssigen Profit des Pächters als Grundrente einsteckt. In der Tat würden die Kaufleute hiernach einen der Grundrente durchaus analogen Tribut von den Industriellen erheben und dadurch die Durchschnittsprofitrate herstellen. Allerdings ist das Handelskapital ein sehr wesentlicher Faktor in der Herstellung der allgemeinen Profitrate, wie so ziemlich jedermann weiß. Aber nur ein literarischer Abenteurer, der im Grunde seines Herzens auf die ganze Ökonomie pfeift, kann sich die Behauptung erlauben, es besitze die Zauberkraft, allen über die allgemeine Profitrate, und dazu noch ehe eine solche hergestellt ist, überschüssigen Mehrwert an sich zu saugen und in Grundrente für sich selbst zu verwandeln, und das obendrein, ohne daß es irgendein Grundeigentum dazu nötig hat. Nicht weniger erstaunlich ist die Behauptung, das Handelskapital bringe es fertig, diejenigen Industriellen zu entdecken, deren Mehrwert nur grade die Durchschnittsprofitrate deckt, und es rechne es sich zur Ehre an, diesen unglücklichen Opfern des Marxschen Wertgesetzes ihr Los einigermaßen zu erleichtern, indem es ihnen ihre Produkte gratis, sogar ohne jede Provision verkauft. Welch ein Taschenspieler gehört dazu, sich einzubilden, Marx habe solche jämmerliche Kunststückchen nötig!
In seiner vollen Glorie aber strahlt unser illustre Loria erst, wenn wir ihn mit seinen nordischen Konkurrenten vergleichen, z. B. mit Herrn Julius Wolf, der doch auch nicht von gestern ist. Welch ein kleiner Kläffer scheint dieser, selbst in seinem dicken Buch über „Sozialismus und kapitalistische Gesellschaftsordnung“, neben dem Italiener! Wie unbehilflich, ich wäre fast versucht zu sagen, wie bescheiden steht er da neben der edlen Dreistigkeit, womit der Maestro es als selbstredend hinstellt, daß Marx nicht mehr und nicht minder als alle andern Leute auch, ein genau ebenso bewußter Sophist, Paralogist, Aufschneider und Marktschreier war wie Herr Loria selbst - daß Marx jedesmal, wenn er festsitzt, dem Publikum von einem Abschluß seiner Theorie in einem folgenden Band vorschwefelt, den er, wie er selbst sehr gut weiß, weder liefern kann noch will! Unbegrenzte Keckheit, gepaart mit aalglattem Durchschlüpfen durch unmögliche Situationen, heroische Verachtung gegen erhaltne Fußtritte, rasch zugreifende Aneignung fremder Leistungen, zudringliche Marktschreierei der Reklame, Organisation des Ruhms vermittelst des Kamaraderieklüngels - wer reicht ihm in alledem das Wasser?
Italien ist das Land der Klassizität. Seit der großen Zeit, als bei ihm die Morgenröte der modernen Welt aufging, brachte es großartige Charaktere hervor in unerreicht klassischer Vollendung, von Dante bis auf Garibaldi. Aber auch die Zeit der Erniedrigung und Fremdherrschaft hinterließ ihm klassische Charaktermasken, darunter zwei besonders ausgemeißelte Typen: den Sganarell und den Dulcamara. Die klassische Einheit beider sehn wir verkörpert in unserm illustre Loria.
Zum Schluß muß ich meine Leser über den Ozean führen. In New York hat Herr Dr. med. George C. Stiebeling auch eine Lösung des Problems gefunden, und zwar eine äußerst einfache. So einfach, daß kein Mensch weder hüben noch drüben sie anerkennen wollte; worüber er in großen Zorn geriet und in einer endlosen Reihe Broschüren und Zeitungsartikel auf beiden Seiten des großen Wassers sich bitterlichst über diese Unbill beschwerte. Man sagte ihm zwar in der „Neuen Zeit“, seine ganze Lösung beruhe auf einem Rechenfehler. Aber das konnte ihn nicht stören; Marx hat auch Rechenfehler gemacht und behält dennoch in vielen Dingen recht. Sehn wir uns also die Stiebelingsche Lösung an.
„Ich nehme zwei Fabriken an, die mit gleichem Kapital gleiche Zeit arbeiten, aber mit einem verschiednen Verhältnis des konstanten und des variablen Kapitals. Das Gesamtkapital (c + v) setze ich = y, und bezeichne den Unterschied in dem Verhältnis des konstanten zu dem variablen Kapital mit x. In Fabrik I ist y = c + v, in Fabrik II ist y = (c - x) + (v + x). Die Rate des Mehrwerts ist also in Fabrik I = m/v und in Fabrik II = m/(v + x). Profit (p) nenne ich den Gesamtmehrwert (m), um den sich das Gesamtkapital y oder c + v in der gegebnen Zeit vermehrt, also p = m. Die Rate des Profits ist demnach in Fabrik I = p/y oder m/(c + v), und in Fabrik II ebenfalls p/y oder m/((c - x) + (v + x)), d.h. ebenfalls = m/(c + v), Das ... Problem löst sich also derart, daß auf Grundlage des Wertgesetzes, bei Anwendung gleichen Kapitals und gleicher Zeit, aber ungleicher Mengen lebendiger Arbeit, aus der Veränderung der Rate des Mehrwerts eine gleiche Durchschnittsprofitrate hervorgeht.“ (G. C. Stiebeling, „Das Werthgesetz und die Profitrate“, New York, John Heinrich.)
So schön und einleuchtend auch die obige Rechnung ist, so sind wir doch genötigt, eine Frage an Herrn Dr. Stiebeling zu richten: Woher weiß er, daß die Summe des Mehrwerts, den Fabrik I produziert, aufs Haar gleich ist der Summe des in Fabrik II erzeugten Mehrwerts? Von c, v, y und x, also von allen übrigen Faktoren der Rechnung sagt er uns ausdrücklich, daß sie für beide Fabriken gleiche Größe haben, aber von m kein Wort. Daraus aber, daß er beide hier vorkommende Mengen Mehrwert algebraisch mit m bezeichnet, folgt dies keineswegs. Es ist, da Herr Stiebeling auch den Profit p ohne weiteres mit dem Mehrwert identifiziert, vielmehr grade das, was bewiesen werden soll. Nun sind nur zwei Fälle möglich: entweder sind die beiden m gleich, jede Fabrik produziert gleich viel Mehrwert, also bei gleichem Gesamtkapital auch gleich viel Profit, und dann hat Herr Stiebeling von vornherein das schon vorausgesetzt, was er erst beweisen soll. Oder aber, die eine Fabrik produziert eine größere Summe Mehrwert als die andre, und dann fällt seine ganze Rechnung dahin.
Herr Stiebeling hat weder Mühe noch Kosten gescheut, auf diesen seinen Rechenfehler ganze Berge von Rechnungen aufzubauen und dem Publikum zur Schau zu stellen. Ich kann ihm die beruhigende Versicherung geben, daß sie fast alle gleichmäßig unrichtig sind, und daß sie da, wo dies ausnahmsweise nicht der Fall ist, ganz etwas anders beweisen, als er beweisen will. So beweist er aus der Vergleichung der amerikanischen Zensusberichte von 1870 und 1880 tatsächlich den Fall der Profitrate, erklärt ihn aber total falsch und meint, die Marxsche Theorie einer sich immer gleichbleibenden, stabilen Profitrate durch die Praxis berichtigen zu müssen. Nun folgt aber aus dem dritten Abschnitt des vorliegenden dritten Buchs, daß diese Marxsche „feststehende Profitrate“ ein reines Hirngespinst ist, und daß die fallende Tendenz der Profitrate auf Ursachen beruht, die den von Dr. Stiebeling angegebnen diametral entgegengesetzt sind. Herr Dr. Stiebeling meint es sicher sehr gut, aber wenn man sich mit wissenschaftlichen Fragen beschäftigen will, muß man vor allen Dingen lernen, die Schriften, die man benutzen will, so zu lesen, wie der Verfasser sie geschrieben hat, und vor allem, ohne Dinge hineinzulesen, die nicht darinstehn.
Resultat der ganzen Untersuchung: auch mit Bezug auf die vorliegende Frage ist es wieder nur die Marxsche Schule, die etwas geleistet hat. Fireman und Conrad Schmidt können, wenn sie dies dritte Buch lesen, mit ihren eignen Arbeiten jeder an seinem Teil ganz zufrieden sein.
London, 4. Oktober 1894
F. Engels
Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des „Kapital“
Geschrieben 1895. Erstveröffentlichung des ersten Teils: „Die Neue Zeit“, 1895/96, Nr. 1 und 2; der zweite Teil nach der Handschrift.
Das dritte Buch des „Kapital“, seitdem es der öffentlichen Beurteilung unterliegt, erfährt bereits mehrfache und verschiedenartige Deutungen. Das war nicht anders zu erwarten. Bei der Herausgabe kam es mir vor allem darauf an, einen möglichst authentischen Text herzustellen, die von Marx neugewonnenen Resultate möglichst in Marx’ eignen Worten vorzuführen, mich selbst nur einzumischen, wo es absolut unvermeidlich war, und auch da dem Leser keinen Zweifel darüber zu lassen, wer zu ihm spricht. Man hat das getadelt, man hat gemeint, ich hätte das mir vorliegende Material in ein systematisch ausgearbeitetes Buch umwandeln sollen, en faire un livre, wie die Franzosen sagen, mit andern Worten: die Authentizität des Textes der Bequemlichkeit des Lesers opfern. So hatte ich meine Aufgabe aber nicht aufgefaßt. Zu einer solchen Umarbeitung fehlte mir alle Berechtigung; ein Mann wie Marx hat den Anspruch, selbst gehört zu werden, seine wissenschaftlichen Entdeckungen in der vollen Echtheit seiner eignen Darstellung der Nachwelt zu überliefern. Ferner fehlte mir alle Lust dazu, mich derart, wie ich das ansehn mußte, an dem Nachlaß eines so überlegnen Mannes zu vergreifen, es hätte mich Treubruch gedünkt. Und drittens wäre es rein nutzlos gewesen. Für die Leute, die nicht lesen können oder wollen, die schon beim ersten Buch sich mehr Mühe gegeben, es falsch zu verstehn, als nötig war, es richtig zu verstehn - für diese Leute sich irgendwie in Unkosten setzen, ist überhaupt zwecklos. Für diejenigen aber, denen es um wirkliches Verständnis zu tun ist, war grade die Urschrift selbst das Wichtigste; für sie hätte meine Umarbeitung höchstens den Wert eines Kommentars gehabt, und obendrein des Kommentars zu etwas Unveröffentlichtem und Unzugänglichem. Bei der ersten Kontroverse mußte der Urtext ja doch herbeigezogen werden, und bei der zweiten und dritten wurde seine Herausgabe in extenso unumgänglich.
Solche Kontroversen sind nun selbstverständlich bei einem Werk, das soviel Neues und dies nur in rasch hingeworfner und teilweise lückenhafter erster Bearbeitung bringt. Und hier kann mein Eingreifen allerdings von Nutzen sein, um Schwierigkeiten des Verständnisses zu beseitigen, um wichtige Gesichtspunkte, deren Bedeutung im Text nicht schlagend genug hervortritt, mehr in den Vordergrund zu rücken und um einzelne wichtigere Ergänzungen des 1865 geschriebnen Textes auf den Stand der Dinge von 1895 nachzutragen. In der Tat liegen bereits zwei Punkte vor, über die eine kurze Auseinandersetzung mir nötig scheint.
I. Wertgesetz und Profitrate
Es war zu erwarten, daß die Lösung des scheinbaren Widerspruchs zwischen diesen beiden Faktoren ebensosehr nach wie vor der Veröffentlichung des Marxschen Textes zu Debatten führen werde. Gar mancher hatte sich auf ein vollständiges Wunder gefaßt gemacht und findet sich enttäuscht, weil er statt des erwarteten Hokuspokus eine einfach-rationelle, prosaisch-nüchterne Vermittlung des Gegensatzes vor sich sieht. Am freudigsten enttäuscht ist natürlich der bekannte illustre Loria. Der hat endlich den archimedischen Hebelpunkt gefunden, von dem aus sogar ein Wichtelmännchen seines Kalibers den festgefügten Marxschen Riesenbau in die Luft heben und zersprengen kann. Was, ruft er entrüstet aus, das soll eine Lösung sein? Das ist ja eine pure Mystifikation! Die Ökonomen, wenn sie von Wert sprechen, so sprechen sie von dem Wert, der tatsächlich im Austausch sich feststellt.
„Aber sich mit einem Wert beschäftigen, zu dem die Waren weder verkauft werden noch je verkauft werden können (nè possono vendersi mai), das hat kein Ökonom, der eine Spur von Verstand besitzt, je getan, noch wird er es tun ... Wenn Marx behauptet, der Wert, zu dem die Waren nie verkauft werden, sei bestimmt im Verhältnis der in ihnen enthaltnen Arbeit, was tut er da anders, als in verkehrter Form den Satz der orthodoxen Ökonomen wiederholen: daß der Wert, zu dem die Waren verkauft werden, nicht im Verhältnis steht zu der auf sie verwandten Arbeit? ... Es hilft auch nichts, wenn Marx sagt, trotz der Abweichung der Einzelpreise von den Einzelwerten falle der Totalpreis der sämtlichen Waren stets zusammen mit ihrem Totalwert oder mit der in der Totalmenge der Waren enthaltnen Arbeitsquantität. Denn da der Wert nichts andres ist als das Verhältnis, worin eine Ware mit einer andren sich austauscht, ist schon die bloße Vorstellung eines Totalwerts eine Absurdität, ein Unsinn ... eine contradictio in adjecto.“
Gleich am Anfang des Werks sage Marx, der Austausch könne zwei Waren nur gleichsetzen kraft eines in ihnen enthaltnen gleichartigen und gleich großen Elements, nämlich der in ihnen enthaltnen gleich großen Arbeitsmenge. Und jetzt verleugne er sich selbst aufs feierlichste, indem er versichere, die Waren tauschten sich aus in einem ganz andern Verhältnis als in dem der in ihnen enthaltnen Arbeitsmenge.
„Wann gab es je eine so vollständige Reduktion ad absurdum, einen größeren theoretischen Bankerott? Wann ist jemals ein wissenschaftlicher Selbstmord mit größerem Pomp und mit mehr Feierlichkeit begangen worden?“ („Nuova Antologia“, 1. Febr. 1895, p. 477, 478, 479.)
Man sieht, unser Loria ist überglücklich. Hat er nicht recht gehabt, Marx als seinesgleichen, als ordinären Scharlatan zu traktieren? Da seht ihr’s - Marx mokiert sich über sein Publikum ganz wie Loria, er lebt von Mystifikationen ganz wie der kleinste italienische Professor der Ökonomie. Aber während Dulcamara sich das erlauben darf, weil er sein Handwerk versteht, verfällt der plumpe Nordländer Marx in lauter Ungeschicklichkeiten, macht Unsinn und Absurdität, so daß ihm schließlich nichts übrigbleibt als feierlicher Selbstmord.
Sparen wir uns für später die Behauptung auf, daß die Waren nie zu den durch die Arbeit bestimmten Werten verkauft worden sind noch je dazu verkauft werden können. Halten wir uns hier nur an die Versicherung des Herrn Loria, daß
„der Wert nichts andres ist als das Verhältnis, worin eine Ware mit einer andern sich austauscht, und daß hiernach schon die bloße Vorstellung eines Totalwerts dar Waren eine Absurdität, ein Unsinn etc. ist“.
Das Verhältnis, worin zwei Waren sich austauschen, ihr Wert, ist also etwas rein Zufälliges, den Waren von außen Angeflogenes, das heute so, morgen so sein kann. Ob ein Meterzentner Weizen sich gegen ein Gramm oder gegen ein Kilogramm Gold austauscht, hängt nicht im mindesten von Bedingungen ab, die diesem Weizen oder Gold inhärent sind, sondern von ihnen beiden total fremden Umständen. Denn sonst müßten diese Bedingungen sich auch im Austausch geltend machen, ihn im ganzen und großen beherrschen und auch abgesehn vom Austausch eine selbständige Existenz haben, so daß von einem Gesamtwert der Waren die Rede sein könnte. Das ist Unsinn, sagt der illustre Loria. In welchem Verhältnis immer zwei Waren sich austauschen mögen, das ist ihr Wert, und damit holla. Der Wert ist also identisch mit dem Preis, und jede Ware hat so viel Werte, als sie Preise erzielen kann. Und der Preis wird bestimmt durch Nachfrage und Angebot, und wer noch weiter fragt, der ist ein Narr, wenn er auf Antwort wartet.
Die Sache hat aber doch einen kleinen Haken. Im Normalzustand decken sich Nachfrage und Angebot. Teilen wir also sämtliche in der Welt vorhandne Waren in zwei Hälften, in die Gruppe der Nachfrage und die gleich große des Angebots. Nehmen wir an, jede repräsentiere einen Preis von 1.000 Milliarden Mark, Franken, Pfund Sterling oder was immer. Das macht zusammen nach Adam Riese einen Preis oder Wert von 2.000 Milliarden. Unsinn, absurd, sagt Herr Loria. Die beiden Gruppen mögen zusammen einen Preis von 2.000 Milliarden repräsentieren. Aber mit dem Wert ist das anders. Sagen wir Preis, so sind 1.000 + 1.000 = 2000. Sagen wir aber Wert, so sind 1.000 + 1.000 = 0. Wenigstens in diesem Fall, wo es sich um die Gesamtheit der Waren handelt. Denn hier ist die Ware eines jeden von beiden nur 1.000 Milliarden wert, weil jeder von beiden diese Summe für die Ware des andern geben will und kann. Vereinigen wir aber die Gesamtheit der Waren beider in der Hand eines dritten, so hat der erste keinen Wert mehr in der Hand, der andre auch nicht und der dritte erst recht nicht - am End hat keiner nix. Und wir bewundern abermals die Überlegenheit, womit unser südländischer Cagliostro den Wertbegriff dermaßen vermöbelt hat, daß aber auch nicht die geringste Spur mehr von ihm übriggeblieben ist. Es ist dies die Vollendung der Vulgärökonomie!1
In Brauns „Archiv für soziale Gesetzgebung“, VII, Heft 4, gibt Werner Sombart eine in ihrer Gesamtheit vortreffliche Darstellung der Umrisse des Marxschen Systems. Es ist das erstemal, daß ein deutscher Universitätsprofessor es fertigbringt, im ganzen und großen in Marx’ Schriften das zu sehn, was Marx wirklich gesagt hat, daß er erklärt, die Kritik des Marxschen Systems könne nicht in einer Widerlegung bestehn „mit der mag sich der politische Streber befassen“ -, sondern nur in einer Weiterentwicklung. Auch Sombart, wie sich versteht, beschäftigt sich mit unsrem Thema. Er untersucht die Frage, welche Bedeutung der Wert im Marxschen System hat, und kommt zu folgenden Resultaten: Der Wert tritt in dem Austauschverhältnis der kapitalistisch produzierten Waren nicht in die Erscheinung; er lebt nicht im Bewußtsein der kapitalistischen Produktionsagenten; er ist keine empirische, sondern eine gedankliche, eine logische Tatsache; der Wertbegriff in materieller Bestimmtheit bei Marx ist nichts andres als der ökonomische Ausdruck für die Tatsache der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit als Grundlage des wirtschaftlichen Daseins; das Wertgesetz beherrscht die wirtschaftlichen Vorgänge in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung in letzter Instanz und hat für diese Wirtschaftsordnung ganz allgemein den Inhalt: Der Wert der Waren ist die spezifisch historische Form, in der sich die in letzter Instanz alle wirtschaftlichen Vorgänge beherrschende Produktivkraft der Arbeit bestimmend durchsetzt. - Soweit Sombart; es läßt sich gegen diese Auffassung der Bedeutung des Wertgesetzes für die kapitalistische Produktionsform nicht sagen, daß sie unrichtig ist. Wohl aber scheint sie mir zu weit gefaßt, einer engeren, präziseren Fassung fähig; sie erschöpft nach meiner Ansicht keineswegs die ganze Bedeutung des Wertgesetzes für die von diesem Gesetz beherrschten ökonomischen Entwicklungsstufen der Gesellschaft.
In Brauns „Sozialpolitischem Zentralblatt“ vom 25. Februar 1895, Nr. 22, findet sich ein ebenfalls vortrefflicher Artikel über den 3. Band des „Kapital“ von Conrad Schmidt. Besonders hervorzuheben ist hier der Nachweis, wie die Marxsche Ableitung des Durchschnittsprofits vom Mehrwert zum erstenmal eine Antwort auf die von der bisherigen Ökonomie nicht einmal aufgeworfne Frage gibt, wie denn die Höhe dieser Durchschnittsprofitrate bestimmt werde und wie es komme, daß sie sage 10 oder 15% ist und nicht 50 oder 100%. Seitdem wir wissen, daß der vom industriellen Kapitalisten in erster Hand angeeignete Mehrwert die einzige und ausschließliche Quelle ist, aus der Profit und Grundrente fließen, löst sich diese Frage von selbst. Dieser Teil des Schmidtschen Aufsatzes könnte direkt für Ökonomen à la Loria geschrieben sein, wäre es nicht vergebliche Mühe, denen die Augen zu öffnen, die nicht sehn wollen.
Auch Schmidt hat seine formellen Bedenken bezüglich des Wertgesetzes. Er nennt es eine wissenschaftliche, zur Erklärung des tatsächlichen Austauschprozesses aufgestellte Hypothese, die sich auch den ihr scheinbar ganz widersprechenden Erscheinungen der Konkurrenzpreise gegenüber als der notwendige theoretische Ausgangspunkt, als lichtbringend und unumgänglich bewährt; ohne das Wertgesetz hört auch nach seiner Ansicht jede theoretische Einsicht in das ökonomische Getriebe der kapitalistischen Wirklichkeit auf. Und in einem Privatbrief, den er mir anzuführen gestattet, erklärt Schmidt das Wertgesetz innerhalb der kapitalistischen Produktionsform gradezu für eine, wenn auch theoretisch notwendige, Fiktion. - Diese Auffassung trifft aber nach meiner Ansicht durchaus nicht zu. Das Wertgesetz hat für die kapitalistische Produktion eine weit größere und bestimmtere Bedeutung als die einer bloßen Hypothese, geschweige einer wenn auch notwendigen Fiktion.
Bei Sombart sowohl wie bei Schmidt - den illustren Loria ziehe ich nur herbei als erheiternde vulgärökonomische Folie - wird nicht genug berücksichtigt, daß es sich hier nicht nur um einen rein logischen Prozeß handelt, sondern um einen historischen Prozeß und dessen erklärende Rückspiegelung im Gedanken, die logische Verfolgung seiner inneren Zusammenhänge.
Die entscheidende Stelle findet sich bei Marx III, I, p. 154: „Die ganze Schwierigkeit kommt dadurch hinein, daß die Waren nicht einfach als Waren ausgetauscht werden, sondern als Produkte von Kapitalen, die im Verhältnis zu ihrer Größe, oder bei gleicher Größe, gleiche Teilnahme an der Gesamtmasse des Mehrwerts beanspruchen.“ Zur Illustration dieses Unterschieds wird nun unterstellt, die Arbeiter seien im Besitz ihrer Produktionsmittel, arbeiteten im Durchschnitt gleich lange Zeit und mit gleicher Intensität und tauschten ihre Waren direkt miteinander aus. Dann hätten zwei Arbeiter in einem Tage ihrem Produkt gleich viel Neuwert durch ihre Arbeit zugesetzt, aber das Produkt eines jeden hätte verschiednen Wert je nach der in den Produktionsmitteln früher schon verkörperten Arbeit. Dieser letztere Wertteil würde das konstante Kapital der kapitalistischen Wirtschaft repräsentieren, der auf die Lebensmittel des Arbeiters verwandte Teil des neu zugesetzten Werts das variable Kapital, der dann noch übrige Teil des Neuwerts den Mehrwert, der hier also dem Arbeiter gehörte. Beide Arbeiter erhielten also, nach Abzug des Ersatzes für den von ihnen nur vorgeschossenen „konstanten“ Wertteil, gleiche Werte; das Verhältnis des den Mehrwert repräsentierenden Teils zu dem Wert der Produktionsmittel - was der kapitalistischen Profitrate entspräche - wäre aber bei beiden verschieden. Da aber jeder von ihnen den Wert der Produktionsmittel im Austausch ersetzt erhält, wäre dies ein völlig gleichgültiger Umstand. „Der Austausch von Waren zu ihren Werten oder annähernd zu ihren Werten, erfordert also eine viel niedrigere Stufe als der Austausch zu Produktionspreisen, wozu eine bestimmte Höhe kapitalistischer Entwicklung nötig ist ... Abgesehn von der Beherrschung der Preise und der Preisbewegung durch das Wertgesetz, ist es also durchaus sachgemäß, die Werte der Waren nicht nur theoretisch, sondern auch historisch als das prius der Produktionspreise zu betrachten. Es gilt dies für Zustände, wo dem Arbeiter die Produktionsmittel gehören, und dieser Zustand findet sich, in der alten wie in der modernen Welt, beim selbstarbeitenden grundbesitzenden Bauer und beim Handwerker. Es stimmt dies auch mit unsrer früher ausgesprochnen Ansicht, daß die Entwicklung der Produkte zu Waren entspringt durch den Austausch zwischen verschiednen Gemeinwesen, nicht zwischen den Gliedern einer und derselben Gemeinde. Wie für diesen ursprünglichen Zustand, so gilt es für die späteren Zustände, die auf Sklaverei und Leibeigenschaft gegründet sind, und für die Zunftorganisation des Handwerks, solange die in jedem Produktionszweig festgelegten Produktionsmittel nur mit Schwierigkeit aus der einen Sphäre in die andre übertragbar sind und die verschiednen Sphären sich daher zueinander verhalten wie fremde Länder oder kommunistische Gemeinwesen.“ (Marx, III, I, p. 155, 156.)
Wäre Marx dazu gekommen, das dritte Buch nochmals durchzuarbeiten, er hätte ohne Zweifel diese Stelle bedeutend weiter ausgeführt. So wie sie da steht, gibt sie nur den skizzierten Umriß von dem, was über den Fragepunkt zu sagen ist. Gehen wir also etwas näher darauf ein.
Wir alle wissen, daß in den Anfängen der Gesellschaft die Produkte von den Produzenten selbst verbraucht werden und daß diese Produzenten in mehr oder minder kommunistisch organisierten Gemeinden naturwüchsig organisiert sind; daß der Austausch des Überschusses dieser Produkte mit Fremden, der die Verwandlung der Produkte in Waren einleitet, späteren Datums ist, zuerst nur zwischen einzelnen stammesfremden Gemeinden stattfindet, später aber auch innerhalb der Gemeinde zur Geltung kommt und wesentlich zu deren Auflösung in größere oder kleinere Familiengruppen beiträgt. Aber selbst nach dieser Auflösung bleiben die austauschenden Familienhäupter arbeitende Bauern, die fast ihren ganzen Bedarf mit Hilfe ihrer Familie auf dem eignen Hof produzieren und nur einen geringen Teil der benötigten Gegenstände gegen überschüssiges eignes Produkt von außen eintauschen. Die Familie treibt nicht bloß Ackerbau und Viehzucht, sie verarbeitet auch deren Produkte zu fertigen Verbrauchsartikeln, mahlt stellenweise noch selbst mit der Handmühle, bäckt Brot, spinnt, färbt, verweht Flachs und Wolle, gerbt Leder, errichtet und repariert hölzerne Gebäude, stellt Werkzeuge und Geräte her, schreinert und schmiedet nicht selten; so daß die Familie oder Familiengruppe in der Hauptsache sich selbst genügt.
Das Wenige nun, was eine solche Familie von andern einzutauschen oder zu kaufen hat, bestand selbst bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland vorwiegend aus Gegenständen handwerksmäßiger Produktion, also aus solchen Dingen, deren Herstellungsart dem Bauer keineswegs fremd war und die er nur deshalb nicht selbst produzierte, weil ihm entweder der Rohstoff nicht zugänglich oder der gekaufte Artikel viel besser oder sehr viel wohlfeiler war. Dem Bauer des Mittelalters war also die für die Herstellung der von ihm eingetauschten Gegenstände erforderliche Arbeitszeit ziemlich genau bekannt. Der Schmied, der Wagner des Dorfs arbeiteten ja unter seinen Augen; ebenso der Schneider und Schuhmacher, der noch zu meiner Jugendzeit bei unsern rheinischen Bauern der Reihe nach einkehrte und die selbstverfertigten Stoffe zu Kleidern und Schuhen verarbeitete. Der Bauer sowohl wie die Leute, von denen er kaufte, waren selbst Arbeiter, die ausgetauschten Artikel waren die eignen Produkte eines jeden. Was hatten sie bei der Herstellung dieser Produkte aufgewandt? Arbeit und nur Arbeit: für den Ersatz der Werkzeuge, für Erzeugung des Rohstoffs, für seine Verarbeitung haben sie nichts ausgegeben als ihre eigne Arbeitskraft; wie also können sie diese ihre Produkte mit denen andrer arbeitenden Produzenten austauschen anders als im Verhältnis der darauf verwandten Arbeit? Da war nicht nur die auf diese Produkte verwandte Arbeitszeit der einzige geeignete Maßstab für die quantitative Bestimmung der auszutauschenden Größen; da war überhaupt kein andrer möglich. Oder glaubt man, der Bauer und der Handwerker seien so dumm gewesen, das Produkt zehnstündiger Arbeit des einen für das einer einzigen Arbeitsstunde des andern hinzugeben? Für die ganze Periode der bäuerlichen Naturalwirtschaft ist kein andrer Austausch möglich als derjenige, wo die ausgetauschten Warenquanta die Tendenz haben, sich mehr und mehr nach den in ihnen verkörperten Arbeitsmengen abzumessen. Von dem Augenblick an, wo das Geld in diese Wirtschaftsweise eindringt, wird die Tendenz der Anpassung an das Wertgesetz (in der Marxschen Formulierung, nota bene!) einerseits noch ausgesprochener, andrerseits aber wird sie auch schon durch die Eingriffe des Wucherkapitals und der fiskalischen Aussaugung durchbrochen, die Perioden, für die die Preise im Durchschnitt sich den Werten bis auf eine zu vernachlässigende Größe nähern, werden schon länger.
Das gleiche gilt für den Austausch zwischen Bauernprodukten und denen der städtischen Handwerker. Anfangs findet dieser direkt statt, ohne Vermittlung des Kaufmanns, an den Markttagen der Städte, wo der Bauer verkauft und seine Einkäufe macht. Auch hier sind nicht nur dem Bauer die Arbeitsbedingungen des Handwerkers bekannt, sondern dem Handwerker auch die des Bauern. Denn er ist selbst noch ein Stück Bauer, er hat nicht nur Küchen- und Obstgarten, sondern auch sehr oft ein Stückchen Feld, eine oder zwei Kühe, Schweine, Federvieh usw. Die Leute im Mittelalter waren so imstande, jeder dem andern die Produktionskosten an Rohstoff, Hilfsstoff, Arbeitszeit mit ziemlicher Genauigkeit nachzurechnen - wenigstens, was Artikel täglichen allgemeinen Gebrauchs betraf.
Wie war aber für diesen Austausch nach dem Maßstab des Arbeitsquantums dies letztere, wenn auch nur indirekt und relativ, zu berechnen für Produkte, die eine längere, in unregelmäßigen Zwischenräumen unterbrochne, in ihrem Ertrag unsichre Arbeit erheischten, z.B. Korn oder Vieh? Und das obendrein bei Leuten, die nicht rechnen konnten? Offenbar nur durch einen langwierigen, oft im Dunkeln hin und her tastenden Prozeß der Annäherung im Zickzack, wobei man, wie sonst auch, erst durch den Schaden klug wurde. Aber die Notwendigkeit für jeden, im ganzen und großen auf seine Kosten zu kommen, half immer wieder in die korrekte Richtung, und die geringe Anzahl der in den Verkehr kommenden Arten von Gegenständen, sowie die oft während Jahrhunderten stabile Art ihrer Produktion, erleichterte die Erreichung des Ziels. Und daß es keineswegs so lange dauerte, bis die relative Wertgröße dieser Produkte ziemlich annähernd festgestellt war, beweist allein die Tatsache, daß die Ware, bei der dies wegen der langen Produktionszeit des einzelnen Stücks am schwierigsten scheint, das Vieh, die erste ziemlich allgemein anerkannte Geldware wurde. Um dies fertigzubringen, mußte der Wert des Viehs, sein Austauschverhältnis zu einer ganzen Reihe von andern Waren, schon eine relativ ungewöhnliche, auf dem Gebiet zahlreicher Stämme widerspruchslos anerkannte Feststellung erlangt haben. Und die Leute von damals waren sicher gescheit genug - die Viehzüchter sowohl wie ihre Kunden -, um nicht die von ihnen aufgewandte Arbeitszeit im Austausch ohne Äquivalent wegzuschenken. Im Gegenteil: je näher die Leute dem Urzustand der Warenproduktion stehn - Russen und Orientalen z.B. -, desto mehr Zeit verschwenden sie noch heute, um durch langes, zähes Schachern den vollen Entgelt ihrer auf ein Produkt verwandten Arbeitszeit herauszuschlagen.
Ausgehend von dieser Wertbestimmung durch die Arbeitszeit, entwickelte sich nun die ganze Warenproduktion und mit ihr die mannigfachen Beziehungen, in denen die verschiednen Seiten des Wertgesetzes sich geltend machen, wie sie im ersten Abschnitt des ersten Buchs des „Kapital“ dargelegt sind; also namentlich die Bedingungen, unter denen allein die Arbeit wertbildend ist. Und zwar sind dies Bedingungen, die sich durchsetzen, ohne den Beteiligten zum Bewußtsein zu kommen, und die selbst erst durch mühsame theoretische Untersuchung aus der alltäglichen Praxis abstrahiert werden können, die also nach Art von Naturgesetzen wirken, wie dies Marx auch als notwendig aus der Natur der Warenproduktion folgend nachgewiesen hat. Der wichtigste und einschneidendste Fortschritt war der Übergang zum Metallgeld, der aber auch die Folge hatte, daß nun die Wertbestimmung durch die Arbeitszeit nicht länger auf der Oberfläche des Warenaustausches sichtbar erschien. Das Geld wurde für die praktische Auffassung der entscheidende Wertmesser, und dies um so mehr, je mannigfaltiger die in den Handel kommenden Waren wurden, je mehr sie entlegnen Ländern entstammten, je weniger also die zu ihrer Herstellung nötige Arbeitszeit sich kontrollieren ließ. Kam doch das Geld anfänglich selbst meist aus der Fremde; auch als Edelmetall im Lande gewonnen wurde, war der Bauer und Handwerker teils nicht imstande, die darauf verwandte Arbeit annähernd abzuschätzen, teils war ihm selbst schon das Bewußtsein von der wertmessenden Eigenschaft der Arbeit durch die Gewohnheit des Geldrechnens ziemlich verdunkelt; das Geld begann in der Volksvorstellung den absoluten Wert zu repräsentieren.
Mit einem Wort: das Marxsche Wertgesetz gilt allgemein, soweit überhaupt ökonomische Gesetze gelten, für die ganze Periode der einfachen Warenproduktion, also bis zur Zeit, wo diese durch den Eintritt der kapitalistischen Produktionsform eine Modifikation erfährt. Bis dahin gravitieren die Preise nach den durch das Marxsche Gesetz bestimmten Werten hin und oszillieren um diese Werte, so daß, je voller die einfache Warenproduktion zur Entfaltung kommt, desto mehr die Durchschnittspreise längerer, nicht durch äußre gewaltsame Störungen unterbrochener Perioden innerhalb der Vernachlässigungsgrenzen mit den Werten zusammenfallen. Das Marxsche Wertgesetz hat also ökonomisch-allgemeine Gültigkeit für eine Zeitdauer, die vom Anfang des die Produkte in Waren verwandelnden Austausches bis ins fünfzehnte Jahrhundert unsrer Zeitrechnung dauert. Der Warenaustausch aber datiert von einer Zeit, die vor aller geschriebnen Geschichte liegt, die in Ägypten auf mindestens drittehalbtausend, vielleicht fünftausend, in Babylonien auf viertausend, vielleicht sechstausend Jahre vor unsrer Zeitrechnung zurückführt; das Wertgesetz hat also geherrscht während einer Periode von fünf bis sieben Jahrtausenden. Und nun bewundre man die Gründlichkeit des Herrn Loria, der den während dieser Zeit allgemein und direkt gültigen Wert einen Wert nennt, zu dem die Waren nie verkauft werden oder verkauft werden können und mit dem kein Ökonom sich je beschäftigen wird, der einen Funken gesunden Verstand hat!
Bisher haben wir nicht vom Kaufmann gesprochen. Wir konnten uns die Berücksichtigung seiner Intervention aufsparen bis jetzt, wo wir zur Verwandlung der einfachen in kapitalistische Warenproduktion übergehn. Der Kaufmann war das revolutionäre Element in dieser Gesellschaft, wo alles sonst stabil war, stabil sozusagen durch Erblichkeit; wo der Bauer nicht nur seine Hufe, sondern auch seine Stellung als freier Eigentümer, freier oder höriger Zinsbauer oder Leibeigner, der städtische Handwerker sein Handwerk und seine zünftigen Privilegien erblich und fast unveräußerlich überkam und jeder von ihnen obendrein seine Kundschaft, seinen Absatzmarkt, ebensosehr wie sein von Jugend auf für den ererbten Beruf ausgebildetes Geschick. In diese Welt trat nun der Kaufmann, von dem ihre Umwälzung ausgehn sollte. Aber nicht als bewußter Revolutionär; im Gegenteil, als Fleisch von ihrem Fleisch, Bein von ihrem Bein. Der Kaufmann des Mittelalters war durchaus kein Individualist, er war wesentlich Genossenschafter wie alle seine Zeitgenossen. Auf dem Lande herrschte die dem urwüchsigen Kommunismus entsprossene Markgenossenschaft. Jeder Bauer hatte ursprünglich eine gleich große Hufe, mit gleich großen Stücken Boden von jeder Qualität, und einen entsprechenden gleich großen Anteil an den Rechten in der gemeinen Mark. Seitdem die Markgenossenschaft eine geschlossene geworden war und keine neuen Hufen mehr ausgeteilt wurden, traten durch Erbschaft etc. Unterteilungen der Hufen ein und dementsprechende Unterteilungen der Markberechtigung; aber die Vollhufe blieb die Einheit, so daß es Halb-, Viertels-, Achtelshufen mit halber, Viertels- und Achtelsberechtigung in der gemeinen Mark gab. Nach dem Vorbild der Markgenossenschaft richteten sich alle späteren Erwerbsgenossenschaften, vor allem die Zünfte in den Städten, deren Ordnung nichts war als die Anwendung der Markverfassung auf ein Handwerksprivilegium statt auf ein begrenztes Landgebiet. Der Mittelpunkt der ganzen Organisation war die gleiche Beteiligung jedes Genossen an den der Gesamtheit gesicherten Vorrechten und Nutzungen, wie sich dies noch schlagend in dem Privilegium der Elberfelder und Barmer „Garnnahrung“ von 1527 ausspricht. (Thun, „Industrie am Niederrhein“, II, 164ff.) Dasselbe gilt von den Gewerken der Bergwerke, wo auch jede Kux gleichen Anteil hatte und auch, wie die Hufe des Markgenossen, samt ihren Rechten und Pflichten teilbar war. Und dasselbe gilt in nicht mindrem Grad von den kaufmännischen Genossenschaften, die den überseeischen Handel ins Leben riefen. Die Venetianer und die Genuesen im Hafen von Alexandrien oder Konstantinopel, jede „Nation“ in ihrem eignen Fondaco - Wohnhaus, Wirtshaus, Lagerhaus, Ausstellungs- und Verkaufsraum nebst Zentralbüro - bildeten vollständige Handelsgenossenschaften, sie waren abgeschlossen gegen Konkurrenten und Kunden, sie verkauften zu unter sich festgestellten Preisen, ihre Waren hatten bestimmte, durch öffentliche Untersuchung und oft Abstempelung garantierte Qualität, sie beschlossen gemeinsam über die den Eingebornen für ihre Produkte zu zahlenden Preise etc. Nicht anders verfuhren die Hanseaten auf der deutschen Brücke (Tydske Bryggen) zu Bergen in Norwegen und ebenso ihre holländischen und englischen Konkurrenten. Wehe dem, der unter dem Preis verkauft oder über dem Preis eingekauft hätte! Der Boykott, der ihn traf, bedeutete damals den unbedingten Ruin, ungerechnet die direkten Strafen, die die Genossenschaft über den Schuldigen verhängte. Es wurden aber auch noch engere Genossenschaften zu bestimmten Zwecken gegründet, dergleichen die Maona von Genua, die langjährige Beherrscherin der Alaungruben von Phokäa in Kleinasien sowie der Insel Chios, im 14. und 15. Jahrhundert, ferner die große Ravensberger Handelsgesellschaft, die seit Ende des 14. Jahrhunderts nach Italien und Spanien Geschäfte machte und dort Niederlassungen gründete, und die deutsche Gesellschaft der Augsburger Fugger, Welser, Vöhlin, Höchstetter etc. und der Nürnberger Hirschvogel und andre, die mit einem Kapital von 66.000 Dukaten und drei Schiffen sich an der portugiesischen Expedition nach Indien 1505/06 beteiligte und dabei einen Reingewinn von 150, nach andern 175 Prozent herausschlug, (Heyd, „Levantehandel“, II, 524) und eine ganze Reihe andrer Gesellschaften „Monopolia“, über die Luther sich so erzürnt.
Hier stoßen wir zum erstenmal auf einen Profit und eine Profitrate. Und zwar ist das Bestreben der Kaufleute absichtlich und bewußt darauf gerichtet, diese Profitrate für alle Beteiligten gleichzumachen. Die Venetianer in der Levante, die Hanseaten im Norden zahlten jeder dieselben Preise für seine Waren wie seine Nachbarn, sie kosteten ihm dieselben Transportkosten, er erhielt dafür dieselben Preise und kaufte ebenfalls Rückfracht ein zu denselben Preisen wie jeder andre Kaufmann seiner „Nation“. Die Profitrate war also für alle gleich. Bei den großen Handelsgesellschaften versteht sich die Verteilung des Gewinns pro rata des eingeschoßnen Kapitalanteils genauso von selbst wie die Beteiligung an den Markrechten pro rata des berechtigten Hufenanteils oder an dem Bergwerksgewinn pro rata des Kuxenanteils. Die gleiche Profitrate, die in ihrer vollen Entwicklung eins der Endergebnisse der kapitalistischen Produktion ist, erweist sich hier also in ihrer einfachsten Form als einer der Punkte, wovon das Kapital historisch ausgegangen, ja sogar als ein direkter Ableger der Markgenossenschaft, die wieder ein direkter Ableger des Urkommunismus ist.
Diese ursprüngliche Profitrate war notwendig sehr hoch. Das Geschäft war sehr riskant, nicht nur wegen des stark grassierenden Seeraubs; auch die konkurrierenden Nationen erlaubten sich manchmal allerlei Gewalttätigkeiten, wenn sich Gelegenheit bot; endlich beruhte der Absatz und die Absatzbedingungen auf Privilegien fremder Fürsten, die oft genug gebrochen oder widerrufen wurden. Der Gewinn mußte also eine hohe Assekuranzprämie einschließen. Dann war der Umsatz langsam, die Abwicklung der Geschäfte langwierig, und in den besten Zeiten, die allerdings selten von langer Dauer, war das Geschäft ein Monopolhandel mit Monopolprofit. Daß die Profitrate im Durchschnitt sehr hoch war, beweisen auch die damals gültigen sehr hohen Zinsraten, die doch immer im ganzen niedriger sein mußten als der Prozentsatz des üblichen Handelsgewinns.
Diese durch das genossenschaftliche Zusammenwirken erwirkte hohe, für alle Beteiligten gleiche Profitrate hatte aber nur lokale Geltung innerhalb der Genossenschaft, also hier der „Nation“. Venetianer, Genuesen, Hanseaten, Holländer hatten, jede Nation für sich und wohl auch mehr oder weniger anfangs für jedes einzelne Absatzgebiet, eine besondre Profitrate. Die Ausgleichung dieser verschiednen Genossenschafts-Profitraten setzte sich durch auf dem entgegengesetzten Weg, durch die Konkurrenz. Zunächst die Profitraten der verschiednen Märkte für eine und dieselbe Nation. Bot Alexandrien mehr Gewinn für venetianische Waren als Cypern, Konstantinopel oder Trapezunt, so werden die Venetianer für Alexandrien mehr Kapital in Bewegung gesetzt und dies dem Verkehr mit den andern Märkten entzogen haben. Dann mußte die allmähliche Ausgleichung der Profitraten zwischen den einzelnen, nach denselben Märkten dieselben oder ähnliche Waren ausführenden Nationen an die Reihe kommen, wobei sehr häufig einzelne dieser Nationen erdrückt wurden und vom Schauplatz verschwanden. Dieser Prozeß wurde aber fortwährend von politischen Ereignissen unterbrochen, wie denn der ganze Levantehandel infolge der mongolischen und türkischen Invasionen an dieser Ursache zugrunde ging und die großen geographisch-kommerziellen Entdeckungen seit 1492 diesen Untergang nur beschleunigten und dann endgültig machten.
Die nun erfolgende plötzliche Ausdehnung des Absatzgebiets und damit zusammenhängende Umwälzung der Verkehrslinien brachte zunächst keine wesentliche Änderung in der Art des Handelsbetriebs. Auch nach Indien und Amerika handelten zunächst vorwiegend noch Genossenschaften. Aber erstens standen hinter diesen Genossenschaften größere Nationen. An die Stelle der levantehandelnden Katalonier trat im Amerikahandel das ganze große vereinigte Spanien; neben ihm zwei große Länder wie England und Frankreich; und selbst Holland und Portugal, die kleinsten, waren immer noch mindestens ebenso groß und stark wie Venedig, die größte und stärkste Handelsnation der vorigen Periode. Das gab dem fahrenden Kaufmann, dem merchant adventurer des 16. und 17. Jahrhunderts einen Rückhalt, der die ihre Glieder auch mit den Waffen schützende Genossenschaft mehr und mehr überflüssig, ihre Kosten daher direkt lästig machte. Dann entwickelte sich jetzt der Reichtum in einzelner Hand bedeutend schneller, so daß bald vereinzelte Kaufleute ebensoviel Fonds auf eine Unternehmung wenden konnten wie früher eine ganze Gesellschaft. Die Handelsgesellschaften, wo sie noch fortbestanden, verwandelten sich meist in bewaffnete Korporationen, die unter dem Schutz und der Oberhoheit des Mutterlandes neuentdeckte ganze Länder eroberten und monopolistisch ausbeuteten. Je mehr aber in den neuen Gebieten Kolonien vorwiegend auch von Staats wegen angelegt wurden, desto mehr trat der genossenschaftliche Handel vor dem des einzelnen Kaufmanns zurück, und damit wurde die Ausgleichung der Profitrate mehr und mehr ausschließliche Sache der Konkurrenz.
Bisher haben wir eine Profitrate kennengelernt nur für das Handelskapital. Denn nur Handels- und Wucherkapital hatte es bisher gegeben, das industrielle Kapital sollte sich eben erst entwickeln. Die Produktion war noch vorwiegend in den Händen von Arbeitern, die im Besitz ihrer eignen Produktionsmittel waren, deren Arbeit also keinem Kapital einen Mehrwert abwarf. Mußten sie einen Teil des Produkts ohne Entgelt an Dritte abtreten, dann in der Form des Tributs an Feudalherren. Das Kaufmannskapital konnte seinen Profit daher, wenigstens anfangs, nur aus den ausländischen Käufern inländischer oder den inländischen Käufern ausländischer Produkte herausschlagen; erst gegen Ende dieser Periode - für Italien also mit dem Niedergang des Levantehandels - mochte die auswärtige Konkurrenz und der erschwerte Absatz den handwerksmäßigen Produzenten von Ausfuhrwaren zwingen, dem Exportkaufmann die Ware unter ihrem Wert abzulassen. Und so finden wir hier die Erscheinung, daß im inländischen Detailverkehr der einzelnen Produzenten untereinander die Waren durchschnittlich zu ihren Werten verkauft werden, im internationalen Handel aber, aus angegebnen Gründen, der Regel nach nicht. Ganz im Gegensatz zur heutigen Welt, wo die Produktionspreise im internationalen und Großhandel Geltung haben, während im städtischen Kleinhandel die Preisbildung durch ganz andre Profitraten reguliert wird. So daß z.B. heute das Fleisch eines Ochsen einen größeren Preisaufschlag erfährt auf dem Wege vom Londoner Engroshändler bis zum einzelnen Londoner Konsumenten als vom Engroshändler in Chicago, inklusive Transport, bis zum Londoner Engroshändler.
Das Werkzeug, das diese Umwälzung in der Preisbildung allmählich zustande brachte, war das industrielle Kapital. Bereits im Mittelalter hatten sich Ansätze dazu gebildet, und zwar auf drei Gebieten: Reederei, Bergwerk, Textilindustrie. Reederei auf dem von den italienischen und hanseatischen Seerepubliken betriebnen Maßstab war unmöglich ohne Matrosen, d.h. Lohnarbeiter (deren Lohnverhältnis unter genossenschaftlichen Formen mit Gewinnbeteiligung versteckt sein mochte), und für die Galeeren jener Zeit auch ohne Ruderer, Lohnarbeiter oder Sklaven. Die Gewerken der Erzgruben, ursprünglich genossenschaftliche Arbeiter, hatten sich in fast allen Fällen bereits in Aktiengesellschaften zur Ausbeutung des Betriebs vermittelst Lohnarbeiter verwandelt. Und in der Textilindustrie hatte der Kaufmann angefangen, die kleinen Webermeister direkt in seinen Dienst zu stellen, indem er ihnen das Garn lieferte und gegen fixen Lohn für seine Rechnung in Gewebe verwandeln ließ, kurz, indem er aus einem bloßen Käufer ein sogenannter Verleger wurde.
Hier haben wir die ersten Anfänge kapitalistischer Mehrwertsbildung vor uns. Die bergmännischen Gewerken können wir als geschlossene Monopol-Korporationen außer acht lassen. Von den Reedern liegt es auf der Hand, daß ihre Profite mindestens die landesüblichen sein mußten, mit Extrazuschlag für Assekuranz, Verschleiß der Schiffe etc. Wie aber lag die Sache mit den Textilverlegern, die zuerst direkt für kapitalistische Rechnung hergestellte Waren auf den Markt und mit den für Handwerkers Rechnung hergestellten Waren derselben Art in Konkurrenz brachten?
Die Profitrate des Handelskapitals war vorgefunden. Sie war auch schon, wenigstens für die betreffende Lokalität, zu einer annähernden Durchschnittsrate ausgeglichen. Was konnte nun den Kaufmann bewegen, das Extrageschäft des Verlegers auf sich zu nehmen? Nur eins: die Aussicht auf größeren Profit bei gleichem Verkaufspreis mit den andern. Und diese Aussicht hatte er. Indem er den Kleinmeister in seinen Dienst nahm, durchbrach er die hergebrachten Schranken der Produktion, innerhalb deren der Produzent sein fertiges Produkt verkaufte und nichts andres. Der kaufmännische Kapitalist kaufte die Arbeitskraft, die einstweilen noch ihr Produktionsinstrument besaß, aber schon nicht mehr den Rohstoff. Indem er so dem Weber regelmäßige Beschäftigung sicherte, konnte er dagegen den Lohn des Webers derart drücken, daß ein Teil der geleisteten Arbeitszeit unbezahlt blieb. Der Verleger wurde so Aneigner von Mehrwert über seinen bisherigen Handelsgewinn hinaus. Allerdings mußte er dafür auch ein zusätzliches Kapital anwenden, um Garn etc. zu kaufen und in der Hand des Webers zu belassen, bis das Stück fertig war, für das er früher erst beim Einkauf den ganzen Preis zu zahlen hatte. Aber erstens hatte er in den meisten Fällen auch schon Extrakapital gebraucht zu Vorschüssen an den Weber, den in der Regel nur die Schuldknechtschaft dahin brachte, daß er sich den neuen Produktionsbedingungen unterwarf. Und zweitens, auch abgesehn davon, stellt sich die Rechnung nach folgendem Schema:
Gesetzt, unser Kaufmann betriebe sein Exportgeschäft mit 30.000 Kapital, Dukaten, Zechinen, Pfund Sterling oder was immer. Davon seien 10.000 im Einkauf von inländischen Waren tätig, während 20.000 in den überseeischen Absatzmärkten gebraucht werden. Das Kapital schlage einmal in zwei Jahren um, Jahresumschlag = 15.000. Unser Kaufmann will nun für eigne Rechnung weben lassen, Verleger werden. Wieviel Kapital muß er da zuschießen? Nehmen wir an, die Produktionszeit des Stückes Zeug, wie er dergleichen verkauft, sei durchschnittlich zwei Monate, was sicher sehr hoch ist. Nehmen wir ferner an, er müsse alles bar zahlen. So muß er Kapital genug zuschießen, um seinen Webern Garn für zwei Monate zu liefern. Da er im Jahr 15.000 umschlägt, kauft er in zwei Monaten Zeug für 2.500. Sagen wir, daß 2.000 davon Garnwert und 500 Webelohn darstellen, so braucht unser Kaufmann ein Zuschußkapital von 2.000. Wir nehmen an, der Mehrwert, den er sich durch die neue Methode vom Weber aneignet, betrage nur 5% vom Wert des Zeugs, was die sicher sehr bescheidne Mehrwertsrate von 25% ausmacht (2.000c + 500v + 125m; m′ = 125/500 = 25%, p′ = 125/2.500 = 5%). Dann macht unser Mann auf seinen Jahresumschlag von 15.000 einen Extraprofit von 750, hat also sein Zuschußkapital in 2 2/3 Jahren schon wieder herausgeschlagen.
Um aber seinen Absatz und damit seinen Umschlag zu beschleunigen und dadurch mit demselben Kapital in kürzerer Zeit denselben, in derselben Zeit wie bisher also größeren Profit zu machen, wird er einen kleinen Teil seines Mehrwerts dem Käufer schenken, wird billiger verkaufen als seine Konkurrenten. Diese werden sich allmählich auch in Verleger verwandeln, und dann reduziert sich der Extraprofit für alle auf den gewöhnlichen Profit, oder gar einen niedrigeren, für das bei allen erhöhte Kapital. Die Gleichheit der Profitrate ist wiederhergestellt, wenn auch möglicherweise auf andrem Niveau, dadurch, daß ein Teil des im Inland gemachten Mehrwerts an die auswärtigen Käufer abgetreten ist.
Der nächste Schritt in der Unterwerfung der Industrie unter das Kapital geschieht durch die Einführung der Manufaktur. Auch diese befähigt den Manufakturisten, der im 17. und 18. Jahrhundert - in Deutschland noch bis 1850 fast allgemein und stellenweise noch heute - meist noch sein eigner Exportkaufmann ist, wohlfeiler zu produzieren als sein altfränkischer Konkurrent, der Handwerker. Derselbe Prozeß wiederholt sich; der vom Manufakturkapitalisten angeeignete Mehrwert erlaubt ihm resp. dem Exportkaufmann, der mit ihm teilt, wohlfeiler zu verkaufen als seine Konkurrenten, bis zur Verallgemeinerung der neuen Produktionsweise, wo dann wieder Ausgleichung eintritt. Die schon vorgefundne Handelsprofitrate, selbst wenn sie nur lokal nivelliert ist, bleibt das Prokrustesbett, worin der überschüssige industrielle Mehrwert ohne Barmherzigkeit abgehackt wird.
Hat die Manufaktur schon durch Verwohlfeilerung der Produkte sich emporgeschwungen, so noch weit mehr die große Industrie, die mit ihren immer wieder erneuerten Revolutionen der Produktion die Herstellungskosten der Waren niedriger und niedriger herabdrückt und alle früheren Produktionsweisen unerbittlich beseitigt. Sie ist es auch, die dadurch den inneren Markt endgültig für das Kapital erobert, der Kleinproduktion und Naturalwirtschaft der sich selbst genügenden Bauernfamilie ein Ende macht, den direkten Austausch zwischen den Kleinproduzenten beseitigt, die ganze Nation in den Dienst des Kapitals stellt. Sie gleicht ebenfalls die Profitraten der verschiednen kaufmännischen und industriellen Geschäftszweige zu einer allgemeinen Profitrate aus und sichert endlich der Industrie den ihr gebührenden Machtposten bei dieser Ausgleichung, indem sie den größten Teil der Hindernisse beseitigt, die bisher der Übertragung von Kapital aus einem Zweig in einen andern im Wege standen. Damit vollzieht sich für den gesamten Austausch im großen die Verwandlung der Werte in Produktionspreise. Diese Verwandlung geht also nach objektiven Gesetzen vor sich, ohne Bewußtsein oder Absicht der Beteiligten. Daß die Konkurrenz die über die allgemeine Rate überschüssigen Profite auf das allgemeine Niveau reduziert und so dem ersten industriellen Aneigner den den Durchschnitt überschreitenden Mehrwert wieder entzieht, bietet theoretisch durchaus keine Schwierigkeit. In der Praxis aber um so mehr, denn die Produktionssphären mit überschüssigem Mehrwert, also mit hohem variablem bei niedrigem konstantem Kapital, also mit niedriger Kapitalzusammensetzung, sind grade ihrer Natur nach diejenigen, die dem kapitalistischen Betrieb am spätesten und am unvollständigsten unterworfen werden; vor allem der Ackerbau. Was dagegen die Erhöhung der Produktionspreise über die Warenwerte angeht, die erforderlich ist, um den in den Produkten der Sphären hoher Kapitalzusammensetzung enthaltnen, unterschüssigen Mehrwert auf das Niveau der Durchschnittsprofitrate zu erheben, so sieht das theoretisch äußerst schwierig aus, macht sich aber, wie wir gesehn haben, in der Praxis am leichtesten und ehesten. Denn die Waren dieser Klasse, wenn sie zuerst kapitalistisch produziert werden und in den kapitalistischen Handel kommen, treten in Konkurrenz mit Waren gleicher Art, die nach vorkapitalistischen Methoden fabriziert, also teurer sind. Der kapitalistische Produzent kann also selbst bei Verzicht auf einen Teil des Mehrwerts immer noch die für seine Lokalität gültige Profitrate herausschlagen, die ursprünglich keine direkte Beziehung zum Mehrwert hatte, weil sie aus dem Handelskapital entstanden war schon lange, ehe überhaupt kapitalistisch produziert, also eine industrielle Profitrate möglich war.
II. Die Börse
Aus dem 3. Bd., 5. Abschnitt, besonders Kapitel [27], geht hervor, welche Stellung die Börse in der kapitalistischen Produktion überhaupt einnimmt. Nun ist aber seit 1865, wo das Buch verfaßt, eine Veränderung eingetreten, die der Börse heute eine um ein Bedeutendes gesteigerte und noch stets wachsende Rolle zuweist und die bei der ferneren Entwicklung die Tendenz hat, die gesamte Produktion, industrielle wie agrikulturelle, und den gesamten Verkehr, Kommunikationsmittel wie Austauschfunktion, in den Händen von Börsianern zu konzentrieren, so daß die Börse die hervorragendste Vertreterin der kapitalistischen Produktion selbst wird.
1865 war die Börse noch ein sekundäres Element im kapitalistischen System. Die Staatspapiere repräsentierten die Hauptmasse der Börsenwerte, und auch ihre Masse war noch relativ gering. Daneben die Aktienbanken, die auf dem Kontinent und in Amerika vorherrschend, in England sich eben erst zur Verschluckung der aristokratischen Privatbanken anschickten. Aber in Masse noch relativ unbedeutend. 3. Die Eisenbahnaktien auch noch relativ schwach gegen jetzt. Direkt produktive Etablissements aber nur wenig in Aktienform. Damals war noch „das Auge des Meisters“ ein unüberwundener Aberglaube - und wie die Banken, am meisten in den ärmeren Ländern, in Deutschland, Österreich, Amerika etc.
Damals also die Börse noch ein Ort, wo die Kapitalisten sich ihre akkumulierten Kapitalien untereinander abnahmen und der die Arbeiter direkt nur anging als neues Beweisstück der demoralisierenden allgemeinen Wirkung der kapitalistischen Wirtschaft und Bestätigung des kalvinistischen Satzes, daß die Gnadenwahl alias der Zufall schon in diesem Leben über Seligkeit und Verdammnis, über Reichtum, d.h. Genuß und Macht, und über Armut, d.h. Entbehrung und Knechtschaft, entscheidet.
Jetzt anders. Die Akkumulation ist seit der Krise von 1866 mit einer stets wachsenden Schnelligkeit vorgegangen, und zwar so, daß in keinem Industrieland, am wenigsten England, die Ausdehnung der Produktion mit der der Akkumulation Schritt halten, die Akkumulation des einzelnen Kapitalisten in der Vergrößerung seines eigenen Geschäfts volle Verwendung finden konnte; englische Baumwollindustrie schon 1845, Eisenbahnschwindel. Mit dieser Akkumulation aber stieg auch die Masse der Rentiers, der Leute, die die regelmäßige Anspannung im Geschäft satt waren, die also bloß sich amüsieren wollten oder doch nur gelinde Beschäftigung als Direktoren oder Aufsichtsräte von Kompanien treiben. Und drittens wurden, um die Anlage der so als Geldkapital flottierenden Masse zu erleichtern, nun überall, wo es noch nicht geschehn, neue gesetzliche Formen der Gesellschaften mit beschränkter Haftbarkeit hergestellt, und die Verpflichtung der bisher unbeschränkt haftenden Aktionäre auch ± reduziert (Aktien-Gesellschaften in Deutschland 1890. 40% der Zeichnung!).
Hiernach allmähliche Verwandlung der Industrie in Aktienunternehmungen. Ein Zweig nach dem andern verfällt dem Schicksal. Zuerst Eisen, wo Riesenanlagen jetzt nötig (vorher Bergwerke, wo diese nicht schon verkuxt). Dann chemische Industrie ditto. Maschinenfabriken. Auf dem Kontinent Textilindustrie, in England bloß noch in einigen Gegenden von Lancashire (Spinnerei Oldham, Weberei Burnley etc., Schneider-Kooperation, diese aber nur Vorstufe, um bei der nächsten Krisis wieder an die masters zu fallen), Brauereien (vor ein paar Jahren die amerik. an engl. Kapital[isten] verschachert, dann Guinness, Bass, Allsopp). Dann die Trusts, die Riesenunternehmungen mit gemeinsamer Leitung schaffen (wie die United Alkali). Die gewöhnliche Einzelfirma + & + nur Vorstufe, um das Geschäft dahin zu bringen, wo es groß genug, um „gegründet“ zu werden.
Dasselbe vom Handel. Leafs, Parsons, Morleys, Morrison, Dillon, alle gegründet. Ebenso jetzt schon Detailhäuser, und zwar nicht nur unter dem Schein der Kooperation à la „Stores“.
Dasselbe von Banken und andern Kreditinstituten auch in England. Unmassen neuer, alle Aktien delimited. Sogar alte Banken wie Glyns etc. verwandeln sich mit 7 Privat-Aktionären in Limited.
Auf dem Gebiet des Ackerbaues dasselbe. Die enorm ausgedehnten Banken besonders in Deutschland (unter allerlei bürokratischen Namen) mehr und mehr Träger der Hypothek, mit ihren Aktien wird das wirkliche Obereigentum über den Grundbesitz der Börse überliefert, und dies noch mehr bei Verfall der Güter an die Gläubiger. Hier wirkt die agrikulturelle Revolution der Steppenkultur gewaltsam; gehts so fort, die Zeit abzusehn, wo auch Englands und Frankreichs Boden verbörset.
Nun aber die auswärtigen Anlagen alle in Aktien. Um nur von England zu sprechen: amerik. Eisenbahnen, Nord und Süd (die Stock-List nachschlagen), Goldberger etc.
Dann die Kolonisation. Diese ist heute rein Sukkursale der Börse, in derem Interesse die europäischen Mächte vor ein paar Jahren Afrika geteilt, die Franzosen Tunis und Tonkin erobert haben. Afrika direkt an Kompanien verpachtet (Niger, Südafrika, Deutsch-Südwest- und Ostafrika) und Maschonaland und Natalland für die Börse von Rhodes in Besitz genommen.
So steht’s geschrieben, p. 267. Heine konnte von seinem deutschen Philisterpublikum nicht verächtlicher sprechen als in den Worten: Der Autor gewöhnt sich zuletzt an sein Publikum, als wäre es ein vernünftiges Wesen. Für was muß erst der illustre Loria sein Publikum ansehn?
Zum Schluß eine neue Tracht Lobsprüche, die auf mich Unglücklichen herniederrasselt. Dabei vergleicht sich unser Sganarell mit Bileam, der gekommen sei zu fluchen, aber dessen Lippen wider Willen „Worte des Segens und der Liebe“ hervorsprudelten. Der gute Bileam zeichnete sich namentlich dadurch aus, daß er einen Esel ritt, der gescheiter war als sein Herr. Diesmal hat Bileam offenbar seinen Esel zu Hause gelassen.
Derselbe durch seinen Ruhm bekannte Herr (um mit Heine zu reden) hat sich etwas später auch gemüßigt gesehn, auf meine Vorrede zum III. Band zu antworten - nachdem nämlich dieselbe im ersten Heft der „Rassegna“ von 1895 italienisch erschienen war. Die Antwort steht in der „Riforma Sociale“ vom 25. Februar 1895. Nachdem er mich zuerst mit den bei ihm unvermeidlichen und ebendeshalb doppelt widerlichen Lobhudeleien überschüttet, erklärt er, es sei ihm nicht eingefallen, Marx’ Verdienste um die materialistische Geschichtsauffassung für sich eskamotieren zu wollen. Er habe sie schon 1885 anerkannt, nämlich ganz beiläufig in einem Revueartikel. Dafür aber verschweigt er dies um so hartnäckiger da, wohin es gehört, nämlich in seinem betreffenden Buch, wo Marx erst p. 129 genannt wird, und zwar bloß bei Gelegenheit des kleinen Grundeigentums in Frankreich. Und jetzt erklärt er kühnlich, Marx sei gar nicht der Urheber dieser Theorie; wenn nicht bereits Aristoteles sie angedeutet, so habe Harrington sie doch schon 1656 unzweifelhaft proklamiert, und sie sei entwickelt worden von einer Plejade von Geschichtschreibern, Politikern, Juristen und Ökonomen lange vor Marx. Was alles in der französischen Ausgabe des Loriaschen Werkes zu lesen. Kurz, der vollendete Plagiator. Nachdem ich ihm fernere Großprahlerei mit Entlehnungen von Marx unmöglich gemacht, behauptet er kecklich, Marx schmücke sich auch mit fremden Federn, genauso wie er selbst. - Von meinen andern Angriffen nimmt er noch den auf, daß nach Loria Marx nie vorgehabt habe, einen 2. oder gar 3. Band des „Kapital“ zu schreiben. „Und jetzt antwortet Engels triumphierend, indem er mir den 2. und 3. Band entgegenwirft ... vortrefflich! Und ich freue mich so sehr über diese Bände, denen ich so viel intellektuelle Genüsse verdanke, daß nie mir ein Sieg so lieb war, wie heute diese Niederlage mir lieb ist - wenn es in der Tat eine Niederlage ist. Aber ist sie es in der Tat? Ist es wirklich wahr, daß Marx geschrieben hat, mit der Absicht der Veröffentlichung, dieses Gemenge von zusammenhangslosen Noten, die Engels mit pietätvoller Freundschaft zusammengestellt hat? Ist es wirklich erlaubt anzunehmen, daß Marx ... diesen Schriftseiten die Krönung seines Werks und seines Systems anvertraut hat? Ist es in der Tat gewiß, daß Marx jenes Kapitel über die Durchschnittsprofitrate veröffentlicht haben würde, worin die seit so viel Jahren versprochne Lösung sich reduzierte auf die trostloseste Mystifikation, auf das vulgärste Phrasenspiel? Es ist mindestens erlaubt, daran zu zweifeln ... Das beweist, so scheint mir, daß Marx nach Herausgabe seines prachtvollen (splendido) Buchs nicht vorhatte, ihm einen Nachfolger zu geben, oder doch seinen Erben, und außerhalb seiner eignen Verantwortlichkeit, die Vollendung des Riesenwerks überlassen wollte.“ ↩